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Faszination und Gefahr

Ein Wettstreit zwischen Bauern und Rabenvögeln

Rabe-Krähe-Schaf-Weidehaltung
Ilka Mittendorf
am Mittwoch, 12.10.2022 - 16:10

Rabenvögel passen sich enorm schnell an – mit weitreichenden Folgen für Landwirte und Schäfer. Was aber steckt hinter dem Verhalten der schwarzen Vögel? Und wie arbeiten Raben und Wölfe zusammen?

Ganz nah steht die Rabenkrähe hinter der Ratte. Hüpft um sie herum, zwischen Straße, Rinnstein und Gehweg. Der Rabenkopf schnellt vor, packt die Ratte beim Schwanz. Ruckartig zieht der Rabe die Ratte, Stück für Stück, bis zur Fahrbahnmitte. Als der Bus heranrollt, ist die Rabenkrähe bereits in der Luft.

Es sind Beobachtungen wie diese, die verstören. Helga Hoyler, erfahrene Landwirtin und Schäferin vom Gut Hochmutting, macht das Verhalten der Rabenvögel wütend. „Den Lämmern picken sie in Nabel, Augen, After – immer in die Weichteile.“ Das lässt der 83-Jährigen während der Lämmerzeit keine Ruhe. Und auch die erwachsenen Schafe sind vor den Rabenvögeln nicht sicher: „Denen sitzen sie auf dem Rücken, als ob sie reiten, und zupfen die Wolle aus!“

Rabenvögel spielen, lernen und imponieren

Österreichische Forscher des Konrad Lorenz Instituts in Österreich haben das Spielverhalten von jungen Kolkraben untersucht. Ergebnis: Es gibt mindestens sechs verschiedene Arten, wie heranwachsende Kolkraben bis drei Jahren spielen. Dazu zählt auch das Reiten und Fell auszupfen. Ihre Beobachtung: Oft sind „alle Schweine mit je einem Raben besetzt und es sieht so aus, als ob die (Raben-)Gruppe einfach warten würde“. Andererseits „hacken einzelne Raben in die Hinterbeine, ziehen am Schwanz, rupfen ihre Nackenborsten oder hüpfen von Tier zu Tier“. Für die Jungraben sind es Mutproben, sie wollen den anderen imponieren. Je spektakulärer die Aktion, um so besser. Ohne Zuschauer geht es auch nicht bei den Kunstflügen mit Salti, Rückenflug und Sturzflügen. Dann werden ähnlich einem Staffelholz, Stöckchen fallen gelassen und von Flugpartnern aufgefangen. 

Im Winter, wenn Schnee liegt, wartet ein ganz besonderer Nervenkitzel: In Rückenlage, Beine in die Luft gestreckt, geht‘s dann mit einer 180- oder sogar 360-Grad-Drehung den Steilhang hinunter. Das bringt Anerkennung im Jungvogelschwarm. Wer sich traut, macht mit. Weniger spektakulär, aber ebenso wichtig: beknabbern, herumdrehen, picken oder hacken von Gegenständen, vor allem, wenn sie kräftig gefärbt sind. Was nicht fressbar ist, wird zerstört. Überhaupt scheinen Spiel und Aggression bei den überaus intelligenten Rabenvögeln nah beieinander zu liegen. Eben noch spielen Jungraben oder versuchen sich in der Balz, im nächsten Augenblick hassen (mobben) sie andere Vögel oder Tiere. Der Übergang ist fließend.

Rabenvögel bereiten Landwirten Probleme

Probleme bereitet Landwirten und Schäfern dieses Spielverhalten, weil es am häufigsten im Herbst und Frühjahr auftritt. Stehen in der Nachbarschaft zudem Mülldeponien oder Biogasanlagen, die für ausreichend Nahrung sorgen, haben die Jungvogelschwärme noch mehr Zeit für ihre Spiele.

Wanderschäfern machen solche Jungvogelschwärme während der Lämmerzeit wegen fehlender Stallungen ganz besonders zu schaffen. „Wenn das Wetter schlecht ist und die Lämmer deswegen stehen, dann kam es vor, dass die Rabenkrähen die Weichteile – auch Augen – gepickt haben“, sagt Klemens Ross, Herdenschäfer aus Lonnerstadt. Zuvor hätten die Rabenkrähen die Schafe beim Ablammen beobachtet. „Die Nachgeburt muss sofort weggeräumt werden, sonst bekommen die Rabenvögel einen Bezug dazu. Die merken sich das!“

Aber nicht nur Lämmer werden gepickt, am Schwanz gezogen und in die Hinterbeine gekniffen, auch Kälber trifft es. Denn Kälber lassen beim Aufstehen zumeist einen Klacks nahrhaften und eiweißreichen Kot fallen, auf den die Vögel es abgesehen haben.

Vergrämung mit zweifelhaftem Erfolg

Der wirtschaftliche Schaden durch Pickattacken ist bei den Schäfern immens. Wanderschäfer Klemens Ross hat sich angepasst: Er hält nur noch Merinolandschafe, die im Winter lammen. Wer sich jedoch nicht anpassen kann, der muss vergrämen.

Die Vergrämungsmaßnahmen sind vielfältig, je nachdem ob Nutzvieh oder Feld geschützt werden müssen. Helga Hoyler vom Gutshof Hochmutting: „Als es noch ging, haben wir bei den Siloballen tote Krähen aufgehängt oder der Jäger hat sich auf die Ackerschiene gestellt und gleich geschossen. Aber die Raben haben sich das gemerkt und sind weggeflogen. Irgendwann haben die den Jäger am Auto erkannt.“ Und auch eine Karbidkanone, die mit einem lauten Knall die Vögel vertrieben hat, war im Einsatz. „Nach einer Woche saßen die Rabenvögel auf der Kanone. Das war denen egal.“

Schreckschussanlagen, Saatgutbeize, Rotationsbälle oder Flugdrachen – im 2. Zwischenbericht des „Projekts zum Management von Saatkrähen“ des Bayerischen Landesamtes für Umwelt kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass nur eine Kombination von verschiedenen Maßnahmen landwirtschaftliche Flächen schützt – zeitweise. Alle zwei bis drei Tage müssten die Vergrämungsmittel umgestellt und gesteigert werden. Der Rotationsball allein war „vollkommen unwirksam“ und die Flugdrachen wurden „bedauerlicherweise gestohlen“.

Rabenvögel sind extrem intelligent und anpassungsfähig

Rabenvögel_Landwirtschaft_Schäden

Das Tempo, mit dem sich die Rabenvögel an neue Umgebungen anpassten, sei wesentlich schneller als bei anderen Vogelarten. Die Ursache: Intelligenz und Flexibilität sind die Fähigkeiten, die Krähen und Raben einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Arten verschaffen, fanden Forscher in Washington nun heraus. Wanderschäfer Klemens Ross ist sich sicher: „Wir haben es mittlerweile mit einer neuen Generation von Rabenvögeln zu tun. Die werden immer kreativer.“

In diesem Jahr beobachtete Ross mehrmals, wie Rabenkrähen Stare töteten und anschließend fraßen. Zwar fressen Raben zur Brutzeit Eier oder auch Jungvögel. Dass sie ausgewachsene Vögel schlagen, um sie zu fressen, ist aber neu. Fast meint man, das Motto der Rabenvögel sei: Schauen, was geht! Denn schon in der Vergangenheit brachte die enorme Anpassungsfähigkeit der Rabenvögel aufgrund ihrer kognitiven Fähigkeiten und der damit verbundenen Flexibilität im Verhalten immer wieder neue Entwicklungen hervor. Eine der erfolgreichsten ist die seit Jahrhunderten bestehende Jagdgemeinschaft von Rabe und Wolf.

Raben und Wölfe arbeiten zusammen

„Der Rabe ist das Auge des Wolfes“, heißt es in einer indigenen Weisheit. In der Luft kreisend, sehen die Raben bereits vor den Wölfen eine mögliche Beute und leiten sie zu dem Tier hin. So folgen Kolkrabenschwärme Wölfen von Riss zu Riss und fressen, was Wölfe übrig lassen.

„Straßenfeger“ nennt der amerikanische Wolfsforscher David Mech deshalb die Raben. Wolf und Rabe hätten so eng zueinander gefunden, weil jeder Partner die Fähigkeiten des anderen genau kenne.

Das gehe teilweise so weit, dass Rabe und Wolf während gemeinsamer Wanderungen durchs Revier ziehen und „Alttiere, jugendliche Wölfe nebst Rabenindividuen ... circa 80 Prozent aller Ausflüge in einträchtiger Koordination“ unternehmen. Auch im Wolfsgehege des Nationalparks Bayerischer Wald können Besucher das Gespann aus Wolf und Rabe aus sicherer Entfernung beobachten.

Anpassung mit Erfolg, aber anders als gedacht

Warum aber finden Rabenvögel und Menschen nicht zueinander? Biologe und Gebirgsökologe Heinrich Haller beschreibt es in seinem neuen Buch „Der Kolkrabe – Totenvogel, Götterbote, tierisches Genie“ so: „Die Menschen waren mit der Landnahme und der Entwicklung der Landwirtschaft nicht mehr Teil des natürlichen Systems“, der Rabe war nun „nicht mehr Rufer in der Wildnis“. Vielmehr trat er nun als ungeliebter Konkurrent auf und wo energiereiche pflanzliche Produkte angebaut wurden, konnte er von landwirtschaftlichen Kulturen profitieren. Zum Nachsehen des Landwirts allerdings.

Schäfer Klemens Ross sieht das ähnlich: „Schon vor 200 Jahren waren wir Nahrungskonkurrenten.“ Auf die Wiederansiedlung der Saatkrähen angesprochen, merkt er an: „Wir haben davon gewusst, dass das so ist und welchen Schaden sie anrichten können.“ Im Bayerischen Wald wurde der Kolkrabe in den 1990er Jahren wiederangesiedelt. Aktuell liegt der Brutbestand laut dem Bayerischen Landesamt für Umwelt bei 1500 Brutpaaren und einem Bestandstrend mit einem Plus von mehr als 20 Prozent. Der Kolkrabe ist in Bayern flächig verbreitet. Doch hat sich das Verbreitungsbild gegenüber der Kartierung 1996 bis 1999 wesentlich vergrößert. Die Bestandsschätzung ist nun zwei- bis dreimal höher.

Ursprünglich ist der Kolkrabe als Felsbrüter in den Alpen beheimatet, ansonsten in Wäldern und größeren Gehölzen. Mitunter brütet er auch in Gittermasten. Seine Nahrung sucht der Kolkrabe in offenen Landstrichen, ist aber auch in der Nähe von Siedlungen mit ihren Mülldeponien und Biogasanlagen unterwegs.  Bei den Saatkrähen, bei denen es in den 1950er Jahren nicht mehr als 1000 Brutpaare in Bayern gab, sind es aktuell 14 000. Vor allem Schwaben und Oberbayern leiden unter dem starken Zuwachs. Gebrütet wird fast ausschließlich in der Nähe von Siedlungen. Nur noch 6 Prozent der Population brüten außerhalb von Dörfern und Städten.

Gefahr für Weidehaltung bekannt, aber nicht gebannt

Helga Hoyler ist ratlos: „Die Rabenvögel haben keine Feinde. Nur wenn Krähen reduziert werden, ist Weidehaltung interessant.“ Im Frühjahr 2020 hatte sich das Bayerische Staatsministerium beim Bundesumweltministerium dafür eingesetzt, die Saatkrähe auch in Deutschland in die Liste der jagdbaren Arten aufzunehmen. Jedoch ohne Erfolg.

„Wo geht die Reise hin?“, fragt Stefanie Huck, Leiterin der Auffangstation Retscheider Hof, Bad Honnef, anlässlich der Auftaktveranstaltung Wildtierdiskurs „Der Ruf der Wildnis?“. Ihre Antwort: „Die Reise geht im Moment dahin, dass gerettet wird, was bei drei nicht auf den Bäumen ist! Bei den Säugern gehts ja noch, aber bei den Vögeln ist es ganz, ganz, ganz schlimm!“

Während sich auf Bundesebene nichts bewegt, geht das Bayerische Landesamt für Umwelt mit der Auswertung des 2. Zwischenberichts zum Landtagsbeschluss „Projekt zum Management von Saatkrähen“ offenen Forschungsfragen wie zur Wachstumskontrolle einer Kolonie nach. Zusammen mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf sollen die Ursachen für das Verhalten der Saatkrähen untersucht und bis Ende 2024 Handlungsempfehlungen herausgegeben werden.

Verlagerung des Raben- und Krähenproblems in die Stadt

Auch wenn Forderungen nach finanziellem Ausgleich und Abschuss von Krähen auf landwirtschaftlichen Flächen nicht erfüllt werden, vielleicht sorgen Rabenvögel durch Intelligenz und Anpassung bald selbst für eine Lösung des Problems: indem sie weiter in die Städte anwandern. Die „opportunistischen Generalisten“, wie Biologe Heinrich Haller die Rabenvögel bezeichnet, haben es mittlerweile auch in die Bundeshauptstadt geschafft. Am Berliner Hauptbahnhof zertrümmerten die Rabenvögel in den vergangenen Jahren fast hundert Gebäudescheiben, indem sie im Überflug Schrauben fallen ließen. Kosten pro Glasscheibe: 10 000 Euro.

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