Wohnraum

Fuggerei Augsburg: Wohnen in Würde

Die Außenansicht des Fuggerei. Ein gelbes haus mit spitzem Dach und ein Erker mit Türmchen an der vorderen rechten Ecke an der Hausfront.
Ulrich Traub
am Mittwoch, 24.03.2021 - 09:10

Die Fuggerei in Augsburg ist die älteste Sozialsiedlung der Welt – vor 500 Jahren angelegt, um mittellosen Menschen das Hausen im Armenhaus zu ersparen und ihnen so die Chance auf eine Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen. Dahinter steckte Jakob Fuggers Idee: Hilfe zur Selbsthilfe.

Infos auf einen Blick

  • Jakob Fugger finanzierte den Bau der Siedlung vor 500 Jahren. Sie ist bis heute im Besitz der Großfamilie Fugger.
  • Nach dem Krieg wurde die Fuggerei wiederaufgebaut.
  • Der Unterhalt der Gebäude wird aus Erlösen der Fuggerischen Forstwirtschaft und Eintrittsgeldern finanziert.
  • Die Kaltmiete pro Jahr beträgt pro Wohnung 0,88 €, und jeder Bewohner soll jeden Tag für den Stifter und seine Familie beten.
  • Derzeit leben 150 Bewohnerinnen und Bewohner in den 67 Wohnungen.

 

Fuggerei_Vorgärten

"Dagegen sölle ain yedes Hawsvolckh alle Jar ain Gulden, zu Auffenthaltung der Gebew geben“ – was sich nach schwerer Zunge anhört, ist der bedeutendste Passus eines Stiftungsbriefes aus dem Jahr 1521: Jeder Hausbewohner soll jährlich einen Gulden beisteuern, damit die Gebäude erhalten bleiben. Bis heute hat der Inhalt dieses Briefs einen gültigen, revolutionären Inhalt.

Der Stifter war der Augsburger Kaufmann, Bankier und Bergwerksunternehmer Jakob Fugger, genannt „Der Reiche“. Vor 500 Jahren, am 23. August, stiftete er mit zwei Neffen die heute älteste noch existierende Sozialsiedlung der Welt: die Augsburger Fuggerei. Hier sollten „würdige Arme“ ein neues Zuhause finden und nicht mehr als einen Rheinischen Gulden für die Miete zahlen. Daran hat sich – bis auf die Währung – nie etwas geändert. Heute bezahlt man für eine Wohnung in der Fuggerei 0,88 Euro Kaltmiete im Jahr!

 

Die älteste, existierende Sozialsiedlung der Welt

Ein Bewohner schließt seine Tür auf und geht hinein.

Rainer H. lebt seit drei Jahren in der innenstadtnahen Sozialsiedlung. „Ich bin jeden Tag froh, dass es geklappt hat“, betont er. „Hier kann man zur Ruhe kommen und neue Kraft schöpfen.“ Der Frührentner, der krankheitsbedingt seinen Job verlor, hatte auf dem angespannten Immobilienmarkt der Stadt keine Chance. „Dass ich nicht obdachlos geworden bin und nie Hunger leiden musste, dafür bin ich sehr dankbar“, erklärt er sichtlich bewegt.

Das Schicksal von Rainer H. belegt ein bundesweites soziales Problem. Bezahlbarer Wohnraum ist nicht in ausreichendem Maße vorhanden und Gegenmaßnahmen sind, wenn überhaupt eingeleitet, eher von zögerlicher Natur. Da kann es nicht erstaunen, dass sich das jahrhundertelang erprobte Erfolgsmodell der Fuggerei großer Beliebtheit erfreut. Die Warteliste ist lang wie eh und je. Verwunderlich ist vielmehr, dass diese Idee keine Nachahmer gefunden hat. „Es ist nie mehr ein vergleichbares Objekt entstanden“, weiß Astrid Gabler aus der Verwaltung der Fuggerei.

 

So bekommt man ein Wohnung in der Fuggerei

In der Hausfassade befinden sich zwei grüne Türen nebeneinander. Darüber ist eine Heiligenfigur in die Wand eingelassen und ein Fenster.

Und wie kommt man an eine Wohnung in der Fuggerei? Erste Kontaktperson ist Doris Herzog, die als eine von zwei Sozialpädagoginnen auch Ansprechpartnerin für die Sorgen und Nöte der Bewohner ist. Sie führt die Bedürftigkeitsprüfung durch, an der nur teilnehmen darf, wer drei Voraussetzungen erfüllt. Sie gelten seit 500 Jahren: „Man muss in Augsburg wohnhaft, katholisch und bedürftig sein. Letzteres wird durch das Amt für Soziale Leistungen geprüft“, fasst Herzog zusammen.

Falls sie eine Empfehlung ausspricht, der intensive Gespräche mit den Bewerbern vorangegangen sind, beginnt die Zeit des Wartens. „Drei bis fünf Jahre muss man aktuell schon Geduld haben“, sagt die Sozialpädagogin. Danach bedürfe es noch der Zustimmung des Administrators der Fuggerei und den Vertretern der drei Familienlinien der Fugger.

 

Zwei Drittel der Bewohner der Fuggerei sind weiblich

Eine Frau steht in ihrem sehr grünen Garten

Rund 150 Menschen leben heute in 67 Häusern. Die Siedlung des Jakob Fugger ist allerdings längst Vergangenheit. Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg und im Zweiten Weltkrieg, Wiederaufbau, Erweiterungen des Areals und ständige Umbaumaßnahmen, mit denen Häuser und Wohnungen den sich wandelnden Erfordernissen angepasst werden – die Geschichte der Fuggerei ist eine der ständigen Veränderung. „Zu der gehörte 1998 auch die Aufhebung der Mindestaltergrenze von 55 Jahren“, blickt Gabler zurück.

Zurzeit leben überwiegend Alleinstehende in der Fuggerei, aber auch Paare und Familien mit Kindern. Zwei Drittel der Bewohner sind weiblich und 50 Prozent jünger als 66 Jahre. Die unmöblierten Wohnungen sind unterschiedlich groß. Meist liegen in den Reihenhäusern zwei Wohnungen übereinander – mit eigenen Eingängen von der Straße aus, die nur im Ausnahmefall befahren werden darf. Die unteren Wohnungen haben kleine Gärten, die oberen einen Speicher.

„Mein Gärtchen liebe ich sehr“, gesteht Dorothea S., deren grüne Oase hinter einer Mauer liegt, die die Fuggerei von der Außenwelt abschirmt. Sie betont den guten Kontakt zu anderen Bewohnern. Es sei interessant, mit so vielen verschiedenen Menschen zusammenzuleben. „Wir alle genießen hier ein Leben in Würde“, freut sich Dorothea S., die nach 25 Jahren in der Entwicklungshilfe in Ecuador und einer Scheidung nur eine kleine Rente bezieht.

 

Idee der Hilfe zur Selbsthilfe

Die Büste von Jakob Fugger zwischen viel Grün.

Jakob Fugger hatte mit seiner Stiftung die Idee der Hilfe zur Selbsthilfe verfolgt. Die Fuggerei-Bewohner sollten wieder in die Gesellschaft zurückfinden. Dass dazu ein eigenständiges (Privat-)Leben vonnöten war, muss er gewusst haben. „Bis heute will die Fuggerei ein Wohn- und Lebensraum zur selbstständigen Entfaltung sein“, erklärt Gabler. Dazu gehören Angebote zur Stärkung der Gemeinschaft: das wöchentliche Frühstück und regelmäßige Feiern, Besuche von Kulturveranstaltungen und Ausflüge.

In der Fuggerei besteht zudem die Möglichkeit, ehrenamtlich oder gegen ein geringes Entgelt mitzuhelfen. So sorgt Rainer H. dafür, dass Bewohner, die nach 22 Uhr nach Hause kommen oder noch ausgehen möchten, nicht vor dem dann geschlossenen Tor stehen. Er ist einer der Nachtwächter. „50 Cent muss ich fürs Kommen und fürs Gehen kassieren, nach Mitternacht sogar einen Euro.“ Das Geld dürfe er behalten.

 

Beten als Miete

fuggerei-kirche

Rainer H. erzählt, dass er seinen Nachtdienst nur mit Rosenkranz antrete. Ob er denn auch täglich die drei Gebete für den Stifter spreche? „Aber natürlich“, sagt er. Jakob Fugger hatte seine Stiftung – wie damals üblich – auch deshalb vollzogen, weil er durch sein mildtätiges Werk hoffte, den Aufenthalt im Fegefeuer möglichst kurz zu gestalten. Zur Unterstützung verpflichtete er seine Bewohner, jeden Tag ein Vaterunser, ein Ave Maria und ein Glaubensbekenntnis für ihn und seine Nachkommen zu sprechen. Diese Regel gilt bis heute. „Ob sie befolgt wird? Das muss jeder mit sich selbst ausmachen“, räumt Sozialpädagogin Herzog lächelnd ein.

Seit 1582 hat die Fuggerei eine eigene Kirche, die vis-à-vis vom lauschigen Markusplätzle steht. Ihr Pfarrer, für den jeder Haushalt 88 Cent im Jahr zu entrichten hat, wohnt gleich nebenan. Ein paar Schritte weiter liegt der heutige Eingang zur Fuggerei. Hier befindet sich auch die Kasse, an der Dorothea S. den ein oder anderen Tag jobbt. Seit 2006 muss man Eintritt bezahlen, mittlerweile 6,50 Euro. Die Fuggerei ist zwar kein Freilichtmuseum, jedoch die meistfrequentierte Sehenswürdigkeit Augsburgs.

 

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