Leben auf dem Land

Nachhaltig glücklich werden

Telser-Monika D
Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Freitag, 30.07.2021 - 10:25

Die Landwirtschaft birgt großes Glück. Wochenblatt-Autorin Christine Wunsch erklärt im Interview, wie man den Fokus bewusst auf die schönen Seiten des Lebens lenkt und dabei nachhaltig zufrieden wird. Was gibt es Besseres?

Christine-Wunsch D

Das Leben und Arbeiten auf einem Bauernhof ist ein Glücksfall. Zugegeben: Damit sich die Zufriedenheit darin voll entfalten kann, bedarf es etwas Arbeit, vor allem an sich selbst, an den eigenen Gedanken und Einstellungen. Und hat man sich einmal aufgemacht, wird einen die Suche nach Glück ein Leben lang begleiten. Das mag sich zunächst anstrengend anhören, ist aber bei genauerer Betrachtung wunderbar: So wird man sein Leben lang immer wieder Glück finden, in den kleinen und großen Dingen.

Wir haben Christine Wunsch nach dem passenden „Werkzeug“ dafür gefragt. Sie ist selbst Bäuerin in Südtirol, zudem Rednerin und Coach und nicht zuletzt bekannte Glücksautorin. Und das ist selbst ein Glück, denn für das Wochenblatt hat sie nun ein Glücksheft verfasst (siehe S. 58), das nicht nur Bauernhof-Geschichten voller Glück enthält, sondern auch Tipps und Tricks, wie wir alle mehr Glück finden können.

 

 

Wochenblatt: Was bedeutet es, im Leben echtes Glück zu finden?

Wunsch: Glück findet man meiner Meinung nach nicht vorrangig in diesen herausragenden, großen Glücksmomenten, in denen man so ein bisschen ausflippt und sehr emotional wird. Ich denke glücklich zu sein, ist eine Einstellung zum Leben. Das zeigt sich in einer grundsätzlichen Begeisterung für das Leben selbst, in einem optimistischen Vertrauen, dass Dinge in unserem Leben schon gut gehen werden.

 

Wochenblatt: Das hört sich jetzt so leicht dahingesagt an.

Wunsch: Ja, und es ist auch gar nicht schwer. Ein erster Schritt kann sein, dass man einfach mal innehält und bewusst wahrnimmt, was alles an guten Dingen in unserem Leben bereits da ist. An diesen Sachen rennt man im Alltagstrott meistens vorbei. Besonders in der Landwirtschaft ist ein so großes Glückspotenzial vorhanden!

 

Wochenblatt: Worin genau?

Wunsch: Die Arbeit in der Landwirtschaft hält viele Dinge bereit, die uns als Menschen richtig guttun. Dazu zählen der Umgang mit der Natur und unseren Tieren, das selbstbestimmte Arbeiten im Lauf der Jahreszeiten und dass wir das Ergebnis unserer Arbeit sehr unmittelbar sehen und erleben dürfen. Auch das Zusammenleben mit mehreren Generationen tut uns als Menschen richtig gut – trotz mancher Uneinigkeit. Das vergessen wir im stressigen Alltag häufig.

 

Wochenblatt: Welche Methoden gibt es, um sich wieder bewusst zu werden, welchen Glücksgriff man mit der Landwirtschaft getan hat?

Wunsch: Ich empfehle jedem, ein Dankbarkeitstagebuch zu schreiben. Dafür setzt man sich ein paar Wochen lang jeden Abend hin und schreibt in ein Heft drei Dinge: Wofür man an diesem Tag dankbar ist, was gut funktioniert hat, worauf man stolz ist... Das müssen keine großen Dinge sein, im Gegenteil. Man kann zum Beispiel festhalten, dass man sich mit der Familie nach dem Mittagessen noch eine kurze Pause in der Sonne gegönnt hat, dass man etwas zusammen unternommen hat, dass allen das Essen gut geschmeckt hat oder dass man eine Arbeit fertig bekommen hat. Das sind alles Dinge, die wir im Alltag als „normal“ betrachten. Man kann sie aber auch als Erfolg oder etwas Schönes verbuchen! Wenn man seinen Fokus jeden Abend auf diese guten Dinge im Alltag richtet, macht das dauerhaft glücklicher.

 

Wochenblatt: Für einige Landwirtsfamilien ist es aber im Arbeitsalltag nicht so einfach, sich auf das Positive zu fokussieren. Besonders wenn sie immer wieder mit fragwürdigen politischen Entscheidungen oder Angriffen aus der Gesellschaft konfrontiert werden. Wie kann man damit umgehen?

Wunsch: Man darf sich sein Problem hier genau anschauen. Nehmen wir als Beispiel eine politische Entscheidung, die mich als Landwirt massiv in meinem Wirtschaften beeinträchtigt. Der erste Schritt ist wirklich, diese politische Entscheidung anzunehmen, so schwer das oft fallen mag und so ungewohnt das für uns ist. Wir können diese Entscheidung nicht ändern. Wenn wir gedanklich immer wieder dagegen ankämpfen, raubt uns das wahnsinnig viel Energie! Ich vergleiche das gerne damit, wenn ich mich vor einen Berg stellen würde und mich darüber ärgere, dass er da ist. Ich würde ihn gerne wegschieben, aber es geht einfach nicht. Das ist verschwendete Energie. Ich muss akzeptieren, dass er da ist. Erst dann kann ich überlegen, wie ich mit diesem Berg umgehen will. Ich kann zum Beispiel über ihn drüber oder um ihn herumgehen.

 

Wochenblatt: Wie kann man das nun auf unser Beispiel übertragen?

Wunsch: Als Landwirt, der sich mit dieser politischen Entscheidung konfrontiert sieht, nehme ich diese Entscheidung an. Wenn ich merke, dass ich die Entscheidung zwar nicht gut finde, aber trotzdem noch gut wirtschaften kann, ist das wunderbar. Wenn ich aber merke, dass ich dauerhaft unzufrieden bin oder sich meine Arbeit wirtschaftlich nicht mehr trägt, kann ich mir zum Beispiel überlegen, ob und wie ich mein Betriebskonzept ändern kann. Mir ist völlig bewusst, dass das keine leichte oder einfache Entscheidung ist. Das Leben ist leider auch nicht immer leicht und einfach. Aber mir ist wichtig zu erklären, dass wir immer eine Wahl im Leben haben!

 

Schreiner-Moser D

                    

Wochenblatt: Gilt das auch für die anderen Menschen, die auf dem Hof leben, also zum Beispiel für die Bäuerin oder die Altenteiler?

Wunsch: Selbstverständlich! Auch als Partnerin eines Bauern darf ich mich – am besten schon bevor ich auf den Hof ziehe – fragen, wo ich meine Aufgaben sehe. Also ob ich zum Beispiel voll in das vorhandene Konzept einsteigen will oder mir lieber meine eigenen Bereiche schaffen möchte, wie durch Soziale Landwirtschaft, Schule auf dem Bauernhof oder ähnliches. Genauso möglich ist es natürlich, der eigenen Arbeit nachzugehen, die nichts mit der Landwirtschaft zu tun hat. Wir dürfen uns immer entscheiden und auch die eigene Entscheidung überdenken, wenn wir das starke Gefühl haben, dass wir nicht mehr glücklich damit sind.

 

Wochenblatt: Worin besteht die Wahlmöglichkeit der Altenteiler?

Wunsch: Den Altbauern kann ich folgenden Gedanken mitgeben: Sie dürfen sich klar werden, dass sie trotz der Übergabe des Betriebs definitiv noch gebraucht werden und nicht auf dem Abstellgleis stehen. Altbauern haben nach der Betriebsübergabe die Freiheit, neue Entscheidungen für sich zu treffen. Diese können ganz unterschiedlich ausfallen: Die Altbauern können immer noch auf dem Betrieb mitarbeiten, wenn sie wollen und es passt. Oder sie widmen sich intensiver einem Hobby oder gehen endlich auf Reisen und entdecken die Welt. Auch hier geht es wieder stark um die innere Einstellung zu diesem Schritt im Leben: Sehe ich ihn als Last oder als große Chance?

 

Wochenblatt: Gibt es eine Quintessenz aus Ihren drei Beispielen?

Wunsch: Wichtig ist bei allen drei Beispielen folgendes: Wenn ich mir klar bin, was ich mir vom Leben für mich selbst wünsche, kann ich dieses Ziel viel besser verfolgen und an meine Mitmenschen kommunizieren. Wir dürfen uns immer wieder vor Augen halten, dass wir nur dieses eine Leben haben. Entweder wir bringen die Tage irgendwie hinter uns und sind froh, wenn sie vorüber sind. Oder wir nutzen die Zeit, die wir haben und nehmen unser Leben selbst in die Hand. Klar – es gibt dabei immer Tage, die nicht so laufen, wie wir uns das wünschen würden. Aber auch diese Tage sind wichtig und selbst an solchen Tagen lassen sich noch ein paar gute Momente finden.

 

Wochenblatt: Warum sind auch die Tage, mit denen wir nicht zufrieden sind, wichtig?

Wunsch: Zum einen brauchen wir Menschen immer wieder einen Kontrast. Wir nehmen das Glück nicht mehr so deutlich wahr, wenn es nicht auch Unglück gibt. Und zum anderen ist die Tatsache, dass auch mal Dinge schieflaufen oder traurig sind, Bestandteil unseres Menschseins, des Lebens. Es wäre keine vollständige menschliche Erfahrung, wenn man nicht auch Gefühle wie Trauer oder Zorn empfinden würde. Es ist die Fülle der Gefühle, die das Leben ausmachen! In manchen Situationen des Lebens hat man außerdem gar kein Interesse daran, glücklich zu sein.

 

Wochenblatt: Das heißt wir suchen uns unsere Gefühle zu einer Situation passend selbst aus?

Wunsch: Ganz genau! Wir sind uns aber häufig nicht bewusst, dass wir selbst Verursacher unserer Gefühle sind. Ich finde es wichtig, sich in einer Situation bewusst für ein Gefühl zu entscheiden und nicht in einen automatisierten Prozess hineinzurutschen.

 

Wochenblatt: Sie haben vorhin angesprochen, dass das Zusammenleben mehrere Generationen am Hof ein Glücksfaktor ist. Gerade dabei kommt es aber häufig zu Konflikten. Gibt es auch dafür Lösungen?

Wunsch: Ein elementarer Punkt ist, dass jede Generation ihren eigenen Wohnbereich hat. Auch Aufgaben auf dem Betrieb dürfen klar verteilt sein, dazu zählen auch Bereiche wie der Garten. Wenn die Seniorbäuerin und die Partnerin des Jungbauern gerne garteln, können sie sich einfach getrennte Gartenbereiche einrichten – so vermeidet man Konfliktpotenzial. Ein letzter Punkt, der mir sehr wichtig ist: Man muss akzeptieren, dass man die anderen Menschen nicht ändern kann, sie sind, wie sie sind. Wenn ich etwas verändern will, kann ich nur bei mir selbst anfangen: Ich kann immer mein Denken über die andere Person ändern. Im Alltag hilft uns dabei folgendes: Ich kann mir immer wieder vor Augen halten, welche positiven Eigenschaften die Menschen um mich herum haben. Selbst, wenn das manchmal schwierig ist. Aber jeder Mensch hat positive Eigenschaften, auch wenn man selbst manchmal vielleicht nicht in deren Genuss kommt. Vielleicht sind die Schwiegermutter, der Schwiegervater großartige Eltern, vielleicht arbeiten sie sehr viel oder können super kochen. Wenn ich mir immer wieder in Erinnerung rufe, dass die anderen Menschen positive Eigenschaften haben, verändert das viel in meiner Einstellung diesen Menschen gegenüber. Außerdem spüren die anderen Menschen diese Wertschätzung!

 

Glücksgriff Bauernhof

Glücksgriff-Bauernhof-Glücksheft-Cover

Bäuerinnen und Bauern haben mit der Landwirtschaft einen Glücksgriff getan. Doch wo und wie finden sie ihre ganz persönliche Erfüllung auf dem Betrieb und in ihrem Leben? Diesem Thema hat sich Christine Wunsch angenommen. Sie ist selbst Bäuerin in Südtirol. In diesem Heft, das zusammen mit dem Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt produziert wurde, erklärt Christine Wunsch einfühlsam und lebensnah, wie man die Wertschätzung für das eigene Leben und den Betrieb in den Vordergrund rückt und nachhaltig stärkt. Acht Landwirtsfamilien aus Bayern, Österreich und Südtirol verraten außerdem, wie sie ihr Lebensglück gefunden haben. Ein großes Extra sind die vielen Übungen und Checklisten, die dem eigenen Glück auf die Sprünge helfen.

Glücksgriff Bauernhof – Persönliche Erfüllung ernten ist erschienen im dlv Deutscher Landwirtschaftsverlag, 100 Seiten, 11,90 € zzgl. Versandkosten, Bestellung unter: wochenblatt-dlv.de/glueck oder Tel. +49 89 12705-228.