Landesausschuss der Landfrauen

Vertical Farming: Landfrauen sind fasziniert

Landesvorstand-Landfrauen
Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Dienstag, 16.11.2021 - 15:45

Welche Chancen bietet Vertical Farming für bayerische Bäuerinnen und Bauern und worin liegen die Herausforderungen? Das war das Hauptthema der Landfrauen bei ihrem Landesausschuss.

Pflanzen wachsen in vielen Etagen übereinandergestapelt, wie in einer riesigen Lagerhalle, mitten in der Stadt. Ihre Sonne sind LED-Lampen, ihr Boden ist eine Nährlösung, ihre Luft wird technisch fein reguliert. Dieses Konzept nennt sich Vertical Farming. Sieht so die Zukunft unserer Ernährung aus? Bietet diese Technologie Chancen für bayerische Bäuerinnen und Bauern? Und kann sie Brücken bauen zwischen Stadt und Land?

Mit diesen Fragen haben sich die Landfrauen im BBV bei ihrer Jahrestagung befasst, denn: „Auch im Zuge der Corona-Pandemie ist in der Bevölkerung der Wunsch nach regionaler Versorgung gewachsen“, erläuterte Landesbäuerin Anneliese Göller und ergänzte: „Wenn Landwirtschaft in Zukunft auch auf Stadtgebiete ausgeweitet wird, trägt dies entscheidend dazu bei, die Landwirtschaft in die Mitte der Gesellschaft zu rücken.“ Deshalb haben sich die Landfrauen Experten zum Thema Vertical Farming sowie zu regionalen Versorgungsprojekten (siehe Kasten unten) ins Haus geholt.

Gibt es Synergien mit bayerischen Bauern?

Landfrauen-Christine-Zimmermann-Lössl: Die etwas ältere Frau steht an einem hölzernen Stehpult und hält eine Rede. Davor liegt herbstliche Blumendekoration mit Kürbissen.

Christine Zimmermann-Lössl, Vorstandsvorsitzende der Association for Vertical Farming, gab den Landfrauen Einblicke in dieses Thema. Ziel des weltweit agierenden, gemeinnützigen Vereins ist es, Vertical Farming zu fördern durch den Aufbau eines Netzwerkes aus Unternehmen, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Experten. Deshalb betonte die Referentin: „Wir wollen mit Ihnen, den Urproduzenten in Kontakt kommen und kooperieren.“

  1. Warum braucht es Vertical Farming weltweit und in Bayern? „Die Landwirtschaft wird zunehmend mit einer Vielfalt an bekannten und unbekannten Risiken konfrontiert“, erläuterte Zimmermann-Lössl und zählte auf: Der Klimawandel und die damit einhergehenden Naturkatastrophen wie Überschwemmungen oder Dürren gefährden die landwirtschaftliche Produktion. Nicht nur weltweit, sondern auch bei uns in Bayern. Dazu kommen eine zunehmende Urbanisierung sowie Bevölkerungswachstum und gleichzeitig der Wunsch nach regionaler Versorgung ohne lange Transportwege. Ein weiterer Faktor ist die Endlichkeit unserer Ressourcen.
  2. Wo und wie wird Vertical Farming bereits betrieben? Vertical Farming kann sehr unterschiedlich aussehen: In gigantischen Anlagen werden Nahrungsmittel inzwischen zum Beispiel in China, in Taiwan, aber auch in den Niederlanden und Dänemark produziert. Kreative Konzepte liefert die Stadt London: Dort wird Vertical Farming in ungenutzten U-Bahn-Tunneln betrieben. Es gibt auch mittelgroße Systeme: Das Fraunhofer Institut in Deutschland produziert Arzneipflanzen in einer Vertical Farming-Anlage. Selbst für den Hausgebrauch gibt es Systeme, die in der Größe eines Kühlschranks zu haben sind.
  3. Welche Vorteile bietet Vertical Farming? „Durch Vertical Farming kann man das ganze Jahr Lebensmittel produzieren, unabhängig von Klima, Jahreszeit, Region und Pflanzenschutzmitteln“, betonte die Referentin. Auf eine Frage, ob das so angebaute Obst und Gemüse überhaupt schmecke, antwortete sie: „Es schmeckt sogar besser, als das auf dem Feld angebaute!“ Grund dafür sei, dass die Pflanzen in dem geschlossenen System optimal mit Licht, Wasser und Nährstoffen versorgt werden können. Ein weiterer Vorteil dieses Systems ist, dass Lebensmittel direkt in der Stadt erzeugt werden können und damit lange Transportwege entfallen. Auch die Bewässerung, die in niederschlagsarmen Teilen der Welt für die Nahrungsmittelproduktion nötig ist, wird bei Vertical Farming gezielt und ressourcenschonend eingesetzt.
  4. Welche Schwierigkeiten bringt Vertical Farming mit sich? Die Referentin räumte ein, dass für Vertical Farming hohe Investitions- und Energiekosten anfallen würden und dass man Spezialwissen brauche.

Zwiespalt der Gefühle beim Thema Vertical Farming

vertical-farming: Eine Mann im Laborkleidung steht inmitten einer Hallen, in der Pflanzen in Regalen wachsen.

In der anschließenden Diskussion wurde der Zwiespalt der Landfrauen zwischen „Faszination und Gänsehaut“ für diese Art der Nahrungsmittelproduktion deutlich. Landesbäuerin Anneliese Göller zeigte sich beeindruckt über den aktuellen Stand der Technik: „Diese Entwicklung könnte einzelnen Betrieben eine Zukunftsperspektive bieten. Ich sehe Vertical Farming aber eher als Nische und als Ergänzung zu regionalen Versorgungskonzepten.“ Zudem wurden die Fragen aufgeworfen, ob solche extrem industriell erzeugten Lebensmittel bei Verbrauchern Akzeptanz finden, welche Investoren bisher an Vertical Farming-Projekten beteiligt sind und ob Landwirtschaft nicht mehr ist, als reine Nahrungsmittelerzeugung? Zimmermann-Lössl betonte: „Selbstverständlich geht Landwirtschaft weit über reine Nahrungsmittelproduktion hinaus. Ich sehe Vertical Farming als Ergänzung zu der Art von Landwirtschaft, die Sie betreiben.“ Für bayerische Landwirte gäbe es eine Vielzahl von Möglichkeiten Vertical Farming zu nutzen, zum Beispiel als zweites Standbein, um auch im Winter Erdbeeren, Pilze oder sogar Safran zu produzieren. Sie bot den Landfrauen an: „Wir können gemeinsam Wege dafür finden.“

Landfrauen haben viel gute Arbeit geleistet

Landesbäuerin Göller zog beim Landesausschuss zudem Bilanz über das abgelaufene Jahr. In ihrem Rechenschaftsbericht würdigte sie die engagierte Arbeit der Kreis- und Bezirksverbände und wies auf die Erfolge in der politischen Interessenvertretung hin. Göller gab einen Überblick über die geleistete Arbeit in den Gremien, der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, der Erwachsenenbildung, im Erzeuger-Verbraucher-Dialog, in der Öffentlichkeitsarbeit und ging auf weitere Aktivitäten ein.

Auch BBV-Präsident Walter Heidl würdigte die Arbeit der Landfrauen in seinem Grußwort: „Ihr habt die Herausforderungen, die durch die Corona-Pandemie auf euch zugekommen sind, hervorragend gemeistert. Unsere Bildungsarbeit musste völlig neu – digital – aufgestellt werden und ihr habt passende Formate dafür gefunden. Die Landfrauen transportieren Sympathie!“

 

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