Landleben

Die Region ist unsere Welt

Landleben
Dr. Andrea Fuß, Bayerischer Bauernverband
am Montag, 30.12.2019 - 11:15

In der Region, in der wir leben, können wir die Welt verändern: Indem wir uns einsetzen und Dinge bewusst angehen. Das erfordert Engagement.

Lokal oder global, Dorfbewohner oder Weltenbürger? Die Region steht irgendwo dazwischen. Bei den meisten Lesern entsteht bei „Region“ vor ihrem geistigen Auge ein Bild von etwas Überschaubarem, Vertrautem, vielleicht sogar von Heimat. Sie ist in jedem Fall größer als das Dorf, in dem ich zuhause bin. Sie kann einem Landkreis entsprechen oder nach einem Gebirge, See oder Fluss benannt sein wie etwa die Region Ammersee.

Der Begriff Region wird in verschiedenen Zusammenhängen verwendet. Ein Trend bei Lebensmitteln ist derzeit die Regionalität, also der Kauf von  Produkten aus der Region. Oft denken wir dabei an unsere  „bayerischen Lebensmittel“. Region steht in diesem Fall für Qualität. Kennzeichen der Genussregionen ist es, die Kulinarik einer Region und damit die regionalen Spezialitäten in den Mittelpunkt zu stellen.

Dazu gilt es, landwirtschaftliche Betriebe, Lebensmittelhandwerk und Gastronomie miteinander zu vernetzen. Vernetzung ist auch das Stichwort für die Bildungsregionen: Dabei arbeiten Schulen mit außerschulischen Partnern zusammen, um jungen Menschen in ihrer Region die bestmögliche Bildung zu ermöglichen. Im öffentlichen Nahverkehr ist von Metropolregionen die Rede, was in gewisser Weise ein Widerspruch in sich ist, weil eine Metropole eine überregional bedeutende Stadt bezeichnet. Und wenn man vom „Europa der Regionen“ spricht, dann soll die große Idee Europa auch vor Ort Auswirkungen haben.

"Region gestalten" als Jahresthema

Wieso haben die Landfrauen das Thema „Region gestalten!“ als ihr Jahresthema gewählt?

  1. Weil wir darauf aufmerksam machen wollen, dass Regionen und damit die ländlichen Räume gestaltet werden müssen. Immerhin leben 56 % der Bayern auf dem Land. Dafür braucht es verschiedene Partner. Da geht es um Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten, Freizeitgestaltung, schnelles Internet und vieles mehr.
  2. Weil wir Landfrauen bereits seit mehr als 70 Jahren genau dies tun und uns mit viel Herzblut für unsere Region einsetzen. Landfrauen organisieren Bildungsangebote bis ins kleinste Dorf, und ihre Kuchenbuffets sind bei Festen und Messen in den Regionen hoch geschätzt.
  3. Weil wir vor dem Hintergrund der anstehenden Kommunalwahlen die Menschen auf dem Land und insbesondere die Frauen dazu aufrufen wollen, durch Kandidaturen sowie die Unterstützung von Kandidatinnen und Kandidaten ihre Region mitzugestalten. Und natürlich gehört auch die Stimmabgabe am Wahltag dazu.
  4. Weil wir Landfrauen davon überzeugt sind, dass jeder einzelne über den Kauf von regionalen Produkten seine Region mitgestaltet. Denn wer regional einkauft, steigert die Wertschöpfung und die Kaufkraft in seiner Region. Wenn erwirtschaftete Gewinne in der Region bleiben, sichert das Arbeitsplätze. Die heimische Landwirtschaft profitiert insbesondere vom Kauf regionaler Lebensmittel. So bleiben landwirtschaftliche Flächen und wertvolle Kulturlandschaften erhalten. Ein attraktives Landschaftsbild steigert zudem den Freizeit- und Erholungswert einer Region und belebt den Tourismus.

Wer sein Zuhause mag, wird es pflegen

„Region gestalten!“ fängt im Kleinen an. So beobachtete der römische Feldherr und Schriftsteller Cato der Ältere um 150 v. Chr. in seinem Werk „Über den Ackerbau“, dass man eine gute Region daran erkenne, wie die Menschen dort ihr Land gestalten. Der alte Cato hat Recht. Wer sein Zuhause mag und es wertschätzt, wird es pflegen und liebevoll gestalten. Beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ spielt genau das eine Rolle: Die Zukunft des Dorfes „in der Region, mit der Region und für die Region“.

Selbst einzelne Höfe wirken durch die zunehmende Diversifizierung in die Region hinein – egal ob als Direktvermarkter, als Betreiber eines Bauernhofcafés oder als Erlebnisbauer. Urlaubsgäste auf dem Bauernhof beleben die ganze Region, sie nutzen Freizeit-, Sport- und Kulturangebote und gehen gerne auch auswärts essen. In Zahlen ausgedrückt: Jeder siebte Arbeitsplatz in Bayern hängt mit der Agrar- und Forstwirtschaft zusammen.

„Region gestalten!“ bedeutet Demokratie stärken. Regionen werden von engagierten Menschen gestaltet. In Bayern ist fast jeder Zweite ehrenamtlich engagiert – auf dem Land noch stärker als in der Stadt. Und dieser Einsatz geschieht vor Ort: Bei der Freiwilligen Feuerwehr, in Sportvereinen, in Elternbeiräten von Schulen und Kindergärten, in Trachten- und Schützenvereinen, im sozialen Bereich oder auch in den Kirchen bringen Menschen ihre Fähigkeiten zum Wohl anderer ein. Wenn dagegen Orte zu Schlafdörfern werden und junge Menschen fluchtartig das Land verlassen,  verlieren Regionen ihre Attraktivität. Ohne aktives und attraktives Dorfleben stirbt die Region.

Mitgestalten ist essentiell für Demokratie

Ehrenamt stärkt außerdem das soziale Miteinander. Man arbeitet gemeinsam für ein Ziel und löst Probleme, indem man Kompromisse findet. Wer so mitdenkt, mitplant und  mitgestaltet, zieht sich in der Regel nicht in die  Schmollecke der Extreme zurück. Insofern ist das Mitgestalten der Heimat essentiell für unsere Demokratie.

Natürlich bringt „Region gestalten!“ auch  Herausforderungen mit sich. Jede Region ist einzigartig und unterschiedlich – die eine stadtnah, die andere in einem ländlich geprägten Gebiet. Hinzu kommt, dass jede Region auch Teil eines größeren Ganzen ist. Autobahnen oder Schnellstraßen beispielsweise verändern  Regionen nachhaltig. Sie betreffen die Menschen, die in der Region leben, und haben doch eine darüber hinaus gehende Bedeutung. Zwei Beispiele verdeutlichen dies:

  • Die Region München ist bekanntermaßen eine Boomregion und von stetigem Bevölkerungswachstum geprägt. Wohnraum ist knapp, freie Flächen in der Stadt kaum verfügbar. Und so dehnt sich die Stadt immer weiter ins Umland aus – sehr zum Leidwesen der bäuerlichen Betriebe dort, die Flächen brauchen, um ihre Existenz zu sichern.
  • Ländlich geprägte Regionen stehen vor ganz anderen Herausforderungen. Das Hauptthema ist hier die Daseinsvorsorge.  Wenn beispielsweise die Geburtsstation in einem Kreiskrankenhaus schließt, dann werden sich junge Paare überlegen,  ob sie nicht besser gleich in die Nachbarregion ziehen.

Miteinander statt Gegeneinander

Auch für diese übergeordneten und oft schwierigen Fragen gilt: „Region gestalten!“ geht nur mit den Menschen. Im Dialog gilt es, Lösungen zu erarbeiten, die von allen Beteiligten mitgetragen werden. Sonst wird aus einem Miteinander ein Nebeneinander und schlimmstenfalls ein Gegeneinander. Nur durch das Ringen um Kompromisse ist es möglich, Schritte in die Zukunft zu gehen, die ein Auseinanderdriften verhindern.

Jeder soll die Region, in der er lebt, mitgestalten. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ehrenamtliches Engagement und die politische Beteiligung spielen dabei eine besondere Rolle. Im März 2020 finden die nächsten Kommunalwahlen statt. Deshalb planen wir Landfrauen zeitnah danach in allen Bezirksverbänden kommunalpolitische Abende. Dazu laden die jeweiligen Bezirksbäuerinnen ein, um besonders die politisch engagierten Landfrauen besser zu vernetzen. Wer daran Interesse hat, darf sich gerne per E-Mail unter Landfrauen@BayerischerBauernverband.de melden.