Marktmacht

Konzentration in Schlachtbranche nimmt zu

Schweinehälften
Kein Bild vorhanden
Externer Autor
am Mittwoch, 12.05.2021 - 09:33

ISN-Schlachthofranking 2020: Tönnies ist unangefochtene Nummer eins. Neu in der Liste ist das Unternehmen Steinemann.

Berlin - Das Jahr 2020 war ein Sonderjahr. Mit der Corona-Pandemie, der Afrikanischen Schweinepest (ASP), dem Schweinestau, den Gastronomieschließungen, der Sperrung von Drittlandsexporten und der Abschaffung der Werkverträge war 2020 turbulent für die gesamte Schweinebranche – auch für die Schlachtunternehmen.

Insgesamt hat die Krise den langjährigen Trend zusätzlich beschleunigt: Immer weniger Schlachtunter­nehmen konkurrieren um eine sinkende Zahl an deutschen Schlachtschweinen. Die Diskussion um Margen in der Kette muss jetzt nach Ansicht der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) zum Ergebnis geführt werden!

Bei der Bewertung des ISN-Schlachthofrankings 2020 ist zu berücksichtigen, dass die Corona-Pandemie als Sondereffekt die Zahl der Schlachtungen pro Schlachtunternehmen je nach Betroffenheit der jeweiligen Schlachtstandorte erheblich beeinflusst hat. Trotz der Krise fielen die Verschiebungen innerhalb des Rankings aber eher gering aus.

Insgesamt wurden in Deutschland im vergangenen Jahr 53,28 Mio. Schweine geschlachtet. Das waren 1,91 Mio. Tiere bzw. 3,5 % weniger als 2019 – die niedrigste Zahl seit 14 Jahren. Dabei schlachteten die Top-10-Schlachtunternehmen 82,2 % aller Schweine in Deutschland. 2019 waren es noch 80,4 %. Bei einigen mittelständischen Unternehmen kam es zu Zusammenschlüssen. Die Konzentration in der Schlachtbranche hat also weiter zugenommen.

Tönnies mit Abstand zu Vion und Westfleisch

Im vergangenen Jahr schlachtete das Unternehmen Tönnies in Deutschland 16,3 Mio. Schweine – etwa 400 000 Tiere bzw. 2,4 % weniger als 2019. Damit war der Rückgang weniger stark als der des gesamten Marktes und Tönnies konnte seinen Marktanteil um 0,3 auf 30,6 % steigern.

Top 10 der dt. Schweineschlachtbetriebe 2020
Rang Unternehmen Schlachtungen 2019 in Mio. Schlachtungen 2020 in Mio. Veränderung zu 2019 in % Marktanteil in %
1 Tönnies  16,70 16,30 -2,4% 30,6 %
2 Vion 7,60 7,60 0,0 % 14,3 %
3 Westfleisch 7,70 7,47 -3,0 % 14,0 %
4 Danish Crown 3,32 3,10 -6,6 % 5,8 %
5 Müller Fleisch 2,10 2,10 0,0 % 3,9 %
6 Böseler Goldschmaus 1,77 1,85 4,5 % 3,5 %
7 Tummel 1,54 1,55 0,6 % 2,9 %
8 Steinemann* 1,22 1,35 10,7 % 2,5 %
9 Willms Fleisch 1,31 1,34 2,3 % 2,5 %
10 Simon Fleisch 1,11 1,11 0,0 % 2,1 %
  Gesamt Top 10 44,37 43,77 -1,4 % 82,2 %
  Gesamt Deutschland 55,19 53,28 -3,5 % 100 %

*Rückwirkend zum 01.01.2020 hat Steinemann den EGO-Schlachthof in Georgsmarienhütte übernommen; Schlachtungen Steinemann und EGO für 2019 zur besseren Vergleichbarkeit zusammengezählt

Das ist bemerkenswert, denn immerhin war der größte Tönnies-Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück (mit ca. 130.000 Schweineschlachtungen pro Woche) nach zahlreichen positiven Corona-Tests bei Mitarbeitern ab Mitte Juni für vier Wochen komplett geschlossen. Und auch danach war dort der Schlacht- und Zerlegebetrieb für weitere 18 Wochen stark reduziert.

Auch der Tönnies-Standort in Sögel war über Wochen stark eingeschränkt. Gerade die im Nachhinein betrachtet in hohem Maße von politischen Machtspielen getriebenen Einschränkungen in Rheda-­Wiedenbrück waren der Auslöser des Schweinestaus, der sich bis Jahresende auf über 1 Mio. Schweine ausdehnte.

Vion und Westfleisch noch mit zweistelligem Marktanteil

Den zweiten Platz im Ranking holte sich das niederländische Schlachtunternehmen Vion zurück. Mit 7,6 Mio. in Deutschland geschlachteten Schweinen hielt das Unternehmen seine Jahresschlachtmenge im Vergleich zum Vorjahr stabil. Auch Vion war durch die Corona-Pandemie von Einschränkungen an einzelnen Schlachthöfen betroffen, konnte dies aber offensichtlich über seine in Deutschland verteilte Schlachthofstruktur auffangen.

Das genossenschaftliche Schlachtunternehmen Westfleisch verzeichnete im vergangenen Jahr einen Rückgang der Schlachtmengen um 3 % auf 7,47 Mio. Schweine. Auch Westfleisch hatte mit Einschränkungen der Schlachtkapazitäten durch die Corona-Pandemie zu kämpfen. Beispielsweise musste der Schlachthof in Coesfeld als erster größerer Schlachthof pausieren. Weil der Rückgang der Jahresschlachtmengen im Unternehmen ähnlich groß war wie der Rückgang des gesamten Marktes, blieb der Marktanteil aber unverändert bei 14 %.

Zusammenschlüsse im Mittelstand

Die Unternehmen auf den Plätzen 4 bis 10 konnten ihre Marktanteile größtenteils halten oder sogar ausbauen. So steigerte Böseler Goldschmaus die Zahl der Schweineschlachtungen 2020 um 4,5 % gegenüber 2019. Eine Ausnahme war der einzige deutsche Schweineschlachtstandort des dänischen Schlachtunternehmens Danish Crown in Essen/Oldenburg, wo ein beachtlicher Rückgang der Schlachtungen um 6,6 % verzeichnet wurde.

Neu in der Liste der Top-10-Schlacht­betriebe in Deutschland ist das niedersächsische Unternehmen Steine­mann aus Steinfeld infolge der Übernahme des Schlachthofs der Erzeugergemeinschaft Osnabrück in Georgsmarienhütte.

„Der ohnehin schon deutliche Bestandsabbau in der deutschen Schweinehaltung wurde durch Corona und ASP nochmals stark beschleunigt“, fasst ISN-Marktanalyst Klaus Kessing zusammen und folgert daraus: „Für die Schlachtunternehmen werden die deutschen Schweine damit in Zukunft knapper, was weiterhin zu Strukturveränderungen in der Schlachtbranche führen dürfte. Weitere Schließungen vor allem kleinerer und mittelgroßer Schlachtstandorte sowie weitere Übernahmen oder Zusammenschlüsse könnten die Folge sein, sodass die Konzentration weiter zunehmen dürfte.

Im Zuge dieser Entwicklungen wäre es auch denkbar, dass ausländische Investoren auf den Plan treten.“

Mit Blick auf die Beziehungen zwischen Schlachtunternehmen und Schweinehaltern fügt er hinzu: „Für die Schlachtunternehmen wird die Rohstoffsicherung Schwein immer wichtiger – quantitativ und qualitativ. Ein großer Teil der Schweine dürfte bald in festen Lieferverträgen gebunden sein.“

Notwendige Diskussion über Margenverteilung

„Ohne Zweifel sind die Kosten der Schlachtunternehmen u. a. durch die Corona-Pandemie im vergangenen Jahr gestiegen“, so ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack. „Die bekannten Jahresabschlüsse von Schlachtunternehmen zeigen aber auch, dass sie – ganz anders als die Schweinehalter – das Krisenjahr 2020 finanziell sehr gut überstanden haben.

Hier ist die Erlösverteilung in der Kette gewaltig zu Lasten der Schweinehalter aus den Fugen geraten“, kritisiert er und fordert: „Deshalb ist die jetzt geführte Diskussion um die Erlös- und Margenverteilung in der Kette Schweinefleisch genau richtig und muss zum Ergebnis geführt werden – und zwar mit dem Lebensmitteleinzelhandel, aber auch genauso mit den Schlachtunternehmen. Die Schweinehalter müssen ein ausreichend großes Stück von der Torte abbekommen. Alles andere ist nicht akzeptabel.“