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Zukunftsforschung

Megatrends und Landwirtschaft: Landfrauen blicken in die Zukunft

Flughafen-Globalisierung-Landwirtschaft: Ein Passagierflugzeug hebt gerade auf der Start- und Landebahn ab. Im Vordergrund mäht ein Bauer mit seinem Schlepper die Wiesen am Flughafengelände.
Dr. Andrea Fuß - Bayerischer Bauernverband
am Montag, 10.01.2022 - 16:20

Zukunftsforschung für das Landleben und die Landwirtschaft: Bayerns Landfrauen betrachten gesellschaftliche Trends, im Hinblick auf das neue Jahr 2022. Nicht einfach so, sondern daraufhin, was sie für das Leben auf dem Land bedeuten - das kann eine ganze Menge sein.

Für die Landfrauentage 2021/2022 hat der Landesvorstand der Landfrauen das Thema mitten im letzten Corona-Winter festgelegt. Genährt von der Hoffnung, dass sich ein Jahr später die Corona-Pandemie dem Ende nähert, wollten wir wie ein kleines neugieriges Kind durchs Schlüsselloch einen Blick in die Zukunft erhaschen.

Während ich diese Zeilen Ende November schreibe, ist unsere Situation eine ganz andere. Wir befinden uns mitten in der vierten Coronawelle, eine neue Mutante des Coronavirus ist aufgetaucht und im Nachdenken über die aktuelle Situation frage ich mich, wie ein Zukunftsszenario aussehen könnte.

Jeder, der schon einmal durch ein Schlüsselloch in ein Zimmer geschaut hat, weiß, dass immer nur ein Ausschnitt des Zimmers zu sehen ist. Und doch lässt dieser Ausschnitt etwas davon erahnen, wie es in dem Zimmer tatsächlich aussieht. Manches aber bleibt verborgen, bis man das Zimmer tatsächlich betreten kann.

Forschungsergebnisse erlauben Blick in die Zukunft

Ähnlich ergeht es uns, wenn wir durchs Schlüsselloch in Richtung Zukunft schauen. Wir können die Zukunft nicht vorhersagen, aber wir können manches erahnen, was uns in den nächsten Jahren erwartet, uns damit auseinandersetzen und uns bestmöglich darauf einstellen.

Ansatzpunkte für unsere Überlegungen bieten Forschungsergebnisse. Das „Zukunftsinstitut“ beispielsweise arbeitet mit einem Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen. Es beobachtet, beschreibt und bewertet seit mehreren Jahrzehnten, wie sich Gesellschaft und Wirtschaft in unserem Land verändern.

Zwölf langfristige Entwicklungen, die alle Bereiche unseres Lebens durchdringen, sind zu erkennen. Man nennt sie Megatrends, weil sie die Gesellschaft grundlegend verändern werden. Es lohnt sich, diese genauer anzuschauen. Sie sind unter www.zukunftsinstitut.de/dossier/megatrends/ nachzulesen. Einige dieser Megatrends, die besondere Auswirkungen auf die Landwirtschaft und das Leben auf dem Land haben, seien an dieser Stelle kurz genannt und eingeordnet.

Megatrend Globalisierung

Globalisierung meint, dass die Weltbevölkerung immer mehr zusammenwächst und der Austausch von Ideen, Talenten und Waren immer stärker zunimmt. In der Landwirtschaft zeigt sich die Globalisierung darin, dass für die Preisbildung auf dem Getreidemarkt beispielsweise die Getreideernten in den USA oder Russland mehr Einfluss haben als der heimische Verzehr.

Blick durchs Schlüsselloch: Dies könnte für die Landwirtschaft eine Stärkung der Lebensmittelerzeugung im eigenen Land bedeuten. Zudem mehr Ernährungssouveränität und den Wunsch nach einer möglichst breiten Versorgung mit pflanzlichen und auch tierischen Lebensmitteln aus Deutschland – allerdings immer klima- und ressourcenschonend.

Megatrend Neo-Ökologie

Damit sind wir beim zweiten Megatrend. Die Neo-Ökologie bestimmt zunehmend das wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Handeln. Die Gesetzesvorhaben, die landwirtschaftliche Betriebe in den letzten Jahren vor größere Herausforderungen gestellt haben, sahen sich diesem Anliegen verpflichtet. Im Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien ist deutlich formuliert, dass das Erreichen der Klimaschutzziele von Paris oberste Priorität hat. Konkret wird dies unter anderem im neuen Zuschnitt des Wirtschaftsministeriums, das zukünftig die Bereiche Wirtschaft und Klimaschutz vereint.

Blick durchs Schlüsselloch: Ich sehe dabei, dass land- und forstwirtschaftliche Betriebe als Grundeigentümer bei Themen wie Klimaschutz, Bodenfruchtbarkeit, Wassermanagement oder Naturschutz zukünftig eine stärkere gestaltende Rolle einnehmen werden. Um die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen, können Land- und Forstwirte den einzigartigen Beitrag leisten und als Folge ihrer Arbeit der Atmosphäre CO₂ auf natürliche Weise entziehen; im Gegensatz zur Energiewirtschaft, der Industrie und dem Verkehrssektor – den drei größten Emittenten von CO₂.

Megatrends Gesundheit und Individualisierung

Eine Bäuerin erntet Grünkohl am Feld. Das Wetter ist nass, grau.

Der Megatrend Gesundheit prägt seit vielen Jahren zunehmend alle Lebensbereiche – in der Stadt und auf dem Land. „Hauptsache gesund bleiben“ ist zum tiefsitzenden Ausdruck des Lebensgefühls unserer Gesellschaft geworden. Gesundheitserhaltende Angebote gibt es überall: Sportkurse, Balance- und Kurangebote, Superfoods aus Bayern wie saisonales Obst und Gemüse, heimische Nüsse oder Rapsöl mit wertvollen Fettsäuren. Die Möglichkeiten, um die eigene Gesundheit zu stärken, sind vielfältig und für jeden ist etwas dabei.

Ein weiterer Megatrend ist die Individualisierung. In einer Welt zunehmender Komplexität gibt es viele Entscheidungsmöglichkeiten. Jeder Mensch kann selbst entscheiden, welchen Weg er einschlägt und damit sich selbst und seine Ideen verwirklichen. Die Aussage „Ich entscheide selbst, was mir gut tut“ steht für diese Lebenseinstellung.

Blick durchs Schlüsselloch: Es stellt sich die Frage, welcher Trend bei der Pandemiebekämpfung die Oberhand gewinnen wird. Was ist mehr wert: Freiheitsrechte oder Gesundheitsschutz? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Meines Erachtens stößt die Freiheit des Einzelnen dort an Grenzen, wo sie andere in ihrer Gesundheit gefährdet. Man sieht, dass sich Megatrends auch manchmal unversöhnlich gegenüberstehen und Wertedebatten auslösen können.

Megatrend Urbanisierung

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Vom Megatrend der Urbanisierung, der Abwanderung in die Städte, sind Menschen auf dem Land direkt betroffen. Im Jahr 2020 lebten laut Statistischem Bundesamt knapp 30 % der Deutschen in einer Großstadt über 100 000 Einwohner. Diese Zahl stieg in den letzten Jahren kontinuierlich an. Insbesondere junge Menschen zog es in die Städte mit ihrem breiten Angebot an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen sowie vielfältigen Freizeitmöglichkeiten. 2020 hat sich dieser Trend erstmals nicht fortgesetzt. Im Gegenteil: Es gab in den Großstädten erstmals mehr Wegzug als Zuzug, und die jungen Menschen haben dabei eine entscheidende Rolle gespielt.

Blick durchs Schlüsselloch: Es stellt sich die Frage, ob sich durch die Pandemie hier eine mittelfristige Trendumkehr einstellt und junge Menschen in Zukunft wieder verstärkt auf dem Land leben wollen, oder ob dies nur eine vorübergehende Entwicklung ist. Die ARD hat im November dem Zusammenspiel von Stadt und Land eine ganze Themenwoche gewidmet. Unter dem Titel „Stadt.Land.Wandel – Wo ist die Zukunft zu Hause?“ beschäftigten sich Filme, Dokus, Talkshows und Kabarett mit Fragen rund ums Leben auf dem Land. Wer das Material anschauen möchte, findet es unter www.ardmediathek.de/themenwoche/.

Megatrend Digitalisierung

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Spannend ist auch der Zusammenhang zwischen den beiden Megatrends Urbanisierung und Digitalisierung. Durch den zunehmenden Breitbandausbau und digitale Vernetzungsmöglichkeiten verliert die Standortfrage an Bedeutung, denn man kann sich von fast jedem Standort aus ins World Wide Web einwählen. Die Digitalisierung hat schon vor der Pandemie in unserem Alltag Einzug gehalten, doch wurde dadurch die Dringlichkeit allen bewusst. Kontaktbeschränkungen und Lockdown führten dazu, dass digitale Angebote rasant zunahmen. Statt persönlicher Begegnungen am Arbeitsplatz und in der Freizeit gab es digitale Videokonferenzen und Geburtstagspartys. Was man im Alltag brauchte, wurde im Internet bestellt und Lernen erfolgte über mebis, Teams oder Big Blue Button.

Auch die Landfrauenveranstaltungen auf Landesebene fanden im letzten Jahr überwiegend digital statt: Der erste virtuelle bayerische Landfrauentag im Februar als Livestream, das zweitägige Kreisbäuerinnen-Seminar im April im online-Format und der Landesausschuss Anfang November als Hybrid-Veranstaltung sind gute Beispiele dafür und ein Spiegelbild dieser Entwicklungen.

Blick durchs Schlüsselloch: Er lässt erahnen, dass die Zukunft einem Mix aus Präsenz-, Hybrid- und digitalen Angeboten gehört.

Fazit der Landfrauen

Liebe Leserin, lieber Leser, Sie haben gesehen, dass der Blick in die Zukunft für die Landwirtschaft und das Land gute Chancen bietet. Aber eines wurde auch klar: Ohne Veränderungen wird es nicht gehen. Wir stehen am Beginn eines neuen Jahres und ich möchte Sie ermutigen, bewusst den Blick durchs Schlüsselloch zu wagen, sich die oben beschriebenen Megatrends genauer anzuschauen.

Und dann stellen Sie sich bitte folgende Frage: Mit welchem Schritt – privat oder beruflich – möchte ich dieser Zukunft begegnen? Das kann ein kleiner oder größerer Schritt sein. Finden Sie es heraus! Ich wünsche Ihnen Gelingen und die richtigen Begleiter auf Ihrem Weg.

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