Ernährung und Nachhaltigkeit

Es gibt keine Einfachlösungen

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Anna Knon
Anna Knon
am Montag, 03.05.2021 - 09:45

Landfrauen am Puls der Zeit: „Ernährung und Nachhaltigkeit“ war das Hauptthema beim Kreisbäuerinnen-Seminar – intensive Diskussionen zur Zukunft der Landwirtschaft eingeschlossen.

Der Titel des diesjährigen Kreisbäuerinnen-Seminars lautete „Wie schmeckt die Zukunft? Ernährung und Nachhaltigkeit“. Das Resümee der Referenten, die der Online-Veranstaltung zugeschaltet waren, lautete unisono: Es ist fünf vor zwölf, um unsere Erde für die künftigen Generationen zu retten. Wir müssen etwas tun. Wie das anzustellen ist, darüber gingen die Erklärungen der Vortragenden sowie die Meinungen der Seminarteilnehmerinnen jedoch auseinander.

Nachhaltigkeit braucht mehr als einen Aspekt zur Bewertung

Prof. Markus Frank von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen warnte vor „Einfachlösungen“. Nachhaltigkeit lasse sich nicht anhand einzelner Kriterien bewerten. Als Beispiel nannte er den CO2-Fußabdruck: Die Universität Wageningen hat berechnet, dass der CO2-Fußabdruck von einem Ei aus Käfighaltung deutlich besser ist als aus Biofreilandhaltung!

Als weiteres Beispiel nannte Frank den Vergleich von Äpfeln aus dem Bodenseegebiet und Importware aus Neuseeland: Ab dem Frühjahr bis zur neuen einheimischen Ernte hat der Neuseeländer die bessere Bilanz, weil der hohe Energieaufwand des Kühllagers massiv zu Buche schlägt. „Beides sind intensive Produktionen. Der wesentliche Unterschied sind Transport und Kühllager“, so Prof. Frank. „Das zeigt, dass die vereinfachende Formel – regional ist gleich nachhaltig – so nicht stimmt.“

Der CO2-Fußabdruck ist nicht Maß aller Dinge

Nicht richtig sei es aber auch, den CO2-Fußabdruck als Maß aller Dinge zu betrachten. Der Einkauf regionaler Produkte unterstütze die heimische Landwirtschaft und habe daher unmittelbare Auswirkungen auf die Struktur einer Region, von Arbeitsplätzen bis hin zur Kulturlandschaft. Generell dürfe bei der Diskussion um Nachhaltigkeit nicht allein die Produktion gesehen werden, sondern auch die Vorkette, z. B. Bereitstellung von Düngemitteln, sowie die Nachkette, etwa Transport und Lagerung. „Nur dann kommen wir zu einem fairen Vergleich“, betonte Frank.

Er warnte vor Aussagen wie „Bio statt konventionell“, „Extensivierung statt Intensivierung“, „Ertragssteigerung statt Vermeidung der Lebensmittelabfälle“ usw. Bei derartig enger Sichtweise würden Zielkonflikte der verschiedensten Nachhaltigkeitskriterien ausgeblendet.

Ist Bio nachhaltiger als konventionelle Landwirtschaft?

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Bei einer Metastudie, die Frank durchgeführt hat, konnte er keine Überlegenheit von biologischer bzw. konventioneller Erzeugung feststellen. Er verglich dabei die wissenschaftlich erhobenen Daten für Milch, Rindfleisch, Schweinefleisch, Hähnchen, Eier, Getreide, Gemüse und Früchte aus beiden Erzeugungsmethoden anhand reiner Umweltkriterien wie Klimawandelpotenzial, Ökotoxikologie, Energieverbrauch, Landverbrauch und Gewässer-Eutrophierung.

„Bio und konventionelle Produktion haben jeweils Stärken, aber auch Schwächen“, so das Fazit des Wissenschaftlers. „Beim Kriterium Ökotoxikologie ist beispielsweise die biologische Landwirtschaft im Vorteil, beim Landverbrauch ist es genau umgekehrt.“ Noch komplizierter werde es, wenn die Umweltwirkung auf der Basis des produzierten Gutes, z. B. einer Tonne Getreide, berechnet werde oder bezogen auf die Fläche: Bio hat klare Vorteile bei Flächenbetrachtung, konventionelle Erzeugung bei produktorientierter Berechnung.

Das Agrarsystem als Ganzes betrachten

Um trotzdem zu einer nachhaltigeren Lebensmittelerzeugung zu kommen, dürfe man also nicht einzelne Maßnahmen betrachten, sondern müsse Agrarsysteme als Ganzes in den Blick nehmen. Als Beispiel skizzierte er die Landbewirtschaftung der Brüder Andrew und William Pitts in England: „Sie sind keine Ökofreaks, sondern Geschäftsleute, die ihren 800-Hektar-Marktfruchtbetrieb intensiv führen, aber bewiesen haben, dass intensive Bewirtschaftung und Förderung der Biodiversität durchaus zusammenpassen können.“ Innerhalb weniger Jahre haben sie es geschafft, die Territorien für sogenannte Agrarvögel wie Kiebitz, Goldammer und Feldlerche auf ihren Flächen zu verdoppeln und gleichzeitig die Profitabilität ihrer Schläge zu erhöhen. Die Methode: Unrentabel zu bewirtschaftende Flächenanteile haben sie aus der Bewirtschaftung genommen.

Frank betonte: „Intensive Landwirtschaft kann auch als Teil der Lösung gesehen werden, nicht nur als Teil des Problems. Das ist meine große Vision für eine moderne Landwirtschaft. Nachhaltigkeit ist nur durch eine Revolution möglich auf der Seite der Landwirtschaft und auf der Seite der Verbraucher.“

Wie wird die Gesellschaft nachhaltiger?

Hohe Wellen schlug der Vortrag von Dr. Gesa Busch von der Georg-August-Universität Göttingen. Ihr Thema lautete „Wie kann die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft gelingen?“ Dabei ging sie auf Inhalte des WBAE -Gutachtens ein. Der WBAE (Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz) ist ein Gremium aus Wissenschaftlern, welches das Bundeslandwirtschaftsministerium berät.

Speziell die Aussage von Dr. Busch zur klimaverträglichen Reduzierung des Fleischkonsums von jetzt rund 57 auf 15 Kilogramm pro Kopf und Jahr in Deutschland führte zu vielen Wortmeldungen der Kreisbäuerinnen im Chat.

Nachhaltige Ernährung im WBAE Gutachten

Busch erklärte im Schnelldurchgang die Inhalte des WBAE Gutachtens, in dem vier Arbeitsfelder für nachhaltige Ernährung abgesteckt sind:

  1. Gesundheit bzw. gesunde Ernährung: Rund 50 % der deutschen Bevölkerung sind übergewichtig, Diabetes Typ II nimmt deutlich zu, vor allem in einkommensschwächeren Schichten. Einige der Gründe sind leichte Verfügbarkeit ungesunder Lebensmittel, hoher Konsum zuckerhaltiger Softgetränke und eine ausgeprägte To-go-Kultur mit energiereichen Snacks.
  2. Umwelt und Klimaschutz in der Lebensmittelerzeugung: Die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren und gleichzeitig die Klimaziele einzuhalten, erfordert die Veränderung des Konsums. Generell schneiden Obst, Gemüse, Getreide und Hülsenfrüchte bei Betrachtung der Treibhausgasemissionen deutlich besser ab als Fleisch von Wiederkäuern. Ein global verträglicher Konsum von Fleisch pro Kopf der Weltbevölkerung dürfe deshalb 15 Kilogramm pro Jahr nicht übersteigen. Notwendig sei auch die Effizienzsteigerung in der Tierhaltung. Dr. Busch: „Die Lösung für den Klima -und Umweltschutz ist weder die Reduktion des Fleischkonsums noch die Effizienzsteigerung in der Landwirtschaft, sondern nur eine Kombination aus beiden Maßnahmen.“
  3. Soziale Gerechtigkeit: Hier sieht der WBAE viele Baustellen, von Bedingungen für Leiharbeiter in großen Schlachtbetrieben bis hin zu geringer Wertschätzung und Entlohnung für die Arbeit der Bauern und Bäuerinnen.
  4. Tierschutz: Der WBAE sieht Probleme in der Nutztierhaltung, bedingt durch gängige Haltungssysteme. Festzustellen sei andererseits ein stark gestiegenes öffentliches Interesse am Tierschutz.

Das empfiehlt der WBAE für eine nachhaltige Ernährung

Dr. Busch zeigte auch auf, was der WBAE in Bezug auf die genannten vier Herausforderungen empfiehlt. Grundsätzlich solle die Ernährungspolitik stärker in den Vordergrund rücken als das bisher der Fall war. Konkret schlägt der Beirat vor:

  • Verpflichtende Umsetzung der Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Kantinen und Mensen,
  • standardmäßig kleinere Essensportionen.
  • Fördern des Konsums von Leitungswasser durch Bereitstellung öffentlicher Brunnen,
  • Verringern von Lebensmittelabfällen,
  • beitragsfreie Kita- und Schulverpflegung, die Nachhaltigkeitskriterien erfüllt,
  • Reduzierung des Konsums tierischer Produkte,
  • Abschaffung der Mehrwertsteuer- Reduzierung für tierische Produkte,
  • Verbrauchssteuer auf zuckerhaltige Getränke,
  • sozialverträgliches Abfedern der Kosten für gesunde Ernährung z. B. durch Anhebung der Hartz-IV-Sätze,
  • verpflichtende Einführung von Kennzeichnungslabels wie Nutri-Score, Klima- und Tierwohllabel, um dem Konsumenten Information und damit echte Auswahlmöglichkeit zu geben,
  • Förderung des Ökolandbaus und nachhaltiger konventioneller Agrarsysteme.

 

Wettbewerbsfähigkeit: "Level Playing Field"

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Der WBAE sieht viele Herausforderungen für die Landwirtschaft, vor allem die Frage, wie die Lebensmittelproduktion nachhaltiger werden kann, ohne an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Busch: „Wenn einzelne Länder vorpreschen und strengere Vorgaben machen in Bezug auf Klima-, Umwelt- und Tierschutz, kann man an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Das führt zu Verlagerungseffekten an Gunststandorte. Das ist keine Lösung, ganz im Gegenteil dadurch wird das Problem verschärft.“

Ins Zentrum seiner Überlegungen stellt der WBAE den Begriff „Level Playing Field“, der besagt, dass es gleiche Wettbewerbsbedingungen auf dem internationalen Markt geben muss, auch wenn ein Land die Nachhaltigkeitsstandards anzieht. Damit das gelingt, brauche es vielfältige Instrumente. Eine Möglichkeit seien freiwillige Maßnahmen von Seiten der Wirtschaft etwa durch Auslisten bestimmter Produkte; beispielsweise habe das Auslisten von Eiern aus Käfighaltung zu einem Systemwechsel geführt. Als anderes Instrument werden direkte Einkommensübertragungen angedacht.

Der WBAE sieht auch die Notwendigkeit politischer Maßnahmen auf der Basis multilateraler Handelsabkommen für Importe, die deutschen bzw. europäischen Standards nicht entsprechen und bei Einfuhr mit Abgaben belegt werden und damit ihren Kosten- bzw. Preisvorteil verlieren. Busch: „Wettbewerbsfähigkeit ist wichtig, um sich in Richtung Nachhaltigkeit entwickeln zu können, sonst kommt es zu einem starken Strukturwandel in der Landwirtschaft in Deutschland – das will niemand und auch keine Billigimporte auf Basis anderer Standards.“

Der ökologische Fußabdruck

Vom Umweltbundesamt war Dr. Hyewon Seo zugeschaltet. Sie referierte über den ökologischen Fußabdruck sowie den CO2-Fußabdruck in Bezug auf Ernährung. Beides sind Indikatoren dafür, welche Auswirkung menschliches Handeln auf Klima und Ressourcen unseres Planeten hat und welche Fläche man braucht, damit die Ressourcen wieder nachwachsen bzw. sich regenerieren können. Gemessen wird der ökologische Fußabdruck deshalb in der Flächeneinheit Hektar.

Der global gerechte ökologische Fußabdruck liegt bei 1,6 ha pro Kopf, weltweit; in Deutschland liegt er bei 4,7 ha. Dr. Seo: „Wir bräuchten also etwa die dreifache Erdoberfläche, wenn alle so leben würden wie wir.“

Ernährung verursacht zu viele Treibhausgasemissionen

Im Weiteren skizzierte die Wissenschaftlerin, wie sich Ernährung auf den ökologischen Fußabdruck auswirkt: Weltweit gesehen ist die Ernährung verantwortlich für 84 % des Frischwasserverbrauchs, 38 % des Flächenverbrauchs und 25 % der Treibhausgasemissionen. Um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen, müssten die Treibhausgasemissionen stark reduziert werden.

Das Fazit der Wissenschaftlerin deckt sich mit den Empfehlungen der PHD: „Der Konsum von Fleisch, Zucker und stärkehaltigen Lebensmitteln wie Kartoffeln muss stark reduziert werden.“ Dr. Seo appellierte auch dafür, sich über die Beschäftigung mit den Daten zum ökologischen Fußabdruck mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen, in der Familie, mit Nachbarn und Berufskollegen...

Einige Fragen blieben offen

Die Referate wurden von den Kreisbäuerinnen im Chat sowie per direkter Zuschaltung intensiv diskutiert. Speziell die mehrfach angesprochene Reduzierung des Fleisch- und Milchkonsums blieb nicht unkommentiert: Wo bleibt die Grünlandbewirtschaftung? Warum wird die Ernährung mehr in den Mittelpunkt gestellt als beispielsweise Flugreisen, obwohl es sich dabei um nicht lebensnotwendigen Luxus handelt? Woher kommen die Zahlen, die den Aussagen der Wissenschaftler zugrunde liegen?

Weitere Informationen zu den Ausführungen der Referenten:

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