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Faschingsgeschichte

Wie der Narr in die Fastnacht fand

Fastnacht-Fasching-Narr-Teufel-Geschichte: Silhouette eines Narren vor einer Stadtkulisse im Sonnenuntergang
Wolfgang Wirt - Storymacher
am Montag, 28.02.2022 - 15:15

Egal ob Fastnacht, Fasching oder Karneval, der Narr ist überall eine beliebte Figur. Dabei hat er eine teuflische Geschichte.

Von einem Haus zum andern laufen, viel Völlerei ohne Geld sich kaufen, das Ding währt oft bis Mitternacht: Der Teufel hat solch Spiel erdacht!“, schrieb Sebastian Brant 1494 im erfolgreichsten Buch vor der Reformation mit dem Titel „Das Narrenschiff“. In mehr als hundert Kapiteln beschrieb es die Torheiten der Welt samt der Fastnacht, die sich in den Jahrhunderten vorher zum größten Volksfest des Mittelalters gemausert hatte. Den Boden bereitete ihr 1091 das Konzil von Benevent mit der Terminierung des Aschermittwochs und der Festlegung der Fastenzeit im Jahreslauf.

Haltloses Lärmen und Stehlen samt Schlägerei

Narr-Gaukeln-Eselsohren: Zeichnung

Lange Zeit aber fehlte es den Fastnachtern an einem verlässlichen Kompass. Gefeiert wurde anfangs vor allem in Trinkstuben, Rat-, Gilde-, Zunft- und Tanzhäusern. Mit Finanzspritzen subventionierten die Ratsherren vor allem in den Städten Turniere und Festmähler. Vermummt oder mit geschwärzten Gesichtern zogen schließlich die Massen in kleinen oder größeren Gruppen durch die Straßen, ging es lärmend von Haus zu Haus. Hin und wieder drang man gewaltsam in Wohnungen ein, um Essen und Trinken zu schnorren, die Schlägereien mehrten sich an diesen Tagen. Mit Verordnungen versuchten die Städte im 14. Jahrhundert deshalb, das närrische Treiben zu reglementieren. Trotzdem wurde der Mummenschanz zwischen Weihnachten und Fastenzeit immer wilder und zügelloser.

Höchste Zeit also auch für die Kirche, die Notbremse zu ziehen. Schon 1330 wurde den Geistlichen in Hamburg untersagt, am närrischen Treiben teilzunehmen. Im Jahr 1353 verbot der Kölner Erzbischof Klerikern und Ordensleuten, Bier oder Wein zu verkaufen und damit die ausufernden Massenbesäufnisse weiter zu fördern. Außerdem wurden die Kleriker angewiesen, sich nicht mehr zu verkleiden. 1403 untersagte auch die Stadt Köln das Gabenheischen an den Fastnachtstagen. Gleichzeitig wurden Maskierungen verboten und mit Strafen belegt, die in etwa dem Wochenlohn eines Nachtwächters entsprachen. Fast überall erfolgten weitere Vermummungsverbote.

Köln verbietet, Nürnberg suchte Alternativen

Genutzt aber haben die Verbote wenig, wie Gesetzbücher in Frankfurt oder Köln verraten, wo die Maskenverbote immer wieder neu angemahnt werden mussten. Andere Städte wie Nürnberg suchten im Wissen, dass sich die Feiernden von ihrem Treiben nicht abhalten ließen, nach Alternativen. Mit der Ausweisung eines von außen kaum einsehbaren Platzes für den öffentlichen Geschlechtsverkehr suchte man dort das sexuelle Treiben über Fastnacht zu kanalisieren.

Um die Kontrolle über das Fest zurückzugewinnen, wurde es deshalb mit Beginn des 15. Jahrhunderts zunehmend verteufelt. Es war die Geburtsstunde des Narren, der schon im frühen 13. Jahrhundert in Illustrationen des 52. Psalms erschienen war. „Es ist kein Gott“, behauptete man dort gegenüber König David. Wie Kaiser ihre Insignien, hatten auch die Toren in den Bibelillustrationen ihre Standeszeichen. Dazu gehörte die Marotte, der Narrenstab. Ursprünglich war es ein einfacher Ast, der mit der Zeit immer filigraner wurde und sich zu einem kunstvollen Zepter mit dem geschnitzten Ebenbild seines Trägers an der Spitze entwickelte. Bis heute ähnelt der eine oder andere Zeremonienstab im Karneval diesem Vorbild.

Mittelalter: Einteilung der Welt in Gut und Böse

Noch aber trat der Gottesleugner nicht öffentlich in Erscheinung. Erst im späten Mittelalter passte er ins närrische Straßenbild. Platz geschaffen hatte ihm unter anderem die Scholastik, das zunehmende Nachdenken über christliche Werte, vor allem aber die neuen Bettelorden. Sie propagierten ein neues Christentum auf eschatologischen Vorstellungen. „Was du auch tust, denke an dein Ende, dann wirst du nie etwas Böses tun“, wurde so im späten Mittelalter zum kirchlichen Leitmotiv. Es war ganz von Augustinus, dem vielleicht wichtigsten Vordenker des Christentums, geprägt. Grob gesagt hatte er die Welt in zwei Hälften geteilt. In eine göttliche, die „civitas dei“, und eine vom Teufel regierte, die „civitas diaboli“.

Dieses Modell, so denkt die Fastnachtsforschung inzwischen, hätte sich die Kirche schließlich auch zur Positionierung der Fastnacht zu eigen gemacht. Der auf Ostern hinführenden gottgefälligen Fastenzeit stand so im 15. Jahrhundert ganz bewusst die Fastnacht als teuflisches Spiel gegenüber. Zur wichtigsten Figur im närrischen Spiel wurde neben dem Teufel der Narr, der als Gottesleugner außerhalb der Ordnung und damit des göttlichen Gefüges stand.

Die sieben Todsünden in den Fastnachtsspielen

Hans Sachs, der Meister des Fastnachtsspiels, ließ ihn 1534 in seinem Stück „Das Narrenschneiden“ aus dem Leib des Teufels schneiden. „Der Krank“, also einen nicht Gesunden, nennt er seinen Protagonisten, der mit einem Knecht zum Arzt kommt, um sich die Narrheit, die ihn schmerzt, austreiben zu lassen. „Der Narr hat dich hart aufgebläht. Er übet dich in Hoffart stet. Wie hat er dich so groß aufblasen, hochmütig gemacht übermaßen, stolz, üppig, eigensinnig und prächtig, rühmisch, geudisch, sam seist du mächtig. Nicht Wunder wär, und willst du‘s wissen, er hätt dir langst den Bauch zurissen.“

Nach der Hofart, dem Hochmut, schneidet der Doktor ihm weitere Laster aus dem Leib: Neid, Geiz, Unkeuschheit, Trägheit, Völlerei und Zorn. Es sind also die sieben Todsünden, die hier dem Narren und seinem Treiben angelastet werden und im fastnächtlichen Spiel des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit immer wieder thematisiert werden.

Vermutlich kannte Sachs das Narrenschneiden aus eigenem Erleben, waren doch im 15. und 16. Jahrhundert immer wieder Scharlatane und Quacksalber auf den großen Plätzen der Städte unterwegs, um vor erstauntem Publikum vermeintlich Irrsinnigen Steine aus dem Körper zu entfernen. Es waren große Showeinlagen, bei denen man den Opfern den Kopf, in dem der Wahnsinn verortet wurde, aufriss. Dann wurden dramaturgisch geschickt kleine oder große Steinchen aus den Körperöffnungen gezaubert und zum Beweis des Wahnsinns dem staunenden Publikum präsentiert.

Die Vorstellung vom Narrenschneiden wurzelt in der weiteren Geschichte des Narren, der im Mittelalter nämlich ganz real als wirklich Verrückter aufgetaucht war. Als geistig oder körperlich Behinderter, für die in Städten wie Mainz eigene Narrenhäuser angelegt wurden. Ihre Isolation wurzelte im mittelalterlichen Ordo-Denken, dessen Normen Gott und nicht der Mensch setzte.

Falsche Narren bespaßen mit Trommeln und Lauten

Und weil im ersten Buch Moses stand, der Mensch sei als Ebenbild Gottes (Genesis 1, 27 ) geschaffen, wurden Kranke, körperlich Missgebildete und geistig Verwirrte zu Außenseitern erklärt. Schon ein Leberfleck konnte genügen, aus einem Menschen einen vom Teufel Besessenen zu machen: kurz einen Narren.

Neben den natürlichen, so betrachtet verrückten Narren, den sogenannten Stocknarren, trat dann der närrische Schalksnarr. Der falsche Narr, der nur vorgab, närrisch zu sein und sich damit in die Schar von Pfeifern, Trommlern, Lautenschlägern, Gauklern und anderen Unterhaltungskünstlern einreihte, welche die mittelalterliche Gesellschaft bespaßten.

Die besten Possenreißer konnten es sogar bis zum Hofnarren bringen, welche die Herrscher an die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnten. Anders als der Rest des Hofstaates waren sie an nichts gebunden, resultierte aus ihrer Ausnahmestellung schließlich die sogenannte Narrenfreiheit, die heute wichtigste Tugend des Karnevals.

Mit Eselsohrenkappen, an deren Enden meist noch kleine Schellen baumelten, gesellte sich der Schalksnarr schließlich zu den anderen damals ebenfalls negativ bewerteten anderen Fastnachtsfiguren wie Teufel, „Zigeuner“, „Türken“, Bauern, Heiden oder „Mohren“. Im 15. Jahrhundert setzte man dem Narren zudem hin und wieder einen Hahnenkamm auf. Er verwies auf seine sexuelle Begierde, die manchen spätmittelalterlichen Illustratoren dazu animierte, dem Narren statt eines Hahnenkammes gleich einen erigierten Penis auf den Kopf zu setzen.

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