Landfrauen

Richtig gut leben?!

7 Personen der Familie stehen auf einer Wiese. Dahinter sieht man Berge und ein Dorf im Tal.
Dr. Andrea Fuß, BBV
am Freitag, 08.01.2021 - 09:30

Die Landfrauentage stehen jedes Jahr unter einem Motto, heuer: „Richtig gut leben!?“ – Ein Thema, das durch Corona eine besondere Bedeutung bekommen hat. Hier die Gedanken von Dr. Andrea Fuß, Geschäftsführerin der Landfrauen.

Zu Beginn des Jahres 2020 hat der Landesvorstand der Landfrauengruppe – wie in jedem Jahr – ein Rahmenthema für die Landfrauentage im nächsten Winter festgelegt. Vor dem Hintergrund der wachsenden Ansprüche der Gesellschaft an die Landwirtschaft, der Diskussionen um das Volksbegehren zur Artenvielfalt 2019, der Fridays for Future-Demonstrationen von Schülerinnen und Schülern, war man sich einig, dass bei den nächsten Landfrauentagen die Themen Nachhaltigkeit und Alltagskompetenzen eine zentrale Rolle spielen sollten. Und dann kam Corona.

Die Coronakrise beeinflusste die Themenfindung

Das verlieh dem Thema „Wie gelingt ein richtig gutes Leben?“ eine neue Dringlichkeit und Aktualität. Plötzlich war diese oft auf Selbstoptimierung zielende Frage zu einer existenziellen Frage geworden: Was heißt richtig gut leben in der Coronakrise – mit einem Virus, dessen Krankheitsbild von symptomlos bis tödlich verlaufen kann, mit weitreichenden Kontaktbeschränkungen, die auch vor dem engsten Familien- und Freundeskreis nicht haltmachen, wenn man auf lieb gewordene Gewohnheiten verzichten muss, bei einer rasanten Zunahme von Digitalisierung im Alltag? Und sehr schnell wurde uns deutlich, was es für ein richtig gutes Leben braucht und worauf man – entweder für eine gewisse Zeit oder auch vollständig – verzichten kann.

Auf einen gesunden Geist kommt es an

„Gesundheit ist das höchste Gut!“ sagt der Volksmund. „Bleiben Sie gesund!“ lautet der aktuelle Gruß in der Coronazeit, wenn man seinem Gegenüber Gutes wünschen möchte. In der Regel bezieht sich dieser Gruß darauf, dass man vor dem Coronavirus verschont bleiben möge. Das ist wichtig, aber Gesundheit ist so viel mehr als körperliche Gesundheit.

Das merken wir gerade in der aktuellen Krise. Die seelische und geistige Komponente der Gesundheit darf auf keinen Fall vernachlässigt werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits 1948 in der Präambel zu ihrer Verfassung Gesundheit sehr umfassend definiert: „Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens (engl.: well-being) und nicht nur des Freiseins von Krankheit und Gebrechen.“

Soziale Kontakte sind essentiell

So betrachtet, gewinnt das oben zitierte Sprichwort noch eine ganz andere Bedeutung. Denn für unsere seelische Gesundheit sind Beziehungen zu Familie und Freunden essentiell. Und gerade hier müssen wir uns aktuell einschränken. Was können wir selbst tun, damit wir trotzdem richtig gut leben und unsere Gesundheit in der Krise umfassend stabil halten? Drei Tipps zum Start des neuen Jahres:

  • Erstens für die körperliche Stabilität viel Bewegung an der frischen Luft – egal ob beim Waldspaziergang, der Gartenarbeit, beim Walken oder Radfahren.
  • Zweitens für die geistige Fitness die Corona-Situation als Chance für Neues sehen und nicht dabei stehen bleiben, was nicht geht, sondern prüfen, was möglich ist.
  • Drittens für das soziale Wohlbefinden und die seelische Gesundheit in die Menschen investieren, die einem am meisten bedeuten. Das heißt: Zum einen vertrauensvolle Beziehungen durch kreative Begegnungsmöglichkeiten stärken. Zum anderen Zeit nehmen für herausfordernde oder zerbrechende Beziehungen, damit diese – vielleicht mit Unterstützung von außen – neu belebt werden.
Krisen wirken oft wie ein Katalysator; sie vertiefen feine Risse, sodass diese sichtbar werden.

Krisen wirken oft wie ein Katalysator. Sie vertiefen feine Haarrisse, sodass diese sichtbar werden. So kann eine bröckelnde Partnerschaft schwerer Ballast sein, der die Gesundheit beeinträchtigt und damit einem gelingenden Leben im Weg steht. Doch birgt jede Krise die Chance auf Besserung in sich.

Bayerische Lebensmittel sind beliebter geworden

Richtig gut leben?! Was braucht es noch außer der Abwesenheit von Krankheit, geistiger Fitness und sozialen Kontakten? Wir haben die scheinbaren Selbstverständlichkeiten neu schätzen gelernt: Als plötzlich die Regale für Grundnahrungsmittel wie Mehl, Nudeln und Zucker in den Supermärkten für kurze Zeit leer waren und zu Ostern keine Hefe aufzutreiben war, wurde uns allen neu bewusst, was für ein hohes Gut eine zuverlässige und kontinuierliche Versorgung mit Lebensmitteln ist.

Dazu tragen auch die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern sowie das Zusammenspiel von Erzeugern, Verarbeitern und Handel bei. Die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln stieg in den letzten Monaten stark an. Es bleibt zu hoffen, dass für diejenigen, die auf den Geschmack unserer guten bayerischen Lebensmittel gekommen sind, diese auch in Zukunft zu einem richtig guten Leben dazugehören.

Die Menschen kochen mehr

Die Versorgung mit Lebensmitteln war auch im Corona-Frühjahr durchgehend in einer große Vielfalt an pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln sichergestellt. Doch schob sich ein anderes Thema in den Vordergrund: die Zubereitung von Speisen – kurz gesagt das Kochen. Denn Home-Office und Distanzunterricht bedeuten auch, keine Kantine zu haben, die einem jeden Tag das Mittagessen serviert.

Die Verpflegung aller zu Hause Lernenden und Arbeitenden muss selbst sichergestellt werden: jeden Tag, für jede Mahlzeit und möglichst noch gesund, mit wenig Zeitaufwand und schmecken soll es auch. Für manche eine riesige Herausforderung! Leichter taten sich all diejenigen, die über Grundkenntnisse der Nahrungszubereitung verfügen, sprich Kochen von ihren Eltern oder in der Schule gelernt haben. Fazit: Wer richtig gut leben will, kommt um Alltagskompetenzen nicht herum!

Richtig gut Leben mit und in der Gesellschaft

Die Querdenken-Bewegung hat in die Öffentlichkeit gebracht, was bereits in der Gesellschaft schlummert: Die fehlende Bereitschaft, zum Schutz des Anderen auf persönliche Rechte zu verzichten.

Und was heißt richtig gut leben im Hinblick auf unsere Gesellschaft? Schon vor der Pandemie konnten wir beobachten, dass Werte, die in das Gemeinwohl einzahlen wie soziale Gerechtigkeit oder Solidarität an Bedeutung verloren haben. Im Vergleich dazu haben individuelle Freiheitswerte in den letzten Jahren eine zunehmend größere Relevanz erhalten wie der Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Corona hat auch hier wie ein Beschleuniger gewirkt. Die Querdenken-Bewegung hat in die Öffentlichkeit gebracht, was bereits in der Gesellschaft schlummert: Die fehlende Bereitschaft, zum Schutz des Anderen auf persönliche Rechte zu verzichten. Doch dies wird nicht funktionieren.

Wer in einem demokratischen System leben will, muss auf Maximalpositionen verzichten und um die bestmögliche Lösung für alle, also den Kompromiss ringen. Kompromisse sind ein Wesensmerkmal der Demokratie. Langfristig werden wir als Gesellschaft meines Erachtens nur dann richtig gut leben können, wenn wir unsere Positionen in politische Diskussionen einbringen und bereit sind, die dann von allen Akteuren ausgehandelten Lösungen mitzutragen.

An die nächsten Generationen denken

Schließlich: Unabhängig von Corona ist uns allen klar, dass wir uns beschränken, dass wir unseren Lebensstil anpassen müssen, damit wir und auch die nächsten Generationen richtig gut leben können.

Der Gedanke nachhaltigen Lebens und Wirtschaftens ist im bäuerlichen Denken und Handeln tief verwurzelt. Seit Generationen war es das Ziel bäuerlichen Handelns, den von den Eltern geerbten Hof so zu bewirtschaften, dass man selbst davon gut leben und ihn erhobenen Hauptes an die nächste Generation weitergeben kann.

Nicht umsonst stammt der inzwischen überstrapazierte Begriff der Nachhaltigkeit ursprünglich dem forstwirtschaftlichen Prinzip: In einem Wald darf nicht mehr Holz gefällt werden, als permanent wieder nachwachsen kann. Doch scheint uns allen dieses Denken mehr und mehr verloren gegangen zu sein. So braucht es für jeden einzelnen Lebensbereich eine Rückbesinnung auf die Balance zwischen dem Ent-Nehmen und dem Zurück-Geben.

Was nehmen Sie sich für 2021 vor?

Das Jahr 2021 ist ein noch unbeschriebenes Blatt. Es kann für jeden Lebensbereich neu beschrieben werden. Was nehmen Sie sich vor, um 2021 richtig gut zu leben? Knüpfen Sie, sobald es geht, an Anfang 2020 an oder ziehen Sie für sich Lehren aus Corona? Welche Werte haben Sie durch die Krise geleitet? Was ist Ihnen in Bezug auf Ihre Beziehungen – Ihre Partnerschaft, Ihre Familie und Ihre Freundschaften – wichtig geworden? Was nehmen Sie sich für Ihr berufliches Wirken vor? Hat Ihre Gesundheit – körperlich und seelisch – durch Corona einen anderen Stellenwert erhalten? Wie wollen Sie sich finanziell aufstellen? Welche Bedeutung sollen zukünftig freie Zeiten für Sie persönlich haben und wie wollen Sie sich in die Gesellschaft einbringen, sich ehrenamtlich engagieren? Und welche Rolle spielt für all diese Fragen hier die zunehmende Digitalisierung? Ein zweiter Blick darauf lohnt sich, wenn Digitalisierung verbunden ist mit der Fragestellung, inwiefern sie dazu beitragen kann, ein richtig gutes Leben zu führen. In diesem Sinne: Ein richtig gutes 2021!

Weitere Impulse zum Thema

Am 18. Februar 2021 findet der erste virtuelle bayerische Landfrauentag statt. Das Programm steht ab Ende Januar zur Verfügung unter www.bayerischerbauernverband.de/virtueller-landfrauentag.

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