Therapie

Es gibt immer eine Lösung

Ein schwarz weiß Bild. Darauf eine Frau, die den Kopf in ihrer Hand vergräbt und sichtlich verzweifelt ist.
Christine Schmid / Journalistin, Trainerin und systemische Coach
am Freitag, 23.04.2021 - 10:10

Wenn wir völlig erschöpft sind, wir vor Sorgen nicht mehr weiterwissen, müssen wir diese Probleme nicht alleine lösen. Es gibt viele Angebote, speziell zugeschnitten auf die Bedürfnisse bäuerlicher Familien.

Taucht in unserem Leben ein Problem auf, zwickt oder hakt es irgendwo, suchen wir meist erst selbst nach einer Lösung. Finden wir keine, gehen wir zu denjenigen, die sich damit auskennen: Haben wir uns den Fuß verknackst, gehen wir zum Orthopäden. Klingt der Motor unseres Autos oder einer Maschine seltsam, wenden wir uns an einen Mechaniker. Das spart Zeit und Geld.

 

Seelisches Leiden kann sehr unterschiedlich sein

Wenn wir aber zu Tode erschöpft sind, vor Sorgen weder ein noch aus wissen, wenn unsere Seele vielleicht schon seit Jahren leidet, dann sind wir deutlich zurückhaltender bei der Suche nach Unterstützung. Dabei gibt es gerade in der Landwirtschaft eine Fülle maßgeschneiderter Hilfsangebote (Montags Telefon des BBV, Krisenhotline und Kontakttelefon bei seelischen Belastungen der SVLFG, Landwirtschaftliche Familienberatung der Kirchen in Bayern, Mediation des BBV). Ein offenes Ohr und Verständnis für das Leben auf einem Bauernhof schaffen Erleichterung. Denn auch in Situationen erheblicher seelischer Belastungen gilt: Es gibt eine Lösung!

Den Familien in der Landwirtschaft geht es längst genauso wie allen anderen: Ehen scheitern, Kinder rebellieren, Wirtschaftskonzepte platzen, Schwierigkeiten werden totgeschwiegen, individuelle Wünsche unterdrückt. Es gibt häusliche Gewalt, Missbrauch, Krankheit und Sucht. Hinzu kommen Schwierigkeiten zwischen den Generationen, wenn beispielsweise eine Seite die Grenzen der anderen nicht achtet.

 

Erstarrt vor dem großen Berg an Problemen

Erschwerend wirkt sich in der Landwirtschaft die enge Verzahnung von Arbeit, Leben, Wohnen und Lieben aus. Das eine beeinflusst das andere. Manchmal baut sich so ein schier unbezwingbarer Berg an Abhängigkeiten, an Problemen auf. Angesichts dieses Berges unfähig, Entscheidungen zu treffen und eine notwendige Veränderung herbeizuführen, verharren viele Menschen in ihrer Situation, schweigsam und erstarrt. Sie wahren vor Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft den schönen Schein, obwohl es innerhalb der Familien alles andere als harmonisch zugeht.

Jedoch wird kein Mensch ohne Krisen durchs Leben kommen. Immer wieder gibt es Zeiten, in denen einem alles zu viel wird, das Gefühl überhand nimmt, hilflos und mitten in der Familie völlig allein gelassen zu sein. Jeder Mensch geht unterschiedlich mit Schwierigkeiten um. Was den einen kalt lässt, bringt die andere schier um den Verstand.

Doch es ist völlig normal, nicht alles zu wissen und zu können. Es gibt keinen Grund, sich zu schämen, wenn man sich kraftlos fühlt oder sogar krank ist. Denn wenn die Seele leidet, antwortet häufig der Körper. So sind Schlaflosigkeit, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen oder Magen-Darm-Erkrankungen nur einige von zahlreichen möglichen körperlichen Reaktionen.

 

Die ersten Schritte kosten oft viel Überwindung

Ein Bauer sitzt in einem Hinterreifen seines Schleppers. Dieser steht auf dem Feld. Der Bauer telefoniert. Nur die Person ist farbig auf dem Bild. Der Rest erscheint in Schwarz-Gräutönen.

Der erste Schritt – und ein Zeichen von Mut und Stärke – ist, sich selbst die Erkenntnis zu erlauben, dass man hier und jetzt alleine nicht mehr weiterkommt, dass man Hilfe braucht und sich diese auch gönnt. Alles gemäß dem Motto: „Das bin ich mir wert“. Wer ständig unter Arbeits-, Zeit- und Leistungsdruck steht, wer sich dauernd um die Familie, die Schwiegereltern, Freunde und Bekannte kümmert, vergisst und verlernt schnell, dass er sich auch um sich selbst kümmern muss. Selbstfürsorge lässt sich aber neu erlernen und üben.

Der nächste Schritt ist der zum Telefon, um eine Beratungsstelle zu kontaktieren oder einen Termin bei Hausarzt oder Hausärztin zu vereinbaren – vorausgesetzt, dass man mit ihm oder ihr vertrauensvoll reden kann. Es kostet die Betroffenen unglaubliche Überwindung und Kraft, die ersten Schritte zu unternehmen und sich zu öffnen.

 

Kommentare aus dem Umfeld, oft wie Schläge ins Gesicht

Wie Schläge ins Gesicht wirken dabei Kommentare des Umfeldes, wie:

  • „Was du nur immer hast?! Dir geht’s doch gut, du hast doch alles“
  • „Das wird schon wieder“
  • „Du bist doch nicht verrückt“
  • „Jeder ist mal schlecht drauf“
  • „Stell dich nicht so an“
  • „Reiß dich zusammen“
  • ...

Solche Sätze sind in der Regel Ausdruck von Angst und Hilflosigkeit, mit der Not des Gegenübers umzugehen. Für all jene, deren Leben aus dem Lot ist, sind sie aber die Bestätigung, dass niemand sie versteht. Wenn sie sich dann verletzt zurückziehen, beginnt der Teufelskreis aus Leid und Schweigen von vorn.

 

Was hilft? Über seine Sorgen reden dürfen

Fachärzte können ein Lied davon singen, dass sich Menschen mit psychischen Belastungen sehr spät, nämlich erst dann Hilfe suchen, wenn das Fass längst übergelaufen ist. Weil sie selbst keinen Ausweg sehen, glauben sie oft „Mir kann eh’ keiner helfen“. Dabei gilt für seelische Beschwerden dasselbe wie für körperliche: Je eher man sich ihnen stellt, umso geringer ist der Schaden und umso leichter kann ein Profi unterstützen.

Der Teufelskreis aus Leid und Schweigen lässt sich aufbrechen, indem man über seine Sorgen redet. In den Beratungsstellen sitzen geschulte Kräfte, die zuhören, ohne zu werten. Weil sie nicht in der Situation stecken, die Anrufenden nicht kennen und neutral sind, sehen sie das große Ganze. Behutsam fragen sie nach, geben den Anrufenden Zeit und Raum. Auch für die Tränen, die irgendwann geweint werden müssen.

 

Beratung speziell für bäuerliche Familien

Eine Mutter mit ihren zwei Kindern bei einer Kuh auf der Wiese. Nur der mittlere Ausschnitt mit den drei Personen ist farbig. Rechts und links ist es ergraut.

„Wir ermutigen und bestärken. Indem wir versuchen, Vertrauen aufzubauen, mindern wir die Angst, auch dadurch, dass sie Gleiche unter Gleichen sind“, sagt Katharina Stanglmair, Leiterin des Montagstelefons der BBV-Stiftung Land und Leben. Immer wieder erlebt sie, wie wichtig es ist, dass die Beratenden aus der Landwirtschaft kommen bzw. mit den spezifischen Lebensumständen gut vertraut sind. „Die Männer und Frauen müssen sich verstanden fühlen. Dann kann im Idealfall ein Perspektivenwechsel stattfinden.“

Wer eine Beratungsstelle kontaktiert, hat sich dafür entschieden, sich selbst zu helfen – die Anrufer haben sich auf den Weg gemacht. „Wenn sie bei uns anrufen, sind sie sehr offen, sind veränderungswillig“, betont Stanglmair. „Meistens kommen ja mehrere Dinge zusammen. Oft haben sich die Schwierigkeiten in Jahrzehnten aufgehäuft.“

Dann helfe es zu sortieren und zu ordnen, aus einem großen Berg fünf kleinere Hügel zu machen, die leichter zu überwinden sind. Häufig sind es die Bäuerinnen, die sich „nicht mehr raussehen“, die irgendwann nicht mehr können, weil sie lange für Ausgleich in schwelenden Konflikten gesorgt haben.

 

Alles ist freiwillig, jeder erzählt, so viel er will

„Manchmal rufen erst die Frauen für ihre Männer an“, ergänzt Heidi Perzl von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). Der Sozialversicherungsträger baut seit 2017 ein umfangreiches Angebot für psychisch Belastete auf und aus. „Nach solchen Gesprächen spürt man einen Funken Hoffnung“, sagt Perzl. „Die Leute sind froh, dass sie erzählen können. Das ist der erste Tag einer Veränderung.“ Der Rest ergibt sich.

Nach solch einem Erstgespräch hat vieles Weitere seinen Schrecken verloren. Ob ergänzende Beratungen in Anspruch genommen werden bis hin zu einer möglicherweise als hilfreich erachteten Therapie, spielt zu diesem Zeitpunkt keine Rolle.

Unausgesprochene Ängste, Fragen „Wie soll das gehen?“, „Wer zahlt das?“, „Wie soll ich bei all meiner Arbeit Zeit für eine Kur finden?“ werden beantwortet oder auf viel später verschoben, wenn sie anstehen. Den Anrufenden wird klar, dass ein Prozess vor ihnen liegt, um ihre Sorgen, die sich in Jahren aufgetürmt haben, Stück für Stück anzuschauen.

 

Es gilt die Schweigepflicht

Ein Bauer tippt auf seinem Handy. Er sitzt in der Fahrerkabine eines Schleppers. Nur seine Person ist farbig. Der Rest des Bildes ist schwarz-weiß.

Entscheidend ist, dass es ihr Weg, ihr Tempo bleibt. „Alles ist freiwillig, nur eine Empfehlung. Alles wird besprochen. Wenn es gewünscht wird, geben wir Anregungen, vermitteln weitere Beratungsangebote“, bekräftigt Perzl. Die Programme der SVLFG könnten jederzeit wieder beendet werden, „aber die meisten verlängern“. Keiner werde zu irgendetwas gedrängt. Gleich welchen Alters, welchen Geschlechts, in welcher Situation: Jeder behält die Entscheidungshoheit über das eigene Leben. Jeder erzählt, was, wie lange und wieviel er möchte. Wer will, bleibt anonym. Für alle Beratenden gilt die Schweigepflicht.

Und das ist für viele Anrufende entscheidend. Groß sei immer noch die Angst, heißt es aus Beraterkreisen, dass „irgendjemand etwas mitbekommen könnte“. Deshalb nutzen Landwirte gerne die Zeit auf dem Schlepper für einen Anruf oder die Onlineprogramme im heimischen Büro. So kann man dies gut vor seinen Angehörigen verbergen. Idealerweise werden diese aber irgendwann mit ins Boot geholt.

 

Fazit: Veränderung braucht Zeit und Arbeit

Keiner kommt ohne Krisen durchs Leben. Aber niemand muss an diesen Krisen zerbrechen. Niemand muss sie alleine bewältigen. Die Angebote sind da, um sie zu nutzen.

Ein Veränderungsprozess dauert und geht nicht ohne Arbeit vonstatten. Diese kann mehr oder weniger intensiv, schmerzhaft und verstörend sein. Manchmal ist das Ergebnis auch anders als gewünscht und dennoch richtig. Ein professioneller Begleiter beruhigt und stärkt ungemein. Wo sich ein Blickwinkel verändern darf, können neue Erkenntnisse, Sichtweisen und damit eine nie geahnte Freiheit entstehen. Dieser Weg lohnt sich!

 

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