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Lebensgeschichten

Sie sind Freundinnen seit einem halben Jahrhundert

Frauenkreis-Freundinnen-Freundschaft-Bäuerinnen: 12 Frauen sitzen an einem Tisch beieinander und haben sichtlich gute Laune.
Melanie Bäumel-Schachtner
am Freitag, 29.07.2022 - 12:00

Vor 50 Jahre haben 13 junge Mädchen aus Oberbayern zusammen die Winterschule besucht. Aus diesen sechs Monaten Schulzeit ist eine tiefe und vertraute Freundschaft geworden, die bist heute hält. Wir haben die Bäuerinnen getroffen und mit ihnen über ihre besondere Verbindung gesprochen.

Funkelnd fällt das Sonnenlicht durch die Jalousien des Wintergartens im Wellnesshotel Weber in Triefenried im Landkreis Regen. Es fängt sich in den Gläsern mit der tiefroten Johannisbeerschorle, die auf den mit kleinen Blumenvasen geschmückten Tischen stehen, und in den strahlenden Augen derer, die das Getränk vor sich haben. „Auf uns und die Freundschaft“, sagt Fini Ortner, und alle 13 Damen erheben ihre Gläser und prosten sich zu.

50 Jahre ist es her, dass diese 13 Frauen aus Oberbayern zusammen die Winterschule in Mühldorf besucht haben. Aus sechs Monaten, die die damals jungen Frauen miteinander in Schule und Internat verbracht haben, ist mehr als ein halbes Menschenleben Freundschaft geworden.

Seit zehn Jahren jährlich Wellnessen

Freundschaft-Frauen-Wellness-Fußbad: Zwei ältere Frauen sitzen in einem Wellnessbereich und genießen ein Fußbad in einem gefliesten Becken. Sie tragen einen Bademantel.

Einmal im Jahr fahren die Freundinnen miteinander zum Wellnessen – heuer zum zehnten Mal. Dabei ist gar nicht wichtig, wo sie landen und was es dort zu erleben gibt. Im Vordergrund steht: Vier Tage lang ganz ausgiebig ratschen zu können. Über Gott und die Welt, das Leben, die Liebe und natürlich die Landwirtschaft. Dabei können sie den Alltag, die Sorgen und Herausforderungen daheim zurücklassen, um dann gestärkt und voller Freude wieder zurückzukehren.

Wie ein Sog zieht die Truppe die anderen Hotelgäste an, die amüsiert und begeistert sind von der Fröhlichkeit der 13 Damen. Die Oberbayerinnen fallen auf, egal, wohin sie reisen. „Manchmal werden wir auch geschimpft, weil wir zu laut sind“, sagt Fini Ortner, und alle fangen herzlich an zu lachen, und das tatsächlich nicht gerade leise. Sie ist es, die auch heuer wieder das Hotel ausgesucht hat für den Wellnessausflug. Auf zwei Kriterien muss sie dabei achten: Einen Whirlpool muss es geben. Und Dreiviertelpension.

So mancher Betrachter mag sich fragen, ob es in den Hotels, die die muntere Truppe aufsucht, nicht nur einen Whirlpool gibt, sondern auch einen Jungbrunnen. Denn das Alter scheint an den Damen geradezu spurlos vorbeigegangen zu sein. „Uns kommt es auch nicht so vor, als ob seit unserem ersten Kennenlernen 50 Jahre vorbeigezogen wären“, sagt Maria Steiner. „Aber man arbeitet, man bekommt Kinder, man kümmert sich um die Landwirtschaft – und schon ist ein halbes Jahrhundert vorbei.“

Sie lernten sich vor 50 Jahren in der Winterschule kennen

Als 1972 17 junge Mädchen den ersten schüchternen Schritt über die Schwelle der Winterschule in Mühldorf wagten, hatte keine von ihnen gedacht, dass dort nicht nur Wissen rund um Landwirtschaft und Hauswirtschaft auf sie warten würde, sondern eine Freundschaft, die das ganze Leben überdauert.

Elisabeth Rauscheder glaubt, dass die tief entstandene Beziehung zueinander daran liegt, dass die Mädchen damals im Internat lebten und nicht nach Hause gefahren sind. „Abends, nach der Schule, da lernt man sich so richtig kennen“, ist sie sich sicher, und alle anderen Damen nicken. „Wir haben geweint, als der letzte Schultag anbrach, so schön war es miteinander.“

Nichts von dieser Zeit möchten sie missen. Nicht die Zimmerpartys im Bademantel, ganz verstohlen und mit dem Prickeln der Heimlichkeit gewürzt. Nicht die zarten Annäherungen mit den jungen Herren der Winterschule für Buben, die gleich nebenan ihr Rüstzeug für die Landwirtschaft erlernten. Drei Ehen sind aus diesen Bekanntschaften entstanden.

In schwierigen Zeiten füreinander da

Freundschaft-Jahrbuch-Winterschule-Bäuerinnen: Zwei ältere Frauen sitzen an einem Tisch mit grüner Tischdecke und blättern in einem Jahrbuch mit schwarz-weiß Fotos.

Und nicht die zehn Tage Klassenfahrt nach Frankreich, zusammen mit den Buben, wo bei einem Betriebsbesuch ein paar weiße Mäuse im Schlafzimmer der Franzosen ausgesetzt wurden oder sich zwei Mädels einfach in ein Bett in einem Schloss an der Loire gelegt haben, für ein Erinnerungsfoto. Jenseits der Absperrung und jenseits dessen, was man so darf.

„Wir haben schon manchmal Blödsinn gemacht“, blickt Fini Ortner schmunzelnd zurück. Ihr Sinn für Humor eint sie noch heute. Zusammen lachen können – unbezahlbar. Aber auch, zusammen weinen zu können. Manch eine der Frauen, die aus den Landkreisen Mühldorf, Traunstein, Wasserburg, Erding und Altötting kommen, hatte ihr Päckchen im Leben schon zu tragen. Ein Päckchen, das manchmal auch ein schwerer Packen geworden ist – einer, den man gemeinsam tragen musste und auch wollte.

Bei drei der Damen ist der Mann gestorben. Eine hat ihre Tochter verloren. Da war es gut, dass da jemand ist, der mitfühlt, der versteht, den man auf seiner Seite weiß. Jemand, den man anrufen kann, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Freundschaft ist mehr als ein Eierlikör unter der Bettdecke. Sie trägt, wenn die Wurzeln stark sind und das zarte Pflänzchen mit Liebe und Hingabe gepflegt wird, um groß zu werden. Wie in der Landwirtschaft.

Der Lauf des Lebens schweißt zusammen

Aber es sind beileibe nicht nur traurige Momente, die die Freundinnen miteinander geteilt haben. Sie haben sich auch immer wieder gegenseitig von ihrem Leben erzählt. Vieles war gleich. Erst die Hochzeit, dann die Kinder: Feste wie Erstkommunion und Firmung, die fordernde Pubertät und das Flüggewerden des Nachwuchses.

„Unsere Themen haben sich im Laufe der Zeit verändert“, hat Resi Bergmann beobachtet. Gerade auch Probleme und Herausforderungen, die ihren Hof betreffen. Die meisten der Damen haben oder hatten einen Betrieb mit Tierhaltungen – Milchviehbetriebe und Bullen-, Schweine- oder Hähnchenmast. Da gab es viele Anknüpfungspunkte, um sich auszutauschen.

Konkurrenz ist kein Thema

Einmal im Jahr treffen sich alle Damen zudem zum gemütlichen Beisammensein. Gastgeberin ist immer eine aus der munteren Truppe. Die Speisenfolge ist dabei jedes Mal strikt festgelegt, das Konzept steht seit 50 Jahren. Daran ist nichts zu rütteln. Erst gibt es belegte Brote und Bowle, dann Kaffee und Kuchen.

„Damit verhindern wir, dass wir uns mit der Bewirtung gegenseitig übertrumpfen“, erklärt Elisabeth Rauscheder. Zwar darf jede die Obstbowle so mixen, wie sie meint. Und sich beim Kuchenbacken ins Zeug zu legen, damit die anderen anschließend freudestrahlend das Rezept mit nach Hause nehmen, ist auch nicht verboten. Aber mehr Wettstreit ist nicht erlaubt. „Ich glaube, dass die meisten langjährigen Freundschaften auseinander gehen, weil man sich ständig gegenseitig übertreffen muss. So fängt Rivalität an“, philosophiert Rauscheder. Und alle anderen Damen nicken zustimmend. Wie meistens herrscht Einigkeit.

Zu den jährlichen Kaffeetreffen sind vor zehn Jahren die Wellnessurlaube dazugekommen. „Zum 40. Jahrestag unserer Freundschaft haben wir gesagt, wir fahren mal miteinander weg. Wir haben gedacht, das sei eine einmalige Sache. Aber es war so schön, dass wir es seither jedes Jahr wiederholt haben“, freut sich Fini Ortner. Sie sucht mit Hingabe die Hotels aus, jedes Jahr ein anderes.

„Unsere Männer wollen eh nicht so gerne zum Wellness fahren. Also ist das ideal für uns“, erklärt Maria Höpfinger. „Manche haben sich erst dann einen Badeanzug gekauft“, stichelt Elisabeth Rauscheder augenzwinkernd. „Nein, nein, nein“, sagt Maria Steiner resolut. „So hinter dem Mond sind wir nicht – höchstens haben wir uns einen neuen Badeanzug gekauft.“

Mittlerweile per Whatsapp in Kontakt

Freundschaft-Frauen-Wellness: Zwei Frauen sitzen im Bademantel in einem großen Korb und lachen.

Ob mit oder ohne neuen Badeanzug – einen Termin zu finden, der allen passt, ist nicht immer einfach. Doch es ist schon leichter geworden. Denn die Damen gehen voll mit der Zeit und haben vor sechs Jahren eine Whatsapp-Gruppe eingerichtet. Mariele Wimmer ist die Administratorin dieser Gruppe, die den Namen „Winterschule 1972“ trägt. Man könnte auch sagen, sie ist die „Hüterin“ und nimmt ihre Aufgabe sehr ernst – technisch versiert, wie sie ist.

Auch hier wird alles miteinander geteilt. Das Foto vom brotbackenden Enkel. Der lustige Spruch und das spaßige Video. Der nächste Termin, das beste Küachl-Rezept und der wunderschöne Blumenschmuck im Bauerngarten. So ist es für die Damen noch leichter, miteinander in Kontakt zu bleiben und sich zu vernetzen. Blitzschnell ist eine Nachricht getippt oder ein Bild versendet, und jede kann daran Anteil nehmen.

Alle nutzen die Gruppe begeistert. Und als Corona längere Zeit eine Barriere für das Miteinander war und man sich plötzlich nicht mehr sehen durfte, hat Mariele Wimmer das Gruppenbild aktualisiert. Sie nahm als Profilbild ein weißes Herz, auf das mit blauer Schrift geschrieben war: „Freunde sind wie Sterne, auch, wenn wir sie nicht immer sehen, sind sie da.“

Diese Sterne funkeln seit über 50 Jahren. Und auch, wenn das Leben sich verändert hat, wenn so mancher Stern ein wenig flackern musste. Auch, wenn drei Sterne erloschen sind – drei Damen aus der Runde sind leider schon verstorben. Doch das Licht leuchtet weiter, wird jedes Jahr neu gespeist vom gegenseitigen Verstehen und Vertrauen.

Zimmerpartys und gemeinsames Lied zum Abschied

Inzwischen haben die Damen es im Leben ein wenig einfacher. Die Höfe sind übergeben, die Kinder sind groß. Sie haben Zeit für die Enkel, ein wenig mehr Zeit für sich selbst, und Zeit für ihre Freundschaften. Im Herzen jung sein – das ist den Freundinnen wichtig. Deshalb gibt es die Zimmerpartys von früher aus dem Internat noch heute. Zwar nicht mehr im Bademantel – der ist reserviert für den Wellnessbereich.

Aber dafür mit allerhand selbstgemachten Likören. Eierlikör steht hoch im Kurs. Und Fini Ortner hat mit dem Thermomix „Tussilikör“ gemischt. Mit einem sanften Gebräu aus Pfirsich, Maracuja und weißem Rum stoßen die Damen, die ganz sicher keine „Tussen“ sind, miteinander an. Spaß muss sein, auch, was die Getränkewahl betrifft.

Sie blättern dabei im Jahresbericht der Winterschule in den Fotos, die sie mit den selbstgeschneiderten Dirndln zeigen, die Haare gescheitelt und ordentlich zu Zöpfen geflochten. Ein halbes Jahrhundert ist vergangen. Viel ist passiert. Geblieben ist die Vertrautheit, die Fähigkeit, sofort wieder diesen ganz besonderen Draht zueinander zu haben, auch, wenn man sich ein paar Monate lang nicht gesehen hat. Das macht Freundschaft aus.

Und wenn der Wellnessurlaub sich in diesem Jahr dem Ende zuneigt, dann werden die Damen auch heuer wieder fröhlich vor der Tür singen: „Hoamgeh voller Freud, danga für die Zeit, miteinand, füreinand, Hand in Hand. Pfiat Euch God, Pfiat Euch God.“

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