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Interview

Als Gast in der Wildnis der Berge

Naturfotografie-Leitner-Feuersalamander
Kilian Pfeiffer
am Mittwoch, 05.10.2022 - 14:00

Wildtierfotograf Markus Leitner erzählt über sein Hobby, das viel Ruhe und besondere Erlebnisse mit sich bringt, und ordnet die Auswirkungen von Klima und Tourismus in den Bergen ein.

Markus Leitner

Markus Leitner rückt in seiner Freizeit mit Kamera und Teleobjektiv aus. Die Ausrüstung ist kostspielig, die Bilder sind einzigartig. Stundenlang hält er Ausschau nach Auerhahn, Bartgeier, Steinadler und Co. Doch die Ausflüge in die Berge sind nicht nur mit Tiermotiven, sondern auch mit jeder Menge Verantwortung verbunden, weiß Leitner. Ein Gespräch über die Rückkehr zur Natur.

Wie haben Sie zu Ihrem Hobby der Wildtier-Fotografie gefunden?

Ich bin in unserer urgewaltigen Berg-Heimat im Berchtesgadener Land aufgewachsen und habe schon immer die Natur beobachtet. Der Weg zur Fotografie war vorgezeichnet. Die Tiere sind oft weit weg und ohne Teleobjektiv nicht zu bestimmen. Vor allem wilde Vögel sind unglaublich schnell. Man kann nur mit der Kamera, einer hohen Bildrate oder einer kurzen Belichtungszeit das Unsichtbare sichtbar machen. Das ist unglaublich spannend. Ich gehe an die Wildtier-Fotografie immer ohne eine große Erwartungshaltung ran. Es geht mir nicht darum, die schönsten Fotos zu machen, sondern das Tier in seinem natürlichen Verhalten wahrzunehmen und es als ebenbürtiges Lebewesen kennenzulernen. Es gibt Analogien zur Gefühlswelt des Menschen: etwa dann, wenn beide Steinadler mutmaßlich in höchster Freude genau dann gemeinsam ausfliegen, sobald das Küken im Horst aus dem Ei geschlüpft ist.

Was treibt Sie bei Ihren zeitintensiven Beobachtungstouren vor allem an?

Wenn man beobachtet, versteht man auf eine beeindruckende Weise, was das Wunder des Lebens ist: Wie ein Steinadler-Küken nach rund 45 Tagen Brutzeit schlüpft, zunächst mit nur hundert Gramm so klein und hilflos im Horst sitzt. In gerade einmal zweieinhalb Monaten vervierzig- oder verfünfzigfacht es sein Körpergewicht. In unvorstellbarem Tempo ist das Tier voll ausgewachsen und so groß wie Vater oder Mutter. Es fliegt dann ohne Anleitung aus dem Horst, als ob es nie etwas anderes gemacht hätte. Ich habe beobachtet, dass Kinder leise und andächtig werden, wenn der neugierige Bartgeier in wenigen Metern über sie hinweg fliegt. Leute müssen das selbst erleben, damit sie nicht über, sondern von einer Sache reden und einen Bezug herstellen können. Man spürt sich dadurch selbst wieder und überträgt diese Erfahrung vielleicht auch in den Alltag, indem man die eigene, gewohnte Lebensweise kritisch hinterfragt.

Sind das besondere Orte, an denen Sie die Tiere mit der Kamera beobachten?

Ich gehe nirgendwo anders auf den Berg, als alle anderen Bergsteiger. Ich habe gelernt, mich sehr defensiv zu verhalten und alle meine Sinne zu nutzen. Wenn man unvoreingenommen und ohne Stress unterwegs ist, passiert meist mehr, als man sich vorstellen kann. Es bringt nichts, wenn man auf der Suche nach dem besten Bild durchs Unterholz kriecht. Das Tier merkt sich, wer sich seltsam verhalten hat. Wer sich ruhig, respektvoll und normal verhält, hat die besten Chancen für eindrucksvolle Beobachtungen. Tarnung schürt Misstrauen: Ein Steinadler erkennt ein Schneehuhn auf vier Kilometer Entfernung. Der Bartgeier erinnert sich an Aas und Thermik-Wände, ist neugierig, schaut sich die Menschen genau an und fliegt nah an ihnen vorbei, was ihm bei seiner Ausrottung als vermeintlicher Kinderfresser zum Verhängnis wurde.

Naturfotografie-Leitner-Wally-Bavaria

Sie hatten schon sehr viele Begegnungen mit den Bartgeierdamen Wally und Bavaria.

Die ausgewilderte Wally ist im Spätherbst vom Knittelhorn an der Reiter Alpe 20 Kilometer nördlich zum Zwiesel und Hochstaufen geflogen. Sie saß am Zwiesel auf einer neu aufgestellten Sitzbank und flog dann am nächsten Vormittag fast eine Stunde lang an dem zwölf Kilometer breiten Gebirgszug immer genau in der Goldtropf-Wand nur über mir. Sie hat mich sehr genau angeschaut und ziemlich sicher auch von den vielen vorherigen Begegnungen wiedererkannt. Wenn ich nicht zum Geier gehe, dann fliegt der Geier eben zu mir.

Wie schafft man es, die Tiere nicht zu stören?

Das Zeitfenster für die wilden Tiere wird durch unser Freizeit-Verhalten immer enger. Viele Menschen sind mit Stirnlampen mittlerweile rund um die Uhr unterwegs und versuchen, azyklisch den Massen auszuweichen. Der erste startet um drei Uhr, die Letzten steigen um zwei Uhr nach einer geselligen Hütten-Runde ab. Idealerweise ist man nicht zu früh und nicht zu spät unterwegs und bleibt auf dem Hauptwegenetz. Das Tier entscheidet immer über die Nähe zum Menschen, nicht der Fotograf.

Wie stark bedroht der Tourismus die Wildtiere?

Es sind sehr viele Menschen in einem im Verhältnis schmalen bayerischen Alpen-Streifen unterwegs. Die unterschiedlichsten Interessen und Ansprüche treffen aufeinander: Tourismus in all seinen Facetten, Land- und Forstwirtschaft sowie Natur- und Artenschutz sollen unter einen Hut gebracht werden. Das funktioniert zwangsläufig nur mit Respekt und Kompromissen. Allen Beteiligten verlangt das viel Verantwortung ab. Egal, was wir da oben vorhaben: Wir sollten uns immer bewusst machen, dass das Gebirge zuerst einmal Lebensraum von vielen Tieren und Pflanzen ist. Wir sind nur die Gäste im Wohnzimmer von Steinadler, Birkhuhn und Gams. Positiv ist, dass die meisten Menschen bewusst Rücksicht nehmen wollen, aber häufig nicht mitbekommen, dass Wildtiere da sind. Deshalb ist es so wichtig, sich vorab mit der Biologie der Art zu beschäftigen.

Worauf sollte man als Wanderer achten?

Wir wissen teilweise durch intensive Forschung recht viel und können Rücksicht nehmen und Wildtiere bewusst unterstützen. Es ist entscheidend, wie diese besonderen Erfahrungen unseren Bezug zu den Tieren auch nachhaltig im Alltag verändern. Indem wir beispielsweise weniger in die weite Welt fliegen oder mit dem Auto fahren, Müll aus der Natur mitnehmen, in dem sich Tiere verheddern können oder den sie fressen. Wir sollten auch hinterfragen, ob wir so viele freilaufende Hunde ohne Leine brauchen, die Wildtiere permanent unter Stress setzen und dadurch die Bestände dezimieren. Wir sind nur Gäste am Berg mit zeitlich begrenzter Duldung und stören Wildtiere immer, egal wie defensiv wir uns verhalten. Uns muss auch klar sein, dass dort oben keiner privilegiert ist. Der Berg ist kein Freizeitpark. Die Tiere nehmen unseren Stress und unsere Unruhe wahr.

Naturfotografie-Leitner-Waldrapp

Warum gehen Sie trotzdem so gerne in die Natur?

Es geht vor allem darum, was die Natur mit uns Menschen macht und wie sie uns auch heilend verändert. Wir finden auf diese Weise zur Natur zurück. Wildtier-Fotografie bedeutet, unverfälschte, echte Erlebnisse, die man sich selbst erarbeiten muss. Es geht für mich darum, wieder den Bezug zu finden, sich selbst zurückzunehmen und die hoch getaktete, pausenlose Reiz-Überflutung unserer lauten, oft künstlichen Welt auszukoppeln. Menschen, die den ganzen Tag ohne Maschinen draußen arbeiten, können häufig alle ihre Sinne noch nutzen. Ich will in der Natur meine eigenen Sinne schärfen und wieder richtig sehen, hören, riechen und fühlen lernen. Natur findet in ganz anderen zeitlichen und räumlichen Dimensionen statt.

Wie würden Sie als Beobachter die wilde Tierwelt in den Berchtesgadener Alpen trotz des menschlichen Einflusses beschreiben?

Viele Arten haben sich gut erholt, was auch daran liegt, dass wir viel über sie wissen und Rücksicht nehmen. Die Tiere sind trotz aller Störungen hart im Nehmen und unglaublich anpassungsfähig. Sie weichen wie der Uhu auf neue Lebensräume auch in Zivilisationsnähe aus. Viele Arten wären ohne diese Flexibilität gar nicht mehr überlebensfähig. Raufußhühner und Murmeltiere verlegen ihre Aktivitätsphase außerhalb der Thermik-Zeit, in der der Adler als großer Beutegreifer fliegt und sind häufig direkt am Weg, am Steig, an der Kletterroute oder an der Alm zu finden. Sie nutzen bewusst die Nähe zum Menschen, um sich gegen Fressfeinde zu behaupten. Auch Almbauern, Förster, Jäger und Sportverbände leisten einen wichtigen Beitrag. Zudem gibt es Schutzmaßnahmen.

Wie sehen solche Schutzmaßnahmen aus?

Indem zum Beispiel im Winter Aas für die großen Beutegreifer ausgelegt wird oder Freiflächen für die Raufußhühner freigeschnitten werden. Auch lokale Überflug-Verbote für Flieger aller Art während der Brutzeit ergeben aus Erfahrung Sinn, da der Schatten des Flugobjekts als Trigger bei fast allen Tieren Stress, Revier- oder Fluchtverhalten auslöst. Die beim Menschen fest in den Genen verankerte Urangst, der Himmel könnte einem auf den Kopf fallen, kennt auch der Steinadler. Dieser fliegt nicht aus Spaß mit dem Piloten, sondern er will sich in seinem Revier gegen den größeren Vogel behaupten. Nach rund 15 Minuten kühlt aber das Ei im Horst aus und stirbt ab. Die Natur regelt sich in diesem Aspekt auch selbst: 2022 gibt es sehr viele Jung-Adler aus dem Vorjahr, da es in 15 beobachteten Revieren zehn erfolgreiche Bruten gab. Diese Jungadler streifen im Alpenraum umher. Sie fliegen in Fremd-Reviere ein, lösen dadurch häufig territorialen Stress bei den Revier-Inhabern aus, die dann gar keine Nerven mehr haben, zu brüten oder zu häufig vom Horst auffliegen und die Brut schließlich abbrechen. Vor allem für Raufußhühner ist jede Störung im Winter lebensbedrohlich, da ihr Energie-Haushalt sehr knapp bemessen ist. Deshalb ist es so wichtig, dass Tourengeher auf ausgewiesenen Skirouten bleiben, keine Hunde freilaufen lassen und Gipfel-Bereiche und Sommerwege bevorzugen.

Woher nehmen Sie die Zeit für dieses Hobby?

Zeit ist relativ und vergeht mal zäh wie Honig und dann wieder wie im Flug. In der Natur wird das nicht durch die Uhr, sondern durch die Elemente bestimmt. Natürlich ist es auch konfliktbelastet, wenn man viel Zeit draußen verbringt, sich öfters ausklinkt und für andere nicht erreichbar ist. Das Thema Wildtiere verbindet aber mehr, als es trennt, bringt ganz verschiedene Menschen zusammen und lässt neue Freundschaften entstehen. Menschen finden über populäre Tiere wie den Bartgeier einen Bezug und entwickeln allgemein Respekt und Achtsamkeit. Andere interessieren sich dafür, was ich fotografiere. Manchmal beginnen sie erst dann hinzuschauen, werden selbst ruhiger und lernen, sich selbst zurückzunehmen.

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