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Solidarität unter Landwirten

Kollege statt Konkurrent

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Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Freitag, 21.10.2022 - 11:50

Wenn landwirtschaftliche Betriebe wachsen, leidet immer wieder der zwischenmenschliche Umgang unter Landwirten. Fritz Kroder spricht sich im Interview für mehr Solidarität unter Berufskollegen aus.

Fritz Kroder leitet die Familienberatungsstelle in Bamberg und ist im Nebenerwerb selbst Landwirt. Als Autor von Beiträgen zu Themen aus seiner Beratungstätigkeit ist er den Wochenblatt-Lesern bekannt.

Herr Kroder, lange galt in der landwirtschaftlichen Produktion – auch in Bayern – „Wachsen oder Weichen“. Hat das Wachstum von Betrieben Auswirkungen auf den zwischenmenschlichen Umgang unter Landwirten?

Bei der Beratung von Landwirtsfamilien in den letzten Jahren habe ich immer wieder solche oder ähnliche Fälle erlebt: Ein aktiver Bauer verstirbt überraschend und gierige Betriebsleiter stehen noch am selben Tag bei den Familien in der Tür und buhlen um die Flächen und das Land. Oft haben die Menschen den Tod des Familienmitglieds noch gar nicht richtig realisiert. Auch die Verpächter werden aufgesucht, bei denen der verstorbene Betriebsleiter Flächen gepachtet hatte. Sie werden verunsichert und mit Halbwahrheiten über die zukünftige Bewirtschaftung des Hofes des Verstorbenen konfrontiert. Nicht zuletzt werden ihnen überhöhte Pachtpreise angeboten, damit sie aus den laufenden, noch rechtskräftigen Pachtverträgen aussteigen. Ich bin vom Verhalten mancher Betriebsleiter entsetzt und dieser Umgang unter Landwirten beschämt mich als Bauer.

Gibt es noch andere Auswirkungen?

Ein weiteres Beispiel für ungezügelte Gier und deren Folgen erlebe ich in verschiedenen landwirtschaftlichen Gremien und bei manchen Landwirtschaftsschülern. Sie fordern, dass Nebenerwerbsbauern keine Förderungen mehr bekommen sollen und somit diese Gelder und später auch die Flächen ihnen zufallen. Dabei beklagen sie im selben Atemzug, dass sie von der Gesellschaft angegriffen und verunglimpft werden und keine Mitstreiter mehr haben. So werden sie durch ihr eigenes unsolidarisches Verhalten zu Einzelkämpfern im Dorf und vereinsamen auf ihre Art. Ich finde es dagegen wichtig, dass es in den Dörfern möglichst viele Menschen gibt, die Landwirte sind und noch so denken und fühlen wie Bauern.

Warum verhalten sich manche Landwirte so?

Viele denken, nur das Wachsen um jeden Preis gibt ihnen als Landwirt eine Zukunft und so verlieren sie nicht die Anschlussfähigkeit. Damit legitimieren sie ihr Verhalten und ihre Raffgier und merken gar nicht, dass sie sich in ein Hamsterrad begeben. Dieses unreflektierte Verhalten setzt auch die anderen Bauern massiv unter Druck und erhöht zusätzlich die psychische Belastung. Häufig leisten auch die Agrarindustrie und Firmen ihren Beitrag dazu. Den Landwirten wird suggeriert, welche Ausstattung und Maschinen sie für ihr Expandieren brauchen, damit sie weiterhin anschluss- und wettbewerbsfähig bleiben. Dadurch erhöht sich der Druck unüberlegter und unrentabler Investitionen.

Es gibt doch aber auch viele Landwirte, die einen anderen Weg einschlagen und im gemeinschaftlichen Umgang sehr korrekt und hilfsbereit sind!

Absolut. Um noch einmal das Beispiel vom Tod eines Betriebsleiters aufzugreifen: Ich kann aus meiner langen Erfahrung als Berater bestätigen, dass es auch viele Bauern gibt, die sich in einer solchen Situation sehr solidarisch verhalten. Sie lassen der betroffenen Familie Zeit, den Verstorbenen zu betrauern. Sie bieten ihnen ihre meist kostenlose Hilfe an, den Verlust an Arbeitskraft im Betrieb zu überbrücken. Mitgefühl und Unterstützung durch die Dorfgemeinschaft und Berufskollegen ist für viele selbstverständlich. Ein solches Verhalten trägt die Gemeinschaft und niemand muss sich alleine fühlen. Man schaut im Guten aufeinander.

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Haben Sie als Landwirt weitere Ideen für eine gutes, solidarisches Miteinander in der Landwirtschaft?

Bei uns im Dorf achten wir Landwirte darauf, dass die Preise für Pachtland nicht durch gegenseitiges Überbieten ins Unermessliche steigen und setzen uns selber Grenzen. Es wird geschaut, welche Flächen bei wem angrenzen und wie sich durch Tausch die Agrarstruktur verbessern lässt und sich somit auch kleinere Betriebe entwickeln können. Wir Landwirte helfen uns untereinander, wenn Not am Mann ist mit Arbeitskraft und Maschinen. Nicht wenige Betriebe schaffen sich gemeinschaftlich einen Maschinenpark an und bewirtschaften ihre Außenflächen zusammen. Das gibt Freude bei der Arbeit und ein Gemeinschaftsgefühl, auch Krisen und schwierige Zeiten bewältigen zu können.

Warum ist dieses Gemeinschaftsgefühl in der Landwirtschaft so wichtig?

Ein solches Miteinander stärkt die innere Verbindung und gibt ein solidarisches Gefühl unter uns Landwirten im Dorf. Wir haben keine Angst, den Anschluss an eine zukunftsfähige Landwirtschaft zu verpassen, wenn wir nicht um jeden Preis wachsen oder den Milchviehstall noch einmal spiegeln. Das stärkt auch das Dorfleben. Nicht selten werden von der Bauernschaft gemeinsam Feste und Feiern ausgerichtet.

Hat sich das Verhalten durch die jetzigen Krisen geändert?

Wir leben sicher in einer Umbruchzeit, die die Landwirtschaft, aber auch die gesamte Gesellschaft betrifft. Da hilft es nicht, sich als Bauer zu separieren und abzuschotten – das Gegenteil ist gefragt! Viele Beispiele in Krisenzeiten haben uns das gezeigt. Antworten gaben damals Agrarpioniere wie Wilhelm Raiffeisen und Anton Heim. Sie schrieben Solidarität und Gemeinschaft in ihr Programm durch die Gründung von Genossenschaften. Solche gemeinschaftlichen Modelle, zum Beispiel für die Vermarktung, wären auch heute gefragt.

Trotz einer guten Gemeinschaft kann es einen ärgern oder sogar wirtschaftlich belasten, wenn ein anderer Landwirt schneller war und die Flächen, die man gebraucht hätte, schon verpachtet sind. Wie geht man für sich selbst damit um?

Meiner Erfahrung nach ist das Wachsen der Betriebe um jeden Preis nicht mehr die Maxime, die sich auszahlt. Wichtiger ist es, den Betrieb mit Intelligenz zu gestalten, individuell auszurichten und in der Qualität zu wachsen. Ich kenne kleine Betriebe, die sich klug ausgerichtet haben. Sie erzielen mehr Gewinn mit Sonderkulturen oder Beeren als große Betriebe, die besonders viel Fläche und Milchviehhaltung haben. Außerdem ist das eine Frage der eigenen inneren Einstellung: Vielleicht müssen wir heute wieder lernen, dass gemeinsame, gute Beziehungen und ein solidarisches Miteinander wichtiger und wertvoller sind, als immer mehr haben und besitzen zu wollen. Das hat uns auch die Corona-Pandemie gezeigt.

Wodurch entsteht das Bedürfnis, immer mehr haben zu wollen und nicht mit dem eigenen Leben zufrieden zu sein?

Hauptsächlich entsteht es durch das ständige Bewerten von anderen Bauern und durch das Vergleichen mit anderen Betrieben. Das ist pures Gift! Viele Landwirte ziehen aus der Größe des Betriebes und der Maschinen ihr Selbstbewusstsein und ihren Selbstwert. Aber es wird immer jemanden geben, der mehr hat als man selbst, der scheinbar glücklicher ist. Diese Form des Vergleichens ist sinnlos: Jeder Betrieb ist anders und hat andere Voraussetzungen, genauso wie jeder Mensch anders ist. Jeder von uns hat sein Päckchen im Leben zu tragen.

Dann verbietet sich der Blick auf andere Landwirte?

Es gibt auch ein konstruktives Vergleichen: Wenn ich mich mit anderen Landwirten vergleiche, weil ich von ihnen etwas lernen will und eine bessere Lösung für meinen Betrieb finden will, spricht nichts dagegen.

Wie schafft man es konkret, sich mehr auf das zu konzentrieren, was einem als Mensch und dem Betrieb guttut?

Es ist wichtig, sich seiner Gedanken bewusst zu werden. Und ich finde, mit der Haltung „Leben und leben lassen“, die hier früher in Bayern vorherrschte, können wir Gier, Missgunst und Neid entgegenwirken. Dazu gehört die innere Einstellung, dem anderen auch etwas zu gönnen. Ich bin überzeugt, dass diese guten Beziehungen, das Gefühl der Solidarität und des Mitgefühls nicht nur für die Bauern, sondern für uns alle eine bleibende Basis ist und über den Tod hinaus bestehen wird. Das sind die wahren Reichtümer unseres Lebens – nicht der Besitz und das, was wir haben. Das sollte uns bewusst sein.

Landwirtschaftliche Familienberatung

Fritz-Kroder

Seit rund 30 Jahren gibt es die landwirtschaftliche Familienberatung der Kirchen in Bayern. Sie begleitet Bäuerinnen und Bauern in schwierigen Zeiten oder vor großen Entscheidungen. In den Anfangsjahren waren das oft die Überlegungen vor großen Investitionen und die Sorgen vor zu hohen finanziellen Belastungen, die die Bäuerinnen und Bauern umgetrieben haben.

Die Sorgen und Nöte sind nicht weniger geworden, aber sie haben sich verlagert. Vermehrte bürokratische Auflagen, der Druck durch den Klimawandel, Unsicherheiten im Blick auf politische Vorgaben und das schwindende Ansehen in der Bevölkerung üben enormen psychischen Druck auf die betroffenen Familien aus.

All diese Faktoren führen dazu, dass der eigentlich erfüllende und sinnstiftende Beruf für viele zum Krafträuber wurde. Viele Landwirtinnen und Landwirte leiden mittlerweile unter psychischen Belastungen, weil ihre Arbeit immer anspruchsvoller, aber geringer wertgeschätzt wird. Dies führt zu nicht unwesentlichen Spannungen in der Familie bzw. zu Konflikten zwischen den Generationen.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der landwirtschaftlichen Familienberatungen bieten vertrauliche Gespräche und unabhängige Beratung am Telefon, in der Beratungsstelle oder auf dem Betrieb an. 

Beratungsstellen für bäuerliche Familien

MontagsTelefon des BBV

Tel. 0800-131-131-0, montags (auch an Feiertagen), 9 bis 13 Uhr und 16 bis 20 Uhr anonym, vertraulich, kostenfrei.

 

Krisenhotline der SVLFG

Tel. 0561-785-10101, jederzeit: 24 Stunden an 7 Tagen der Woche, für besonders belastende Momente, anonym, vertraulich, zum ortsüblichen Telefontarif.

 

SVLFG–Kontakttelefon

bei seelischen Belastungen, Tel. 0561-785-10512, anonym bis zum Einstieg in Präventionsprogramme wie Online-Training oder intensive Einzelfall-Coachings, vertraulich, während der üblichen Bürozeiten, zum ortsüblichen Telefontarif.

 

Adressen der landwirtschaftlichen Familienberatungen der katholischen und evangelischen Kirche in Bayern

Sie arbeiten unabhängig und vertraulich, telefonisch, und zwar in der Beratungsstelle oder am Betrieb.

Diözese Augsburg (Christine Beuer):
Telefon 08222-411166,
E-Mail: bfb@bistum-augsburg.de,
www.klb-augsburg.de

Erzdiözese Bamberg (Fritz Kroder):
Telefon 09194-796767, Fax: 09194-796729,
E-Mail: info@lfb-bamberg.de,
www.lfb-bamberg.de

Diözese Eichstätt (Agnes Breitenhuber):
Telefon 08421-50888, Fax: 08421-50628
E-Mail: lfb@bistum-eichstaett.de,
www.klb-eichstaett.de

Erzdiözese München und Freising (Peter Bartlechner):
Telefon 08072-9733, Fax: 08072-9735,
E-Mail: pbartlechner@eomuc.de

Diözese Passau (Helga Grömer):
Telefon 0151-17653139,
E-Mail: lfb@bistum-passau.de

Diözese Würzburg (Wolfgang Scharl):
Telefon 0931-386-63725, Fax: 0931-386-63729,
E-Mail: info@lfb-wuerzburg.de,
www.lfb-wuerzburg.de

Diözese Regensburg (Harald Staudinger);
Telefon 0941-597-2468,
E-Mail: bfb@bistum-regensburg.de

LFB der Evang. Kirche in Bayern (Walter Engeler):
Telefon 09854-1036, Fax: 09854-1050,
E-Mail: lfb@ebz-hesselberg.de,
www.ebz-hesselberg.de

 

Mediation des BBV

www.bayerischerbauernverband.de/mediation

vertraulich, kostengünstig, die SVLFG übernimmt nach positiver Prüfung der versicherungsrechtlichen Voraussetzung die Kosten der ersten zehn Stunden.