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Handwerkskunst

Schellenschmied sorgt für den Klang des Sommers

Der Kunstschlosser Philipp Trenkle aus Pfronten im Allgäu stellt in seiner Schmiede Schellen fürs Alpvieh her. Das Geläut gibt den Hirten bei Nacht und Nebel Orientierung, und ist dann perfekt, wenn jedes Tier am Klang erkannt wird.

am Dienstag, 15.11.2022 - 09:59
Feuer
Schmieden
Flexen
Die Kreidestriche zeigen an, was weggenommen werden muss, damit die beiden Schellenhälften gut zusammenpassen.
Die beiden Schellenhälften werden zunächst mit Punktverschweißungen zusammengefügt, dann nochmal passend geschmiedet und anschließend komplett verschweißt.
Klöppel
bohren
Aufhängung
Bis auf ein paar Kleinigkeiten, ist die Schelle fertig. Zum Schluss wird sie noch einheitlich geschwärzt.
Klang testen
Früher wurden Schellen nicht geschweißt, sondern an einem Stück geschmiedet, dann gefaltet und genietet.

Es wird Winter. In den Bergen hört man kein Glockengeläut mehr. Das Vieh wurde längst von den Almen und Alpen herunter getrieben. Das stetige Bimmeln der Glocken und Schellen, welche die Tiere am Hals hängen haben, ist für die einen Musik in den Ohren, die etwas Beruhigendes, fast schon Meditatives hat, andere wiederum fühlen sich in ihrer Nachtruhe gestört, und die Tierhalter werden sogar immer öfter der Tierquälerei bezichtigt.

Brauchtum erhalten

Doch Schellen und Glocken haben in erster Linie einen praktischen Wert und werden den Tieren nicht einfach so umgehängt. Sie dienen den Hirten im unwegsamen und schlecht überschaubaren Gelände oder bei schlechtem Wetter, ihr Vieh zu finden. Und auch der Pfrontner Philipp Trenkle, einer der wenigen Schellenschmiede, die es noch gibt, sagt voller Stolz: „Es gibt für einen Schellenschmied kaum ein größeres Lob, als wenn ihm der Hirte sagt, dass er aufgrund des individuellen Klangs der Schelle genau weiß, wo sich welches Tier befindet.“

Doch auch für den 71-jährigen Kunstschlossermeister ist das Schellenschmieden heute eher eine Ausnahme und zum Hobby geworden. Etwa 15 Schellen stellt er im Jahr noch nach Auftrag her, meist kleinere für den Alltag, nicht die riesigen Prunkschellen für den Viehscheid.

„Reich wird man damit nicht“, meint er schmunzelnd. Das sei aber auch nicht das Ziel. Viel lieber möchte er der Landwirtschaft und den Viehhaltern damit ein Stück Tradition und Brauchtum erhalten, auf die sie stolz sind. In der Familie Trenkle werden schon seit über 50 Jahren keine Kühe mehr gehalten, ein paar Bergwiesen sind noch in ihrem Besitz, aber man fühlt sich nach wie vor verbunden mit den Alpbauern.

Gelernt hat Trenkle das Schellenschmieden von seinem Vater. Die Trenkles sind schon seit Generationen Schmiede und Schlosser. Der Vater hat die Schlosserei, die schon seit 1839 in Pfronten existiert, 1935 übernommen. Auf der Suche nach dem perfekten Klang hat er dabei eine neue Art der Schellenherstellung erfunden. Für die Schellen verwendete er alte Sägeblätter und schweißte sie, statt zu falten und nieten. Die Sägeblätter waren aus sehr hochwertigem Material und stellten sich als ideal dar. „Die Schellen, die mein Vater gemacht hat, waren vielleicht nicht die Schönsten, aber was den Klang betraf einfach einzigartig“, erzählt der Schlosser rückblickend.

Aufwendiges Handwerk

Philipp Trenkle übernahm bereits mit 22 Jahren die Schlosserei und investierte im Laufe der Zeit in moderne Maschinen wie Schmiede- und Lufthämmer oder Bohrmaschinen. „Materialverformen ist heute kein Thema mehr und man braucht auch keinen Zuschläger mehr“, erklärt der Fachmann.

Mit der Wiedereinführung der großen Viehscheide zu touristischen Zwecken wurden eine Zeitlang mehr Schellen nachgefragt. „Vor rund 15 Jahren haben wir einmal zum Viehscheid in Pfronten alle Schellen zur Ehrung der Alphirten angefertigt“, erzählt Trenkle. Das „Wir“ schließt seinen Sohn Kilian und seinen Firmling Luis Huber ein, die zwar beide keine gelernten Schlosser sind, aber schon in jungen Jahren das Schellenschmieden für sich entdeckt haben. „Und sehr schöne Schellen schmieden“, fügt der Meisterschlosser an.

Auch wenn heute die Arbeit im Metallhandwerk wesentlich leichter ist als früher, ist sie nach wie vor anstrengend und zeitaufwendig. Bis eine kleine Schelle fertig ist, dauert es locker fünf bis sechs Stunden. Trenkle lässt sich dazu heute Rohlinge aus ST-52-Stahl vorfertigen. Nach einer Vorbehandlung mit dem Lufthammer, der dem Metall eine etwas schönere Optik gibt, geht es ab ins Feuer in der Esse. Wenn das Metall glüht, wird es auf dem Amboss in Form geschlagen. Etwa zehn Schmiede-Durchgänge braucht es, bis eine Hälfte die gewünschte Form hat.

Sind beide Hälften fertig, macht sich Trenkle an die Aufhängung für den Lederriemen, in die er dann seine Signatur schlägt, ein großes T. Während auch die Öse des Klöppels von Hand geschmiedet wird, entsteht der eigentliche Klöppel unter dem mächtigen Schmiedehammer. Der Klöppel muss zur Größe und zum Material der Schelle passen, damit diese nicht kaputt geht.

Sind alle Teile fertig, müssen sie noch zusammengebracht werden. Zuschneiden, flexen, schweißen und bohren, sind die teilweise abwechselnden Arbeitsschritte. „Die Schweißnähte müssen sitzen und sehr ordentlich sein“, erklärt der Fachmann, vor allem wenn man mit Stahl statt mit Messing arbeitet. Der letzte Arbeitsschritt dient nochmal der Optik; die Schelle wird geschwärzt.

Besonders spannend ist für Trenkle immer wieder der erste Klangtest. Auch die kleinen Schellen sollen satt und etwas dunkel klingen, nicht so rein und hell wie eine Glocke. Die passenden Lederriemen lässt Trenkle auf Wunsch bei einem Sattler aus dickem, hochwertigem Leder anfertigen.

Alte und neue Traditionen

Neben dem Schmieden von neuen Schellen, repariert Trenkle auch alte Schellen, die ihm immer wieder mal gebracht werden. Häufig sind es zu schwere, scharfkantige Ersatzklöppel aus den abenteuerlichsten Materialen, die die Schelle abnutzen und dann oft reißen lassen. Sie verliert dadurch ihren schönen Klang.

Hin und wieder fragen Leute Schellen als Geschenk für Hochzeiten, Geburtstage oder Weihnachten an, meist mit eingraviertem Monogramm. Ein Stück mit Geschichte werden diese Schellen oft nicht. Eine Schelle gehört ans Vieh, davon ist der traditionsbewusste Trenkle, der auch 1. Vorsitzender des Pfrontner Heimatvereins ist, überzeugt.

In jüngster Zeit gibt es aber eine Ausnahme: Silvester. Zunehmendes Umweltbewusstsein und zuletzt Böllerverbote durch die Corona-Pandemie haben vor allem in den sozialen Netzwerken die Idee, „Schellen statt Böller“ bzw. „Das Allgäu schealet“ in Umlauf gebracht.

Das zweckentfremdete „Schelle“ im eigenen Garten oder am Balkon zum Jahreswechsel war nämlich nicht verboten. Und so hat auch Familie Trenkle sämtliche gesammelten Schellen und Glocken hervorgeholt, und das Jahr 2022 erstmals gehörig laut „eingeschellt“.