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Tradition

Palmbuschen binden: Kraft aus Tradition schöpfen

Palbuschen-Vorschau
Anja Kersten
am Freitag, 08.04.2022 - 11:55

Kräuterbäuerin Siglinde Beck bindet ihre Kräuterbuschen für Palmsonntag mit Geschick und Bedacht. Bereits das Sammeln der sieben Kräuter und Zweige lässt sie innehalten. Ihr Wissen über die fast vergessene Tradition gibt sie weiter.

Palmbuschen oder Palmboschen werden in jeder Region ein wenig anders gebunden und geschmückt. Man bindet sie als große Palmbuschen oder als Handstrauß und schmückt sie mit Eiern, Bändern, einem Kreuz oder Kranz aus Palmkätzchen. Doch so unterschiedlich ihre Ausführung in den einzelnen Regionen ist, eines haben sie alle gemeinsam: Die unterschiedlichen Zweige, mit denen der Palmbuschen gebunden wird, haben jeweils die gleiche Bedeutung.

Die religiöse Zahl 7 in den Kräuterbuschen verankert

Palmbuschen: -7 Zweige liegen auf einem Holztisch.

Bei Siglinde Beck aus Oettingen (Lks. Donaus-Ries) in Schwaben kommen Zweige von sieben unterschiedlichen Pflanzen in den Palmbuschen. Sie bindet ihn traditionell am Samstag vor Palmsonntag. Sieben verschiedene Zweige sind es nicht deshalb, weil sie zu dieser Jahreszeit nicht mehr unterschiedliche Pflanzen findet, sondern weil der Zahl in der Bibel eine besondere Bedeutung zukommt.

Die Welt wurde in sieben Tagen erschaffen und der siebte Tag ist der Tag, an dem das Werk vollendet war. So steht die Zahl für Ganzheit und Fülle. „Man kann natürlich auch weniger verschiedene Zweige zusammenbinden“, erklärt die Kräuterpädagogin, doch für sie ergäbe die Zahl Sieben einfach viel Sinn.

„Nichts von unseren Traditionen wird einfach so gemacht. Hinter allem steckt eine tiefe Symbolik“, sagte die Bäuerin, die 2006 den Kurs zur Kräuterpädagogin gemacht hat und ihr Wissen in Kursen weitergibt. Seitdem beschäftigt sie sich nicht nur mit essbaren Kräutern und Pflanzen, welche die Menschen schon seit Jahrhunderten für ihre Gesundheit und ihren Speiseplan benutzen, sondern auch mit Brauchtum und Tradition in Zusammenhang mit Pflanzen im Kreislauf der Jahreszeiten. „Das Brauchtum im Wechsel der Jahreszeiten zu leben, tut mir einfach gut“, sagt sie.

Auch von vielen Kursteilnehmerinnen bekomme sie diese Rückmeldung. Viele von ihnen verfügen nicht mehr über das Wissen, das in bäuerlichen Familien und in den Dörfern wie selbstverständlich von Generation zu Generation weitergeben wurde, spüren aber dennoch eine Sehnsucht nach Traditionen, die im Jahresablauf Halt gebe. „Auch ich schöpfe daraus viel Kraft“, sagt die Bäuerin.

Kräuter sammeln und binden mit Bedacht

So ist auch das Binden der Palmbuschen nicht einfach ein Basteln mit Naturmaterialien, sondern etwas, das eine religiöse Bedeutung für sie hat und sie im Alltag innehalten lässt.

Schon das Schneiden und Suchen der verschiedenen Zweige für den Palmbuschen im Hof, im Garten und auf den Feldern macht sie mit Bedacht und freut sich bei ihrem Gang durch die Natur, wie diese langsam zum Leben erwacht. „Anders als die Menschen in südlichen Ländern, die den Einzug Jesu nach Jerusalem mit Palmwedeln feierten, haben wir hier keine Palmwedel“, schmunzelt sie beim Schneiden. Die Menschen mussten deshalb auf die Pflanzen zurückgreifen, die bei ihnen wuchsen. Darunter waren auch Pflanzen, die schon vor dem Christentum, zum Beispiel bei den Kelten, eine tiefe Bedeutung hatten.

Palmkätzchen und Bienen für die Auferstehung

Palmbuschen-Palmkätzchen-Gestaltung: Drei Bilder von fertig gebunden Palmbuschen.

In südlichen Ländern dagegen war die Palme eine wichtige symbolische Pflanze. Mit Palmzweigen wurden Königen gehuldigt und Sieger empfangen. Bei den Römern galt die Palme bzw. der Palmwedel als Pflanze des Sieges und des ewigen Lebens. Es überrascht deshalb nicht, dass im Neuen Testament geschrieben steht, dass Jesus mit Palmwedeln empfangen wurde. Auch der Name „Palmsonntag“ verweist auf die Palme.

Was in südlichen Ländern die Palmwedel sind, das sind bei uns die gebundenen Palmbuschen und in diese gehören Weidenkätzchen oder Palmkätzchen. „Palmkätzchen finden sich deshalb in jedem Palmbuschen, auch in den kleinen Handsträußen, die man hinter das Kreuz steckt und die aus weniger als sieben unterschiedlichen Zweigen bestehen“, so die Kräuterpädagogin. Palmkätzchen, die auch eine wichtige Futterpflanzen für Bienen sind, stehen auch als Zeichen dafür, dass neues Leben beginnt. Sie stehen für Neubeginn und Auferstehung.

Von jeher haben die Menschen nicht nur dem Palmbuschen, sondern vor allem den Palmkätzchen eine besondere Bedeutung beigemessen. Noch heute gibt es den Brauch, damit dreimal um das Haus zu laufen, um Segen zu erbitten und Unheil abzuwehren. Palmkätzchen und -zweige wurden auf dem Feld vergraben, dem Vieh streute man ein paar Palmkätzchen ins Futter. In manchen Gegenden verschluckten Kinder und Erwachsene sogar ein Palmkätzchen zum Schutz oder man steckte den Kindern ein Palmkätzchen in Bett oder Wiege.

Der Stock in der Mitte aus Haselnuss oder Holunder

Palmbuschen-Handgriff-binden: Links ein Bild eines Palmbuschen, dessen Handgriff mit Weidenzweigen umwickelt wurde, rechts wurde der Griff mit Moos geflochten.

Gebunden werden die einzelnen Zweige für den Palmbuschen traditionell an einen Stock aus Haselnuss oder Holunder, auch das nicht ohne Grund. „Die Hasel steht für Weisheit und Fruchtbarkeit, der Holunder ist eine alte Schutz- und Heilpflanze“, erklärt Siglinde Beck, die sich in ihrer Abschlussarbeit mit dem Holunder beschäftigt hat.

Sie war sogar so fasziniert von der Vielseitigkeit, der Symbolik und der Heilkraft des Holunders, dass sie auf der Suche nach einem passenden Namen für den Hof und ihre Arbeit als Kräuterpädagogin den Namen „Holunderhof“ wählte. „Holunderplantagen haben wir keine“, lacht sie, „nur ein paar Holundersträucher rund ums Haus.“

Eiche, Buche, Efeu, Buchs, Stechpalme und Tanne

  • Dass die Jahreszeiten aber auch unser Leben nicht nur aus Neubeginn, sondern auch aus Abschied und Sterben besteht, wird in dem Palmbuschen in Form von Eichen- oder Buchenzweigen mit dürrem Laub ausgedrückt. „Es soll uns an die Vergänglichkeit erinnern“, so Siglinde Beck.
  • „Efeu und Buchs dagegen tragen uns als immergrüne Gewächse durch die dunkle Jahreszeit“, weiß sie. Bereits bei den alten Ägyptern und Griechen war der Buchsbaum eine magische Pflanze und wurde verehrt. Als immergrüne Pflanze mit einer großen Wuchskraft stand er für Untersterblichkeit und für die Liebe über den Tod hinaus. Im Christentum steht der Buchs für Maria und für Christus als Symbol des ewigen Lebens.
  • Auch der Efeu ist als immergrünes Gewächs ein Symbol für ewiges Leben, erklärt Siglinde Beck die Bedeutung der Zweige beim Zusammenbinden und greift nach einem Wacholderzweig. Wacholder kommt aus dem Althochdeutschen und lässt sich mit „frischmachendes Gehölz“ übersetzen. Wacholder hat seit jeher eine große Bedeutung als Würz- und Heilpflanze, in den Palmbuschen steht er für das Lebendige.
  • Palmkätzchen, Buchenlaub, Buche, Efeu, Wacholder zählt Siglinde Beck auf, fehlen noch zwei. Sie bindet in ihre Palmbuschen Mahonie, die in ihrem Garten wachsen und die ähnlich wie die Stechpalme stachelige Blätter hat und dadurch Schutz versprechen soll. Der hineingebundene Tannenzweig ist wie auch die Eibe ein Symbol der Ewigkeit.

Bänder als Schmuck variieren je nach Region

Palmbuschen-Bänder: Eine Frau bindet bunte Bänder an einen Palmbuschen.

Je nach Gegend wird der Palmbuschen noch unterschiedlich geschmückt. Die Kräuterbäuerin bindet in einen Palmbuschen weiße, rote und grüne Bänder: Rot für das Blut Christi, Weiß für die Unschuld und die Auferstehung, Grün für die Hoffnung. Zudem schmückt sie den Palmbuschen mit ausgeblasenen Eiern. Auch sie sind ein Zeichen für das Leben.

In manchen Gegenden, so hat Siglinde Beck von ihren Kursteilnehmerinnen erfahren, wird außerdem ein kleines Kränzchen mit Palmkätzchen besteckt und an den Palmbuschen gehängt oder ein Holzkreuz mit besteckten Palmkätzchen in die Palmbuschen gesteckt, die dann zusammen am Palmsonntag in der Kirche gesegnet werden.