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CeresAward: Kategorie Biobauer

Bio, mein Lebensgefühl

Zusammen mit Sohn Lars überprüft Norbert Steidle die Entwicklung der Apfelbäume.
Isabel de Placido
am Mittwoch, 05.10.2022 - 10:56

Bei Norbert Steidle aus Deggenhausertal gibt es nichts, was nicht Bio ist: Fleisch- und Wurstwaren, Eier, Suppenhuhn oder Apfelsaft - bis hin zu den edelsten Destillaten. Und jetzt ist der Bio-Landwirt für den CeresAward nominiert.

Marco Steidle macht gerade seinen Brennermeister. Er probt schon an eigenen Produkten wie etwa einem Bio-Gin oder einem Weinaperitif. Alle Zutaten auf dem Hof sind bio, auch die zugekauften. Die Familie legt größten Wert auf hohe Produktqualität.

Alles, was geht, produziert der Bioland-Landwirt Norbert Steidle aus dem Deggenhausertal biologisch. Warum? Weil Bio für Norbert Steidle ein Lebensgefühl ist, und er Bio lebt. Sogar die Energie, die er erzeugt, ist grün und auch das Gasthaus samt der Gästezimmer und den Ferienhäuschen sind ökologisch. „Wir verstehen Bio nicht als Verkaufsargument, sondern als Lebenseinstellung. Wir versorgen nicht nur uns selbst mit grüner Energie, sondern behandeln unsere Tiere und unser Obst mit dem größtmöglichen Respekt vor der Natur“, erklärt Norbert Steidle und betont: „Ich lebe das.“

Kein Wunder also, dass sich der Landwirt aus dem Bodenseehinterland für den begehrten CeresAward der Zeitschrift agrarheute des dlv Deutscher Landwirtschaftsverlag beworben hat, der heuer zum neunten Male die besten Landwirte Deutschlands in mehreren Kategorien kürt und ihn für seine innovativen und gleichzeitig nachhaltigen Wege mit einem Preisgeld von 20 000 € belohnt.

Idee kam von einem Freund

Es gibt viel zu tun: Auf dem Betrieb helfen mit (v. l.) Lars, Norbert und Melanie Steidle, der Auszubildende Simon Hack, Marco Steidle und Praktikantin Frieda Wiese.

Allerdings kam die Idee dazu nicht von ihm selbst, sondern von seinem Freund Stefan Leichenauer, der selber als Ackerbauer vor zwei Jahren unter den Preisträgern war. „Er hat den Stein ins Rollen gebracht“, erinnert sich Norbert Steidle. Sein ältester Sohn Marco, der gerade seinen Brennermeister macht, und gleichzeitig schon eigene Produkte wie etwa einen Bio-Gin oder einen Weinaperitif entwickelt, habe ihm auch zugeredet. Schon wegen der „super Werbung“.

Aber auch deshalb, weil Bewerbungen solcher Art immer auch Reflexion bedeuten. Das Nachdenken über das eigene Tun, über den Betrieb, über dessen Wertschöpfung und Nachhaltigkeit. Und wo man im Vergleich zu den anderen Mitbewerbern steht. „Am Pfingstfreitag kam die Landkarte von Ceres mit den 30 besten Landwirten raus, da dachte ich mir: Vom Bodensee ist auch jemand dabei. Und dann am Dienstag nach Pfingsten wurde bekannt gegeben, dass ich in der Kategorie Biolandwirt unter den drei Preisträgern bin. Das hat mich sehr gefreut.“

Zwölf Hektar Mostobst

Im Sommer verbringen die rund 90 Rinder der Mutterkuhherde auf den Weiden zwischen den Obstbäumen. Da muss viel gezäunt werden.

Auf eine solche Würdigung seiner Arbeit hat der 56-Jährige lang genug hin gearbeitet. 1987 hatte Norbert Steidle den Betrieb von seinem Vater übernommen. Als er fünf Jahre später seinen Meister machte, war ihm klar, dass er seinen Betrieb unbedingt umstrukturieren muss, um ihn halten zu können. „Damals hatte ich 17 Milchkühe. Mit denen hätte ich nicht überlebt.“ Er schrieb seine Meisterarbeit über diese Umstrukturierung und begann das darin entwickelte Konzept Stück für Stück umzusetzen. So pflanzte er 1997 die ersten Obstbäume und fing mit nur einem Hektar Bioobst an.

Heute sind es zwölf Hektar, die er mit intensivem Mostobst bewirtschaftet, zudem hat er noch sechs Hektar Streuobstwiesen. Vorwiegend sind es Äpfel, aber auch ein kleiner Teil Birnen sind mit dabei. Wegen der topographischen Lage des Deggenhausertals mit über 500 Metern über dem Meeresspiegel muss es Mostobst, oder wie Steidle sagt, müssen es „Saftäpfel“ sein. Für Tafeläpfel, wie sie seine Kollegen vom See anbauen, sei es hier zu kühl. Von Mitte August bis Mitte November ist Erntezeit. Ein Teil wird zu Apfelsaft gepresst, aus dem anderen Teil kreieren er und mittlerweile eben auch Sohn Marco raffinierte Destillate und Liköre. Die restlichen Äpfel liefert Steidle an eine Großmosterei.

Mutter- statt Milchkühe

In der Gaststätte schätzen die Gäste „Bio“. Auch alles was zugekauft wird ist bio.

„Im Jahr 2000 war für mich klar, dass das für mich der richtige Weg ist“, sagt der Landwirt. Er gab die Milchviehwirtschaft auf und stellte seinen gesamten Betrieb auf Bioland um und damit auf einen Umgang mit der Natur und den Tieren, der seiner Lebenseinstellung entspricht und die er heute auch als Landes- und Bundesdelegierter von Bioland vertritt.

Statt der Milchkühe schaffte er sich nun Mutterkühe an. Rund 90 Tiere verbringen den Sommer auf den Weiden und zwischen den Obstbäumen. Im Winter sind sie im nach den strengen Bioland-Richtlinien erbauten Offenstall mit Laufhof und haben Liegeboxen zur Verfügung. Gefüttert werden sie mit Heu und Silage von den hofeigenen Flächen.

Gaststätte, die komplett bio ist

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Gleiches gilt für die rund 30 Freilaufschweine. Ihr Fleisch und das der Kühe vermarkten die Steidles über Fleischpakete und Wursterzeugnisse selbst. Und natürlich im eigenen „Gasthaus zum Sternen“, das seit über hundert Jahren im Familienbesitz ist.

Vor sieben Jahren haben die Steidles auch den Gasthof zur Biolandgastronomie umgestellt und kochen seither nicht mehr nur mit den eigenen Bio-Produkten, sondern auch alle Zugekauften sind bio. „Damit sind wir eine der wenigen Gaststätten, die komplett bio sind“, sagt Norbert Steidle und erklärt, dass durch die Rund-Um-Bio-Sicherheit auch die Gäste viel entspannter seien. „Und auch für unsere Wertschöpfung, also dem, was wir machen, stehen wir besser da.“

Wanderweg mit Infotafeln geplant

Der Hof der Familie Steidle in Deggenhausertal von oben.

Um den Verbrauchern zu zeigen wie nachhaltige Landwirtschaft aussieht, ist Norbert Steidle im Begriff auf seinem Betrieb einen 700 Meter langen Wanderweg einzurichten. Infotafeln sollen den Gästen zeigen, woher ihr Essen kommt. „Ich will damit mehr Bewusstsein vermitteln. Die Leute sollen sich mit den Produkten wohl fühlen und ein gutes Gewissen damit haben.“

Und außerdem, so ist sich Steidle sicher, wenn die Kunden wissen, woher ein Produkt kommt und wieviel Arbeit darin steckt, sei ihnen auch klar, dass es mehr kosten muss. Wie etwa die Eier, die Steidle mit insgesamt 55 weiteren Produkten, in seinen drei 24-Stunden-Regiomaten verkauft.

„Früher haben die Leute den Kopf geschüttelt über den Preis, aber seitdem sie sehen, wie glücklich die Hühner sind, wissen sie: Denen geht’s gut und dafür zahlen sie gern mehr Geld.“ 1000 Hühner hält Steidle in drei Mobilställen, die der Landwirt alle zwei Wochen zwischen seinen Obstbäumen umstellt. Erst kürzlich hat er auf die Zweinutzungshühner „Coffee“ und „Cream“ umgestellt. Ökohühner, die als robust gelten und nach ihrer Legezeit gute Suppenhühner ergeben.

Insgesamt 65 Hektar Fläche

Insgesamt 65 Hektar Fläche gehören zu Norbert Steidles Betrieb, den er gemeinsam mit seiner Frau Melanie, den Söhnen Marco (24) und Lars (18), seiner Schwester Christine, einem Lehrling und einer FÖJlerin (freiwilliges ökologisches Jahr) bewirtschaftet. Die Grünlandflächen dienen den Tieren als Weide und sind Futterlieferant für den Winter.

Auf seinen 15 ha Ackerflächen erzeugt Steidle Brotgetreide, das er an Linzgau-Korn, ein regionales Netzwerk, liefert. Seit zwei Jahren baut er auch Soja für eine Firma, die Soja-Drinks herstellt, an. „So kommt auch Abwechslung in meine Fruchtfolge.“ Ein Teil des Ackerbaus fließt in seine Whisky-Produktion mit ein. Ein Steckenpferd, mit dem der Landwirt vor zwei Jahren begonnen hat und dessen Früchte er kommendes Jahr ernten will.

Verkaufsautomaten, Gasthaus und Blockheizkraftwerk

Zum Betrieb dazu gehören neben den Tieren, den Acker-, Weide- und Obstbauflächen, der Brennerei, die drei Verkaufsautomaten und das Gasthaus mit 150 Sitzplätzen auch noch fünf Gastzimmer und vier Ferienhäuser.

Darüber hinaus auch ein Energiebetrieb mit Photovoltaikanlagen, die 196 kWh erzeugen, ein Blockheizkraftwerk, mit dem er neben Warmwasser für Hof und Gasthaus auch einen Teil des eigenen Stroms produziert.

Die dadurch entstandene Wärme nutzt er für die Gastronomie, die Restwärme kommt über die Hackschnitzelanlage, für die er wiederum Hölzer aus den eigenen Flächen verwertet. Nicht ohne Stolz sagt er daher: „Wir sind seit Jahren schon CO2 neutral.“ Und momentan, so erzählt er, sei er dabei ein Fernwärmenetz aufzubauen, durch das er seine überschüssige Energie an die Nachbarn abgeben könne.

„Man muss immer am Ball bleiben, man ist nie fertig.“ In diesem Sinne denkt Norbert Steidle über Wasserstoff nach. Denn der viele und teure Diesel, den er für seine Maschinen braucht, ist aktuell das einzige, was ihm noch weh tut. Und auch diesen Energieträger würde er, wen wundert´s, natürlich grün erzeugen. Denn schließlich ist alles, was Norbert Steidle macht, bio.