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Experteninterview

Narzissmus in der Partnerschaft: Sich groß fühlen durch klein machen

Narzissmus-Partnerschaft: Ein gemaltes Bild. Auf einem Stuhl sitzt ein überdimensioniert großer Mann, der sich mit einer Hand auf einer kleinen Frau abstützt.
Anja Kersten
am Freitag, 17.06.2022 - 10:00

Viele Beziehungen geraten in Schieflage, weil sich Partner narzisstisch verhalten. Wenn einer den anderen klein macht, um sich größer zu fühlen, mangelt es an Selbstwertgefühl – bei beiden. Psychologin Dr. Bärbel Wardetzki klärt die Hintergründe und gibt Tipps.

Dr-Bärbel-Wardetzki

Narzissten haben ein extremes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bewunderung. Oft stechen sie durch Arroganz und Selbstidealisierung heraus. Kritik ertragen sie nicht, und Misserfolg kann sie in schwere Krisen stürzen, so das gängige Bild. Doch Narzissmus ist vielschichtiger. Wir sprachen mit Dr. Bärbel Wardetzki übe das Phänomen. Sie ist Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Narzissmus in der Partnerschaft.

Aussagen der Psychologin auf einen Blick:

  • Narzissmus ist etwas Menschliches. Jeder hat narzisstische Anteile und das ist auch gut so. Denn es geht um das Selbstwertgefühl. Lob stärkt es. Kritik und das Gefühl, nicht ernst genommen und verstanden zu werden, schwächen das Selbstwertgefühl.
  • Menschen mit einer narzisstischen Struktur fällt es schwer, ihren eigenen Selbstwert zu erkennen und zu regulieren. Sie brauchen immer wieder Bestätigung von außen.
  • Wenn Menschen andere klein machen und abwerten, um sich selbst größer darzustellen, ist von „grandiosem Narzissmus“ die Rede.
  • In Beziehungen führt dieser häufig dazu, dass die anderen an sich zu zweifeln beginnen, sich nicht gut genug fühlen. Die Diplom-Psychologin Bärbel Wardetzki schuf dafür den Begriff „weiblicher Narzissmus“.

Wenn Menschen sehr von sich überzeugt sind, arrogant wirken und keine Kritik vertragen, dann heißt es schnell: Der ist ein Narzisst.

Ich stehe dem Begriff Narzisst sehr kritisch gegenüber. Denn Narzissmus ist etwas ganz Menschliches. Jeder von uns hat narzisstische Anteile. Narzissmus betrifft die Selbstliebe und das Selbstwertgefühl. Das ist durchaus etwas Gutes. Es ist dabei normal, dass wir das Grundbedürfnis haben, unseren Selbstwert zu stärken und mal mehr, mal weniger Selbstwertgefühl haben. Wenn wir gelobt werden, steigt das Selbstwertgefühl, wenn wir kritisiert werden, uns nicht richtig verstanden oder nicht ernst genommen fühlen, dann sinkt es. Mit diesem Selbstwertgefühl müssen wir uns jeden Tag neu auseinandersetzen und es ausbalancieren. Genau diese Fähigkeit fehlt Menschen mit einer narzisstischen Struktur. Ihnen fällt es schwer, ihren eigenen Selbstwert zu erkennen und zu regulieren. Sie brauchen immer wieder die Bestätigung und die Anerkennung von außen, um ihr Selbstwertgefühl aufzubauen.

Nach außen wirken Menschen mit einer narzisstischen Struktur aber doch eher selbstbewusst.

Das stimmt. Menschen mit einer narzisstischen Struktur sind oft Menschen mit Ausstrahlung. Sie kommen gut an, stellen was dar, sind oft sehr intelligent, trauen sich was zu, sind mutig und selbstbewusst. Man glaubt, sie haben Persönlichkeit. Doch das ist Fassade. Diese Menschen sind in ihrem Selbstwertgefühl verletzt. Sie schützen sich, indem sie sich selbst größer darstellen. Das gelingt ihnen, indem sie andere klein machen und abwerten. Sie nehmen die anderen nicht wahr, sondern benutzen sie, um sich selbst zu bestätigen, und damit ihr Selbstwertgefühl zu erhöhen. Wichtig ist mir aber in diesem Zusammenhang, dass es bei Narzissmus nicht „kein Narzisst“ oder „Narzisst“ gibt, sondern verschiedene Ausprägungen bis hin zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Diese kommt nur selten vor.

Verhalten sich Männer und Frauen mit einer narzisstischen Struktur gleich?

Es gibt bestimmte Verhaltensmuster, die eher bei Männern und solche, die eher bei Frauen vorkommen. Bis in die 90iger Jahre hat man Narzissmus nur in Zusammenhang mit Männern diskutiert. Aber auch Frauen können eine narzisstische Struktur haben. Sie äußert sich nur anders. Ich habe deshalb den Begriff „weiblichen Narzissmus“ eingeführt. Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch Männer eine weiblich narzisstische Struktur haben können oder Frauen eine männlich narzisstische Struktur. Man findet sie nur häufiger bei den jeweiligen Geschlechtern. Man kann den Begriff „männlicher“ Narzissmus auch durch „grandiosen“ oder offenen Narzissmus ersetzen, den weiblichen durch „depressiven“ oder „verdeckten“ Narzissmus.

Wie stellen sich die beiden beschriebenen Ausprägungen dar?

Männlich-narzisstisch strukturierte Menschen sind so in ihrer Grandiosität verwurzelt, dass sie damit das Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht mehr spüren. Sie präsentieren sich nach außen als unantastbar und groß, und lassen keine Kritik zu. Die weiblichen Narzissten sind mehr in dem Gefühl „ich bin nicht gut genug“ verwurzelt. Sie stellen sich selbst in Frage. Diesem Gefühl versuchen sie zu entkommen, indem sie Perfektionismus anstreben, indem sie besonders viel leisten, besonders attraktiv und ein perfekter Ehepartner sind. Und oft finden sich dann genau Paare mit diesen Strukturen. Die ziehen sich förmlich an. Denn der weibliche Narzisst zieht seinen Selbstwert aus dem männlichen Narzissmus und möchte etwas von seinem Strahlen abhaben. Der „Grandiose“ überträgt sein Minderwertigkeitsgefühl auf die Partnerin oder den Partner. Anfangs ist die Beziehung ein Feuerwerk. Doch es gelingt nicht, dieses Feuerwerk in eine stetige Flamme zu bringen. In narzisstischen Partnerschaften versuchen Menschen das Verliebtsein zu erhalten und glauben, dass Bewunderung und Anerkennung Liebe ist. So sind narzisstische Beziehungen ein ewiges Auf und Ab und meistens sehr anstrengend und schmerzvoll für die Partner.

Narzissmus-Partnerschaft-Schatten-Grafik: Ein Mann steht in Superhelden-Pose da und wirft einen Schatten. Im Schatten verschwindet aber eine kleine Frau.

Wie äußert sich das konkret in der Beziehung?

Der Alltag wird zum Gerangel um Macht. Denn um sich selbst groß zu fühlen, muss man den anderen klein machen. Es kommt zu Vorwürfen, man verletzt sich gegenseitig. Eine Beziehung auf Augenhöhe ist nicht möglich, weil man darauf angewiesen ist, durch den anderen bestätigt zu werden. Ein „wir“ gibt es ebenso wenig wie eine erfüllende Beziehung. Denn Menschen mit narzisstischer Struktur lassen keine Intimität zu. Frauen tendieren in diesen Beziehungen dazu, sich anzupassen und unterzuordnen, werden zuhause zum „kleinen Mädchen“ und das obwohl sie in ihrem Beruf selbstbewusst auftreten. Zuerst wurden sie vom Partner in der Beziehung „hochgehoben“. Doch dann sinkt ihr Selbstwert durch die Abwertung des Partners immer mehr. Anstatt sich dann zu fragen, ob der Partner an ihrer Seite der richtige ist, klammern sie sich an das anfängliche Beziehungshoch. Sie suchen dann in erster Linie die Schuld bei sich. Das kann sich über Jahre hinziehen bis die Frau immer mehr ihren Selbstwert, ihre Kraft und Selbstwahrnehmung verliert.

Die Frauen leiden also unter der Situation. Was ist mit den Männern?

„Die Grandiosen“, und das sind zum Großteil Männer, leiden nicht. Sie leiden erst dann, wenn ihre narzisstischen Stabilisatoren wegfallen und zum Beispiel die Ehefrau sie verlässt. Denn Familie, aber auch Karriere oder Statussymbole sind alles Faktoren, die das Selbstwertgefühl stärken. Wenn ihr Leben aus den Fugen gerät, dann spüren diese Menschen, dass sie etwas verändern müssen und sie Unterstützung brauchen. Es braucht aber die innere und aufrichtige Bereitschaft, um Veränderungen zu erzielen. Dabei geht es nicht darum, seine narzisstischen Anteile komplett aufzugeben, sondern sie in etwas Positives zu transformieren. Wie ich anfangs schon gesagt habe, Narzissmus ist an sich nichts Schlechtes, es ist die Frage, wie wir ihn ausleben. Leistungsfähigkeit, Mut, Selbstbewusstsein sind bis zu gewissen Grenzen gut. Wenn aber nur die eigene Meinung zählt und man andere abwertet, dann wird das Zusammenleben mit einem solchen Menschen schwer.

Ist eine Beziehung mit einem Menschen mit narzisstischer Struktur überhaupt möglich?

Je nachdem wie hoch der narzisstische Anteil ist, ist es leichter oder schwerer für die Betroffenen. In jedem Fall ist ein narzisstisches Gegenüber eine Herausforderung für das eigene Selbstwertgefühl. Eine Beziehung auf Augenhöhe ist es nicht. Das sollte einem bewusst sein. Aber man kann Grenzen ziehen. Man muss sich von seinem Partner nicht entwerten lassen und sagen lassen, dass man nicht liebenswert ist. Und wenn man sich eingestehen muss, dass die Beziehung nicht gut für einen ist, dann müsste man die Konsequenzen ziehen und die Beziehung beenden. Doch für manche Menschen ist es attraktiver, mit einem Menschen zusammen zu sein, nach dem sie sich sehnen können, als einen Schlussstrich zu ziehen. Eine Übung, die ich empfehlen kann: Stell dir vor, dass deine beste Freundin mit dir gemeinsam auf deine Beziehung blickt. Da kommt man dann selbst darauf, dass die Beziehung in dieser Form nicht gut ist, dass man nur Vorwürfe und Anfeindungen bekommt, egal, wie sehr man sich bemüht. Was man sich wirklich wünscht, wird man in dieser Beziehung nicht bekommen.

Die Partnerschaft mit einem Menschen mit einem narzisstischen Muster kann also nicht funktionieren?

So würde ich das nicht sagen. Aber die Partnerschaft kann nur funktionieren, wenn beide an sich arbeiten. Dazu müssen sich die Partner die Frage stellen, wie ihre Beziehung aussehen soll, was jeder in der Beziehung braucht, welche Kompromisse sie bereit sind, einzugehen. Das kann aus meiner Erfahrung heraus nur gemeinsam geschehen. Ein Partner allein kann den anderen nicht retten.

Können Eltern dazu beitragen, dass ihr Kind zwar selbstbewusst, aber die narzisstische Ausprägung nicht zu groß wird?

Kinder, die in einem narzisstischen Milieu aufwachsen, werden mit größerer Wahrscheinlichkeit auch narzisstische Strukturen entwickeln. Es gibt nicht die eine Ursache, es ist immer eine Mischung aus mehreren Faktoren. Die Erfahrungen in der Familie, genetische Faktoren und körperliche Prozesse spielen eine Rolle. Man weiß, dass spätere Narzissten/Narzisstinnen Kinder sind, die ihre Umwelt sensitiv wahrnehmen. Sie lernen sich stark an ihr Umfeld anzupassen und ihren Eltern zu gefallen. Sie wachsen oft in einem narzisstischen Milieu auf. Das heißt: Ihre Eltern entwerfen ein Bild von ihrem Kind und das Kind passt sich diesem Bild an. Typisch dafür ist, dass Eltern ihr Kind überhöhen. Ein einfaches Beispiel. Das Kind hat etwas gezeichnet und die Eltern bejubeln das Bild als wäre das Kind Picasso. Man tut dem Kind damit nichts Gutes, wenn man es aufwertet. Ganz im Gegenteil: Es ist eine Form von emotionaler Vernachlässigung, weil nicht das Kind und seine Persönlichkeit gesehen werden. Das Entscheidende ist, inwieweit das Kind anders sein darf als das, was sich seine Eltern vorstellen. Macht das Kind die Erfahrung, dass es nicht anders sein darf, weil es dann von seine Eltern weniger geliebt wird, wird es eine Fassade entwickeln. Diese Fassade zeigt es dann nach außen. Wie es wirklich ist, versteckt es. Deshalb sollten Eltern dem Kind zeigen, dass es kein Bild erfüllen muss, dass es gut ist, wie es ist, dass es traurig und fröhlich sein darf.

Buchtipps zum Thema: Stärkung für das Selbstwertgefühl

Buchtipps-Narzissmus: Zwei Buchcover nebeneinander
  • Viele Frauen leiden darunter, kein stabiles Selbstwertgefühl zu besitzen. Ihre Selbsteinschätzung schwankt, ihre Unsicherheit verstecken sie hinter einer selbstbewussten Fassade. Die Autorin Bärbel Wardetzki beschreibt, dass weiblicher Narzissmus nicht allein ein egozentrisches Kreisen um das eigene Ich, sondern vor allem eine verzweifelte Suche nach sich selbst ist. Nachvollziehbar erklärt sie, wie sich Frauen, die damit kämpfen, von ihrem Leid befreien und ein erfülltes Leben führen können. Weiblicher Narzissmus, der Hunger nach Anerkennung, von Bärbel Wardetzki, 20 €, Kösel-Verlag, auch als Hörbuch erhältlich.
  • Sieben Jahre ist Sonja R. in ein ausbeuterisches Verhältnis verstrickt. Ihr Partner will sie ganz für sich vereinnahmen und zerstört systematisch ihr Selbstwertgefühl. Anhand dieser offen und schonungslos erzählten Fallgeschichte legt Bärbel Wardetzki die Mechanismen narzisstischer Beziehungen offen. Das Buch hilft, typisch narzisstische, destruktive Verhaltensweisen rasch zu erkennen, und zeigt Wege zur Befreiung auf. Und das soll Liebe sein? Wie es gelingt, sich aus einer narzisstischen Beziehung zu befreien von Bärbel Wardetzki und Sonja R, 16,90 €, dtv premium Verlag, auch als eBook für 14,90 € erhältlich.
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