Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Orgel

Retter der Weihnachtsmusik

Orgelbauer-Dominik-Friedrich: Ein junger Mann sitzt lässig auf einer Werkbank. Hinter ihm sind verschiedene Werkzeuge an der Wand aufgehängt.
Rainer Heubeck - Storymacher
am Mittwoch, 15.12.2021 - 16:20

Dominik Friedrich ist Orgelbaumeister im Nürnberger Raum. Besonders in der Advents- und Weihnachtszeit brauchen Kirchenorgeln Pflege: Mäuse, die Zeit und die Heizung verstimmen die Klänge.

Glühwein trinken, Plätzchen backen, Weihnachtsmusik in der Kirche – das macht für viele Menschen die Vorweihnachtszeit aus. Für Dominik Friedrich ist Letzteres das A und O. Der 35-Jährige ist Orgelbaumeister und leitet seit 2009 das Familienunternehmen „Werkstätte für Orgelbau – Benedikt Friedrich“ in Oberasbach bei Nürnberg. Zusammen mit seinem Team betreut er etwa 400 Orgeln im Raum Nordbayern und restauriert Kirchenorgeln. Gerade vor Weihnachten sind die Orgelbauer viel unterwegs, um die Kirchenorgeln vor den Feiertagen noch einmal zu stimmen. Zudem verleiht Friedrich regelmäßig Truhenorgeln, die bei festlichen Konzerten in der Vorweihnachtszeit eingesetzt werden.

Rufbereitschaft an Weihnachten

Orgel-Stimmen-Orgelbau-Mitarbeiter: Ein Mann mit Stirnlampe sitzt etwas beengt in einer Orgel. Er ist umgeben von verschiedenen Holzelementen und Orgelpfeifen.

Sogar an Heiligabend ist Friedrich auf Abruf: „Vor einigen Jahren wurde ich an Heiligabend nach Gerhardshofen im Aischgrund gerufen, dort war die Orgel plötzlich nicht mehr bespielbar – vermutlich hatte eine Maus die Schnur der Winddrossel durchgebissen“, erinnert sich Friedrich. Doch nicht immer liegt es an einer hungrigen Kirchenmaus. Die Orgel ist zwar, so sagte jedenfalls Mozart, „der König aller Instrumente“, trotzdem reagiert sie sehr empfindlich auf Veränderungen der Umgebungstemperatur. Wenn diese in kurzer Zeit erhöht wird, tritt trockene Luft in die Orgel ein und es können Spannungen entstehen. Im günstigsten Fall verstimmt dies die Orgel nur ein bisschen, im schlimmsten Fall verursacht das einen Dauerheulton, der die komplette Orgel unbespielbar macht.

Gerade an Weihnachten ist die Gefahr eines solchen Dauerheultons groß, denn die sonst eher kühlen Kirchen werden kurz vor dem Festgottesdienst oft stark beheizt – die Temperatur in der Kirche steigt dabei fast sprunghaft um 15 Grad. Pro Grad Celsius verschiebt sich die Stimmung einer Orgel um etwa 0,8 Hertz. Aus diesem Grund hat Dominik Friedrich auch an den Feiertagen Rufbereitschaft und kann schnell handeln, denn was wäre ein Weihnachtsgottesdienst ohne Orgelmusik?

Große Verantwortung in der Vorweihnachtszeit

Orgelbau-Werkzeug_B

Vor wenigen Jahren beispielsweise hat er direkt an den Feiertagen ein pneumatisches Taschenventil an einer Nürnberger Orgel wieder funktionsfähig gemacht. In der Stadt Nürnberg sind er und seine Kollegen für viele großen Orgeln verantwortlich. „An Tagen, an denen dort Konzerte sind, ist bei uns immer jemand auf Abruf“, versichert Dominik Friedrich.

Orgelrenovierung und Orgelbau, ist für den 35-jährigen Orgelbaumeister aber weit mehr als nur der Einsatz in der Vorweihnachtszeit. Das ganze Jahr über restauriert er die teils meterhohen Musikinstrumente. So reihen sich in seiner Werkstatt Dutzende von blank polierten metallenen Orgelpfeifen. Sie sind sorgsam nebeneinander aufgestellt und mit kleinen Wattebäuschchen stummgesteckt. „Die Pfeifen werden vor Ort mitsamt den Wattebällchen wieder eingebaut, erst wenn die Orgel gestimmt wird, kommt die Watte heraus“, erläutert der Experte.

Die Orgelpfeifen werden nicht vor Ort gereinigt, sondern dafür in die Werkstatt gebracht. Somit müssen Friedrich und seine Kollegen jeweils sämtliche Pfeifen ausbauen und transportieren. Oft ist es neben der Reinigung auch notwendig, die Pfeifen mit dem Lötkolben zu bearbeiten, um sie wieder zu stabilisieren. „Beim Überarbeiten der Orgelpfeifen muss man jedes Teil mehrmals in die Hand nehmen und man braucht etwa 15 bis 20 Minuten für eine einzelne Pfeife“, erklärt der Orgelbauer. Eine eher kleine Orgel hat beispielsweise etwa 550 Pfeifen.

Alle 20 Jahre wird die Orgel komplett gewartet

Orgelbau-Strebel-Orgel-Weißenbrunn: Blich auf eine meterhohe Kirchenorgel unmittelbar unter einer bemalten Kirchendecke auf einer Empore.

So eine Generalüberholung der Kirchenorgel ist etwa alle 20 Jahre notwendig. Allerdings fallen noch viele weitere Arbeiten als die Pflege der Orgelpfeifen an: Auch die Manualtasten, die Pedalklaviatur, die Tonventile und die Windbälge werden dabei ausgebaut und restauriert oder erneuert.

Oft sind die Tasten oder Bälge aus Leder gefertigt oder mit Leder „ausgetucht“. Dieses muss abgelöst und erneuert werden. Als Leim wird dafür entweder der schnell trocknende Knochenleim oder der eher langsam trocknende Fischleim genutzt. Für das Auswechseln des Leders hat Dominik Friedrich verschiedene Lederhäute auf Lager: Beispielsweise Ziegen-, Schafs- oder Rindsleder für kleinere oder größere Bälge sowie dünnes Spaltleder für pneumatische Instrumente.

„Eine Spezialität unserer Werkstatt ist die Sanierung pneumatischer Instrumente aus der Zeit von 1900 bis 1930“, berichtet der Orgelbaumeister. Die Übertragung von Taste zu Tonventil funktioniert bei pneumatischen Orgeln mit Luftdruck, moderne Instrumente werden mechanisch oder elektrisch betrieben.

Deutschlands bester Orgelbaugeselle und Betriebsleiter mit 22

Truhenorgel-Innenraum: Blick hinein, man sieht verschiedene Metallröhrchen und eckige Pfeifen aus Holz.

Dominik Friedrich wurde im Jahr 2008 als bester Orgelbaugeselle Deutschlands ausgezeichnet. Fünf Jahre darauf fertigte er sein Meisterstück an, eine Truhenorgel mit drei Registern. Zu diesem Zeitpunkt war Friedrich bereits seit mehreren Jahren Betriebsleiter.

Sein Vater Benedikt Friedrich war ebenfalls Orgelbauer. Als dieser im Jahr 2009 unerwartet verstarb, hat Dominik Friedrich sofort die fachliche Leitung des Betriebs übernommen – im Alter von 22 Jahren. „Mein Vater hatte bei der Firma Steinmeyer in Oettingen gelernt, das Unternehmen war einst einer der bedeutendsten Orgel- und Harmonienhersteller in Deutschland“, erinnert sich Dominik Friedrich. Schon als Kind hat er seinen Vater oft bei der Arbeit begleitet. Die Liebe für die Orgel liegt seit Generationen in der Familie, denn auch Friedrichs Großvater ist Organist in einer Erlanger Kirche.

Ihr Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt
blw digital iphone blw digital macbook
Hefttitelbild Printausgabe Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt