Schnitzen

Model-Schnitzen: Filigrane süddeutsche Tradition

Kleine Rechtecke aus Holz mit filigranen Schnitzereien.
Redakteur Florian Maucher
Florian Maucher
am Mittwoch, 16.12.2020 - 09:30

Leonhard Angele beherrscht als einer der Letzten die Kunst des Stechens von Springerle-Modeln. Der ehemalige Landwirt fand darin seine Berufung.

Leonhard Angele arbeitet an seinem beleuchtetem Schraubstock.

Betagt knarzt die alte Holztreppe beim Gang hinauf in den Dachstuhl der alten Scheune. Die Werkstatt fürs Grobe rund um Hobelmaschine, Bandsäge und dem gelagerten Holz im Erdgeschoss weicht Stufe um Stufe einer filigraneren Welt: Dem Atelier von Schnitzer Leonhard Angele. Sein Weg führt ihn direkt an seinen Schraubstock in der gemütlich beheizten Holzkulisse. Vorsichtig spannt er einen kleinen Holzklotz ein. Drei Lichtspots lenken seine Aufmerksamkeit auf das unscheinbare Werkstück – dann beginnt er, mit routinierten Handgriffen feinste Strukturen in das Birnbaumholz zu kerben.

Acht Jahre alt war er, als er erstmals mit einem einfachen Messer der Arbeit seines Vaters nacheiferte. Dieser verzierte während den Wintermonaten in der warmen Bauernstube schlichte Brettstühle mit Jagdmotiven.

Das Schnitzen ist sein Standbein und Lebensinhalt

Heute besitzt der passionierte Holzwerker 700 Schnitzwerkzeuge aller Art. Das Schnitzen ist für ihn längst zu einem wichtigen Standbein geworden. Und zum Lebensinhalt. Vor einigen Jahren verkaufte der Landwirtschaftsmeister seine Kühe und gab den Betrieb auf: „Erst danach hab ich gemerkt, dass ich gar nie wirklich Landwirt war“, weiß der Kunsthandwerker heute, „es hat mir einfach nicht gefehlt.“

Auf einem Weihnachtsmarkt fand das Model-Schnitzen zu ihm

Mit seinen Händen und spitzen Werkzeugen sticht der Schnitzer die Details.

Während das Schnitzen von sakralen Figuren und Fasnets-Masken über viele Jahre seine Arbeit prägte, kam er vor 16 Jahren zu einem nahezu ausgestorbenen Handwerk. „Ich hab damals Holzdekoration auf Weihnachtsmärkten verkauft und da kam eine Frau zu mir und hat mich gefragt, ob ich ihr eine bestimmte Kapelle in ein Springerle-Model schnitzen könne“, erinnert sich Angele. Mehrmals hakte die hartnäckige Kundin nach, bis er sich schließlich an einen ersten Versuch wagte – und Feuer fing. „An diesem Tag hat mich das Modelstechen gefunden.“

„Für die Adventsmärkte habe ich dann Model mit weihnachtlichen Motiven gemacht – die waren sofort weg. Da habe ich gemerkt: das geht!“ Die Qualität seiner Model sprach sich herum. „Manche Kunden reisen weit, um meine Model zu kaufen.“ Und oft bleibt es nicht bei Einzelstücken: „Es gibt Kunden, die haben schon über 100 Model von mir“, freut sich Angele. Inzwischen bietet er rund 150 Modelmotive an.

Sein Geheimtipp: Birnbaumholz und Walnussöl

Neben Routine und Technik, ist die Wahl des richtigen Rohstoffs entscheidend. „Seit Jahrhunderten verwendet man dafür Birnbaumholz“, erklärt der erfahrende Schnitzer, „das ist mittelhart und man kann es wegen seiner Kurzfaserigkeit in alle Richtungen schnitzen.“ Die besonderen Eigenschaften des Birnbaum-Holzes spielen auch im Gebrauch eine wichtige Rolle: „Wenn Holz nass wird, richten sich seine Fasern auf. Je kürzer die Fasern, desto weniger sieht man die anschließend an den fertigen Springerle.“ Generell sei der Kontakt der Model mit Wasser aber zu vermeiden. „Model sollte man nicht waschen, sondern nur abwischen.“ Zur Pflege der Model empfiehlt Angele Walnussöl.

Motivwünsche sind willkommen

Ein Springerle mit dem eingeschnitzten Motiv, einer Kerze auf Tannenzweigen.

Wer für sein Model außerdem einen speziellen Motivwunsch hat, ist in der Modelmanufaktur ebenfalls bestens beraten: „Ich hab die größte Freude daran, neue Motive auszuprobieren. Die Individualität ist ja schließlich auch der ursprüngliche Sinn der Model.“

Neue Motive ergeben sich zudem, seit das Springerle auch wieder vermehrt an anderen Feiertagen unter dem Jahr – wie Ostern – Beachtung findet. Aber zuerst sei nun wieder die Weihnachtsproduktion an der Reihe, erklärt Angele und wendet den Blick seinem Birnbaum-Klötzchen im Schraubstock zu. Tannennadel um Tannennadel sticht er mit der scharfen Schneide seines Eisens in das helle Holz – bis der ganze Zweig sichtbar wird.

Model online kaufen

Auf einem Kasten mit Schnitzwerkzeugen liegt die Hand des Schnitzers selbst.

Die Modelmanufaktur Angele bietet im Onlineshop unter www.modelmanufaktur-angele.de zahlreiche Modelmotive sowie das passende Rezept für rundum gelungene Springerle.

Die Geschichte der Springerle: Reichtum ins Brot geprägt

Das Springerle ist ursprünglich ein Gebildebrot, das zu allen Feier- und Festtagen gebacken wurde. Bekannt ist es aber nur im süddeutschen Raum und als Anisbrötli in der Schweiz. Dort wurde im 14. Jahrhundert auch das älteste bekannte Holzmodel geschnitzt.

„Lange Zeit gab es die Gebäcke nur in wohlhabenden Häusern, weil weißer Zucker und weißes Mehl sehr teuer waren.“ Kaufmänner, Adel und Klöster nutzten die aufwendig verzierten Model, um ihren Status und Reichtum zu repräsentieren. „Oft wurden Standeszeichen wie Familienwappen genutzt.“ Tellergroße Model waren keine Seltenheit und grundsätzlich galt: je größer die Gebildebrote, desto größer der Reichtum.

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