Interview

Landfrauen am Limit?

Barbara Fischer hat blonde, lange Haare, trägt ein schwarze Brille, eine rote Bluse und eine dunkelblaue Jacke darüber. Sie steht vor einem See. Im Hintergrund sieht man herbstliche Bäume.
Anna Knon
Anna Knon
am Mittwoch, 30.12.2020 - 16:00

Corona hat unsere Gedanken im Griff. Gerade auch Landfrauen spüren noch mehr Leistungsdruck als sonst. Wie man Überlastung vorbeugen kann, darüber haben wir mit Barbara Fischer gesprochen.

Wochenblatt: Inwiefern hat Corona die Überlastung der Frauen nochmals verschärft?
Fischer: Ich sehe bei vielen Frauen, dass sie im Krisenmodus festhängen. Wenn es beruflich oder einkommensmäßig in der Familie schwierig ist, sind es zu allererst die Frauen, die nach einem Plan B suchen, oft in Richtung Nebentätigkeit oder Selbstständigkeit. Diese Frauen meinen, sie müssen sich noch mehr optimieren und noch mehr leisten, obwohl sie eh schon sehr viel machen und viel abfangen, z. B. die Kinder im Homeschooling, der zusätzliche Einkauf für die Eltern als Risikogruppe. Es kommt einfach so viel zusammen. Viele Frauen haben gar keinen Blick mehr für ihre Leistung, sondern haben nur noch den Tunnelblick, was sie besser machen könnten oder zusätzlich noch machen könnten, um Familie und Betrieb am Laufen zu halten. 

„Wenn Abläufe nicht hinterfragt werden, ist das die negative Auswirkung von Tradition.“

Wochenblatt: Wie kann man aus dieser Sichtweise wieder herauskommen?
Fischer: Die Frauen sind wirklich am Ende, wenn sie zu mir kommen. Zunächst sehe ich es als meine Aufgabe, den Frauen mehr Stärke zurückzugeben und mehr Selbstwertgefühl, das heißt, die eigene Leistung zu sehen und zu schätzen, statt an sich selbst herumzukritisieren. 

Wochenblatt: Ein positiver Blick auf die eigene Leistung macht das Arbeitspensum aber auch nicht kleiner. Wie kann man aus dem Zustand herauskommen, die Arbeit nicht im Griff zu haben?
Fischer: Zunächst ist es wichtig, den eigenen Tagesablauf zu analysieren, also einmal ganz genau zu beobachten: Was mache ich von morgens bis abends? Als nächstes ist der Ablauf einer Woche dran und zwar wirklich alle sieben Tage. Da steckt so viel Routine und Automatismus drin, dass die einzelnen Tätigkeiten nicht mehr sichtbar sind. Freilich muss man für dieses Analysieren mal Zeit aufwenden, aber das muss man sich wert sein. Ich habe das an mir selber ausprobiert und ich war geschockt, was für eine elends lange Liste das war für einen einzigen Tag. Oft denkt man sich am Abend ja, dass man garnichts gemacht hat! Wenn die Arbeitszeit unter die Lupe genommen wurde, sollte die Frau in einem zweiten Schritt schauen, welche Rollen sie hat. Das sind mehrere, aber nicht alle Rollen kann sie gleichzeitig spielen, nicht sieben Rollen am gleichen Tag in gleicher Intensität. Das geht nicht, das macht einen kaputt, außerdem spielt man dann keine Rolle gescheit und ist trotzdem fix und fertig.  

Wochenblatt: Das Aussuchen von Rollen geht aber nicht immer, der Klassiker ist „Taxi für die Kinder“. Gerade die Fahrdienste führen dazu, dass der Arbeitsfluss immer wieder unterbrochen ist. Was tun?
Fischer: Ich selbst gehe bei meinen Rollen und Aufgaben nach der Kleeblatt-Methode vor: Vier Sachen nehme ich mir für den Tag vor. Davon muss eins etwas sein, worauf ich mich freue, das schreibe ich als erstes auf, aber mache es als letztes. Mehr als vier Sachen sollten es nicht sein, eine Endlosliste macht einen mürb, weil man nie fertig wird. Ich schreibe diese Aufgaben einzeln auf Post-it-Zettelchen, sobald ich sie erledigt habe, werfe ich den Zettel in eine Schachtel. Immer wenn die Schachtel voll ist, verbrenne ich sie. Das ist  ein Berg an Zetteln, darüber freue ich mich, weil ich sehe, dass ich so viel geschafft habe. 

„Die Natur ist der beste Therapeut und das kann ich gut einfließen lassen in den Alltag.“

Wochenblatt: Es gibt aber doch viele Aufgaben, die fix sind. Wie kann man neben Muss-Aufgaben auch noch Gerne-Tagesordnungspunkte ins vierblättrige Kleeblatt reinpacken?
Fischer:  Ja, viele Aufgaben kann man nicht einfach weglassen. Ich muss auch jeden Tag ein Mittagessen kochen und zwar für durchschnittlich 8 bis 10 Personen. Ich weiß daher, dass ich spätestens um 9 Uhr im Büro sitzen muss, weil ich zwei Stunden für die Büroarbeit brauche. Dann kann ich um 11 Uhr in die Küche. Aber ich plane mir auch Pufferzeiten ein, sodass das Telefonat mit meiner Freundin, auf das ich mich freue, auch noch drin ist. Für den Nachmittag ist ein Teil meines Kleeblatts jeden Tag fix, nämlich die Stallarbeit. Aber ich plane für jeden Tag auch Zeit für mich ganz alleine ein und zwar mindestens 20 Minuten; da gehe ich spazieren, mache im Garten etwas, oder ich setze mich auf die Bank in die Sonne und höre einfach den Vögeln zu. Die Natur ist der beste Therapeut und das kann ich gut einfließen lassen in den Alltag. Ich brauche einfach nur vor die Haustüre zu gehen, das ist unser großer Vorteil als Bäuerin. 

Wochenblatt: Ist es nicht schwierig als Mutter von sechs Kindern, das durchzuziehen? 
Fischer: Meine Kinder wissen, dass sie mich da in Ruhe lassen müssen. Ich war einmal schwerkrank und musste mir was überlegen, wie ich jeden Tag zu meiner „Tankzeit“ komme. Zu dieser Tankzeit nehme ich auch das Handy nicht mit! Bei mir läuft übrigens auch nie das Radio nebenbei, weil ich ganz bei der jeweiligen, einzelnen Sache sein will. Dann bin ich voll konzentriert und schaffe das auch schneller. Wenn Radio oder Fernsehen laufen, bleibt man ja doch mal stehen, hört oder schaut mal schnell und bleibt wieder daran hängen und ist dann raus aus dem Arbeitsfluss. Lieber erledige ich meine Arbeit zügig und freue mich darauf, mir am Abend Zeit fürs Tennisspielen nehmen zu können. Ehrlich gesagt, vertut man auch viel Zeit zwischendurch: auf dem Sofa, vorm Fernseher, am Handy. Das ist alles ok, aber man sollte sich das dann bewusst gönnen, wenn man weiß, dass es einem guttut. 

Wochenblatt: Sie haben eine sehr disziplinierte, straffe Tagesstruktur. Das ist schwierig für Bäuerinnen, die beispielsweise noch Pflege leisten. Einen hilfsbedürftigen Menschen kann man nicht mit durchorganisieren. Welchen Rat geben Sie diesen Frauen?
Fischer: Ich kenne eine Bäuerin, die noch recht kleine Kinder hat, außerdem ist die Schwiegermutter bettlägerig, der Schwiegervater dement und braucht dauernd Beobachtung. Da gibt es nur einen Rat: Nicht alles selber machen, hol Dir Hilfe! Das ist natürlich auch eine Frage der Kosten, und diese Bäuerin ist jetzt wieder stundenweise berufstätig, um sich nicht mehr wie im Gefängnis zu fühlen. Sie buttert vom außerlandwirtschaftlichen Verdienst Geld in die Kosten für die externe Pflegekraft, aber jetzt hat sie wieder Zugang zur Welt außerhalb der Haustüre und das tut ihr gut. Ich höre das oft von Bäuerinnen, dass sie außerlandwirtschaftliche Tätigkeit nicht nur des Geldes wegen machen, sondern auch, um rauszukommen und auch um Anerkennung zu finden. 

Wochenblatt: Welche Frauen wenden sich an Sie als Coach?
Fischer: Das sind zum einen noch recht junge Frauen, die nicht aus der Landwirtschaft kommen und mit viel Idealismus in einen Hof eingeheiratet haben; als Bäuerin kann man ja das Urbedürfnis nach erfülltem Tun stillen. Aber manche Frauen gehen mit einer zu rosaroten Brille heran und nach fünf bis zehn Jahren ist sozusagen der erste Lack ab und sie haben das Gefühl, zu kurz zu kommen und sich selbst zu verlieren in einem Berg an Aufgaben und Pflichten. Eine zweite Gruppe sind die Frauen ab Mitte 40. Sie haben oft einen hohen Leidensdruck, weil da Vieles zusammenkommt: Die Wechseljahre beginnen, die körperliche Leistungsfähigkeit lässt nach, die Kinder ziehen aus und die Frauen merken auch, dass die Partnerschaft völlig in den Hintergrund geraten ist; es ging immer nur um Arbeit, Betrieb, Kinder. Diese Frauen spüren eine innere Leere und fragen sich, ob das alles gewesen ist. Dann kommt entweder das Aufbäumen gegen diesen Zustand und ein fast extremer Selbstverwirklichungstrip oder sie resignieren. Viele bekommen Herzprobleme, der Blutdruck fängt zu spinnen an, auch Krebs wird zum Thema.  

„Wenn ich als Mutter vermittle, dass alles schwer ist, nichts vorangeht, alles zu viel ist, vermittle ich auch ein negatives Weltbild.“

Wochenblatt: Wie können Frauen in dieser Lebenssituation wieder die Kurve zu einer positiven Lebenseinstellung bekommen?
Fischer: Zunächst einmal ist das nicht nur für die Frau wichtig, sondern auch für die Kinder. Wenn ich als Mutter immer vermittle, dass alles schwer ist, nichts vorangeht, alles zu viel ist, vermittle ich auch meinen Kindern ein negatives Weltbild. Die eigenen Gedanken gut zu pflegen und wieder zu einer positiven Lebenseinstellung zu kommen, auch dafür braucht man Struktur – genau wie beim Arbeiten. Ich muss mir klar werden, welche Werte mir wichtig sind. Anfangen muss und darf man bei sich: Wieviel bin ich mir selbst wert? Überlastete Frauen haben aufgehört, sich selbst als eigene ständige Person zu sehen, sie sehen nur das große Ganze, den Betrieb, den Partner, die Kinder, die Familie, die Anderen. Um wieder Lebensfreude zurückzugewinnen, gehört auf die Prioritätenliste, sich eine Zeit des Nichtstuns zu gönnen oder etwas zu tun, was nicht wieder mit Arbeit verbunden ist. Ganz wichtig ist sportlicher Ausgleich, egal, ob Laufen, Walken, Yoga, Gymnastik, Radfahren, Schwimmen, Skifahren. Viele Frauen lehnen das ab, weil sie ohnehin den ganzen Tag auf den Beinen sind. Aber der Ausgleich ist wichtig, um gesund zu bleiben. Wenn man nur eine halbe Stunde stramm spazieren geht, kurbelt das den ganzen Organismus an, und durch die Bewegung werden Glückshormone freigesetzt. Sport macht man für sich, für die Selbstwahrnehmung, sonst spürt man sich irgendwann nicht mehr. Besonders wohltuend ist es für viele Frauen, in der Gruppe unterwegs zu sein und sich nebenei auch ein wenig zu unterhalten und auf andere Gedanken zu kommen.

Wochenblatt: Sie stammen nicht aus der Landwirtschaft und haben daher einen Blick von außen. Was ist Ihnen als Neuling besonders aufgefallen?
Fischer: Der Satz „Das haben wir unser Lebtag lang schon so gemacht!“ Wenn Abläufe und Strukturen nicht hinterfragt werden, ist das die negative Auswirkung von Tradition. Man überlegt nicht mehr, warum man was macht, sondern funktioniert nur noch und ist so eingespannt, dass man sich keine Zeit mehr nimmt, Abläufe unter die Lupe zu nehmen und sie der Lebenssituation bei Bedarf anzupassen und zu ändern. Wichtig finde ich auch, dass man als einheiratende Frau etwas Eigenes anpackt. Das war bei meinem Mann und mir die Geflügelhaltung mit Direktvermarktung. Auf diese Weise habe ich meinen eigenen Bereich und die Schwieger­eltern weiterhin auch ihren Bereich, nämlich die Milchviehhaltung.  Das tut uns allen gut.
Ich war vor meiner Einheirat als MTA, also Arzthelferin tätig und bin auch oft nicht pünktlich aus der Arbeit gekommen. Dafür hatte ich zwar dann wieder mal frei, aber jetzt als Bäuerin kann ich meine Zeit selber einteilen und muss mich auch nicht unterordnen. Diese Freiheit genieße ich sehr bewusst. Ich habe freilich viel Arbeit und bin am Abend müde, aber es ist eine zufriedene Müdigkeit. Ich bin gerne Bäuerin und ich glaube, das ist entscheidend. 

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