Betriebsführung

Hat Viehhaltung noch Zukunft?

Hans Dreier Portrait 2019
Hans Dreier
am Mittwoch, 12.02.2020 - 13:29

Herrschinger Jungunternehmertagung: Impulse für die Tierhaltung.

Herrsching

Die Startbedingungen könnten für Sebastian Dickow eigentlich nicht besser sein. Auf seinem Hof im niederbayerischen Mamming zieht der Junglandwirt Babyferkel auf, mästet Bullen und betreibt zusammen mit vier anderen Landwirten eine Biogasanlage. In seinem Alter schmiedete man früher Pläne, um den Hof voranzubringen, doch Dickow hat sich einen Investitionsstopp verordnet: „Ich habe derzeit nicht den Mut, einen neuen Stall zu bauen, da fehlt mir das Vertrauen in die Zukunft.“

Das fehlende Vertrauen in die Zukunft treibt auch die anderen 50 jungen Landwirte um, die kürzlich zur Herrschinger Jungunternehmertagung ins Haus der Bayerischen Landwirtschaft gekommen waren. Die vom Bayerischen Bauernverband in Zusammenarbeit mit dem Wochenblatt organisierte Tagung hatte sich zum Ziel gesetzt, den Jungunternehmern neue Impulse zu geben.

Man muss sich ändern wollen

Dickow, der auch zu den Sprechern der Initiative „Land schafft Verbindung“ gehört, machte deutlich, dass es in der Landwirtschaft durchaus Fehlentwicklungen gegeben habe, „die wir auch zugeben sollten“.  Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, müssen die Landwirte Änderungsbereitschaft zeigen. „Wir werden es nicht schaffen, wenn wir uns nicht ändern wollen“, sagte Dickow im Hinblick auf die gesellschaftlichen Forderungen.

Die Gesellschaft und die Politik müssten im Gegenzug aber auch auf die Landwirte zugehen. Wenn Verbesserungen erreicht werden sollen, muss dies gemeinsam mit Beteilung der Landwirte erreicht werden und darf nicht „von oben“ diktiert werden. Dickow nannte hier das Verbot des Schwanzkupierens in der Schweinehaltung: „Ich habe die Haltung von Langschwänzen ausprobiert und weiß jetzt, dass es unmöglich funktioniert.“ Sämtliche Ferkel mit Langschwänzen wurden angebissen, mussten separiert und in Einzelhaltung aufgezogen werden. Ein Verkauf der Tiere war nicht mehr möglich.

Ja zum Tierwohl, aber nicht ohne Ausgleich

Dickow plädiert dafür, weiter zu forschen, wie das Schwanzkupieren vermieden werden kann. Aber die Lösungen müssten für die Landwirte umsetzbar sein. Verbote über die Köpfe der Landwirte hinweg seien nicht akzeptabel, solange es keine praxistauglichen Alternativen gebe. „Wir können Maßnahmen für mehr Tierwohl gerne durchführen. Wenn dies aber nur zu hohen Mehrkosten möglich ist, muss dies auch finanziell honoriert werden.“

Einen finanziellen Ausgleich für die Landwirte fordern auch die Tierschützer, machte Johanna Ecker-Schotte vom Tierschutzverein Tegernseer Tal deutlich, ein weiteres Zuwarten bei der Umsetzung von mehr Tierwohl wolle man aber nicht hinnehmen. Sie kritisierte die derzeit vorherrschenden Stallsysteme, bei denen die Tiere an die Haltung angepasst werden: „Mit dem Kupieren von Schnäbeln und Schwänzen sind Grenzen überschritten worden.“

Verschärft werde die schlechte Situation der Nutztiere durch die Zucht auf Leistung, die zu körperlichen Schäden führe, das Immunsystem schädige und einen immensen Einsatz an Antibiotika zur Folge habe.

Landwirtschaft soll selbst vorangehen

Herrsching

Scharfer Gegenwind kam hier vom Geschäftsführer des Tiergesundheitsdienstes Bayern, Dr. Andras Randt. Der Tierarzt warf der Tierschützerin vor, mit völlig veralteten Zahlen zu arbeiten. Richtig sei, dass der prophylaktische Einsatz von Antibiotika seit 2011 verboten sei und die eingesetzte Menge um 53 % verringert werden konnte. Inzwischen bestehe die Gefahr, dass Landwirte kranke Tiere gar nicht mehr mit Medikamenten behandeln, weil sie Angst vor Kontrollen und Auflagen haben.

Einig waren sich alle Referenten, dass die Umsetzung von mehr Tierwohl nur gelingen kann, wenn den Landwirten der Mehraufwand bezahlt werde. BBV-Bezirkspräsident Gerhard Stadler warf die Frage auf, ob man wirklich warten könne, bis der Verbraucher irgendwann mehr bezahlt. „Wenn wir weiter auf freiwilliges Handeln beim Verbraucher warten, besteht die Gefahr, dass Gerichte und Politik rechtliche Fakten schaffen.“ Nach Ansicht von Stadler wäre es besser, wenn die Landwirtschaft durch eigene Vorschläge und Verpflichtungen vorangehen würde.

Ein vernünftiger Weg sei hier der neue Systemansatz des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung, der derzeit im Bundeslandwirtschaftsministerium erarbeitet werde. Ziel sei, nicht nur das Tierwohl zu verbessern, sondern auch die wirtschaftlichen Grundlagen dafür zu schaffen. Die Umstellung auf den Betrieben solle nicht kurz-, sondern langfristig erfolgen.

Kompetenznetzwerk sucht Tierhaltung der Zukunft

Die beteiligten Fachleute gehen davon aus, dass die Mehrkosten nicht über den Markt zu finanzieren sind. Zur Finanzierung wird deshalb eine Tierwohlprämie vorgeschlagen, begleitet von einer Investitionsförderung für den Stallumbau. Die dafür notwendigen Finanzmittel sollen über eine Sonderabgabe auf Fleisch oder eine Anhebung der Mehrwertsteuer bereitgestellt werden.

Stadler sieht in diesem Ansatz einen gangbaren Weg, wie die Finanzierung langfristig sichergestellt werden kann. Denn eines sei klar: Die Landwirte werden diesen Weg nur mitgehen, wenn eine langfristige Verlässlichkeit spürbar ist.