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Interview

Kindheit am Hof inspiriert Christian Lerch im Film "Das Glaszimmer"

Christian-Lerch-Porträt auf schwarzem Hintergrund
Carmen Knorr
Carmen Knorr
am Freitag, 22.04.2022 - 11:00

Im Interview erzählt Regisseur und Schauspieler Christian Lerch, wie ihn seine Kindheit auf dem Bauernhof geprägt und bei der Gestaltung seines neuen Kinofilms „Das Glaszimmer“ inspiriert hat. Außerdem gibt er exklusive Einblicke in die Dreharbeiten.

Ein Kriegsfilm aus der Perspektive von Landkindern: Das gibt es im neuen Kinofilm „Das Glaszimmer“, der am 28. April erscheint. Regie führte der oberbayerische Regisseur und Schauspieler Christian Lerch. Er wuchs selbst am Hof auf und lebt nun wieder dort. Im Gespräch mit dem Wochenblatt erzählt er, wie ihn das bei der Gestaltung des Films beeinflusst hat und warum der Film für die ganze Familie geeignet ist.

Wochenblatt: „Das Glaszimmer“ ist ein eher untypischer Kriegsfilm, er zeigt die Endzeit des Zweiten Weltkrieges aus den Augen der Kinder. Warum diese Perspektive?

Lerch: Die Kinder sind die Hauptfiguren im Film. Damit die Zuschauer das auch so wahrnehmen, habe ich mich zusammen mit Kameramann Tim Kuhn entschieden, die Geschichte auch bildlich aus der Kinderperspektive zu erzählen. Wir haben den Kindern dabei viel Raum zum Spielen gelassen. Mit einer relativ leichten Kamera haben wir das Setting so aufgestellt, dass wir ihnen immer hinterherlaufen konnten.

Wochenblatt: Wie haben Sie es geschafft, dass sich die Kinder in die Kriegsthematik hineinversetzen konnten?

Lerch: Während der vielen Proben gab es zahlreiche spielerische Momente. Da habe ich dann oft versucht, in etwas überzuleiten, das auch im Drehbuch vorkommt. Außerdem haben wir immer wieder darüber geredet, was in der Zeit des Zweiten Weltkriegs politisch los war. Die Kinder waren teilweise aber auch schon sehr gut informiert. Beim Dreh selbst war auch ein Lehrer da. Der hat ihnen nicht nur den Stoff beigebracht, den sie in der Schule während des Drehs versäumt haben, sondern hat ihnen auch Geschichtsunterricht gegeben.

Glaszimmer-BTS

Wochenblatt: Wie alt waren die Kinder beim Dreh?

Lerch: Der älteste, Luis Vorbach (spielt Karri), war schon 13 Jahre alt. Xari Wimbauer (spielt Felix) und Hannah Yoshimi Hagg (spielt Martha) waren 12 Jahre alt und David Benkovitch (spielt Torfan) war erst 10 Jahre alt.

Wochenblatt: Der Film wurde bereits 2019 gedreht, erscheint aber jetzt, wo es in Europa wieder Krieg gibt. Warum sollte man sich den Film trotzdem anschauen?

Lerch: Der Film zeigt den Krieg nur in wenigen Bildern. Er zeigt viel mehr, wie trotz der Schwere des Krieges im Leben der Kinder eine gewisse Leichtigkeit mitschwingt – indem sie Freundschaften schließen und miteinander spielen. Zudem lernt man etwas über Fake News und Propaganda in der NS-Zeit, die Werte von Freundschaft, einer Mutter-Sohn-Beziehung, sieht, wie eine alleinstehende Frau irgendwie zurechtkommt.

Wochenblatt: Welcher Zielgruppe empfehlen Sie den Film?

Lerch: Ich denke, der Film ist gut für Kinder ab ungefähr 10 Jahren, freigegeben ist er ab 12 Jahren. Er eignet sich auch gut für Schulklassen. Im Prinzip ist es aber ein Film, den man als Familie über Generationen hinweg gut anschauen kann.

Wochenblatt: Bietet der Film Eltern die Möglichkeit, Kindern das Thema Krieg zu erklären?

Lerch: Ja, auf jeden Fall. Man kann mithilfe von verschiedenen Szenen Kinder und Heranwachsende an viele Themen heranführen. Gerade eine Szene ist da markant: Die Kinder reden im Film oft über ihre Väter und deren verschiedene Rollen im Krieg. Als dann ein amerikanischer Soldat von der Dorfgemeinschaft getötet wird und die Kinder das sehen und an der Leiche vorbei gehen, finden sie ein Foto bei ihm, auf dem er mit einem Kind im Arm zu sehen ist. Martha sagt da nur: „Das war auch ein Papa“. Als Elternteil oder Lehrer kann man dann im Nachhinein darüber sprechen und gemeinsam herausfinden, wie es dazu kommen kann. Diese Fragen, Gegensätze und Beweggründe haben mich dazu gebracht, den Film zu machen. Das zu recherchieren und dann zu erzählen.

Wochenblatt: Der Film spielt auf alten Höfen, in alten Küchen, in einem alten Sägewerk. Wie habt ihr die Kulissen gefunden?

Lerch: Die Höfe, die man im Film sieht, stehen alle im Landkreis Mühldorf am Inn. Auf die Höfe sind wir durch Zufall gestoßen. Wir haben in dem Ort eigentlich den Bach besichtigt, wo wir dann auch eine Szene gedreht haben. In der Nähe haben wir das alte Sägewerk gefunden. Das hat mich an meine Kindheit erinnert. Ich bin auf einem Hof aufgewachsen, wo wir ein kleines Sägewerk hatten, das genauso ausgesehen hat. Wir mussten da alles so lassen, wie es war. Das hat so gut gepasst.

Wochenblatt: Wie haben euch die Landwirte vor Ort wahrgenommen?

Lerch: Die waren alle total angenehm und super hilfsbereit. Die zwei Höfe, auf denen wir gedreht haben, waren schon stillgelegt, aber der Nachbar ist Vollerwerbs-Landwirt und wir mussten immer durch seinen Hof durch. Der hat uns sehr liebevoll geduldet. Wir haben die Leute vor Ort schon sehr belastet, weil wir auch ständig auf der Hauptverbindungsstraße waren.

Das-Glaszimmer-Kinderschauspieler

Wochenblatt: Wie hat Sie ihre Kindheit auf dem Hof bei diesem Film beeinflusst?

Lerch: Ich habe in meinem Leben auch schon in Großstädten gelebt und ich interessiere mich für Sachen, die überhaupt nichts mit dem Landleben zu tun haben. Aber trotzdem, wenn man auf einem Hof aufgewachsen ist, hat man das immer dabei, dann ist das so in einem drin, wie so ein innerer Bauernhof. Heute wohne ich auch gerne wieder auf unserem Hof in Oberbayern. Es gibt zwar keine Landwirtschaft mehr dort, wir versuchen ihn aber trotzdem sinnvoll zu nutzen. Einen Teil der Flächen nutzen wir zur Heugewinnung für unsere alten Pferde, zusätzlich haben einen Gemüsegarten und überlegen gerade, wo wir auch ökologisch noch etwas machen können, etwa indem wir eine Streuobstwiese anlegen.

Wochenblatt: Eine Rolle spielt auch die Annäherung von Stadtkind und Dorfkind. Warum haben Sie das so groß thematisiert?

Lerch: Das glaube ich, kommt auch aus meiner Kindheit. Ich habe schon in meiner Grundschulzeit miterlebt: Wenn einer von außerhalb oder der Stadt kommt und dann nicht mal bayerisch spricht, entsteht eine komische Feindschaft. Diese Kinder haben es nicht leicht und werden beschimpft als „Preiß“ oder „Städter“. Im Film wollte ich diese Mechanismen aufzeigen, die Menschen auffahren, wenn sie auf diese Fremdheit stoßen, und wie sie Kinder unterschiedlich überwinden.

Wochenblatt: Das Glaszimmer wird auch tatsächlich als Ort im Film gezeigt. Wie entstand die Idee dazu?

Lerch: Das Glaszimmer gab es schon in der Urgeschichte, die als Grundlage für den Film diente – dem Buch von Josef Einwanger, in dem er über seine Jugend in der NS-Zeit erzählt. Wir haben das dann für den Film so erweitert, dass ein Rückzugsort entstand, der eine besondere Licht-Magie ausstrahlt – als Gegenpol zur Bedrohung außen.

 

Wochenblatt-Filmkritik: "Das Glaszimmer" ist ein Film mit Tiefgang

Das-Glaszimmer-Kinoplakat

Kurz vor Kriegsende, im Jahr 1945, flieht Anna (Lisa Wagner) mit ihrem elfjährigem Sohn Felix (Xari Wimbauer) von München aufs niederbayerische Land. Zurück in Annas Heimatdorf versuchen sich die zwei ans Dorfleben anzupassen: Nachbar Hans Feik (Philipp Hochmair) ist strammer Nazi-Anhänger, der zusammen mit seinem Sohn Karri (Luis Vorbach) das Dorf auf Linie halten will. Felix sucht Anschluss bei ihnen und lässt sich schnell von der Nazi-Propaganda blenden. Als geheimnisvollen Rückzugsort nutzt er ein magisch funkelndes Glaszimmer, das er auf dem Hof findet. Erst nachdem Felix die Ungerechtigkeiten des Krieges selbst zu spüren und zu sehen bekommt, erkennt er, dass Familie und Freundschaft wichtiger sind, als jegliche Ideologie (www.dasglaszimmer.de).

„Das Glaszimmer“ schafft es, gleichzeitig die Leichtigkeit des Kindseins und die harten Zeiten des Zweiten Weltkrieges aufzuzeigen. Auch wenn wir meist die Kriegsjahre nicht mehr miterleben mussten, bekommen wir einen Eindruck vom Zwiespalt unter einer strengen Ideologie leben zu müssen und eigene Werte und Meinungen zu haben.

Trotz des schweren Themas schafft es der Film, ein wohliges Gefühl beim Zuschauer zu hinterlassen. Das gelingt vor allem durch die Kinderperspektive, den eindrucksvollen Lichtspielen, bemerkenswerten Leistungen der Kinderschauspieler und authentisch echten Kulissen. Man erinnert sich dadurch gerne an die eigene Kindheit zurück, wie man durch Wald und Wiesen streifte und neue Freundschaften am Heuboden knüpfte. Ein sehenswerter Film für die ganze Familie – der zum Nachdenken anregt.