Geschichte der Tracht

G’wand ist Heimat: Trachtenkultur in Bayern

Kinder (3 Mädchen, 2 Jungen) stehen draußen, haben Spaß und tragen Tracht.
Carmen Knorr
Carmen Knorr
am Freitag, 27.08.2021 - 10:00

Tracht ist geschichtsgeladen und symbolträchtig: Wir klären, wie die Tracht in Bayern aufkam und wie Trachtenvereine die Tradition von Kleidung, Musik, Dialekt und Brauchtum aufrecht erhalten und weitergeben.

Wer glaubt, dass es unsere Tracht schon seit mehreren hundert Jahren gibt und dass sie von Bauern als Arbeitsgewand erfunden wurde, der liegt falsch. Die Geschichte der Tracht, so wie wir sie in Bayern heute kennen, geht gerade mal bis ins 19. Jahrhundert zurück und wurde von höfischer Mode inspiriert. Trotzdem ist sie eng verbunden mit je einer ländlichen Region, einem Dialekt und dem bayerischem Brauchtum. In vielen Orten erhalten Trachtenvereine dieses Gefühl von Heimat am Leben. In Füssen im Allgäu eröffnete Ende Juli die Sonderausstellung „Sehnsucht nach Heimat – Trachtenkultur im Füssener Land“. Wir haben sie besucht und sind der Geschichte der Tracht in Bayern auf den Grund gegangen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam in der höfischen Gesellschaft immer mehr der Trend auf, sich von der Strenge und Etikette im Alltag eine Auszeit auf dem Land zu gönnen. Oft waren die Berge des Allgäus und die Stadt Füssen das Ziel. Städter folgten den Adeligen. So entstanden der Fremdenverkehr und erste Berührungspunkte zwischen Stadt- und Landbevölkerung, die nach und nach in der Mode Spuren hinterließen.

 

Dirndl: Ursprünglich ein modisches Sommerkleid

Eine junge Frau im Porträt. Sie trägt die traditionelle Tracht.

All das begann mit der Gründung des Königreichs Bayern im Jahr 1806. Die regierenden Wittelsbacher suchten nach einem Weg, dem neuen Volk eine Identität zu geben. So sollte eine Volkstracht den Nationalgedanken stärken. Einheitlich wurde die Tracht nie. Doch bestimmte Bestandteile der Kleidung folgen dem gleichen Schnitt und Muster.

Der Grundschnitt eines Dirndlgewands – eng anliegendes Oberteil, Ausschnitt, weiter Rock – geht auf die höfische Damenmode des 18. Jahrhunderts zurück. Die Adelsdamen und Bürgersfrauen trugen die Kleider beim Tee- oder Kaffeekränzchen. Dienstmädchen und Mägde schneiderten sich ähnliche, einfachere Modelle, die sie dann sonntags oder wenn sie ausgingen trugen. Bekannterweise ist daraus der auch heute noch, zumindest einmal pro Jahr, stattfindende Kocherlball entstanden. Das Dirndl war demnach eher ein modisches Sommerkleid, das die Städterin in ihrem Landurlaub trug und keine Bäuerinnen- oder Mägdekleidung.

Die Lederhose entsprach ursprünglich dem Jägergewand der Bergregionen um 1850. Maximilian II. Joseph (Zither Maxl) und später Prinzregent Luitpold von Bayern sowie der österreichische Kaiser Franz Joseph I. waren als Trachtenträger bekannt. Bei der Jagd waren sie oft in Lederhose zu sehen.

 

Die Miesbacher Tracht gilt als Vorreiter

Ein junger Mann und eine junge Frau lehnen verspielt an einer Säule in einem alten Fabrikgebäude. Sie tragen Tracht. Im Hintergrund sind große Fenster.

Die bekannteste Variante der Gebirgstracht ist die Miesbacher Tracht. Bereits um 1850 wurde der Miesbacher Gesellschaft die „Gemüthlichkeit“ durch das bayerische Königshaus zugesprochen und erlangte dadurch hohe Bekanntheit. Etwa zur gleichen Zeit revolutionierte sich die Kleidungsproduktion mit der Verarbeitung an der Nähmaschine. Fortan konnten mehrere Größen eines Kleidungsmodells gefertigt werden. So gelangte die Gebirgstracht von München und Miesbach aus, über die Postboten, nach Füssen.

Das bekannteste Merkmal der Miesbacher Männertracht ist die aufwendig bestickte graue Joppe. Dazu gehören eine ebenso üppig bestickte kurze Lederhose, Kniestrümpfe aus Wolle, schwarze „Buamaschua“ (Plattlerschuhe) mit Absatz, weißes Leinenhemd, eine königsblaue Seidenkrawatte, darüber Hosenträger, eine Weste aus Samt oder Filz und ein Hut, der sogenannte Miesbacher Scheibling.

 

Herstellung Mühe, Liebe und kreativer Handwerkskunst

Detailaufnahme von kunstvollen Knöpfen, die an einem Stück Seide angebracht sind.

Zur Tracht der Frauen gehört das „Leiblgwand“, beziehungsweise „Spenzergwand“: in den typischen Farben Blau oder Weinrot, mit langen Ärmeln, einem gleichfarbigen Rock mit weißer Bluse und Schürze. Darunter weiße Seidenstrümpfe und schwarze Lederschuhe. Auch die Frauen tragen einen Hut. Über die Schultern wird ein Seidentuch gelegt. Verheirate Frauen tragen bei hohen Kirchen- und Vereinsfesten den sogenannten Schalk. Das ist ein schweres Mieder, bei dem im Ausschnitt üppig Blumen drapiert werden. Zusätzlich wird am Mieder ein Geschnür aus einer ca. vier Meter langen Kette mit Talern befestigt. Um den Hals trägt die Frau eine „Kropfkette“.

Die schmuckvollen Bestandteile der Tracht sind das Ergebnis kreativer Handwerker, die es verstanden, ihre Weiterentwicklungen an den Geschmack der Trachtler anzupassen. In der Region um Miesbach gibt es auch heutzutage noch eine Vielzahl an Geschäften und Handwerksbetrieben, die die Qualität der Tracht garantieren und das Handwerk erhalten. Auch die Trachten- und Heimatvereine bewahren das Wissen um die Herstellung der Tracht und bilden sich regelmäßig fort. 

 

Streben nach Volksnähe und Naturverbundenheit

Ein Gemälde des alten Prinzregenten mit einem Gewehr in der einen Hand und einer Zigarre in der anderen Hand. Er trägt eine Knielange Lederhose, eine Trachtenjacke, einen Hut und einen langen weißen Bart.

Die Verwurzelung der Tracht im Raum um und in Füssen hängt neben den Neuerungen in der Produktion und dem Postversand auch mit der bayerischen Königsfamilie zusammen. Seit den 1830er Jahren weilte sie oft im Füssener Land. Sie verbrachten viel Zeit auf Schloss Hohenschwangau. In der Nähe befanden sich die königlichen Jagdreviere, die vor allem Prinzregent Luitpold bis ins hohe Alter (er wurde 91 Jahre alt) durchstreifte. Er trug dabei gewöhnlich eine kurze Lederhose und eine graue Joppe. Damit demonstrierte er unter anderem seine Volksnähe und Naturverbundenheit. Der Adel und das Bürgertum ahmten seine Gepflogenheiten nach.

Das, was in den Trachtenvereinen heute gepflegt wird, ist eine Momentaufnahme der damaligen Festkleidung. Den ersten Trachtenverein mit dem Namen „Verein zur Erhaltung der Volkstracht im Leitzachthal“ gründete der Lehrer Josef Vogl 1883 in Bayrischzell. Der erste Gebirgstrachtenverein wurde im Jahr 1900 gegründet. Junge Fabrikarbeiter aus Füssen und Oberbayern schlossen sich zusammen und gründeten den „Alpenclub Edelweiß & Almenrausch“, 1905 nannte sich der Verein um in „D’Neuschwanstoaner“. In den folgenden Jahren entstanden immer mehr Vereine, die sich bald zu einem größeren Interessenverband zusammenschlossen, dem Lechgau-Verband.

 

Trachtenverein ist gleichzeitig Heimatverein

Vor der Stadtkulisse Füssens, im Hintergrund das Kloster und das Schloss, sind viele Kinder in Tracht zu einem Foto aufgestellt.

Im Laufe der Zeit verstanden sich die Trachtenvereine auch immer mehr als Heimatvereine. Denn neben der Tracht steht auch die Brauchtumspflege im Vordergrund. Die Mitglieder der Trachtenvereine leben die Bräuche, die traditionell dem Kirchenjahr folgen. Dazu gehört die Teilnahme an Prozessionen, Wallfahrten sowie Tanz und Gesang – auch bei weltlichen Festen. Beispielhaft gehören Schuhplatteln, Dirndldrehen, Figuren- und Volkstänze, Singen, Jodeln oder auch Theaterspiel dazu.

Großen Wert legten die Vereine schon früh auf die Jugendarbeit. Die Kinder und Jugendlichen wachsen im Verein auf. Sie erfahren dabei Freundschaften, die oft ein ganzes Leben oder Generationen lang halten. Ehrenamtliche Jugendarbeiter schulen die Kinder in Tanz, Musik und Gesang, außerdem vermitteln sie ihnen das Wissen über die Tracht und das Brauchtum. Der Verein gewinnt damit eine weitere Generation und sichert seine Zukunft.

 

Ein ganzes Leben im Zeichen der Tracht

Die Gemeinschaft der Trachtenvereine wird zusätzlich durch wiederkehrende Rituale mit bestimmten Gesten, Handlungen oder Sprachformeln gestärkt. Die Symbolkraft der Rituale schafft Vertrauen, das Gefühl von Verlässlichkeit, Zuversicht, Zusammengehörigkeit und auch Trost. Die Vereinskollegen gehen mit einem durch Freud und Leid und sind unter anderem anwesend bei Taufe, Hochzeit, Jubiläen und Beerdigungen.

Die Mode-Tracht, wie wir sie heute kennen, ist Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden. Vor allem das Dirndlgewand haben die Nationalsozialisten neu interpretiert. Oft ist auch von „entkatholisiert“ oder von der „erneuerten Tracht“ die Rede. Geschlossene Krägen wurden entfernt, die Silhouette stark verschlankt, die bodenlangen Röcke auf 7/8-Länge gebracht und die Arme wurden nicht mehr bedeckt. Die Reichsbeauftragte für Trachtenarbeit der Nationalsozialisten kreierte die eng geschnürte oder geknöpfte Taille, welche die weibliche Brust stark betont. Bis heute ist das stilbildend für das Dirndlgewand. Lediglich die Länge des Rocks passt sich der vorherrschenden Mode der jeweiligen Zeit an.

Vor allem in Süddeutschland und in Österreich wird Trachtenkleidung heutzutage gerne auf Jahrmärkten, Kirchweihfesten, Volks- und Vereinsfesten, an weltlichen, kirchlichen oder persönlichen Feiertagen getragen. Übrigens war das Tragen von Tracht auf dem Oktoberfest bis in die 1970er Jahre noch unüblich. Erst seit den 1990er Jahren nimmt der Trend immer mehr zu.

Tracht verbindet. Das blieb über all die Jahre seit ihrer Entstehung gleich. Denn wer Tracht trägt, zeigt, wo er herkommt. Die Kleider zeigen je nach Farbe, Stickerei, Schmuck, Schnitt oder Schleife die Zugehörigkeit zu einem Verein, Verband oder sogar den Beziehungsstatus an. Vor allem im ländlichen Raum ist die Tracht identitätsstiftend und trägt zu einem positiven Heimatgefühl bei. Das stärkt die Gemeinschaft über jegliche Gesellschaftsschichten, jegliches Alter oder Geschlecht hinaus. Schon allein deshalb lohnt es sich, die Tradition weiterzuführen.

 

Sonderausstellung Sehnsucht nach Heimat

Blick in den eindrucksvollen Raum des Barockklosters. Darin sind auf einer beleuchteten Plattform verschiedene Büsten in Tracht aufgestellt.

Drei der ortsansässigen Trachtenvereine aus Füssen im Allgäu zeigen und erzählen ihre Geschichten, Traditionen und Trachtenschätze in der Sonderausstellung „Sehnsucht nach Heimat – Trachtenkultur im Füssener Land“. Darin wird auch gezeigt, welche Bedeutung Traditionen, Brauchtum und Volksmusik für die Definition von Heimat seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert hatten und bis heute haben. Stimmungsvoll aufbereitet werden eindrucksvolle Bilder, alte und neue Trachten, Schmuckstücke, Fahnen und vieles mehr, das die Trachtenkultur aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart holt. Multimediale und Musik-Elemente entführen die Besucher ins Vereinsleben der Trachtenvereine und vermitteln ein vertrautes Zugehörigkeitsgefühl.

Im Füssener Stadtmuseum sollte man sich außerdem die eindrucksvolle Klosterbibliothek, die Ausstellung über Lauten und Geigen, Weihnachtskrippen und den berühmten Füssener Totentanz nicht entgehen lassen. Ein langer Tag im Museum bleibt durch die interessanten Inhalte damit trotzdem kurzweilig. Bei der Einkehr in eines der vielen Füssener Traditionswirtshäuser bekommt man zugleich einen echten Einblick in die gelebte (Trachten-)Kultur vor Ort.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 27.02.2022 im Museum der Stadt Füssen, welches im Barockkloster St. Mang untergebracht ist. Bis Oktober ist das Museum geöffnet von 11 – 17 Uhr; ab November bis März kann man es zwischen 13 und 16 Uhr besuchen. Der Eintritt kostet für Erwachsene 6€, ermäßigt 4€. Informationen zum Museum und zur Ausstellung gibt es auf www.museum.fuessen.de.

 

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