Natur

Hände weg vom Riesenbärenklau

Josef Kleinhenz
am Montag, 27.09.2021 - 15:34

Der Kontakt mit der Herkulesstaude führt zu schmerzhaften Verletzungen. Wer die Staude jedoch bekämpfen will, kommt um einen Kontakt nicht herum.

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Gewaltige fünf Meter kann die Staude werden und ihre weißen Blütenschirme sind wie Tabletts: Von Juli bis September steht der Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum) in der Pracht seiner Blüten und wird von vielen Menschen bewundert.

Aber er wird nicht von allen geliebt: Das Gewächs kam vor rund 120 Jahren aus dem Kaukasus mit Samenverbreitung nach Mitteleuropa und ist inzwischen fast überall zu finden: an Hecken, Uferböschungen, Flussläufen, Gräben, Grasstreifen, am feuchten Waldrand und auf Brachflächen oder auch in Auengebieten und in Gärten. Der Neophyt breitet sich immer weiter aus, verdrängt heimische Pflanzen.

Bei Berührung ist starker Hautausschlag möglich

Vor allem aber hat die Herkulesstaude eine hauttoxische Wirkung: Schon bei der kleinsten Berührung kann man Hautausschläge bekommen. Der Wirkstoff der Pflanze bildet bei Hautkontakt mit körpereigenem Eiweiß ein Antigen, das zu einer stark allergischen Reaktion führen kann. Unter Sonneneinstrahlung löst der Saft der Pflanze langwierige und schmerzhafte Verletzungen aus, die mit Verbrennungen dritten Grades vergleichbar sind. Sichtbar werden die Hautreaktionen meist erst nach ein bis zwei Tagen.

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Mögliche Symptome sind zuerst brennende und juckende Rötung. Nach zirka 20 bis 48 Stunden kann sich die Haut entzünden. Juckreiz, Rötung, heftige Blasenbildung und Übelkeit sowie verbrennungsähnliche Symptome sind die Folge. Die betroffene Haut heilt nach ein bis zwei Wochen langsam ab, hinterlässt aber mitunter eine narbenähnliche Hyperpigmentierung.

Die akute Giftigkeit der Furocumarine, wie die Inhaltsstoffe bezeichnet werden, ist bei Lichtentzug nicht so stark wie bei Sonneneinstrahlung. Kommt es zu einem Hautkontakt mit der Pflanze, ist daher Sonnenlicht unbedingt zu vermeiden. Danach sollte man die betroffenen Stellen beobachten und gegebenenfalls einen Arzt aufsuchen.

Allgemeinarzt Dr. med. Franz Biro im fränkischen Bad Königshofen empfiehlt, die Haut zur Regenerierung zunächst mit dem Wirkstoff Dexpanthenol (oft bekannt unter dem Markennamen Bepanthen) zu behandeln. „In der Akutphase kann die Therapie neben dieser Salbe mit feuchten kühlen Umschlägen verstärkt werden.“ Nach zwei Tagen sollten die Hautrötungen in aller Regel abklingen.
Auch eine sogenannte Desensibilisierungstherapie kann sich Dr. Biro bei der Behandlung vorstellen. Dem Körper werde dann ein Lösungsmittel gespritzt, das pharmazeutisch mit dem Stoff des Riesen-Bärenklau zusammengestellt sei. „Bei wiederholtem Berühren der Giftpflanze kommt es dann voraussichtlich nicht mehr zu allergisch-toxischen Hautreaktionen“, so der Mediziner.
Von den Auswirkungen des Riesen-Bärenklaus berichtet auch der Jäger und Sportschütze Albin Heumann in Bad Königshofen. Seine Tochter kam vor Jahren in einem Jagdrevier mit der giftigen Pflanze in Berührung. „Wie aus heiterem Himmel klagte sie über Juckreiz und Atemnot. Arme und Gesicht waren stark gerötet und ich konnte mir diese Reaktionen des Körpers zunächst gar nicht erklären“, berichtet Heumann. Eilig ging es zum Arzt, der die Hintergründe erfragte und die Ursache klären konnte. Heumann warnt heute jeden eindringlich: „Bloß Hände weg von diesen Stauden!“

Das Melden ist keine Pflicht, aber sinnvoll

Seit langem rücken Natur- und Landschaftsschützer dem Riesen-Bärenklau mit Heckenscheren und Feuer zu Leibe. Der Erfolg hielt sich jedoch in Grenzen, da die auf den Boden fallenden Samen immer wieder keimen. Eine Pflanze kann bis zu 30 000 Samen/Jahr produzieren. Bis zu zehn Jahre bleiben sie im Boden keimfähig.
Klaus Gehring vom Institut für Pflanzenschutz der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising-Weihenstephan erklärt: „Der Riesen-Bärenklau ist seit 2017 auf der Unionsliste der europaweit relevanten gebietsfremden Arten aufgeführt.“ Damit sind die zuständigen Behörden gefordert, geeignete Maßnahmen zum Eindämmen und Vermeiden der weiteren Ausweitung zu ergreifen.
Für Privatpersonen besteht aber keine Melde- und Beseitigungspflicht. Das Melden größerer Bestände beim Naturschutz sei jedoch sinnvoll, sagt Gehring, um bisher noch nicht bekannte Flächen in ein Maßnahmen-Programm aufnehmen zu können. Bei Gesundheitsgefahren kann die zuständige Behörde eine Beseitigungsanordnung erteilen. Noch bis Juni 2016, so der Fachmann, war zur Flächenbekämpfung das Präparat Garlon 4 zugelassen. Klaus Gehring empfiehlt bei begründetem Bedarf den Einsatz des Wirkstoffs Triclopyr.

Ein geduldiger Bekämpfer macht sich ans Werk

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Im fränkischen Grabfeld ist Imkermeister und Naturschützer Klaus Hümpfer ein Einzelkämpfer, der gegen den Riesenbärenklau vorgeht – freilich ohne Herbizide. Hümpfer ist in Eigeninitiative und ehrenamtlich unterwegs – und mit viel Geduld. In dichter Schutzkleidung, mit Kopfbedeckung und Handschuhen sowie mit trittfestem Schuhwerk schneidet er mit einer Säge von 30 cm Klingenlänge Blüten- und Samenstände ab.

Schon im Juni und Juli vor der Hauptblüte ist er damit beschäftigt. So fallen keine Samen auf den Boden, die neue Pflanzen keimen ließen. „Es darf in meinem Einsatzgebiet keine einzige Blüte zur Samenreife gelangen und schon gar nicht auf den Boden fallen, sonst wäre ja meine Arbeit praktisch umsonst gewesen für die nächsten 20 Jahre“, sagt der Naturschützer.

Denn so lange kann es dauern, bis die Herkulesstauden bei Bekämpfung verschwinden. Glück gehabt hat Klaus Hümpfer im Stadtteil Untereßfeld von Bad Königshofen im Grabfeld nahe einer Schule, als er die Giftpflanzen schon nach sechsjähriger Bekämpfung ausrottete, wie er nicht ohne Stolz erklärt. Ein solches Erfolgsbeispiel motiviert ihn, weiterzumachen.
Hümpfer setzt schlicht auch eine Schaufel ein. Damit sticht er „leicht unter der Erdnarbe“ die Pflanzen ab. So würden sie verdorren und nicht mehr hochkommen. Die Schaufel in Händen haltend, holt er beim Abstechen weit aus, um von der Giftpflanze gebührend Abstand zu halten und eventuell abspritzendem Saft auszuweichen.

Jedes Jahr überprüfen

Durchaus kann eine mit der Herkulesstaude befallene Fläche 200 m Länge und 10 m Breite aufweisen, wie Hümpfer aus Erfahrung weiß. Ein solches Areal bearbeitet er nahe der Schwabenklause bei Bad Königshofen an einem Bachlauf. Jedes Jahr überprüft der Naturschützer die ihm bekannten Standorte, um zu sehen, ob darauf erneut eine Bekämpfung vorgenommen werden muss. Bei größeren, älteren Beständen sind Erfolge auch bei richtiger Vorgehensweise erst nach mehrjähriger Bekämpfung zu erzielen.

Eine andere Methode der Ausrottung ist, mit einem stabilen Spaten die Wurzel der Pflanze komplett auszugraben. Das ist zwar eine mühevolle Arbeit, kann sich aber lohnen. Es müssen mindestens die oberen 3 cm der 30 bis 60 cm langen Wurzel komplett entfernt werden, weil sich in diesem Teil die Regenerationsanlagen der Pflanze befinden. Möglich ist das mit einem schräg geführten, 10 bis 15 cm tiefen Spatenstich.
Auch das Mähen der Stauden wird in Betracht gezogen. Eine solche Maßnahme ist aber nur sinnvoll, wenn sie im Abstand von ein bis zwei Wochen über eine Vegetationsperiode hinweg regelmäßig geschieht. Eine weitere Methode ist der Einsatz von tierischen Helfern. Dieter Weisenburger von der Unteren Naturschutzbehörde Rhön-Grabfeld in Bad Neustadt sieht gute Erfolgsaussichten, wenn eine Ziegenherde mehrjährig auf der betroffenen Fläche weidet.

Eine gesetzliche Bekämpfungspflicht der Herkulesstaude gibt es nicht. Jedoch sollten Stauden an Orten, an denen eine unmittelbare Gefahr für Menschen ausgeht wie Kindergärten, Spielplätze, Parks, Friedhöfe oder Wanderwege, umgehend und dauerhaft beseitigt werden. Bei Gefahr für Menschen schreitet die Untere Naturschutzbehörde ein, wie Weisenburger weiter ausführt.

Sicher entsorgen oder verbrennen

Die Samenstände und anderen Pflanzenteile des Riesen-Bärenklau dürfen nicht mit anderem Grünzeug entsorgt werden oder gar auf dem Komposthaufen landen. „Das geht gar nicht“, sagt Klaus Hümpfer.

Vielmehr gehören sie in den Restmüll oder gleich in die Verbrennung. Ratsam sei bei der Entsorgung, den Riesen-Bärenklau in Stücke zu schneiden und zu zerkleinern. Dann sollten die Pflanzenteile womöglich einen halben Tag austrocknen, restlos in Abfallsäcke verpackt und später verbrannt werden.