Diskussionsbeitrag

So könnte eine alternative Düngeverordnung aussehen

Guellefahren_ke
Dr. Matthias Wendland, Jakob Opperer
am Freitag, 20.08.2021 - 07:06

Eine Düngeverordnung, die die gute fachliche Praxis in den Vordergrund stellt und mit wesentlich weniger Bürokratie auskommt. Das Wochenblatt stellt einen neuen Ansatz mit der Stoffstrombilanz als zentrales Element zur Diskussion. Die Autoren des Konzepts sind mit Dr. Matthias Wendland und Jakob Opperer zwei Experten auf diesem Gebiet.

Die derzeit gültige Düngeverordnung enthält zahlreiche Einzelregelungen, Untersuchungs- und Aufzeichnungspflichten, die die Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Flächen einschränken und erschweren. Die Vorgaben sind so komplex geworden, dass nur noch wenige Fachleute einen vollständigen Überblick haben. Das hat die Folge, dass sich die Landwirte selbst mit den Grundlagen der guten fachlichen Praxis nicht mehr ausreichend befassen und ein tieferes Verständnis für die Zusammenhänge verloren geht.

Weniger Ordnungsrecht, mehr Eigenverantwortung

Die Autoren schlagen vor, viele Einzelregelungen der Düngeverordnung durch eine erweiterte, alle Nährstoffflüsse erfassende, nachvollziehbare und lückenlos zu kontrollierende Stoffstrombilanz zu ersetzen und gleichzeitig einige Rahmenbedingungen zu ändern. Der bürokratische Aufwand für die landwirtschaftlichen Betriebe soll reduziert werden. Angestrebt wird die Abkehr von rein ordnungsrechtlichen Maßnahmen hin zu eigenverantwortlichem, zielorientiertem Handeln der Landwirte. Das muss durch finanzielle Anreize für umweltschonendes Nährstoffmanagement und durch umfassende Beratung und Bildung unterstützt werden.

Änderungen in der Stoffstrombilanz

Die konkret notwendigen Änderungen in der Stoffstrombilanz sehen folgendermaßen aus:

  • Die Stoffstrombilanz wird für alle landwirtschaftlichen Betriebe Pflicht. Alle Betriebe, die mit Nährstoffen handeln, müssen die Zahlen offenlegen. Dazu zählen auch Lagerhäuser, Güllehändler/Vermittler, Futtermittellieferanten, Biogasanlagen, Kompostwerke etc. Die Nährstoffgehalte der gehandelten Produkte sind zu dokumentieren. Diese Nährstoffgehalte müssen die aufnehmenden Betriebe in ihre Bilanz übernehmen.
  • Es wird eine Meldepflicht für gelieferte Mineraldünger an eine zentrale Stelle eingeführt. Damit wird sichergestellt, dass dieser Bilanzfaktor in den landwirtschaftlichen Betrieben richtig und nachvollziehbar angegeben wird.
  • Der zulässige Toleranzwert basiert auf einem Sockel, der von naturräumlichen und klimatischen Verhältnissen abhängt, aber auch in Abhängigkeit der aktuellen Belastungssituation des Grundwassers mit Nitrat variiert werden kann. Dieser Sockelbetrag stellt gleichzeitig den zulässigen Überschuss für einen Ackerbaubetrieb ohne den Einsatz organischer Dünger dar.
Düngung

Damit kann der Situation in Trockengebieten Rechnung getragen werden. Simulationen und Berechnungen für die Ausweisung der roten Gebiete haben ergeben, dass in den meisten Trockengebieten Frankens ein tolerierbarer N-Überschuss von 20 kg N/ha eingehalten werden muss, um den Trinkwassergrenzwert von 50 mg Nitrat einhalten zu können. Im niederschlagsreichen Voralpengebiet mit überwiegender Grünlandnutzung beträgt der tolerierbare Überschuss 50 kg N/ha und mehr.

Diesen natürlichen Gegebenheiten sollte durch einen angepassten Sockelbetrag Rechnung getragen werden. Damit soll auch die Erhaltung des Grünlands gefördert werden. In den klimatisch weniger begünstigten Gebieten ist ein finanzieller Ausgleich unabdingbar. Es könnte zum Beispiel die zurzeit bestehende Flächenprämie von ca. 300 €/ha in ein Prämiensystem überführt werden.

Regenmengen einrechnen

Bei einer Überschreitung des zulässigen Bilanzüberschusses werden die Ausgleichszahlungen um 150 € je 10 kg gekürzt. Für eine nachgewiesene Unterschreitung des zulässigen Bilanzüberschusses könnte die Prämie, zum Beispiel um 100 €/10 kg, erhöht werden. Für Betriebe mit Tierhaltung oder Zukauf organischer Dünger steigt der Sockelbetrag in Abhängigkeit vom Anfall, um den nach dem Stand der besten Technik unvermeidbaren Verlusten (Stall, Lagerung, Ausbringung) sowie der schlechteren Nährstoffeffizienz der organischen Dünger Rechnung zu tragen.

Die Autoren schlagen vor, den Wert auch in Abhängigkeit von Niederschlägen und damit meist auch vom Grünlandanteil variabel zu gestalten. Zahlreiche Versuche belegen, dass unter Grünland bei entzugsbezogener Düngung keine Belastung des Grundwassers eintritt. Zudem muss auch die unterschiedliche Wirksamkeit der organischen Dünger berücksichtigt werden.

Zulässige Düngung
  • Der Zuschlag bei Stallmist von Huf- und Klauentieren und Kompost betrüge 50 %. Er ergibt sich aus der Wirksamkeit im Aufbringungsjahr (30 %), der Nachwirkung von 10 % und einem Verbesserungspotenzial von weiteren 10 %. Die Wirkung von sonstigen organischen Düngern (Gülle, Gärrest, Geflügelmist, separiertes Material) beträgt 60 % + 10 % Nachwirkung und somit 70 %. Daraus resultiert ein Zuschlag von 30 % in der Bilanz.
  • In die Stoffstrombilanz gehen zahlreiche Daten ein, die z. T. auf Untersuchungsergebnissen und z. T. auf Durchschnittswerten, den Basisdaten beruhen. Diese können voneinander abweichen. Damit diese nicht beabsichtigten Differenzen nicht zu einer Ordnungswidrigkeit führen, sind Abweichungen bei den zulässigen Toleranzwerten in Höhe von 10 % bei landwirtschaftlichen Betrieben und von 20 % bei Biogasanlagen nach oben und unten zu akzeptieren.
  • Die Phosphatbilanz richtet sich nach den flächengewichteten Versorgungsstufen der Böden. In Versorgungsstufe A und B sind entsprechend der Länderempfehlungen Zuschläge möglich, in der Stufe C ist der Zuschlag 0, ebenso in den Versorgungsstufen D und E.
  • Das Ergebnis der betrieblichen Stoffstrombilanz ist jährlich bis 31.03. einer zentralen Stelle zu melden. Kontrollen werden ausgedehnt und verschärft und schwerpunktmäßig in Risikobetrieben durchgeführt.
  • Die Werte für den zulässigen Bilanzüberschuss (Toleranzwerte) sind Zielwerte für das Jahr 2030, eine schrittweise Annäherung ist notwendig, um den Betrieben Zeit für die Anpassung einzuräumen und die finanziellen Mittel bereitzustellen.

Betriebsspezifische Anpassung

Wenn die neue Stoffstrombilanz lückenlos, mit nachvollziehbaren und kontrollierbaren Daten erstellt wird, können aus Sicht der Autoren die Regelungen der Düngeverordnung minimiert werden. Betriebe können die Grenzen dann einhalten, wenn sie nach der guten fachlichen Praxis arbeiten, die Nährstoffverluste reduzieren und die Effizienz der organischen Dünger steigern. Die Maßnahmen zum Erreichen des erlaubten Toleranzwertes müssen nicht explizit in einer Verordnung festgeschrieben werden. Das ermöglicht eigenständige unternehmerische Entscheidungen und eine betriebsspezifische Anpassung der Maßnahmen, die in der derzeitigen Düngeverordnung für alle gleich vorgeschrieben sind.

Das Erreichen niedriger Bilanzen innerhalb der neu definierten Grenzen ist fachlich anspruchsvoll und erfordert alle Maßnahmen der guten fachlichen Praxis. Der Vorteil liegt in der Reduzierung des bürokratischen Aufwands bei gleichzeitiger intensiver Beschäftigung des Landwirtes mit den Ursachen und den fachlichen Abhilfemöglichkeiten.

Flankierende Maßnahmen

Um das Düngerecht in diese Richtung zu steuern, braucht es grundlegende Änderungen im Denken und Handeln bei allen Beteiligten:
  1. Alle Betriebe, die Düngemittel herstellen, vertreiben und ausbringen, müssen die Nährstoffmengen genau dokumentieren, melden und ggf. schlüssig nachweisen.
  2. Die Politik muss die Flächenprämien anhand naturräumlicher Kriterien neu verteilen und sich um eine Umsetzung und europaweite Harmonisierung bis 2030 kümmern.
  3. Die Behörden müssen in erster Linie fachliche Unterstützung leisten und die Kontrollen auf Risikobetriebe konzentrieren.
  4. Die Landwirte müssen ihrer Verantwortung gerecht werden, den aktuellen Stand des fachlichen Wissens anwenden und für Veränderungen aufgeschlossen sein.
  5. Gemeinschaften (z. B. Wasser- und Bodenverbände) bzw. Interessensgemeinschaften (z. B. Wasserpakt) müssen Aufgaben im Bereich der Kommunikation (unter den Beteiligten und mit der Gesellschaft) und im Controlling übernehmen.
  6. Die Gesellschaft muss verstehen, dass es mehr bringt, die Wirksamkeit an den Zielen und Ergebnissen zu messen, anstatt einzelne Maßnahmen zu kritisieren.
  7. Alle Verbände und Wirtschaftspartner müssen die Bemühungen der Landwirte unterstützen.

Zu den Autoren:

Jakob Opperer hat 15 Jahre die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft als Präsident geleitet. Er begann seine berufliche Laufbahn nach der Referendarzeit 1984 als Berater und Lehrer an den Landwirtschaftsämtern Nabburg, Augsburg und Kaufbeuren. 1990 kam er ins Referat „Agrarförderung und agrarpolitische Sonderaufgaben“ des Ministeriums, 1993 übernahm er dort die Leitung des Referats „Pflanzenbau zur Marktversorgung“. Im Jahr 2005 wurde er Präsidenten der LfL. Opperer ist im Oktober 2020 in den Ruhestand getreten.

Dr. Matthias Wendland stand seit Juli 2005 für die zentrale Kompetenz der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in der Düngung. Er war fachlicher Ansprechpartner für alle Fragen zur Düngung und trug hier maßgeblich zur Umsetzung der düngerechtlichen Vorgaben bei. Deren fortlaufende Änderungen in den letzten Jahren haben Landwirte und Beratung in gleicher Weise stark gefordert. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt war die fachliche Koordination des Versuchswesens zur Düngung. Er ist im März 2021 in den Ruhestand getreten.