Erntedank 2020

Not ist Futter für Ideologien

PD Dr. Rainer Hufnagel
am Freitag, 02.10.2020 - 15:50

Wenn es um Not geht, sind Ideologen nicht weit. Sie liefern einfache Rezepte und blenden Zusammenhänge aus. Ursachen und Bekämpfung von Hunger müssen daher ohne Scheuklappen analysiert werden, um nicht neue Nöte zu „züchten“.

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Hungersnöte haben keine Einzelursachen, meist entstehen sie aus dem Zusammentreffen von vier Faktoren:

  • Wetter und Klima. Zuviel Nässe, Kälte oder auch Dürre und Hitze führen zu Ernteausfällen.
  • Bevölkerungswachstum
  • Wissenschaftlicher, technischer oder organisatorischer Stillstand. Je mehr über Pflanzenbau, Schädlingsbekämpfung und Tierhaltung bekannt ist, desto mehr und desto bessere Nahrung kann auch erzeugt werden.
  • Krieg. Anstatt die Felder zu bestellen, vertun die Männer ihre Kräfte damit, Zerstörung anzurichten.

Nicht unsachgemäß ideologisieren

Nur eine Ursache im Blick zu haben, ist eine unsachgemäße Ideologisierung und verleitet zu falschen, viel zu einseitigen Thesen und politischen Programmen. Dass Vulkane, Wetter und Klimawandel am Hunger Schuld sind, heißt, dass niemand schuld ist. Etwas ausgefeilter lautet die Argumentation, dass es sich um ein Allmendedilemma handele.

Angesicht der Trittbrettfahrermentalität der anderen könne der Einzelne oder ein einzelnes Land ohnehin nichts gegen die Erderwärmung unternehmen. Pessimismus und Fatalismus sind allerdings wenig glaubwürdige Ausflüchte.

Von Malthus zum Sozialdarwinismus

Dass Hunger und Elend daran liege, dass die Bevölkerung schneller wachse als die Nahrungsproduktion erhöht werden könne, war das große Thema des englischen Pfarrers und Wirtschaftstheoretikers Thomas Malthus (1798).Unter diesem Aspekt ist alles Spendenwesen vergebens, ja sogar kontraproduktiv: es vergrößert nur die Zahl der Armen und produziert noch mehr Elend. Abhilfe schaffe Geburtenkontrolle. Da die Wohlhabenden weniger Kinder haben als die Armen, obliege die Reduktion der Geburtenzahlen der Unterschicht im eigenen Land und den unterentwickelten Völkern in Übersee. Die Ideologisierung dieser Argumentation führte im 19. Jahrhundert zum Sozialdarwinismus und in weiterer Zuspitzung zum Rassenwahn des 20. Jahrhunderts.

Die Geschichte der letzten 200 Jahre hat Malthus nicht Recht gegeben. Wissenschaft und Technik haben es ermöglicht, die Nahrungsmittelproduktion schneller zu steigern als die Bevölkerung wuchs. Aber auch da gibt es die Gefahren der Verengung und die Falle der Ideologisierung: Die stalinistische Kolchosisierung der Landwirtschaft war mit grauenhaften Opfern verknüpft. Weniger gravierend aber dennoch bedeutsam ist die Tonnage-Ideologie der EU-Landwirtschaft mit Überschussproduktion und Massentierhaltung sowie deren ökologischen Folgen. Gleichzeitig gelingt der wissenschaftliche Fortschritt nicht von selbst. Entdeckungen und ihr Transfer in die Praxis müssen glücken. Ob das Genie des Homo sapiens auch über die Erderwärmung siegen wird, bleibt abzuwarten.

Krieg ist Folge von Hunger und Ursache für Hunger

Krieg ist sowohl Ursache von Hunger als auch Folge von Hunger, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. Die Folgen von Hunger sind ebenfalls eindeutig:

  • Unterernährung: Wer hungert, stirbt letztendlich an körperlicher Schwäche. Ganz deutlich ist der Zusammenhang zwischen Lungenerkrankungen und Ernährungszustand. Bis in die 1920er-Jahre hinein war Tuberkulose die Haupttodesursache in Deutschland. Das änderte sich, als sich die Versorgung mit Fett, Fleisch, Milchprodukten, aber auch Zucker, Bier und Wein besserte. Das geschah lange bevor es wirksame Medikamente gab. Mit den Hungersnöten des 14. Jahrhunderts kam die Pest, mit dem Hunger in und nach dem Ersten Weltkrieg kam die „Spanische Grippe“.
  • Pogrome: Die Suche nach Schuldigen für Missernten und Teuerungen führte zu Pogromen, z.B. den Judenverfolgungen im 14. Jahrhundert.
  • Traumatisierung und irrationales Verhalten. Das sieht man an Menschen, die als Kinder die Not der Nachkriegsjahre überlebten. Als Erwachsene im Wohlstandsdeutschland litten und leiden viele von ihnen an der nahezu zwanghaften Unfähigkeit, vor einer reich gedeckten Tafel nicht den Teller bis zum Rand zu füllen und leerzuessen. Übergewicht führt oft zu einer (unnötig) verkürzten Lebenszeit.
  • Revolutionen: Beispiele sind die Revolutionen von 1848 und die Novemberrevolution 1918 in Deutschland sowie die Oktoberrevolution in Russland 1917.

Vier Entwicklungen gelten als Faktoren für die prinzipielle Überwindung von Hunger:

Agrarrevolution: Einführung der Fruchtwechselwirtschaft, Verbesserung des Saatguts und der Züchtung von Nutztieren, Mechanisierung und Chemisierung, Bodenverbesserungen.

Nahrungsindustrie: Fortschritte in Chemie, Maschinenbau und Elektrotechnik ermöglichen die sichere und effiziente Herstellung von haltbaren Lebensmitteln unter Nutzung von Größenvorteilen (z. B. große Dampfmühlen, Großbrauereien mit Zuchthefen, Margarine- und Nudelfabriken, Großmolkereien).

Infrastruktur: Hunger war vornehmlich ein lokales Phänomen. Auch in den Hungerjahren 1818 bis 1820 gab es Überschussgebiete. Nur war der Transport aus Russland oder Argentinien nach Europa viel zu teuer und zu lang. Erst die Kanäle, die Chausseen, die Eisenbahn und das Dampfschiff schufen Abhilfe. Seitdem ist Hunger – abgesehen von den Kriegen im 20. Jahrhundert – ein ökonomisches Problem: Hungern muss, wer nicht genügend Geld hat, um sich Essen zu kaufen.

Neue Konservierungsmethoden: Durch die Erfindung von Konservendosen und Einmachgläsern, verbunden mit den Fortschritten in der Mikrobiologie, konnten Lebensmittel durch Pasteurisieren und Sterilisieren sicherer haltbar gemacht werden als durch die traditionellen Verfahren wie Salzen, Marinieren, Räuchern, Dörren oder Vergären. Die Erfindung der Kältemaschine ermöglichte Kühlen und Einfrieren. Lange Transportwege und langfristige Vorratshaltung sind seitdem gesünder und risikoloser möglich.

Neue Technologien im 20. Jahrhundert

Diese Entwicklungen setzten sich im 20. Jahrhundert fort: Gentechnik, Kühlschiffe, Flugzeuge und LKW, Konservierung durch Bestrahlung und Schutzgase. Die Lawine des Fortschritts ist gewaltig. Sind wir jetzt vor einer Wiederkehr der Not gefeit?

Heute haben wir nicht mit einer langfristigen Abkühlung des Klimas zu tun wie unsere Vorfahren, wir müssen vielmehr mit einer Erwärmung der Erde rechnen. Die Folgen sind kaum weniger dramatisch. Zwar ist die Erwärmung für das Pflanzenwachstum in den nördlichen Breiten günstig, in den subtropischen Regionen machen aber zunehmende Dürren Felder und Weiden zu Wüsten.

Verringerte Ackerflächen, erhöhte Effizienz

Ackerflächen werden netto abnehmen, die verbleibende Krume muss also effizienter genutzt werden. Wie das gelingen könnte wird diskutiert: Stopp der Bodenverschlechterung, Stopp der Nutzung hochwertiger Lebensmittel zur Energiegewinnung, Reduktion der Ernte- und Lebensmittelverschwendung sowie des Verlusts an Biodiversität. Ausgebaut werden sollten dagegen die Präzisionslandwirtschaft inklusive Nutzung von Gentechnik und künstlicher Intelligenz, Urban Farming und Aquakultur, Verfahren einer effizienteren Lebensmittelproduktion sowie die Erschließung neuer Proteinquellen.

Viele Maßnahmen mögen umstritten sein. Diskussionswürdig sind sie allemal. Schicksalergeben die Hände in den Schoß legen oder uns in Schuldzuweisungen ergehen, das dürfen wir freilich nicht! Dann können wir optimistisch davon ausgehen, dass es diskursoffenen und innovativen Gesellschaften gelingen wird, nicht im Jammern und Denken eines Thomas Malthus stecken zu bleiben.

Klimawandel und Bevölkerungswachstum

„…nichts ist gewaltiger als der Mensch“, deklamiert der Chor in Sophokles´ Antigone. Klimawandel und Bevölkerungswachstum sind eine Herausforderung, der wir durch geeignete Organisation der Verteilung, des wissenschaftlichen und agrartechnischen Fortschritts erfolgreich begegnen können. Eine Wiederkehr der Not ist dann nicht zu befürchten.

„Ob das Genie des Homo sapiens auch über die Erderwärmung siegen wird, bleibt abzuwarten.“

Das Dilemma der Allmende

„Allmende“ bezeichnet das gemeinschaftliche Eigentum eines mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Dorfes wie den Dorfanger oder die Waldnutzung. Jeder durfte beispielsweise seine Säue im Wald mästen, Bauholz oder Brennholz holen, das Laub als Stallstreu nutzen.

Das führte zur Übernutzung der Wälder, sie wurden zu einer dürr bewachsenen Halbheide. Wenn jeder so viel entnehmen kann wie er will, dann gibt es keine nachhaltige Nutzung der Allmende. Dass die anderen die Allmende schonen, ist dem einzelnen (Egoisten) gerade recht, weil er dann umso mehr für sich entnehmen kann. Weil jeder so denkt, wird die Allmende übernutzt wie heute etwa die Fischgründe im Atlantik.
Das „Dilemma der Allmende“ ist der Fachterminus für das Auseinanderfallen von kollektiver und individueller Rationalität. Er bezeichnet das „Trittbrettfahren“.
Trittbrettfahrer profitierten von der Eisenbahn, ohne den angemessenen eigenen Beitrag (Fahrgeld) zu leisten.

Zur Illustration: Die Illustration zum Beitrag stammt von Käthe Kollwitz; Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Käthe-Kollwitz-Museums Köln (www.kollwitz.de). Die Künstlerin lebte von 1867 bis 1945. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit standen die Nöte der einfachen Bevölkerung, z. B. Hunger und Elend von Arbeiterfamilien, Wohnungsnot. Kollwitz war eine Meisterin darin, menschliches Leid, Verlust und Tod auf berührende Weise zu „erzählen“. Käthe Kollwitz ist eine der wenigen Frauen, deren Büste in der Walhalla (Lks. Regensburg) aufgestellt ist; damit wird ihre herausragende Stellung als deutsche Künstlerin gewürdigt.

Zum Autor: PD Dr. Rainer Hufnagel lehrt seit 2009 an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf in den Bereichen Lebensmittelmanagement und Ernährungs- und Versorgungsmanagement.

Nachdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung des Bundeszentrums für Ernährung www.bzfe.de. Der Originalartikel „Geschichte des Hungers in Deutschland“ ist erschienen in Ausgabe 2/2020 der BZfE-Fachzeitschrift „Ernährung im Fokus“, www.ernaehrungimfokus.de