Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Brauchtum

Ursprünge der Walpurgisnacht: Hexen, Feuer, Frühlingsfest

Walpurgisnacht-Hexen
Carmen Knorr
Carmen Knorr
am Freitag, 29.04.2022 - 10:50

Brauchtumsgeschichte der Walpurgisnacht: Vom naturnahen Frühlingsfest über ein misslungenes Kirchenfest zum Hexentanz. Ein Überblick.

Walpurgisnacht-Jexhof-Feuer

Der Holzboden knarzt, Nebelschwaden ziehen hoch, das Licht ist halbdämmrig, der Wind pfeift durch Ritzen und Furchen. Wenn wir eine Spukgeschichte hören, könnte sie genauso beginnen. Meist herrscht Schneegestöber und die abergläubischen Erzählungen über Hexen, Geister und Dämonen tummeln sich in der dunklen Winterzeit. Schaut man genauer hin, enden die meisten Erzählungen mit der Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai. Doch warum? So viel sei verraten: Die Ursprünge hängen stark mit dem natürlichen, bäuerlichen Jahresverlauf zusammen. Wir geben einen Überblick.

Die meisten unserer Bräuche gehen zurück auf die Kelten und Heiden. „Unsere Vorfahren, die vor 2500 bis 3000 Jahren lebten, hatten weder TV noch Smartphone“, erzählt Klaus Trnka „was sie hatten war die Natur.“ Trnka ist Vorsitzender des Vereins „Brucker Perchten & Rauhnachtsgsindl“ und Experte zum Thema Walpurgisnacht. Das Wochenblatt hat ihn besucht, um die geschichtlichen Hintergründe zu verstehen.

Ein heidnisches Frühlingsfest mit großer Naturnähe

Die Walpurgisnacht war vor 3 000 Jahren ein Frühlingsfest. Ein Jahr endete damals mit dem Winter. Der Frühling stand sinnbildlich für das Erwachen der Natur. Um diese Freude nachvollziehen zu können, muss man sich vorstellen, wie ein Winter damals aussah: „Wer einen Winter damals überstanden hat, der hat ihn sprichwörtlich überlebt“, beschreibt Trnka. Es gab meterhohen Schnee, weder Strom noch fließend Wasser oder eine fest installierte Heizung. Die Häuser waren einfach gebaut und zu Essen gab es das, was die Ernte im Herbst hergab. Das Leben zog sich komplett zurück auf den Hof, man lebte nur noch zwischen Stall und Stube. Wer krank war, hatte oft Pech, weil kein Arzt in der Nähe war oder nicht bis zum Hof durchkam.

Sobald der Schnee taute, die Tage wieder länger und wärmer wurden, freuten sich die Menschen unheimlich, dass diese harte Zeit zu Ende war. Sie begannen das neue Frühjahr, indem sie ihre Felder wieder bestellten. Im Sommer pflegten sie die Felder. Im Herbst dankten sie für das was die Natur hergab. Danach zieht sich die Natur wieder zurück. So bestimmte der biologische Jahreskreislauf das Leben der Menschen. Zusätzlich orientierte man sich am Mond. So wundert es nicht, dass auch das Frühlingsfest an einem Vollmond gefeiert wurde – dem Vollmond des 5. Mondes.

Hexentanz am Bauernhof: Walpurgisnacht am Jexhof

Kelten feierten das Feuerfest Beltane

Bei den Kelten wurde in der Nacht zum Ersten Mai das Fest „Beltane“ gefeiert. Es gilt als deren Jahresanfang. Zusammen mit Imbolc (1. Februar), Lughnasadh (1. August) und Samhain (1. November, möglicher Ursprung für Halloween) zählt es zu den vier großen Festen in Irland. Beltane ist auch als das „Fest der strahlenden Sonne“ bekannt. Um das große Licht der Sonne zu repräsentieren, entzündeten die Kelten ein großes Feuer. Berichten zufolge trieben Druiden das Vieh zwischen zwei kleineren Feuern hindurch, um sie für das kommende Jahr vor Krankheiten zu schützen. „Feuer wird immer schon eine reinigende Wirkung zugeschrieben“, erklärt Trnka. Aufzeichnungen belegen, dass das Viehtreiben noch bis ins 19. Jahrhundert in Irland und Schottland praktiziert wurde.

Beltane gilt außerdem als das große Fest der Vermählung. Die Natur war zu diesem Jahreszeitpunkt besonders fruchtbar. Um diese Fruchtbarkeit zu ehren, vollzogen die Menschen in dieser Nacht den Liebesakt in freier Natur. Das galt als Hochzeit zwischen Himmel (Mann) und Erde (Frau). Das heidnische Frühlingsfest orientierte sich an diesen Ritualen. Man war der Meinung, dass diese menschlichen, fruchtbaren Verbindungen, der Zeugung von neuem Leben, auf den Ackerboden übergehen.

Kirche griff mit der heiligen Walburga ein

Walpurgisnacht-Hexe-Maske

Klaus Trnka ist sich sicher: „Wenn es die Christianisierung nicht gegeben hätte, dann würden wir immer noch das Frühlingsfest in dieser Form feiern.“ Doch was ist da im Mittelalter passiert? Die Kirche erlangte immer mehr ihre Vormachtstellung. Sie hat nicht toleriert, dass neben den christlichen Bräuchen auch noch heidnische Bräuche und Rituale existieren. Sie haben versucht, diese brutal zu zerstören und zu verbieten.

Ganz gelungen ist das der Kirche nicht. Weil sie das Treiben an diesem Tag, in dieser Nacht, nicht unterbinden konnten, gaben sie dem Feiertag ein christliches Gepräge: „Sie haben eine Heilige darüber gestülpt“, erklärt Trnka. Die heilige Walburga hat bis 25. Februar 780 gelebt. Sie war eine angelsächsische Benediktinerin und Äbtissin des Klosters Heidenheim, in Franken, in der Diözese Eichstätt. Heute gilt Walburga als Schutzheilige gegen Krankheiten und Seuchen, Tollwut, Hungersnot und Missernte sowie als Patronin der Kranken und der Wöchnerinnen sowie der Bauern. Am 30. April ihres Todesjahres wurde sie heiliggesprochen, deswegen wurde sie als Heilige für diesen Tag ausgewählt.

Der Begriff Hexe spielte im Zusammenhang mit der Walpurgisnacht erst ab dem 14. Jahrhundert, eine Rolle. Dort gipfelten die Hexenverfolgungen in Europa. Allein in Deutschland sollen etwa 40 000 Hexen verbrannt worden sein. Die vorchristlichen Kulte, zu denen auch das heidnische Frühlingsfest zählte, wurden im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit als Aberglaube eingestuft. So vermischten sich im Laufe der Jahre die Rituale, die zur Nacht des 1. Mai begangen wurden.

Goethe prägte den Namen "Walpurgisnacht"

Walpurgisnacht-Hexen-Besen

Das heidnische Frühlingsfest wurde durch die heilige Walburga bereits zur Walpurgisfeier. Zur Walpurgisnacht wurde die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai erst durch Johann Wolfgang von Goethe. In seinem „Faust“ (Teil I, 1808) beschrieb der Schriftsteller das Treiben in dieser Nacht erstmals als „Walpurgis-Nacht“. Hinzu kamen die literarischen Schriften von Johannes Praetorius (Blockes-Berges Verrichtung, Leipzig 1668), der an dem Tag von einer Hexenfahrt auf dem „berühmten Blocks-Berge“ schreibt. Die erste Walpurgisnachtfeier auf dem Brocken wurde im Jahr 1896 organisiert, allerdings nur mit männlichen Gästen.

Die Walpurgisnacht ist somit eine Mischung aus verschiedenen Elementen: Dem heidnischen Frühlingsfest, dem keltischen Feuerfest Beltane, die Hexenverfolgungen in der Neuzeit und dem kirchlichen Feiertag zu Ehren der heiligen Walburga, die mit Goethes Werken namensgebend für das Fest ist. Wobei die ursprüngliche Bedeutung immer mehr verloren ging und sich viele neue Bräuche rund um den 1. Mai entfalteten. Vor allem der „Tanz in den Mai“ ist heute noch bekannt und wird vielerorts praktiziert. Auch Maifeuer werden oft angezündet. Wenn dieses um Mitternacht heruntergebrannt ist, findet in einigen Gegenden der Maisprung statt. Das ist ein Brauch, bei dem Verliebte gemeinsam übers Maifeuer springen. Einige Bestandteile aus vergangener Zeit lassen sich somit heute immer noch in heutigen Bräuchen rund um den ersten Mai finden.

Ihr Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt
blw digital iphone blw digital macbook
Hefttitelbild Printausgabe Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt