Selbstwahrnehmung

Veränderung: Eine Frage der Haltung

Ein Schmetterling entwickelt sich von der Puppe zum Pfauenauge. Die einzelnen Stadien der Entwicklung hängen nacheinander an einem Ast.
Katrin Mehner - Andreas-Hermes-Akademie
am Freitag, 02.07.2021 - 09:47

Veränderungen gibt es in jedem Leben. Doch jeder Mensch geht anders damit um: Das hängt nicht allein davon ab, was neu auszurichten ist, sondern auch von Erfahrungen und persönlicher Einstellung.

Für uns alle ist es sicht- und spürbar: Wir leben in einer Zeit der großen Veränderungen, immer schneller und immer gravierender. Ganz besonders noch einmal durch die Corona-Pandemie als Treiber beschleunigt und mit enormen Auswirkungen, die noch nicht alle in ihrer Langzeitwirkung absehbar sind. Aber auch ohne diese wahrhaftige Krise stellen der Klimawandel, Wirtschaftskrisen, politische Unsicherheit, Verbrauchertrends und rasender Technologiewandel stete Anforderungen an uns, diese zu gestalten und/oder sich anzupassen.

So sind wir alle – und vielleicht die Agrarbranche besonders – ständig vielen Herausforderungen und Änderungen auch von außen unterworfen, denen wir uns oft ausgeliefert fühlen. Das Ziel ist unklar, der Plan noch mehr; da entsteht keine Motivation. Stattdessen herrschen Komplexität, Unüberschaubarkeit und Druck. Wie können wir da mithalten oder wie kann man vom Aushalten zum Gestalten kommen? Und neben diesen Veränderungs-Auslösern von außen gibt es natürlich all die Ereignisse und Entwicklungen in unserem persönlichen Leben, alle Höhen im Positiven und Tiefen der schweren Zeiten, die zum menschlichen Dasein einfach dazu gehören. Und jeder Mensch geht anders damit um.

Es ist verlockend, alles beim Alten zu belassen

Zuerst einmal ist alles eine Frage der Haltung, entscheidender noch als besondere Fähigkeiten. Welche Erfahrungen habe ich bisher in meinem Leben mit Veränderungen gemacht, was war meine Rolle und was mein Gestaltungsspielraum? Das prägt die Einstellung zu und den Umgang mit Veränderungen grundlegend. Stehe ich Veränderungen eher positiv gegenüber oder eher abwartend bis sorgenvoll? Gleichzeitig ist auch sehr verlockend, alles beim Alten zu belassen, zumal wenn sich noch keine erprobte Herangehensweise anbietet und man Neuland betritt. Wir Menschen mögen Routinen, da wir darin energieschonend arbeiten können und wir uns in unserer Komfortzone bewegen. In ihr kennen wir uns aus und fühlen uns wohl, aber es findet auch keine Weiterentwicklung statt und die Grenze zu Betriebsblindheit und vielleicht sogar einschränkenden Gewohnheiten ist fließend und für einen selbst nicht immer erkennbar.

Mutig das Zepter selbst in die Hand nehmen

Wollen oder müssen wir unsere Komfortzone verlassen, kostet es auf jeden Fall Energie und Aufwand und eine gehörige Portion Mut. Denn man verliert ein Stück der gewohnten Kontrolle und Sicherheit, kennt sich im unbekannten Terrain nicht so gut aus und das verunsichert. Daher verharren wir Menschen häufig genug in bekannten Situationen, auch wenn diese für uns ungünstig sind, die Leidensfähigkeit kann ungeahnt groß sein. Wir können uns in solchen Situationen der Entscheidungen immer zumindest drei Optionen stellen: Kann ich die Situation, ohne zu hadern, annehmen, dass es im Moment einfach schwierig und herausfordernd ist? Das bringt meist schon ein gutes Stück Entlastung, denn ich setze mich nicht ständig selbst damit unter Druck, dass es doch eigentlich ganz anders sein müsste, sondern ich stelle mich der Realität. Erst dann kann ich zweitens überhaupt beginnen zu überlegen, ob und was ich verändern kann. Wenn die Situation so belastend ist und ich keine Möglichkeit der eigenen Veränderungs- und Handlungsmöglichkeiten sehe, kehre ich entweder zu Option eins, der Akzeptanz, zurück oder es bleibt der herausfordernde dritte Weg, radikal die Notbremse zu ziehen und die Situation zu verlassen. Sind wir bereit, dafür die Konsequenzen zu übernehmen und den Preis zu bezahlen? Eines ist aber sicher von uns gefordert: die Verantwortung zu übernehmen und eine Entscheidung zu treffen. Und schon dieses aktive „Zepter in die Hand nehmen“ liefert den ersten wichtigen Schritt in Richtung Wandel.

Den langfristigen Nutzen im Blick haben

In Situationen, die Handeln von uns erfordern, ist es hilfreich, sich den langfristigen Nutzen vor Augen zu führen und nicht auf den schnellen Erfolg zu hoffen. Langer Atem und ein ausgeprägter Wille unterstützen auf dem Weg ans Ziel. Geduld und Disziplin sind weitere Zutaten auf dem Rezeptblock für erfolgreiche Veränderungen.

„Veränderungen sind am Anfang schwer, in der Mitte chaotisch und am Ende wunderbar,“ lautet ein Zitat von Robin Sharma. Deshalb gilt es, sich trotz schrittweiser Planung auf Unvorhergesehenes einzustellen, zu lernen mit Überraschungen und Fehlern umzugehen. Gerade dieser Umgang bietet den Nährboden für eine positive Fehler- und Lernkultur, in deren Umfeld sich leichter mögliche Wege testen lassen. Dazu braucht es Flexibilität im Denken und die Fähigkeit zu improvisieren und kreative Lösungen auf „Abwegen“ zu suchen und einfach mal mutig etwas auszuprobieren. Man ist fast gezwungen, eine gute Mischung aus Stabilität und Flexibilität hinzubekommen beziehungsweise die Spannung zwischen diesen beiden Polen auszuhalten. „Lieber schnell als perfekt“ lautet die Devise und dann zügig ohne lange Entscheidungswege nachsteuern.

Es ist normal, dass nicht immer alles glatt läuft

Dass dabei nicht immer alles glatt geht, ist vorprogrammiert, aber Konflikte und Emotionen sind keine Störfaktoren, sondern gehören zu einem lebendigen Austausch dazu und zeigen nur auf, wo Baustellen noch nicht behoben oder Bedürfnisse noch nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Und es gilt: Diversität nicht nur beim Ackerrandstreifen sondern auch in der Zusammensetzung des Teams oder der Dialogrunde, denn die Ideen aller tragen zum Erfolg bei. Vielfältige Perspektiven sind kreativer und steigern zusätzlich die Identifikation mit dem Prozess. Auch bei persönlichen Themen ist es leichter, sich unterstützen zu lassen, andere Denkweisen als die eigenen zuzulassen und zu nutzen, denn man ist bei den eigenen Themen häufig betriebsblind und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Je stärker fremdbestimmt jedoch die Veränderung ausgelöst oder angeschoben wird, umso leichter erzeugt sie inneren Widerstand, man will nicht wahrhaben, was da grade passiert und die ganze Angelegenheit wird sehr emotional. Da ist es entscheidend, die Emotionen aufzufangen und die Bedürfnisse dahinter zu beleuchten und zu erkennen. Erst dann können Möglichkeiten und Chancen gesucht und gemeinsam Wege in Richtung Ziel gefunden werden.

Es ist klug, Schritt für Schritt vorzugehen

Als ersten wichtigen Schritt sollten Absichten und Einstellungen geklärt und die Motivation herausgeschält werden. „Erst misten, dann ernten“ gilt auch hier, denn erst muss der Aufwand an Zeit, Gedanken, Kraft und anderen Ressourcen aufgebracht werden und nicht selten muss man lieb gewonnene Gewohnheiten oder Routinen aufgeben. Und dann machen Sie den ersten Schritt. Die Motivation dafür bringt ein klares Zielbild und etwas, das für uns sinnstiftend wirkt, wofür sich der Einsatz lohnt und das einen Sog erzeugt. So wird aus einem “Müssen” ein “Wollen”. Klarheit und Sicherheit im Umgang mit Veränderungen bringen auch klare Aufgabenverteilung und Zuordnungen, gegenseitige Unterstützung und das Erleben, dass man nicht allein unterwegs ist.

Klare Entscheidungen und nicht zaudern und zögern

„Das Leben ist wie Fahrradfahren. Um die Balance zu halten, musst du in Bewegung bleiben“, rät Albert Einstein. So können die Herausforderungen des Lebens als Training der Veränderungsmuskulatur gesehen werden. Dabei hilft eine positive Einstellung und die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung, was bedeutet, dass ich bereit bin, Antworten zu suchen und zu geben und dafür einzustehen. Es unterstützt uns im Training zusätzlich, wenn wir klare Entscheidungen treffen und nicht zaudern und zögern und wir dennoch auch unsere Sorgen und Ängste wahr- und ernst nehmen, denn sie schützen vor Leichtsinn und Unbesonnenheit. Und wenn wir uns immer wieder Zeit nehmen uns zu besinnen, zu sammeln und Kraft zu schöpfen, können wiund zuversichtlich dem Wind der Veränderung stellen. Katrin Mehner