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Familienberatung

Der Hof ist für die Menschen da

Landwirte-Stress-Arbeit-Erkrankung: Eine Frau Arbeitet bei den Kühen im Stall. Der Mann hat ein verletztes Bein und geht auf Krücken. Er sieht ihr bei der Arbeit zu.
Christine Beuer; Bäuerliche Familienberatung in der Diözese Augsburg e.V.
am Dienstag, 12.04.2022 - 12:35

... und nicht die Menschen für den Hof. Die Realität auf vielen Betrieben ist leider eine andere. Doch jede Familie hat die Kraft, die Prozesse auf dem Hof so zu gestalten, dass sie der Familie nützen und sie stärken.

Viele Menschen in der Landwirtschaft leben und arbeiten auf einem Familienbetrieb. Familien-Betrieb: Was als Wort so selbstverständlich zusammen gesagt wird, nehmen wir einmal auseinander. Denn Familie und Betrieb sind zwei Systeme mit sehr verschiedenen Qualitäten und Anforderungen. Sie können sich gegenseitig unterstützen und stark machen, sie können sich aber auch gefährden oder sogar zerstören.

Was braucht es, damit diese beiden Systeme sich immer wieder ausgleichen und in Harmonie sind? Wie viel investieren wir in das System Familie, wie viel in das System Betrieb? Stellen wir ein System über das andere?

Jede Generation hat eigene Bedürfnisse

bauernhof-luftaufnahme: Ein Schlepper fährt über ein grünes Feld.

Diese Fragen kristallisieren sich fast immer in den Beratungen der Bäuerlichen Familienberatung heraus – sie werden oft zum „Generationenthema“. Verschiedene Bedürfnisse und Vorstellungen von Jung und Alt kollidieren in den beiden Systemen. Wenn sich die einzelnen Familienmitglieder ihrer unterschiedlichen Bedürfnisse bewusst werden, dann kann man gemeinsam nach Wegen suchen, damit möglichst alle zufriedener mit ihrer Situation sind.

1. Beispiel: Konflikte zwischen Jung und Alt lösen

Situation: Eine junge Familie berichtet beim Erstgespräch über unüberbrückbare Konflikte zwischen Jung und Alt. Dies betrifft die gemeinsame Arbeit auf dem Milchviehbetrieb und das Zusammenleben, aber auch das eigene Leben jeder Familie.

Perspektive der jungen Familie: Der Wunsch der jungen Familie ist es, die Arbeit besser zu planen und dadurch mehr „Familienzeit“ mit den kleinen Kindern zu haben. Das Bedürfnis der beiden jungen Betriebsleiter ist auch, dass jeder für sich geregelt einem Hobby nachgehen kann. Nach ihrer Aussage falle es den Senioren sehr schwer, sich an Pläne zu halten. Das junge Paar hat das Gefühl, ihre Pläne würden boykottiert und so die möglichen freien Zeiten der „Jungen“ nicht akzeptiert.

Perspektive der Senioren: In einem folgenden Gespräch mit dem Seniorenpaar wird deutlich, dass es große Unterschiede in der Zeitplanung und Gestaltung der Freizeit der beiden Familien gibt. Für das Seniorenpaar sind ganz andere Zeiten und Tätigkeiten auf dem Hof sowie auch in der Gestaltung der eigenen Freizeit wichtig. Sie haben aber auch das Bedürfnis nach einer guten Regelung der Zeiten, die die gemeinsame Arbeit betreffen. Vertretungsregelungen einzuhalten, falle ihnen schwer, da sie es gewöhnt sind, immer zu arbeiten, und das Gefühl haben, die Jungen seien ohne ihre Mithilfe überfordert. Im Gespräch können sie auch gewisse Vorteile für sich entdecken.

Lösungsansätze: In einem dritten und vierten Gespräch reflektieren die junge Familie und die Senioren, dass Tätigkeiten auf dem Milchviehbetrieb für die Beteiligten unterschiedlich wichtig sind: Der Junior legt mehr Wert auf die Stallarbeit, für den Senior hat die Feldarbeit Vorrang. Außerdem reden sie darüber, ob man akzeptieren kann, dass der andere die Arbeit anders und zu einer anderen Zeit macht, als man es selbst machen würde. So werden die Unterschiede von beiden Parteien bewusst wahrgenommen. Es gibt viele positive Aspekte und Vorteile, aber auch Nachteile und Unzufriedenheit.

Schritt für Schritt kann die Familie in den weiteren Gesprächen Regelungen finden und die Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder immer besser verstehen. Nicht alle Wünsche können realisiert werden, doch die wichtigen Bedürfnisse der einzelnen Familienmitglieder und die Weichenstellungen für den Betrieb rücken mit Hilfe der Beraterinnen in den Fokus. So können innerhalb der Familie gute Lösungen gefunden werden. Die Senioren sehen zum Beispiel den Vorteil für sich, durch klarere Strukturen ihre Essenszeiten wieder besser planen zu können. Außerdem wird allen Beteiligten klar: Es gibt nicht die eine Wahrheit, wann und wie Arbeiten richtig gemacht werden. „Die Bäuerliche Familienberatung hat uns geholfen, überhaupt unsere Bedürfnisse wahrzunehmen und anzusprechen, und die der anderen besser zu verstehen – gut, dass es Sie gibt“, so die junge Frau am Ende der Beratung.

Krisen bieten die Chance, an ihnen zu wachsen

Kuehe-Fuettern-Familie: Zwei Leute füttern die Kühe im Stall mit frischem Gras. Eine ältere Frau verteilt das Gras mit der Heugabel. Ein Mann sitzt am Schlepper und fährt das Gras mit dem Anhänger durch den Stall.

In unserem Leben sind wir immer wieder mit schwierigen Situationen, ja manchmal sogar mit Krisen konfrontiert. Dies trifft auf landwirtschaftliche Familien im persönlichen, familiären Bereich sowie in der Sorge um die Existenz sehr stark zu. Eine Krise verlangt oft eine Umkehr oder einen Neuanfang. Sie kann eine Chance sein, wenngleich dies oft nicht leicht zu erkennen ist. Die Fragen „Darf es eine Umkehr bzw. eine Wendung geben?“ und „Gibt es beim Einzelnen und in der Familie Widerstandskräfte (Resilienz)?“ sind hier von großer Bedeutung.

2. Beispiel: Hofnachfolger erkrankt und kann den Betrieb nicht weiterführen

Beispiel 2 – Situation: Herr M. (Sohn) bittet die Bäuerliche Familienberatung um Begleitung, da er gerade aus der Reha kommt. Aufgrund seiner Erkrankung möchte und kann der Sohn den Betrieb so nicht mehr weiterführen. Dies ist ihm in der Klinik deutlich geworden.

Perspektive des Sohnes: Er sei zwar auch weiterhin in einer Therapie bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten, aber es würden sich für ihn zum jetzigen Zeitpunkt viele Fragen stellen, die über den therapeutischen Rahmen hinausgingen: „Wie geht es im Betrieb weiter? Welche Veränderungen können gemacht werden? Wie kann ich das Verhältnis zu meinen Eltern wieder verbessern?“ In mehreren Familiengesprächen wird eine große Kluft sichtbar.

Perspektive der Eltern: Die Eltern – beide schon hochbetagt – sind sehr enttäuscht, dass der Betrieb sich verändern wird. Sie haben während der Abwesenheit des Sohnes mit Hilfe eines Betriebshelfers und unter eigener großer Anstrengung den Hof weitergeführt. Die große Hoffnung der Eltern, dass der Sohn gesundheitlich wieder ganz hergestellt aus der Reha nach Hause kommt, hat sich leider nicht erfüllt. Sie wären weiterhin bereit gewesen, große Anstrengungen auf sich zu nehmen, um den Betrieb in der Form wie bisher weiterzuführen. Ihre Empfindung ist: „Man ist kein richtiger Bauer, wenn man kein Milchvieh hat.“

Lösungsansätze: Der Sohn hatte den Wunsch, den Hof durch größere Veränderungen für ihn bewältigbar zu machen und durch mehr Freizeit gut auf sich und seine Gesundheit achten zu können. Dies stieß zunächst auf große Ablehnung.

In einigen Gesprächen – zunächst nur mit den Senioren – wurden die Last der Tradition deutlich: Sie spürten ein großes Verantwortungsgefühl gegenüber den Vorfahren, die den Hof über mehrere Jahrhunderte als Milchviehbetrieb immer wieder an die nächste Generation weitergegeben hatten. Auch die damit verbundene Trauer und das Gefühl des Abschiednehmens fanden in diesen Gesprächen Platz.

In einem Prozess von eineinhalb Jahren konnte der Sohn eine gute Lösung für sich finden: Der Betrieb wurde auf Mutterkuhhaltung umgestellt, die Flächen weiterhin bewirtschaftet, Teile der Gebäude vermietet. Auch die Eltern konnten den Weg nach vielen Gesprächen mitgehen und Frieden mit der großen Veränderung schließen.

Der Vater konnte die scheinbare Schwäche seines Sohnes anerkennen, die sich aber für den Fortbestand des Betriebes als Stärke offenbarte. Er erkannte die zwei Seiten in sich: Als Betriebsleiter wollte er, dass der Betrieb an erster Stelle steht. Als Vater machte es ihn traurig, dass es seinem Sohn so schlecht ging. „Der Hof ist für die Menschen da, nicht die Menschen für den Hof.“ Diesen Satz sagte der Senior im Abschlussgespräch. Er sei froh, dass es seinem Sohn wieder gut gehe und dieser den Hof, wenn auch in veränderter Form, fortführe. Weil sie die Möglichkeit einer Umkehr und einer Veränderung zugelassen hatten, wurde diese Entwicklung für beide Seiten möglich.

Die Kraft für Veränderung liegt in jeder Familie

Loslassen-Ackerbau_Weizen_Saat: Ein Mann mit weißen Haaren blickt auf ein Feld, auf dem gerade jemand mit einem Schlepper Weizen bearbeitet.

Generationenkonflikte sind vielfältig. Jede Familie bringt andere Voraussetzungen mit. Mit Blick auf die vorhandenen Ressourcen, einer Portion Mut und dem Gedanken „Wir können unsere Zukunft selber gestalten, wenn wir Veränderungen zulassen und bereit sind, einen Preis dafür zu zahlen“ ist es möglich, Entwicklungsprozesse anzustoßen.

Die Kraft, das Wissen und die Gestaltung dafür liegt in jeder Familie selbst – manchmal etwas verborgen, aber sie ist da. Beraterinnen und Berater können gute Begleiter auf diesem Weg sein. Lassen Sie sich unterstützen, seien Sie mutig und rufen Sie an! Wir begleiten Sie gerne.

Landwirtschaftliche Familienberatung in Bayern

Christine-Beuer-Familienberatung: Porträt einer Frau. Sie trägt blonde, schulterlange Haare, eine Brille, weiße Bluse, Halskette, schwarzer Blazer. Sie lächelt. Der Hintergrund ist gelb.

Seit rund 30 Jahren gibt es die landwirtschaftliche Familienberatung der Kirchen in Bayern. Sie begleitet Bäuerinnen und Bauern in schwierigen Zeiten oder vor großen Entscheidungen, etwa bei Investitionen und Sorgen vor zu hohen finanziellen Belastungen.

Die Familienberatung ist telefonisch zu erreichen unter:

  • Diözese Augsburg e. V.: Christine Beuer, Tel. 08222 411166
  • Erzdiözese Bamberg: Fritz Kroder, Tel.: 09194 796767
  • Bistum Eichstätt: Franziska Mezger, Tel.: 08421 50888
  • Erzdiözese München und Freising: Peter Bartlechner, Tel.: 0151 12204267
  • Bistum Passau: Helga Grömer, Tel.: 0851 393-5800
  • Diözese Regensburg: Harald Staudinger, Tel.: 0941 597-2468
  • Diözese Würzburg: Wolfgang Scharl, Tel.: 0931 386-63725
  • Evangelische Kirche in Bayern: Walter Engeler, Tel.: 09854 1036
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