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Lebenswege

Schutzengel haben, Schutzengel sein

Christine Schmid
am Donnerstag, 30.12.2021 - 14:21

Für Resi Reichl sind Engel keine Fantasiefiguren. Denn jeder kann einen Beitrag für andere leisten.

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Engel und Schutzengel gehören ganz selbstverständlich zum Leben von Resi Reichl. Immer wieder fühlte sich die gläubige Austragsbäuerin unter göttlichem Schutz. Doch ihr Verständnis von Engeln reicht weiter: „Der Engel, der uns trägt und hält, wenn wir nicht mehr weiterkönnen – das kann auch ein Mensch sein.“

Die 79-Jährige aus dem oberbayerischen Schwindegg hat mit ihren drei Kindern oft einen Schutzengel gebraucht. Und sie wurde von einigen Menschen selbst schon als „Engel“ bezeichnet, weil sie im richtigen Moment für diese da war. „Manchmal darf man selber ein Engel sein und manchmal darf man seine Fürsorge empfangen“, stellt sie fest. Allerdings müsse man selber schon auch etwas beitragen und tun, was man eben könne.

Erschüttert vom plötzlichen Tod der Mutter

Manche Erschütterung hat es im Leben der Bäuerin gegeben. Sie erinnert sich an den plötzlichen Tod ihrer Mutter, als sie selbst erst 21 Jahre alt war. Am Heiligen Abend wurde die Mutter beerdigt.

„Alles war dunkel. Und dann war da ein Licht, eine freundliche Stimme. Das war der Pfarrer, der nach uns geschaut hat. Da kommt jemand, der will mit dir ein Stück des Weges gehen“ – für sie ein Engel in der Not.

Engel für viele Familien

Wenige Jahre später kümmerte sie sich um den Vater nach dessen Schlaganfall. Damals redete ihr ein Vertrauter gut zu, sich für eine Ausbildung zur Dorfhelferin zu entscheiden. Diese Anregung veränderte Reichls Leben: „Da durfte ich in vielen Familien selbst ein Engel sein, gerade für die Kinder, wenn die Mutter krank war“ oder bei den Entlastungseinsätzen, wenn die Arbeit in einer Familie überhand nahm. So habe sie einmal einen ganzen Tag lang, von morgens früh bis abends spät, nur Wäsche und Kleidung geflickt, was die Bäuerin dankbar mit „Resi, du bist einfach a Engel für mi“ kommentiert habe.

Wichtig, Belastung von der Seele zu reden

Als langjährige Einsatzleiterin der Dorfhelferinnen habe sie häufig erlebt, wie wichtig es war, dass diese sich die Belastungen ihrer schweren Arbeit von der Seele reden konnten: „Ich freu’ mich, wenn ich beistehen kann, wenn ich da sein und zuhören kann. Einen Rat gibt’s meistens eh’ nicht. Tragen muss man’s selber.“ So hat sie es auch als Ortsbäuerin gehalten und in den zwölf Jahren als Kreisvorsitzende des Katholischen Landvolks Mühldorf – den Ehrenämtern, die ihr selbst viel gegeben haben, wie sie sagt.

Dankbar ist sie bis heute, wenn schlimme Situationen gut ausgegangen sind, so wie die lebensbedrohliche Erkrankung ihres kleinen Sohnes. Der musste als Einjähriger lange nach München ins Krankenhaus. Zu dieser Zeit habe man nicht bei seinem Kind bleiben dürfen, was fürchterlich gewesen sei. In diesen Wochen half den Eltern nur ihr Glaube.

Hoffnung schöpfen trotz schlimmer Diagnose

Schrecklich war auch die Erkrankung ihrer Tochter, bei der kurz vor ihrer Hochzeit ein bösartiger Tumor diagnostiziert wurde. Mutter und Tochter gingen in die Klinikkapelle, beteten und weinten. Mit ihrer Mutter an der Seite schöpfte die Tochter Hoffnung. Sie wurde gesund und bekannte: „Wenn die Mama nicht gewesen wäre ... Sie war wie ein Engel.“

Fotos

Reichls Glaube ist ihre Stütze: „Mein Glaube hat mich durchs Leben getragen. Ich könnte mir mein Leben ohne Glauben nicht vorstellen.“ Den Psalm „Der Herr befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf allen deinen Wegen“ empfindet sie immer wieder als verheißungsvoll und tröstend.

Engelfiguren oder -bilder braucht und hat sie nicht: „Es gibt schon Engel, nur vorstellen kann ich mir keine. Für mich sind das Leut’. Freunde sind wie Engel, die dich tragen, wenn du nicht mehr weiterkannst.“ Um Menschen als Engel zu erleben, reichten oft die scheinbar kleinen Gesten. Letztlich gehe es immer darum, für einen anderen da zu sein. „Man kann einen Beitrag leisten. Jeder da, wo er steht“, ist sie sicher.

Ihrer Erfahrung nach kann ein kurzer Besuch, ein freundliches Wort ein Licht in der Dunkelheit anzünden. Mit ihrem bereits verstorbenen Mann teilte sie manche Sorge und Belastung, aber auch viel Freude und den Glauben an Gott. Als sie nach dem Tod ihres Mannes sehr traurig gewesen sei, sei eine Bekannte vorbeigekommen, habe Kuchen mitgebracht und einfach gesagt: „Trinken wir eine Tasse Kaffee miteinander.“
Ab und an hat auch Reichls eigener Schutzengel Arbeit mit ihr. Die freundliche Seniorin erzählt von einem Autounfall, bei dem sie im Straßengraben gelandet war. Das Auto war völlig demoliert, sie aber blieb unverletzt. Oder sie denkt an einen Beinaheunfall mit dem E-Bike, dem sie wie durch ein Wunder knapp entkam, weil sie gerade noch bremsen konnte: „Ich freu’ mich, dass ich noch da sein darf.“

Hingabe für den Hof

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Reichl strahlt ruhige Heiterkeit und Lebensfreude aus: Sie freut sich über ihre erwachsenen Kinder, spricht mit freudigem Interesse über die Entwicklung des Biobetriebs, in dem rund 30 Kalbinnen als Pensionstiere gehalten werden. Bewirtschaftet wird der Betrieb samt Biohotel von Sohn und Schwiegertochter. Reichl kümmert sich um die Stallarbeit – nach wie vor mit viel Hingabe. Sie mag ihre Arbeit.

„Ich bin sehr dankbar. Ich geh’ in der Früh in den Stall zum Füttern. Ich kann aufstehen ohne fremde Hilfe, kann anderen helfen. Ich ernähre mich gesund, koche jeden Tag. Und ich gehe lang und gerne alleine spazieren oder radel mit dem E-Bike.“ Mit ihrem ausgeglichenen Leben, ihrer Achtsamkeit und ihrem Gottvertrauen macht es Reichl ihrem Schutzengel leicht. Bleibt zu hoffen, dass er weiterhin gut auf sie aufpasst.