Lichtverschmutzung

Geblendet, verwirrt und erschöpft

Falter von Lampe angezogen
Marietta Orthofer
am Freitag, 29.03.2019 - 13:40

Intensive nächtliche Beleuchtung ist eine Bedrohung für viele Insekten

Beim Thema Biodiversität stehen derzeit in Bayern vor allem die Landwirte am Pranger. Sie weisen mit Recht darauf hin, dass es viele Ursachen für den Artenschwund gibt – allen voran die Lichtverschmutzung. Forscher haben festgestellt, dass die verschwenderische Lichtdurchflutung der Nächte einen erheblichen Anteil am Insektensterben hat. Nach einer Hochrechnung werden in Deutschland durch die rund 6,8 Mio. Straßenlampen innerhalb einer Flugperiode (drei Monate) 91,8 Mrd. nachtaktive Insekten getötet – hinzu kommen dann noch die vielen anderen Lichtquellen.
Dass die Lampen mit vorwiegend weißem Licht zu Todesfallen für Flug- insekten werden, liegt an deren biologischer Programmierung. Sie haben sich ursprünglich am Mondlicht orientiert, manche Arten navigieren nach Sternen – nichts in der Evolution hat sie darauf vorbereitet, dass plötzlich Leuchtkörper die Nacht erhellen.
In einem Umkreis von bis zu 20 m werden die Insekten magisch vom Kunstlicht angezogen und wie von einem Staubsauger in den Bannstrahl der Lampe gesaugt. Verbrennen sollen sie eher selten, aber sie irren, schwirren und taumeln so lange um die Lichtquelle herum, bis sie desorientiert und erschöpft zu Boden fallen. Dort fallen sie meist Nachträubern zum Opfer. Spinnen machen sich diese Insektentragödie gezielt zunutze und hängen ihre Netze in der Nähe von Lichtquellen auf.
Lichter im Weltall sichtbar

Das Leibnitz-Institut in Berlin hat bei Nacht dunkle und erhellte Lebensräume verglichen. Dazu nutzten die Wissenschaftler die dunkelste und am dünnsten besiedelte Region Deutschlands – die Naturparklandschaft Westhavelland in Brandenburg. Sie stellten fest, dass sich im Dunkeln 76-mal mehr Tiere aufhalten als im Hellen. Beleuchtete Straßenzüge wirken wie Barrieren, die die Insekten am Weiterflug hindern. Ihre Lebensräume sind zerschnitten und damit die Fortpflanzung beeinträchtigt. Besonders betroffen sind die Nachtmotten, die wichtige Bestäuber von zahlreichen Korbblütlern sind. Außerdem fehlen die Insekten in der Nahrungskette. Andere Wissenschaftler stellten am Beispiel des Frostspanners fest, dass Weibchen in beleuchteten Zonen nur ein Drittel der Spermapakete mit sich herumschleppen als im Dunkeln. Die Nachtbeleuchtung kann offenbar die Anziehungskraft von weiblichen Sexuallockstoffen ausschalten.

Und nun? Sollen wir auf Beleuchtung verzichten? Natürlich nicht. Es geht darum, die überflüssige und verschwenderische Lichtflut einzudämmen. Das Leibnitz-Institut rät dringend, in der Nähe von wichtigen Lebensräumen für Insekten auf angestrahlte Objekte zu verzichten. Auch Privatgärten brauchen kein Licht – besonders schädlich sind beleuchtete Swimmingpools: Hundertausende von Käfern und Faltern ertrinken in ihnen. Immerhin sind 60 % aller wirbellosen Tiere nachtaktiv.
Wo Beleuchtung sein muss, sollten die Lampen möglichst nach oben und seitlich abgedeckt sein und keine blauen oder violetten Lichttöne enthalten – sie ziehen besonders viele Insekten an. Nicht so verlockend sind dagegen die wärmeren Töne im Gelb- und Orangebereich. Experten werben für Natriumdampflampen oder LED-Lampen mit warmem Licht. Die Stadt Augsburg hat inzwischen ihre gesamte Straßenbeleuchtung auf Natrium-Dampflampen umgestellt, weitere Gemeinden ebenso. Man darf gespannt sein, inwieweit im Aktionsprogramm zur Rettung von Insekten der Bundesregierung auch das nächtliche Lichtermeer eingedämmt wird.