Arbeitssicherheit

Die Leiter links liegen lassen

Melanie Bäumel-Schachtner
am Donnerstag, 24.06.2021 - 11:11

Finger weg von der Leiter – das rät die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft ihren Mitgliedern. Es gibt sicherere Möglichkeiten für das Arbeiten in der Höhe.

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Schon in der Jungsteinzeit vor 20 000 Jahren stiegen unsere Vorfahren auf die ersten Leitern, um höher gelegene Stellen zu erreichen. Geht es nach der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG), so gehört dieses oft gefährliche Hilfsmittel tatsächlich in die Steinzeit. Immerhin passieren in Bayern derzeit im Schnitt 700 Unfälle pro Jahr, weil Menschen von der Leiter stürzen. Seit 2008 hat die SVLFG hier ihre Aufklärungsarbeit verstärkt, welche sichereren Alternativen zur Leiter genutzt werden können. Damals gab es in Bayern noch knapp 1000 Leiterunfälle pro Jahr.

Jetzt beginnt die Kirschernte, und auch Senioren machen nicht Halt davor, die Leitersprossen zu erklimmen, um die roten Früchte in den Korb zu bringen. Deshalb hat die SVLFG die Info-Kampagne „Weg von der Leiter“ gestartet: In vier bayerischen Landkreisen, und zwar in Forchheim, im Allgäu, in Bad Tölz-Wolfratshausen und im Kreis Rottal-Inn, werden alle Mitglieder angeschrieben und erhalten Infomaterial, wie sie die Leiter aus ihrem Alltag verbannen und dennoch sicher Obst ernten, Bäume zuschneiden, Fenster putzen, Maschinen waschen oder Heu vom Heuboden holen können.

Sicherheit geht vor

Der Startschuss in Niederbayern fiel bei der Firma Unterreiner. In der Akademie des Forstgeräteherstellers in Julbach erklärte Firmenchefin und gleichzeitig die Schirmherrin der Aktion, Manuela Unterreiner, dass sie schon lange mit der SVLFG zusammenarbeitet und selber in ihrem Berufs- und Arbeitsalltag auf die Leiter verzichtet und Alternativen nutzt: „Sicherheit ist uns sehr wichtig. Ich habe umgerüstet und ein fahrbares Gerüst sowie mobile Treppenstufen besorgt.“

Lobenswert, wenn es nach Friedrich Allinger, Arbeitsbereichsleiter Prävention Bayern und Markus Fechter, technischer Aufsichtsbeamter, geht. Beide berichteten im Rahmen der Auftaktveranstaltung von sicheren Alternativen zur Leiter im Arbeitsalltag. Dabei muss Fechter, der als Außendienstmitarbeiter im Landkreis Rottal-Inn unterwegs ist, selber oft schlucken, was er auf den Betrieben und in den Haushalten zu sehen bekommt. Oft sei den Menschen gar nicht bewusst, in welche Gefahr sie sich bringen.
Unterschenkel-Fraktur, Handgelenk-Trümmerbruch oder kaputtes Becken – all das sind die Folgen von Stürzen. Für die Sozialversicherung sind die Unfälle mit der Leiter „die teuersten, die es gibt“, bilanziert Allinger. Die nun beginnende Kirschenernte sieht man mit Sorge: Der schwerwiegendste Unfall beim Kirschenpflücken, bei der ein Mann vom Baum fiel und im Rollstuhl endete, kostete die Sozialversicherung über zwei Millionen Euro. Wieder auf eigenen Füßen stehen – für das querschnittsgelähmte Unfallopfer wäre es unbezahlbar.

Teleskopstange und Arbeitskorb

Doch es gibt sichere Alternativen zur Leiter. Wie bringt man einen Ast vom Baum? Zum Beispiel mit einer Säge mit Teleskopstange, erklärt Markus Fechter. Wer dennoch in den Baum will, der kann sich einen Arbeitskorb zulegen, auf dem man sicher steht und zum Beispiel Obst pflücken, weißeln, die Dachrinne ausputzen oder Hoflampen wechseln kann.

„Wichtig ist hier aber auch, dass der sichere Arbeitskorb an einem sicheren Frontlader befestigt wird“, weiß der Experte. Dazu muss der Landwirt am Traktor Ventile nachrüsten, damit der Frontlader nicht aus Versehen ausgekippt werden soll und der Arbeitende aus dem Arbeitskorb fällt. Arbeitskorb und Ventilnachrüstung zusammen kosten knapp 2000 Euro, so Fechter.

Treppe einbauen

Wer auf einen Lagerboden muss, zum Beispiel, um Heu für die Tiere zu holen, der ist auf einer Leiter ebenfalls schlecht aufgehoben. Die Alternative ist es, eine Treppe zu errichten. „Bei Platzmangel gibt es auch Modelle, die hochgezogen werden können“, so der Experte. Bei Getreideanlagen empfehle sich ein Treppenpodest, ebenso fürs Maschinenwaschen. Hier schaffen auch kleine Hebebühnen oder Waschlanzen sichere Alternativen. Um Gurte an einer Ladung, zum Beispiel auf dem Hänger, zu richten, bieten sich Teleskopstangen an. Gute Diener im Obstgarten sind neben Teleskopscheren auch Pflückschlitten. Bei der Waldarbeit empfiehlt Fechter, mit Seilwinden zu arbeiten. Für Jäger gibt es ihm zufolge immer mehr Jagdkanzeln mit Treppen.

In den nächsten Tagen bekommen alle Mitglieder der Sozialversicherung in den vier Landkreisen einen Brief mit Tipps. Wer möchte, kann einen Termin vereinbaren und einen Experten kommen lassen, der andere Möglichkeiten als gefährliche Leitern aufzeigt. Die Verantwortlichen erhoffen eine Rückmeldequote von rund fünf Prozent – und dass die Angeschriebenen einige Dinge auch in Eigenregie umsetzen, weil sie für das Thema sensibilisiert wurden. Besonders stutzig macht die SVLFG, dass rund 40 % der über 75-jährigen noch gerne mit und auf der Leiter arbeiten. Die Koordinationsfähigkeit der Menschen nimmt im Alter erheblich ab, weiß Allinger. Die Jungsteinzeitmenschen, die die Leiter erfanden, haben dies nie erfahren können: Wer damals 30 wurde, war schon ein Methusalem.