Musik

Wer singt, der lebt

Ein Mann sitzt mit Ziehharmonik und Headset vor einem Laptop mit Webcam und singt und spiel ein Lied. Auf dem Laptop-Bildschirm sieht man eine Familie (Vater, Mutter, Kind) die freudig zusehen.
Andrea Hammerl
am Freitag, 14.05.2021 - 11:15

Singen für sich selbst daheim oder in der Öffentlichkeit ist so wichtig. Es fördert sowohl Kleinkinder als auch Senioren – auf den richtigen Ton kommt es dabei nicht an. Der passionierte Sänger Ernst Schusser erklärt warum.

Singen bewegt Menschen“, sagt Ernst Schusser. Genau deshalb sei es auch gerade in Coronazeiten sehr wichtig. Virtuelle Treffen sind aus der Sicht des 67-Jährigen aus Bruckmühl im Landkreis Rosenheim kein Ersatz für direkte Mensch-zu-Mensch-Kontakte. „Digitalisierung ist wichtig, aber sie kann das analoge Leben nicht ersetzen, allenfalls unterstützen“, da ist sich der frühere Volksmusikpfleger des Bezirks Oberbayern sicher.

Wohltat: Selbersingen, Pfeifen und Musizieren

Ein Mann singt unter der Dusche. Sein Bart und seine Haare sind eingeschäumt. Er hat in der Hand eine Duschgelflasche, die er als Mikrofon nutzt.

Zum analogen Leben gehört die Musik – und nicht nur die von Profis gemachte. Viel wesentlicher ist für Schusser die selbst gemachte Musik, das miteinander Singen, ob in der Familie, im Chor, in der Kirche oder im Wirtshaus. Sein Credo lautet: „Natürlich selber singen“ – wobei er augenzwinkernd auf die Mehrschichtigkeit dieser Aussage hinweist. Neben der Selbstverständlichkeit des Singens sollten die Leute ganz natürlich aus sich heraus singen – ganz ohne dabei nach Perfektion zu streben, einfach aus der Freude am Singen heraus. „Leistungssingen in Chören oder vor Publikum ist ganz wunderbar“, meint er, „mindestens genauso wichtig ist aber auch das Selbersingen, Pfeifen, Musizieren – auch alleine in der Badewanne oder unter der Dusche“.

Den Unterschied zwischen natürlichem Singen und leistungsorientiertem Vorsingen definiert Schusser mit einem Augenzwinkern so: „Jeder kann singen, aber nicht jedem kann man zuhören.“ In Gemeinschaft mit anderen macht es natürlich noch mehr Freude, denn Singen hat einen stark sozialen Charakter, die Gemeinschaft beweise hier, dass alle mitmachen dürfen – auch diejenigen, die lediglich mitbrummen oder von Haus aus nur die zweite Stimme singen wollen oder können.

„Singen ist ein Lebensmittel wie Essen, Trinken, Schlaf und Gehen“, betont Schusser. Die Seele in Bewegung bringen, zur Mitmenschlichkeit anregen, all das bewirke das gemeinschaftliche Singen.

Singen innerhalb der Familie ist sehr wichtig

„Das Singen innerhalb der Familie ist ganz wesentlich“, weiß Schusser. Denn die Familien seien über Generationen hinweg die Träger dessen, was die Gesellschaft ausmache. Dass das Singen in Chören, Kirchen und Schulen derzeit weitgehend verboten ist, findet er „sehr schlimm“. Auch Distanz ist für ihn ein wirklich schlimmes Wort, „weil andere Menschen plötzlich als gefährlich angesehen werden“, sagt er. Immer mehr Lehrer und Erzieher äußern ihm gegenüber auch ihr Bedauern über diese Situation. Viele schreiben ihm. Sie warten dringend darauf, wieder mit den Kindern singen zu dürfen, doch in die Öffentlichkeit sei das bisher noch nicht wirklich durchgedrungen.

Nicht umsonst heißt es „Wer singt, der betet doppelt“. Das hatte schon der Heilige Augustinus im 5. Jahrhundert gesagt. „Singen ist ein wesentlicher Teil des Menschseins“, betont Schusser, „es spielt auch im Leben eines Christen eine wichtige Rolle“. Singen passe einfach in jede Situation, zu allen Lebensabschnitten und Stimmungen.

Vor allem die Stimmung hat er auf seinen unzähligen Singterminen stets berücksichtigt – ob als Wirtshaus- oder Moritatensänger, beim „Singen am See“, in mit geistlichen Volksliedern gestalteten Andachten oder an Kinder-Mitsing-Nachmittagen unter dem Motto „Beim Bimperlwirt, beim Bamperlwirt“. Es geht ihm nicht darum, mit vorgefertigtem Repertoire zu kommen, sondern die Leute anzustoßen und nach dem Motto „das kannst du auch selber“ zum Mitsingen zu motivieren.

Schon Babys im Bauch profitieren von der Musik

Das Singen in der Familie beginne schon beim Ungeborenen. Wenn die werdende Mutter vor sich hinsummt, mit dem Papa in spe oder der ganzen Familie singt, dann bekommt das Baby das mit. Es lernt so die Stimmen und Stimmungen der Eltern kennen. Weiter geht es dann beim Baby und Kleinkind, etwa mit Kniereiterversen oder „Ringelreihenspielen“. Deren Rhythmus, Melodie und lautmalerische Texte – oft im Zweier-Takt gehalten – verbinden ganz natürlich Sprache und Musik mit Bewegung und fördern so ihre Motorik und deren Sprachentwicklung. Oft sind es die Großeltern, die sich mit Freude und Engagement dem nimmermüden Wiederholungseifer der Kleinen beugen.

Das kann zu einem ganz besonderem Großeltern-Enkel-Verhältnis beitragen. „Die Eltern waren früher auf dem Feld, heute sind sie in der Arbeit, daher springt diese wichtige Aufgabe zur älteren Generation über“, sagt Schusser. Genau deshalb sieht er auch das Fernhalten der Enkel von den Großeltern aufgrund der Corona-Kontaktbeschränkungen problematisch.

Singen fördert die Gesundheit der Großeltern

Während in der Stadt die Individualisierung der Gesellschaft fortschreitet, werde das enge Verhältnis zu den Großeltern wohl auf dem Land am intensivsten gelebt. „Die bäuerliche Großfamilie mit drei bis vier Generationen pflegt das noch, es braucht Alte und Junge unter einem Dach“, meint Schusser. Er hat dabei nicht nur den Nachwuchs im Blick. Selbstverständlich profitieren die Kinder von diesem Austausch in ihrer Entwicklung, doch auch die Senioren haben neben der Freude an den Enkeln einen handfesten Gewinn für ihre eigene Gesundheit. Die Lieder der Kindheit bleiben auch dann noch im Kopf präsent, wenn das Kurzzeitgedächtnis nachlässt.

Auch demente Menschen, die in ihrer eigenen Welt leben, erinnern sich an Melodien und Texte. So können die alten Lieder einen für beide Seiten bereichernden Zugang zu den Betroffenen ermöglichen. „Erinnerndes Singen“, nennt Schusser das.

Viele Lieder erzählen von der Landwirtschaft

Ein Indiz dafür, dass in Landwirtsfamilien das Singen ganz besonders gepflegt wird, sind zahlreiche bekannte und weniger oder nur regional bekannte Volksmusikanten, die aus der Landwirtschaft stammen. So haben die Geschwister Reitberger, die Höglinger Stubenmusi der Familie Auer, unzählige Haus- und Saitenmusikanten, Hochzeitslader und Musikkabarettisten wie Martina Schwarzmann, Landfrauenchöre und auch etliche Ehrenamtliche des Volksmusikarchivs einen landwirtschaftlichen Hintergrund. Auch die zahlreichen Briefe, die Schusser auf seinen Aufruf im Wochenblatt erhalten hat, beweisen dies (siehe Kasten, Seite 58.). Nach den Kniereiterspielen zuhause geht die musikalische Entwicklung der Kinder in Kindergarten und Grundschule oder auf dem Pausenhof weiter.

Spiele auf dem Pausenhof mit besonderem Singsang

Zwei Mädchen stehen sich gegenüber und spielen eine Klatsch-Sing-Spiel

Dort gibt es vorwiegend musikbezogene Kinderspiele wie Abklopfen, Bäumchen-wechsel-dich, „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“ oder „Fangermandl“, Seilspringen oder dem mittlerweile aus der Mode gekommenen Gummitwist. Bei all diesen Spielen ist zu beobachten, dass die Rufe oft in einer anderen, meist gehobenen Tonlage und im Singsang erfolgen.

Liederhefte bewahren Kinderlieder sorgsam auf

Kinderliederhefte wie „Boarisch durch die Bruck’n fahr’n“, „Herr Maier kam geflogen“, „Beim Bimperlwirt, beim Bamperlwirt“ oder „Alle meine Entchen“ mit bekannten deutschen und bayerischen Kinderliedern sind Beiträge gegen das Vergessen der überlieferten Kinderlieder und für die stete Neugestaltung in der Praxis. Neben Noten und Texten enthalten sie auch Wissenswertes über die Lieder, ihre Herkunft, Verbreitung und Besonderheiten sowie Impulse zu begleitenden Gesten und Mimik, zum mehrstimmigen Singen, Klatschen, Stampfen, Tanzen oder Spielen.

Dornröschenspiel und Vogelhochzeit

Eine solche Spielanleitung gibt es zum Beispiel für „Dornröschen war ein schönes Kind“, das als Kreisspiel mit verteilten Rollen, Prinzessin, Prinz, Hexe und Fee gespielt und gesungen wird. Alle anderen Kinder bilden die Dornenhecke, die Dornröschen umgibt und dem Prinzen – zunächst – den Zugang verwehrt. Als positives Märchenlied ist es erst seit Ende des 19. Jahrhunderts bekannt, als die Lehrerin Margarete Löffler im Zuge der neuen, empfindsamen Kinderpädagogik die grausame Geschichte des Ritters Blaubart umdichtete.

Deutlich älter ist das Lied von der Vogelhochzeit „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“, das in den Ursprüngen nachweislich mehr als 500 Jahre auf dem Buckel hat. Es wurde bereits im frühen 19. Jahrhundert auf Liedflugschriften verbreitet und bis in die 1970er Jahre auf Hochzeiten gesungen. Die umfangreichsten Tanz- und Spielanleitungen sind im vom Land Salzburg und dem Bezirk Oberbayern herausgegebenen Büchlein „Herr Maier kam geflogen“, zu finden, unter anderem ein Flechtspiel und eine Kinderversion des bekannten Siebenschritttanzes „Bauernmadl“.

Egal, ob Lieder in Mundart oder Hochdeutsch

Kinderlieder gibt es sowohl in Mundart als auch in Hochdeutsch, was für Schusser beides seine absolute Berechtigung hat. „Früher wurde neben der Mundart auch Deutsch in der Schule gesprochen – heute ist es umgekehrt“, sagt der ausgebildete Volksschullehrer. „Das ist für mich Mehrsprachigkeit und eine ganz wichtige Pluralität“, erklärt er. Singen habe zudem etwas mit Toleranz zu tun.

Beim natürlichen Singen erfahren die Kinder sehr früh, dass der Nachbar etwas anderes singe und dass jeder seine eigenen Lieder hat. Schusser wünscht sich, dass mehr emotionales Singen stattfindet anstelle des kognitiven Vermittelns von Musikwissen. Schulnoten fürs Vorsingen lehnt er ab, es gehe nicht um Leistung, sondern es käme darauf an, miteinander in Bewegung und Begegnung zu kommen.

Das musikalische Leben des Ernst Schusser

Der Sänger steht in mitten von Menschen mit einer Ziehharmonik und einem Liederheft in der Hand. Er motiviert die Leute damit zum Singen.

Seit 1996 war Ernst Schusser oberbayerischer Volksmusikpfleger, elf Jahre zuvor hatte er bereits das Volksmusikarchiv (heute „Zentrum für Volksmusik, Literatur und Popularmusik – Volksmusikpflege – Forschung – Archiv“) des Bezirks Oberbayern in Bruckmühl gegründet, das er bis zum Eintritt in seinen Ruhestand Ende Oktober 2020 weiterleitete. Jahrzehntelang sammelte und erforschte der heute 67-Jährige tradiertes Liedgut, Instrumentalmusik, Tänze und Bräuche, war Lehrbeauftragter und Wissenschaftler, legte aber ebenso viel Wert darauf, die Tradition lebendig zu halten.

Einen Großteil seiner Freizeit verbrachte Schusser damit, in Sachen Volksmusik durch die Lande zu fahren – und will es nach der Corona-Pandemie weiterhin tun. Dabei überschnitten sich nicht selten Ehrenamt und Dienst, wie das bei Menschen, die ihren Beruf als Berufung leben, häufig der Fall ist.

Dabei sammelte er nebenbei in den Dörfern ein, was dort überliefert oder neu gedichtet wurde, indem er unterwegs Tonaufnahmen lokal verbreiteter oder neu gedichteter Lieder machte und sich auch die Texte dazu geben ließ.

Schon als Student hatte sich Schusser Mitte der 1970er Jahre der Volksmusik verschrieben. Damals hatte der legendäre Wastl Fanderl, seit 1972 Volksmusikpfleger des Bezirks Oberbayern, den jungen Mann für sich „eingespannt“. Schusser übernahm Liedbegleitungen bei Singstunden, aber auch Nachforschungen zu Liedern, Tänzen und Melodien. Für Liedbegleitungen erhielt er 80 Mark, hinzu kamen weitere Tätigkeiten für den Bayerischen Landesverein für Heimatpflege, das Institut für Volkskunde der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und für die Abteilung Volksmusik des Bayerischen Rundfunks, mit denen er sein Zweitstudium der Volkskunde, Bayerischen Geschichte und Didaktik von 1977 bis 1982 an der LMU München finanzierte. Lange Zeit war seine Frau Margit Hauptverdienerin der Familie. Seit Oktober 2020 ist Schusser im Ruhestand. Sein Nachfolger in der Volksmusikpflege ist der Österreicher Bernd Achhorner.

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