Interview

Landwirtschaft in Bayern: "Die Vielfalt ist unser Pfund"

Jungvieh-Alm-Chiemsee
Sepp Kellerer Chefredakteur
Sepp Kellerer
am Dienstag, 20.10.2020 - 16:17

Gut 15 Jahre hat Jakob Opperer die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft als Präsident geleitet. Das Wochenblatt hat versucht, mit ihm gemeinsam Bilanz zu ziehen und einen Ausblick zu geben.

Jakob-Opperer

Wochenblatt: Wie hat sich die Struktur der Bayerischen Landwirtschaft die letzten 15 Jahren verändert?
Opperer: Die Zahl der Betriebe hat in dieser Zeit um 22 Prozent abgenommen, in absoluten Zahlen sind das knapp 30.000 Betriebe weniger. Wir haben jetzt noch um die 100.000 Betriebe in Bayern. Die verbliebenen Höfe sind im Durchschnitt um sechs Hektar gewachsen. Es sind aber auch Flächen verlorengegangen. 2,3 Prozent klingt nach nicht sehr viel, aber absolut sind das doch 75.000 Hektar. Der Strukturwandel ist nicht neu und im Vergleich zu anderen Bundesländern unterdurchschnittlich, aber der Trend zur Konzentration ist auch in Bayern unverkennbar.

Wochenblatt: Wie sieht es in der Tierhaltung aus?
Opperer: Seit 2005 ist die Zahl der Rinderhalter um 40 Prozent zurückgegangen, die Zahl der Milchviehhalter sogar um 48 Prozent. Bei den Schweinehaltern insgesamt beträgt der Rückgang 50 Prozent, bei den Betrieben mit Zuchtsauen 70 Prozent. 2012 sind Betriebe mit weniger als zehn Zuchtsauen aus der Statistik gefallen. Hätte man diese drinnen gelassen, wäre der Rückgang wohl noch höher.
Hinzu kommt, dass auch die Zahl der Tiere abgenommen hat, um 17 Prozent bei den Rindern, um 12 Prozent bei den Milchkühen, um 20 Prozent bei den Schweinen und bei den Zuchtsauen sogar um 50 Prozent.

Düngung

Wochenblatt: Der Rückgang müsste sich doch auch auf die Nährstoffbilanzen auswirken.
Opperer: Ja, das lässt sich mit Zahlen belegen. Die meisten Nährstoffe wurden Anfang der 1980er Jahre ausgebracht. Seitdem gehen sie zurück. Gleichzeitig haben sich die Entzüge erhöht, weil die Erträge gestiegen sind. Bei Stickstoff lag der Saldo in den 80er Jahren bei fast 90 Kilogramm je Hektar und bei Phosphat waren es zwischen 70 und 80 kg. Heute haben wir bei Phosphat nur noch einen ganz geringen Überschuss im einstelligen Bereich. Bei Stickstoff sind wir im Schnitt der letzten drei Jahre bei unter 40 kg angekommen. Dabei sind  die Berechnungen strenger geworden. So werden jetzt auch die Ausscheidungen der gewerblich gehaltenen Tiere berücksichtigt und es können weniger Verluste angesetzt werden. Mit der neuen Düngeverordnung werden die Werte weiter sinken.

Jakob-Opperer

Wochenblatt: Rückläufige Tierbestände, Entlastung in den Nährstoffbilanzen, das ist doch alles positiv. Warum stehen die Landwirte heute so sehr am Pranger?
Opperer: Ich wehre mich, wenn es heißt „die Landwirte“. Bei der Düngung gehe ich davon aus, dass 80 bis 90 Prozent der Betriebe eine gute Arbeit machen. Einige Betriebe haben fachlich noch Verbesserungsbedarf. Und dann gibt es ein paar Prozent, die rücksichtslos und uneinsichtig sind. Es ist tragisch, dass diese häufig das Bild der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit prägen. Es hat lange gedauert, bis wir diese schwarzen Schafe herausfischen konnten. Mittlerweile sind wir uns aber mit dem Berufsstand einig: Grobe Verfehlungen dulden wir nicht! Es wird allerdings noch einige Zeit brauchen, um die Zerrbilder in der Öffentlichkeit wieder zurechtzurücken.

Wochenblatt: Die LfL soll Forschungsergebnisse in die Praxis übertragen. Ist das gelungen?
Opperer: Wenn ich schaue, wie stark unsere Düngeprogramme in Anspruch genommen werden, wenn ich sehe, wie nach einigen Anlaufschwierigkeiten inzwischen die Beratung der Selbsthilfeeinrichtungen nachgefragt wird, dann ist das sehr erfreulich. Bei der Vielzahl und Vielfalt von Landwirten und Betrieben kann man aber keine abrupte Umstellung eingefahrener Praktiken erwarten. Das Herantasten an ein Optimum erfolgt in kleinen Schritten. Die Tendenz ist positiv, auch weil der Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis klappt.

Wochenblatt: Ist dann vielleicht das Nitrat im Grundwasser ein Erbe aus der Vergangenheit?
Opperer: Das wird an vielen Standorten so sein. Die unterschiedlichen Böden lassen Nitrat mit dem Sickerwasser unterschiedlich schnell durch. Es gibt aber auch Einträge von ein paar Betrieben, die nicht korrekt arbeiten. Es kommt immer wieder vor, dass Einzelne Schaden verursachen und damit dem Ansehen aller Landwirte in einem Gebiet schaden.

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Wochenblatt: Die Landwirtschaft ist auf dem Weg zu mehr Tierwohl und zu geringeren Emissionen. Aber Tierwohl heißt Freilauf, Emissionsschutz heißt hermetisch abgeriegelte Ställe. Wie soll man das lösen?
Opperer: Das ist tatsächlich eine verzwickte Geschichte. Nutztiere sind Mitgeschöpfe und die große Mehrheit der Landwirte behandelt sie verantwortungsbewusst als solche. Umweltschutz ist  wichtig, aber wir Menschen werden es niemals schaffen, keinerlei Umweltbelastungen zu verursachen. Ich glaube, man muss akzeptieren, dass auch die Landwirtschaft in die Umwelt eingreift, z. B. als Emittent von Ammoniak und Nitrat. Natürlich arbeiten wir an der LfL daran, diesen Spagat zwischen Tierwohl und Umweltschutz zu schaffen. So lassen sich Emissionen durch eine Trennung von Kot und Harn und durch das Trockenhalten von Ausläufen verringern. Realisieren lässt sich dies in der Weidewirtschaft und durch geschickt geplante Ausläufe. Null-Emissionen werden wir aber nie erreichen.

Striegel

Wochenblatt: Digitalisierung ist das aktuelle Zauberwort in der Landwirtschaft. Was können die Betriebe in der Praxis damit erreichen?
Opperer: Bei der Tierhaltung geht es darum, die Arbeit zu erleichtern, sich anbahnende Probleme im Stall früher zu erkennen oder auch den Tierkomfort zu verbessern, zum Beispiel über flexible Melkzeiten. Im Ackerbau werden positive Beiträge in den Bereichen Produktionstechnik, Biodiversität, Boden- und Gewässerschutz erwartet. So kann zum Beispiel chemische Pflanzenschutzmaßnahmen durch eine zentimetergenaue, mechanische Unkrautbekämpfung reduziert und Herbizide gezielt auf einzelne Unkräuter und damit in geringerer Menge ausgebracht werden. Es gibt viele Ansätze, die den Tieren helfen, die Umwelt schützen und die Landwirte unterstützen können.

Wochenblatt: Welche Betriebe werden davon profitieren?
Opperer: So lange diese Werkzeuge teuer sind, sind sie vor allem für größere Betriebe interessant. Ziel sollte aber sein, dass alle Betriebe die Digitalisierung nutzen können. Die Erfahrung zeigt, dass die Anwendungen mit einer gewissen Marktreife kostengünstiger werden.
Man darf aber nicht glauben, dass die Digitalisierung das Zaubermittel ist, das die Landwirtschaft völlig umkrempelt. Sie ist ein Hilfsmittel für die Betriebe, so wie auch die Mechanisierung ein Hilfsmittel war. Ich bin mir sicher, dass Landwirtschaft auch in Zukunft Menschen braucht, den gut ausgebildeten Bauern oder die Bäuerin, die das Ganze überschauen, steuern und eingreifen, wenn etwas nicht funktioniert.

Wochenblatt: Mehr Daten, weckt das nicht auch Begehrlichkeiten zu noch mehr Kontrolle?
Opperer: Daten alleine helfen nichts. Daten müssen interpretiert werden. Sie können dem Landwirt die Arbeit erleichtern. Daten sind auch die Grundlage für die Förderung, zum Beispiel beim Mehrfachantrag. Wenn ein Landwirt nichts zu verstecken hat, dann ist es unproblematisch, wenn er diese Daten von sich aus transparent macht.
Kritisch wird es, wenn Daten von Dritten verwendet und daraus eigene Schlüsse gezogen werden, obwohl die Rahmenbedingungen nicht bekannt sind. Datenmissbrauch muss verhindert werden, der Landwirt muss Herr über seine Daten sein. Andererseits sollten Landwirte ihre Daten aber einsetzen, um ihr Handeln in der Öffentlichkeit verständlich zu machen.

Wochenblatt: Könnte das nicht auch umgekehrt funktionieren – mehr Daten und Dokumentation gleich weniger Auflagen?
Opperer: Aus Sicht der praxisorientierten Forschung kann ich mir das gut vorstellen. Auflagen sollten zielorientiert sein. Heute sind sie meist maßnahmenorientiert und damit zwangsläufig zu pauschal. Sperrfristen zum Beispiel sind eine Krücke, um Vorgaben kontrollierbar zu machen. Wenn der Landwirt seine Arbeit transparent und fälschungssicher dokumentieren kann, dann sollte sich dies bei den Auflagen und Kontrollen auch honoriert werden.
Ich möchte noch einen anderen Aspekt herausheben. Wenn es gelänge, die schwarzen Schafe noch schneller aufzuspüren, bräuchte man die Auflagen nicht für alle immer weiter verschärfen. Aber die Lösung dafür habe ich auch noch nicht.

Jakob-Opperer

Wochenblatt: Wo liegen die Stärken der Bayerischen Landwirtschaft?
Opperer: Eine wichtige Stütze unserer Landwirtschaft ist die Vielfalt. Diese schafft Stabilität. Positiv ist auch, dass die meisten Betriebe noch überschaubar sind und die Entscheidungen überlegter getroffen werden können als von Großbetrieben oder spekulierenden Kapitalgesellschaften.
Ein weiterer Vorteil der bayerischen Betriebe ist trotz der aktuell niedrigen Zinsen die hohe Eigenkapitalquote.
Teilzeitbetriebe sind in Bayern seit vielen Jahrzehnten anerkannt. Diversifizierung und außerlandwirtschaftliches Einkommen leisten oft einen wichtigen Beitrag, um die Betriebe zu erhalten und weiterzuentwickeln. Einkommenskombination hat aber dort ihre Grenze, wo die Betriebe arbeitsmäßig überlastet sind.
Man muss den Betrieb genau analysieren und ehrlich prüfen, ob dieser Weg familienkompatibel, zeitmäßig, finanziell und von der Faktorausstattung her der richtige ist.
Wenn die Voraussetzungen gegeben sind, kann das in Bayern, einem nach wie vor wohlhabenden Land, ein interessanter Weg sein. Je exotischer eine Idee ist, umso spannender ist sie offensichtlich für die Gesellschaft. Wir müssen nicht jedem Trend nachlaufen, aber mit originellen Betriebskonzepten lässt sich bei den Verbrauchern auch das Interesse und das Verständnis für die klassische Landwirtschaft wecken.

Wochenblatt: Welche Entwicklung sollten die Betriebe  im Freistaat einschlagen?
Opperer: Jede Generation muss sich aufs Neue professionalisieren. Eine Möglichkeit ist  die Betriebserweiterung, eine andere die Verbesserung der Wirtschaftlichkeit durch eine Optimierung der Produktionstechnik im bestehenden betrieblichen Rahmen.
Die betriebsangepasste Diversifizierung haben wir schon angesprochen. Eine weitere Option ist, den Betrieb ohne Wertverlust im Neben­erwerb zu führen. Voraussetzung ist aber auch hier, dass die landwirtschaftliche Professionalität gegeben ist. Wenn diese fehlt, rate ich zum Verpachten. Häufig haben diese Hofnachfolger eine gute außerlandwirtschaftliche Ausbildung und können dann in diesen Berufen erfolgreich sein.
Wer neben seinem Beruf ein Hobby braucht, kann sich ja ein paar Hektar zurückbehalten.
Welchen Weg ein Hoferbe einschlägt, hängt von der Region ab, von den eigenen Neigungen und nicht zuletzt von der Gesamtwirtschaft. Die Vielfalt und die Vielzahl der Betriebe sind für mich ein wichtiger Strukturfaktor und Teil eines sozialen Netzes für die Gesamtgesellschaft.

Wochenblatt: Worauf kommt es in der Betriebsentwicklung besonders an?
Opperer: Dass die Bäuerinnen und Bauern auch auf sich und ihre Familien achten. Es erfüllt mich mit Sorge, wenn es bei Betrieben, die nach außen hin gut dastehen und sich entwickeln, plötzlich heißt, der Bauer oder die Bäuerin leidet an Burnout. Es gibt in jedem Beruf einzelne Managertypen, die größere Unternehmen erfolgreich leiten können. Viele andere tüchtige Menschen suchen und finden ihren Weg in kleineren Einheiten. Wir müssen weg vom Gruppenzwang und die Bauern ermutigen, ihren für sie passenden, eigenen Weg zu gehen.

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Wochenblatt: Sie haben in Ihrer Position 15 Jahre die bayerische Landwirtschaft mitgestaltet. Wie sieht die aus, wenn Sie 15 Jahre weiterschauen?
Opperer: Es wird auch in 15 Jahren eine vielfältige Landwirtschaft in Bayern geben. Mein großer Wunsch ist, dass der gesellschaftliche Konsens wieder Stück für Stück hergestellt wird, dass man erkennt, wie gut wir es in Bayern mit unserer Landwirtschaft haben. Ich wünsche mir, dass es noch besser gelingt, diejenigen zu identifizieren, die die Landwirtschaft in Verruf bringen. Wenn fachliche Hinweise ignoriert werden und kein Wille zur Verhaltensänderung erkennbar ist, sollte man auch vor einem Berufsverbot nicht zurückschrecken.
Und dann würde ich mir wünschen, dass das Lieferkettengesetz, das Entwicklungshilfeminister Müller für den Textilbereich plant, auch in der Landwirtschaft glaubwürdig umgesetzt wird. Ich weiß, dass das schwierig ist. Jeder in der Wertschöpfungskette soll ordentlich wirtschaften und ein vernünftiges Einkommen erzielen können. Wenn das Ganze transparent dokumentiert wird, kann sich keiner mehr herausreden, von unsauberen Praktiken nichts gewusst zu haben. Hier kommt wieder die Digitalisierung, z. B. die Blockchain-Technologie, ins Spiel.
Ich bin davon überzeugt, dass landwirtschaftliche Erzeugnisse, die in bäuerlichen Strukturen hergestellt, in mittelständisch, handwerklichen Betrieben verarbeitet und die fair gehandelt werden, eine weit größere Rolle spielen werden als industriell künstlich hergestellte Designerprodukte.
Der Fleischverzehr wird zwar vermutlich sinken, dass sich Fleischersatzprodukte durchsetzen werden, glaube ich aber nicht. Dafür schmeckt richtiges Fleisch einfach zu gut und es gibt auch gute fachliche Gründe, Nutztiere zu halten.