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Brauchtumsgeschichte

Hochzeitsbräuche in Bayern: A Gaudi heute - und früher?

Hochzeit-Reis-Werfen: Ein Brautpaar geht glücklich aus der Kirchentür heraus und wird mit Reis beworfen.
Carmen Knorr
Carmen Knorr
am Freitag, 13.05.2022 - 09:55

Polterabend, Brautstehlen, blaues Strumpfband: Was steckt hinter den typisch bayerischen Hochzeitsbräuchen und woher kommen sie?

Endlich wird wieder g‘heirat: Nach fast zwei Jahren pandemiebedingter Pause geht die Hochzeitssaison dieses Jahr wieder los. Weil einige Trauungen nachgeholt werden müssen, sind die Wirtshäuser und Kirchen randvoll ausgebucht. Wer kein Hochzeitsprofi ist, hat sich bestimmt schon einmal gefragt, woher die typisch bayerischen Hochzeitsbräuche stammen und warum man sie heute noch gerne lebt.

Mit Reis werfen

Sobald das Brautpaar aus der Kirchentür kommt, wird es auch schon mit Reis beworfen. Auch dieser Brauch besteht schon seit mindestens dem Mittelalter. Das Werfen von Reis, Weizen oder Roggen soll die Fruchtbarkeitsgöttin auf das Brautpaar aufmerksam machen und ihnen eine kinderreiche Ehe schenken. In vielen Gemeinden ist das Werfen von Reis aber mittlerweile untersagt, weil er Ratten und Mäuse anlockt. Außerdem birgt er, je nach Untergrund, eine Rutschgefahr und man will einer Verschwendung von Lebensmitteln vorbeugen. Gern genutzte Alternativen sind nun: Blütenblätter oder Seifenblasen.

Alt, neu, blau, geborgt

Hochzeitsbrauch-Blaues-Strumpfband

Dieser Brauch kommt ursprünglich aus England. Demnach soll die Braut an ihrem Hochzeitstag „etwas Altes, etwas Neues, etwas Geborgtes und etwas Blaues“ tragen.

  • Die Farbe Blau stand schon früh für Treue, Reinheit, Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Ergebenheit und Liebe. Heute wird etwas blaues meist in Form eines blauen Strumpfbandes getragen – auch wenn es keine Strümpfe mehr festhalten muss. Mancherorts wird das Strumpfband, ähnlich wie der Brautstrauß, von der Braut in die Menge geworfen, nur dass es hier die unverheirateten Männer fangen müssen. Wer es fängt, wird als nächstes heiraten – so glaubt man.
  • Das Geborgte steht für die Unterstützung von Freunden. So soll das Glück dieser Person auf die Braut übergehen. Es symbolisiert außerdem: „Ich bin immer für Dich da, in jeder Lebenslage.“
  • All die Dinge, die für die Hochzeit neu angeschafft wurden, stehen für „etwas neues“. Meist sind das Brautkleid, Schuhe, Handtasche, Blumen oder Ringe. Es symbolisiert das neue Leben als Ehefrau. Und es steht für Glück, Erfolg und die Hoffnungen auf eine fröhliche Zukunft.
  • Etwas Altes wird meist in Form von Schmuck an die Braut gegeben. Es kann aber auch das Kleid selbst oder nur ein Taschentuch sein. Oft übernimmt diese Aufgabe die Mutter oder Großmutter der Braut. Es symbolisiert die Verbindung der Braut zu ihrer Familie, ihrer Herkunft und steht zugleich dafür, dass die Ehe lange halten soll.

Das Brautstehlen

Hochzeitsbrauch-Brautstehlen-1886

Die Tradition der Brautentführung ist oft an den Brautstrauß gebunden. Der Bräutigam soll ihn der Braut kaufen. Er überreicht ihn ihr erst kurz vor der Kirche. Von da an hat die Braut die Aufgabe, den Strauß nicht aus den Augen zu lassen, denn wird er ihr entwendet, so hat der Dieb mit dem Strauß auch die Braut „gestohlen“. Die Braut wird von Freunden möglichst unbemerkt „entführt“ und an einen anderen Ort gebracht. Meist ist das ein anderes Wirtshaus im Dorf. Der Bräutigam muss sich dann auf die Suche nach seiner Frau machen und sie mit kleinen Spielchen, reichlich Wein, Bier und Schnaps „auslösen“. Die Zeche soll er am Ende noch vor Ort begleichen.

Zu den Spielchen der Auslöse gehört unter anderem das Scheitlknien. Der Bräutigam muss sich auf die spitze Kante eines Holzscheits knien und eine gewisse Anzahl von Kosenamen für seine Frau aufzählen oder ihr zahlreiche Versprechungen für die gemeinsame Zukunft geben, erst dann darf er wieder aufstehen. Begleitet wird das Brautstehlen oder „Brautverziang“, wie es mancherorts heißt, von Gstanzl, die der Hochzeitslader dem Brautpaar singt. Sie erzählen humorvoll vom Leben des Brautpaares. Gstanzl sind selbstgedichtete Liedzeilen, Strophen (ital. „stanza“), die mit einem Jodler abgeschlossen werden.

Der Brautstrauß wird am Ende des Brautstehlens noch einmal wichtig: Die Braut wirft ihn in eine Menge mit ledigen Frauen. Die Frau, die ihn fängt, wird dem Aberglauben zufolge als nächstes heiraten.

Wo das Brautstehlen heute ein reiner Spaß ist, war es im Mittelalter äußerst brutal. So beschrieb man in der Literatur dieser Zeit: Adelige oder Gutsherren ließen die Bräute ihrer Untertanen entführen. Um die Frauen in der ersten Nacht nach ihrer Hochzeit für sich selbst zu beanspruchen. Ein Gesetz soll das im „Recht der ersten Nacht“ geregelt haben. Die Aufgabe der Trauzeugen war es, diese Entführung mit der damit verbundenen Vergewaltigung zu verhindern – wenn es sein musste, mit ihrem Leben.

Das Kranzlpaar

Vor der Hochzeit bestimmt das Brautpaar ein Kranzlpaar. Meist fällt die Wahl auf ein unverheiratetes Paar aus dem Freundeskreis, dem Trachten-, Musik- oder Heimatverein, das gut tanzen kann. Am Morgen des Hochzeitstags verteilen sie ein kleines Anstecksträußchen an die Gäste. Sie sammeln dafür Geld ein, das sie dann oft am Ende des Tages als Geschenk ans Brautpaar überreichen. Eine große Rolle haben sie beim Tanzen: Nach dem ersten Tanz des Brautpaares müssen sie von da an stets die Ersten auf der Tanzfläche sein. Spielt die Musik länger nicht, so ziehen sie im Kreis um die Tanzfläche, bis die Musik wieder spielt. Außerdem sollen sie damit die Gäste zum Tanzen animieren.

Der Polterabend

Hochzeitsbrauch-Polterabend

Beim Polterabend kommt es darauf an, die bösen Geister zu vertreiben – mit viel Lärm. Am Abend vor der kirchlichen Hochzeit lädt das Brautpaar zum Polterabend ein. Als Ort wird meist der Hauseingang von einem der Elternhäuser festgelegt. Familienmitglieder, Nachbarn, Freunde und Bekannte werden formlos eingeladen und sollen altes Porzellan, Steinzeug oder Geschirr mitbringen.

Das wird dann gemeinsam zerschlagen, ganz nach dem Motto „Scherben bringen Glück“. Doch nicht alle Scherben folgen diesem Motto: Glas darf auf keinen Fall zerbrochen werden, es galt als Zeichen für Wohlstand. Zerbrach man es, sollte es Not und Armut bringen. Auch Spiegel dürfen nicht zerschlagen werden, ein bekannter Aberglauben besagt, das würde sieben Jahre Pech bringen. Anschließend soll das Brautpaar gemeinsam die Scherben wegräumen. Umso besser sie kehren, je seltener sollen sie in Zukunft die Scherben in ihrem Leben aufräumen müssen.

Eine Scherbe heben sie aber auf. Sie soll unters Bett gelegt werden, damit auch in Zukunft die bösen Geister verjagt werden.