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Teichwirtschaft

Niedrigwasser: Fische schnappen nach Luft

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Ilka Mittendorf - Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt
am Dienstag, 23.08.2022 - 15:50

Der Klimawandel setzt den heimischen Fischen zu, denn Sauerstoffmangel im warmen Wasser bedroht ihre Lebensräume. In Mittelfranken und der Oberpfalz könnte das Auswirkungen auf die Kulturlandschaft haben.

Die Sonne brennt vom Himmel, es hat 36 °C. Von weitem sieht der Weiher aus, als hätten ufernahe Pappeln mit ihren flauschigen Samen das Gewässer in „Sommerschnee“ gehüllt. Bei näherem Hinsehen aber ist klar: Das Spektakel hat einen anderen Grund – massenhaft treiben tote Fische mit ihren hellen Bäuchen an der Wasseroberfläche.

Der Niedrigwasser-Informationsdienst Bayern (NID) des Bayerischen Landesamtes für Umwelt stellte Anfang August fest: „Die Wasserstände der Seen sinken stetig und sind zum Teil schon als „sehr niedrig“ eingestuft.“ Die Folge: Starke Sonneneinstrahlung und hohe Lufttemperaturen erwärmen das Wasser zum Teil auf 35 °C.

Warmes Wasser nimmt weniger Sauerstoff auf und Fischen fällt dann das Atmen schwer. Wo möglich ziehen sie in andere Gewässerbereiche zurück, zum Beispiel in sogenannte Gumpen mit Tiefwasser. Hier ist das Wasser kühler und Sauerstoff noch ausreichend vorhanden.

Das sind die Anzeichen für Sauerstoffmangel

Fische können mit zeitweise sinkendem Sauerstoffgehalt gut umgehen. Achtung ist allerdings geboten, wenn die Fische in Teich oder Weiher ihr Verhalten ändern, um an den lebenswichtigen Sauerstoff zu kommen. In einem ersten (nicht sichtbaren) Schritt vergrößern sie das Volumen der Mundhöhle durch stärkeres Heben und Senken des Mundbodens. Reicht das nicht, erhöht der Fisch die Atemfrequenz. Die beschleunigte Atmung erhöht jedoch den Stoffwechsel und führt damit zu einem noch höheren Sauerstoffverbrauch.

Weil die Luft knapp wird, werden die Fische unruhig und fressen nichts mehr. Spätestens jetzt fällt das ungewöhnliche Verhalten auf. In einem letzten Schritt schwimmen die Fische an die Wasseroberfläche und schnappen sichtlich nach Luft. Ist der Sauerstoff dauerhaft knapp, bleibt das nicht ohne Folgen: Fische magern ab und sind zudem anfällig für Krankheiten.

Teichwirte aus den Karpfenzuchtgebieten in der Oberpfalz und Mittelfranken mit ihren 4000 Teichen kämpfen mit Belüftung, Nährstoffentzug und Frischwasserzufuhr gegen den drohenden Tod an. Für mehr Frischwasser in den Teichen müsste allerdings das Wasser erst einmal fließen: Laut NID weisen mehr als 90 Prozent der Gewässer niedrige bis sehr niedrige Abflussmengen auf. Vielerorts sind die Oberläufe und kleinen Fließgewässer, die auch die Fischteiche versorgen, trocken gefallen.

Teichwirte leisten einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Gewässer

Dabei leisten die bewirtschafteten Teiche einen wichtigen Beitrag beim Landschaftswasserhaushalt, wie eine Expertengruppe anlässlich der Vorstellung der neuen Bayerischen Teichbaurichtlinien anmerkte. Wasserknappheit, hohe Wassertemperaturen und ungünstige Wasserqualitäten bedrohen eine jahrhundertealte bayerische Kulturlandschaft.

Wer mehr über den berühmten Oberpfälzer, Fränkischen oder Aischgründer Karpfen wissen möchte, kann sich auf dem Karpfenwanderweg bei Haundorf oder dem Karpfenradweg zwischen Dinkelsbühl und Erlangen über diese Fischart informieren.

Während der Karpfen noch zufriedenstellend auf hohe Wassertemperaturen reagiert, sind forellenartige Fische wie die heimische Bach- oder Regenbogenforelle und der Saibling weitaus anspruchsvoller. Sie lieben kühles, fließendes, sauerstoffhaltiges Wasser. Ab 21 °C Wassertemperatur wird es für diese Fischarten gefährlich, ab 25 °C sterben sie.

Zuwanderer bedrängen Waller, Wels und Hecht

Der Landesfischereiverband Bayern geht davon aus, dass sich durch den globalen Temperaturanstieg die natürlichen Verbreitungsgebiete der heimischen Fischarten flussaufwärts verschieben und die Tiere aus den angestammten Gewässern ganz verschwinden werden. Beispielsweise sind aus der Amper die Barbe wie auch weitere typische Bewohner wie Äsche und Huchen weitgehend verschwunden.

Zudem verdrängen eingewanderte Arten die heimischen Fischarten immer stärker. Dazu zählen der Zwergwels und vor allem die Grundel, die Mitte der 1980er Jahre erstmals in der bayerischen Donau nachgewiesen wurde. In der oberfränkischen Regnitz bedrängt dieser bis zu 20 cm lange Eindringling Fischbestände wie Waller, Wels und Hecht.

Wenn in flachen, ruhigen Bereichen von Seen, Teichen und Flüssen oder Bächen die Temperaturen steigen und der Niederschlag fehlt, sind das ideale Voraussetzungen für die Entstehung von Blaualgen. Für Fische bedeuten Blaualgen nicht selten den Tod. Weil der Blaualgenabbau Unmengen an Sauerstoff im Gewässer verbraucht, ersticken sie. Werden Speisefische aus belasteten Gewässern entnommen, droht Gefahr für den Menschen. Denn Fische können das Gift über den Stoffwechsel aufnehmen und in ihrem Muskelfleisch anreichern. Die Giftkonzentration kann so hoch sein, dass für den Menschen gesundheitliche Risiken bestehen: Übelkeit, Erbrechen und Durchfall bis hin zu zentralnervösen Ausfällen und allergischen Reaktionen.

Lösung im Jahr 1888: Luft ins Wasser blasen

Übrigens ist der Sauerstoffmangel kein neues Problem: Bereits 1888 waren sich Fischwirte über die Bedeutung der hohen Wassertemperaturen im Klaren. In der historischen Ausgabe der Allgemeinen Fischerei-Zeitung heißt es: „Die größte Gefahr [...] ist der Mangel an Luft. Um diese Gefahr abzuwenden, bediene man sich kleiner Blasebälge [...]“ und Teichbesitzer sollten „alles aufbieten“, um durch „Anpflanzen von Erlen und Weiden an die Ufer möglichst niedrige Temperaturen zu erhalten und zu schaffen.“

Ein noch junger Aktionstag erinnert heutzutage daran, dass der Lebensraum vieler Fischarten bedroht ist: der 22. August ist der Tag der Fische. Er ist aktueller denn je. In Bayern ist man sich der Aufgabe bewusst. Aktuell koordiniert die Verwaltung für Ländliche Entwicklung über die Initiative boden:ständig rund 80 Projekte, in denen sich Gemeinden und Landwirte vor Ort gemeinsam für den Wasserrückhalt engagieren. Bis zum 31. August werden Bewerbungen für den boden:ständig-Preis 2022 entgegengenommen: für alle Akteure, die sich für Bayern, seine Gewässer und die heimischen Fische einsetzen.

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