Ein l(i)ebenswertes Dorf

Hier lässt es sich leben

Meike Grewe
am Freitag, 24.08.2018 - 10:12

Weiher, Wiesen, Windräder: Wiesenfelden hat alles, was das Dorf der Zukunft ausmacht. Die starke Gemeinschaft der Menschen macht’s möglich.

Drillinge! Josef Rauscher ist sichtbar stolz auf seinen Nachwuchs. Und Cornelius, das Jüngste der vier Rauscher-Kinder, führt die kleine Sensation freudestrahlend aus dem Stall: Drei Kälber, drei Tage alt, staksen mit ihm zum Familienfoto. Dabei sei die Landwirtschaft hier in Wiesenfelden nicht so einfach, erzählt Rauscher. Sandboden und ein raues Klima – da wachse nicht viel. Er ist Biobauer mit 31 Milchkühen. Viele Bauern haben ihren Betrieb bereits aufgegeben. Im Gemeindebereich gibt es nur noch eine Handvoll Haupterwerbslandwirte. Auch Rauscher überlegt, den Betrieb umzustrukturieren.

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Seine Frau Sabine, gelernte Krankenschwester und Erzieherin, hat gerade die Ausbildung zur Erlebnisbäuerin beendet. Die Rauschers möchten die Lern- und Erlebniswelt auf ihrem Bauernhof professioneller ausbauen, um Kindern mit und ohne Behinderung heimische Tiere und Pflanzen nahezubringen. Für ihre eigenen Kinder gäbe es nichts Schöneres, als hier inmitten der Natur aufzuwachsen, erzählt die 40-Jährige.

Landwirtschaft in rauer Lage

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Wiesenfelden, mit seinen 88 Ortsteilen, Einöden und Weilern liegt auf einer Hochebene des Vorderen Bayerischen Waldes im Landkreis Straubing-Bogen. Umgeben von zahlreichen Weihern, Wiesen und Weideflächen macht das Dorf mit knapp 900 Einwohnern seinem Namen alle Ehre.

Im Ort selbst gibt es nur noch einen Landwirt, Anton Jobst. Zusammen mit seiner Frau Claudia und den drei Söhnen besitzt er rund 100 Milchkühe mit entsprechender Nachzucht. Einen Großteil seiner Stallungen hat Jobst außerhalb neu gebaut. Aber leben will die Familie nur im Dorf. Michael, mit 23 Jahren der älteste Sohn, hat sich bereits einen Bauplatz in Wiesenfelden gekauft. Stefan, der Mittlere, will den Hof der Eltern übernehmen. Christoph geht zwar noch zur Schule, interessiert sich aber für Technik und stellt schon mal klar, dass er in diesem Bereich den Bruder im Betrieb unterstützen will.

Junge Leute fühlen sich wohl in Wiesenfelden. Immer mehr junge Familien zieht es hierher. „Die meisten Neubauten stammen von Zugezogenen“, weiß der zweite Bürgermeister, Andreas Urban.

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Die geografische Lage ist ideal: Deggendorf, Straubing, Regensburg und Cham sind jeweils knapp 30 Autominuten entfernt. Die meisten Wiesenfeldener pendeln zu ihren Arbeitsplätzen. Das führte zu erheblichen Verkehrsproblemen im Dorfkern, der oft zugeparkt war. Im Rahmen der Dorferneuerung wurde der Pendlerparkplatz verlegt, der zentrale Georgsplatz komplett umgestaltet und 2014 zur neuen Mitte des Dorfes. Hier steht nun der moderne Rathausbau mit angeschlossenem Bürgersaal gegenüber der barocken Pfarrkirche, deren Friedhof zum Georgsplatz hin erweitert wurde.

Ein Dorf mit Theaterbühne am See

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Der Platz öffnet sich über breite Treppen dem zehn Hektar großen Beckenweiher. Die Stufen laden zum Verweilen mit Blick auf eine idyllische Naturkulisse und dienen gleichzeitig als Tribüne für die hölzerne Seebühne am Ufer. Hier finden Konzerte, Theateraufführungen und sogar Trauungen statt. Ein Kinderspielplatz sowie der Maibaum runden die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten des Georgsplatzes ab. Ein gelungenes Ensemble, dank der intensiven Einbindung und dem ehrenamtlichen Engagement der Bewohner, der Teilnehmergemeinschaft zur Dorferneuerung, der Gemeinde, der Kirche und der Vereine. Belohnt wurden die Wiesenfeldener dafür mit dem Sonderpreis des Staatspreises Land- und Dorfentwicklung 2016.

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„Die Menschen am Ort halten zusammen“, sagt Inge Höcherl, einziges weibliches Mitglied der Blaskapelle G´steckenriebler. Wiesenfelden ist ein musikalisches Dorf. Vier Hauptmusikgruppen und viele Freizeitmusikanten spielen zumeist traditionelle Musik und besonders gern auf einem der zahlreichen Dorffeste. Einer der Höhepunkte im Jahr ist das Kellerfest. Diese Tradition hat der Katholische Burschenverein 1993 wieder aufleben lassen. Vor einem vor 500 Jahren im oberen Dorf tief in den Fels gehauenen ehemaligen Bierkeller findet das Fest alljährlich Anfang August statt. Unter alten Kastanien, mit Blasmusik, Grillschmankerln und Bier vom Fass versammeln sich die Wiesenfeldener und feiern gemeinsam bis tief in die Nacht. Dorftradition und Kulturarbeit stehen im Mittelpunkt der rund 100 jungen Burschen und mehr als 100 „alten Herren“ – den Verheirateten. Sie organisieren das Johannisfeuer, Maibaumfeiern oder führen Theaterstücke auf.

55 Vereine halten das Dorfleben am Laufen

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55 Vereine erhalten und pflegen das Brauchtum in Wiesenfelden und sind prägend für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Generationen. Fast alle haben aktive Kinder- und Jugendgruppen. Praktisch jeder Bürger ist Mitglied in mehreren Vereinen, die sich wiederum gegenseitig unterstützen. „Das macht das Dorfleben aus“, erklärt Anita Schießl, Vorständin des Christlichen Frauen- und Müttervereins. Der ersten Anlaufstelle, wenn es ums Catering für die Gemeindefeste geht oder Basteleien, wie das Binden von Palm-, Kräuterbüscheln oder Adventskränzen. Mit den Erlösen unterstützen die Mütter Bedürftige im Dorf und Landkreis. Ganz wichtig ist Schießl zudem die Seniorenarbeit. Regelmäßig besuchen die Frauen Alte und Pflegebedürftige – nicht nur im örtlichen Seniorenheim. „Die alten Damen und Herren haben unser Dorf auch zu dem gemacht, was es jetzt ist. Sie gehören dazu“, sagt Schießl. Die gelernte Metzgereiverkäuferin lebte und arbeitete lange Jahre in München, ehe sie in ihren Heimatort zurückkehrte. Der sei einfach wunderschön. „Egal in welche Richtung man spaziert: man geht in die Natur, hat frische Luft, findet Ruhe.“ Das ist ein sehr schützenwertes Gut, findet Schießl.

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Und dieses Gut beginnt bereits mitten im Dorf, wo der Beckenweiher mit seinem Umland ein Naturschutzgebiet von europäischer Bedeutung bildet. Ein überdachter Naturbeobachtungssteg sowie ein idyllischer, barrierefreier Rundwanderweg zeigen, dass sich der Schutz von Natur und ihre Nutzung nicht ausschließen. Ebenso wie bei dem Neuweiher, in dem die Wiesenfeldener angeln und baden, dessen urwüchsige Umgebung trotzdem weitgehend unberührt bleibt.

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Das grüne Gewissen der Gemeinde ist auch ein Verdienst von Hubert Weinzierl. Der Mitbegründer des Bundes Naturschutz und Umwelt in Deutschland (BUND) erwarb mit seiner Frau Beate das Schloss Wiesenfelden, zu dem auch die drei größten Weiher gehören. Gemeinsam errichteten sie in dem ortsbildprägenden Gebäude 1983 ein Umweltbildungszentrum. Hier finden Seminare statt, gibt es ein naturkundliches Museum zum Thema „Lebensraum Weiher“ und sogar „sprechende“ Fische. Das Naturbedürfnis sei im Dorf deutlich spürbar, erzählt Beate Seitz-Weinzierl. „Vor 40 Jahren war Naturschutz noch eher ein Feindbild. Das hat sich total verändert.“

Wiesenfelden setzt auf erneuerbare Energie

Dies zeigt sich ebenfalls in Beiträgen zur Energiewende, die den Dorfpolitikern am Herzen liegt. Die Gemeinde hat sich einem Coaching unterzogen, um Energieeinsparungen sinnvoll umzusetzen und sich für den Bau zweier Windräder eingesetzt, die Strom für rund 4500 Haushalte liefern. Beim Neubau des Bauhofes wurde eine Hackschnitzelheizung integriert, die alle öffentlichen Gebäude und 20 Privathaushalte mit Wärme versorgt. Hinzu kommen zahlreiche Photovoltaik- und zwei Biogasanlagen. Somit sieht sich Wiesenfelden gut gerüstet und weitgehend energieautark.

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Seit etwa 1990 werde das Dorf kontinuierlich erneuert, erklärt Andreas Urban. Daran beteiligt ist auch Rudolf Heindl. Der Metzgermeister im Gemeinderat und Vorstand der Teilnehmergemeinschaft ist „stolz, Wiesenfeldener zu sein.“ Hier haben sich Firmen angesiedelt, es gibt eine tolle KiTa mit Kinderkrippe, eine Grund- und Mittelschule mit Mittagsbetreuung. Das alles sei unglaublich wichtig, erklärt Heindl. Dass sein Handwerk die Dorfmitte ebenso lebendig hält, erzählt er nicht. Die Türglocke seines Ladengeschäfts läutet an diesem Tag in einem fort. Die Kundschaft gibt sich die Klinke in die Hand. 95 % seiner Produkte stammen aus eigener Herstellung, so Heindl. Schon früh hat er sich um die dafür nötige EU-Schlachtzulassung gekümmert.

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Ärzte, Apotheke, Banken, Lebensmittelladen, Metzger, Bäcker und ein Gasthof, alles was man braucht, gibt es in Wiesenfelden. Zusammen mit Natur und Fortschritt machen sie Wiesenfelden zu einem l(i)ebenswerten Heimatort. Wer hier lebt, entscheidet sich bewusst für eine funktionierende dörfliche Gemeinschaft.