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Wertschätzung

Wir Frauen in der Landwirtschaft sind mehr wert!

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Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Donnerstag, 05.05.2022 - 14:20

Frauen leisten in der Familie und auf dem Hof unbezahlbare Arbeit – jeden Tag. Gesehen und wertgeschätzt wird sie oft viel zu wenig. Dabei lohnt sich das für alle – für den Partner, die Kinder, für das Dorf und die Gesellschaft.

Die Arbeit von Frauen in der Landwirtschaft muss sichtbar gemacht, wertgeschätzt und gefördert werden. Sei es die Arbeit in der Familie und auf dem Betrieb als Bäuerin, Betriebsleiterin oder Direktvermarkterin, aber auch von Frauen in der Agrarpolitik. Darin waren sich alle Teilnehmerinnen der internationalen Tagung „Frauen in der Landwirtschaft“ einig. Die Professorin Ute Seeling, Direktorin der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften, ordnete die Situation ein: „Frauen sind seit jeher das Rückgrat der Landwirtschaft. Aber sie sind nur wenig sichtbar.“

Die Tagung verstand sich als Plattform, um Erkenntnisse von Wissenschaftlerinnen mit den Erfahrungen von landwirtschaftlichen Praktikerinnen und Agrarpolitikerinnen zusammenzubringen und diese zu diskutieren. Sie versammelte 120 Teilnehmerinnen aus der Schweiz, Deutschland, Österreich und Südtirol und fand Ende März in Zollikofen bei Bern statt.

Haushalt: keine Bezahlung – keine Wertschätzung

Bereits die bayerische Bäuerinnenstudie aus dem Jahr 2021 belegt, dass Frauen im Haus und auf dem Hof unzählige verschiedene Arbeiten erledigen. Dies betrifft nicht nur bayerische Bäuerinnen. Auch eine deutschlandweite, noch laufende Studie des Thünen-Instituts zur Lebens- und Arbeitssituation von Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben bestätigt das. An einer Online-Befragung hatten 7345 Frauen aus Deutschland teilgenommen. Erste Ergebnisse zeigen, dass Frauen neben ihren täglichen Arbeiten im Haushalt, in der Pflege Angehöriger und der Kinderbetreuung zudem häufig alleinverantwortlich Standbeine wie die Direktvermarktung betreuen. Außerdem übernehmen sie auf den Betrieben eine Vielzahl unterschiedlicher Aufgaben.

In der Diskussion der Umfrageergebnisse wurde folgendes deutlich: Die Frauen wünschen sich mehr Wertschätzung für diese Arbeit, denn: Hausarbeit, die Pflege der Angehörigen und Kinderbetreuung werden nicht bezahlt und haben damit erst mal keinen greifbaren Gegenwert. Viele Frauen empfinden dies als problematisch, weil sie – im Gegensatz zu den Männern – kein eigenständiges Einkommen haben. Zudem tragen diese Arbeiten auf dem Papier nicht zum Betriebserfolg bei und werden damit in vielen Familien nicht in der ganzen Tragweite wahrgenommen. Schließlich könnte man sich auch die Frage stellen: Wieviel würde es (den Betrieb) kosten, müsste man die Arbeit der Frau bezahlen?

 

„Nicht hinter Männern verstecken“

Mirjam-Blaser-Landwirtin

Mirjam Blaser, Junglandwirtin, aus Bärau, Schweiz:

„Ich bin am Milchviehbetrieb meiner Eltern aufgewachsen. Trotzdem habe ich mich schwer getan mit der Entscheidung, ob ich mir die Übernahme des Hofs zutraue. Dass mein Bruder den Betrieb nicht übernehmen wird, war klar. Wir haben in der Familie lange nicht über das Thema gesprochen. Für mich war es sehr emotional und ich glaube, meine Eltern hatten Angst, dass ich nein sage. Ich habe zuerst eine Ausbildung zur Autolackiererin gemacht. Mir hat aber die Arbeit mit den Tieren und der Natur gefehlt. Eine nahe Person hat mich schon immer als Betriebsleiterin gesehen. Meine Familie saß mal mit dieser Person zusammen und plötzlich kam das Thema auf, ob ich die Ausbildung zur Landwirtin machen will. Ich habe gekündigt und mich für die landwirtschaftliche Ausbildung entschieden. Ich bin froh darüber, denn ich habe immer mehr das Gefühl: Das bekomme ich hin! Sicherlich mit Unterstützung meines Vaters. Ich will andere junge Frauen zu mehr Selbstvertrauen ermutigen. Wir brauchen uns bei der Frage der Hofübernahme nicht hinter den Männern zu verstecken! In der Praxis ist es aber kein „Frauen gegen Männer“, sondern ein Miteinander.“

 

Direktvermarktung: Wert muss erkämpft werden

Selbst die Arbeit von Direktvermarkterinnen, die sichtbar zum Betriebserfolg beiträgt, wird in manchen Familien immer wieder in Frage gestellt. Dies ergab die Forschung von Dr. Marie Reusch von der Justus-Liebig-Universität Giessen, die Interviews mit zwölf Direktvermarkterinnnen in Hessen geführt hatte. Einerseits wird dieser Betriebszweig sehr positiv wahrgenommen, weil die Rückmeldung der Kundschaft den Frauen zeigt, dass sie gesehen werden und ihre Arbeit anerkannt wird. Innerhalb ihrer Familien müssen sich die Frauen laut Reusch für die Direktvermarktung aber häufig stark rechtfertigen – insbesondere vor den Schwiegermüttern, aber auch vor den Ehemännern. Zudem werde der Betriebszweig in seiner finanziellen Bedeutung oft klein geredet.

In der anschließenden Diskussion plädierten viele Frauen für ein selbstbewussteres Auftreten in Diskussionen über die Direktvermarktung. „Wir Frauen müssen uns und unserer Arbeit auch selbst einen Wert geben. Wir sind hoch qualifiziert und dürfen hinter dem stehen, was wir tun“, betonte eine Teilnehmerin.

 

„Die Rolle finden, die zu mir passt“

Stefanie-Schori-Bäuerin

Stefanie Schori, Bäuerin aus Madiswil, Schweiz:

„Ich wohne mit meinem Partner auf seinem landwirtschaftlichen Betrieb. Ich mache eine Fortbildung zur Bäuerin, hauptberuflich arbeite ich in einem kaufmännischen Unternehmen in der Kundenberatung. Ich finde es wichtig, dass Frauen in der Landwirtschaft die Rolle einnehmen dürfen, die zu ihnen passt. In einer Partnerschaft sollten sie dabei auch die Unterstützung des Partners erhalten. Bei der Arbeitsverteilung ist es elementar, mit dem Partner zu reden und zu sagen, welche Arbeit einem Spaß macht und welche nicht. Da können sich Chancen ergeben: Einerseits spricht man darüber, wer welche Arbeit macht, und sieht, was der jeweils andere den ganzen Tag tut. Vielleicht kann man Tätigkeiten tauschen oder Dinge gemeinsam erledigen. Mein Partner und ich machen die Wäsche zusammen, er kocht und putzt auch häufig und unterstützt mich stark – darüber bin ich sehr glücklich. Ich möchte andere Frauen dazu motivieren, für ihre Wünsche und Bedürfnisse einzustehen. Sowohl innerhalb der Partnerschaft, aber auch nach außen. Wichtig finde ich, dass man dankbar und wertschätzend ist für das, was man hat.“

 

Wer arbeitet was? Darüber muss man reden

Wie sich die Arbeitsteilung im Familienbetrieb ergibt, stellte Isabel Häberli von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Zollikofen vor. Zusammen mit Christine Jurt hatte sie Schweizer Betriebsleiterehepaare dazu befragt, wer welche Aufgaben im Haus und auf dem Hof übernimmt und warum das so ist. Ihre Studienergebnisse zeigen, dass Rollenbilder, Familientraditionen und eigene Werte maßgeblich dazu beitragen, wie die Arbeit verteilt wird, aber auch persönliche Vorlieben und Fähigkeiten. Zudem zeigte sich, dass die Verteilung der Aufgaben kaum verhandelt wird. Diskussionen darüber entstehen meist nur, wenn sich der Betrieb verändert oder nach der Geburt von Kindern.

Zudem nehmen laut der Studie weder Männer noch Frauen alle Arbeiten, die der jeweils andere erledigt, überhaupt wahr. Deshalb raten die Wissenschaftlerinnen dazu, dass Betriebsleiterehepaare miteinander immer wieder über Arbeitsbelastungen, die Verteilung ihrer Arbeit und ganz konkret über jede Aufgabe, die sie erledigen, sprechen.

Wie wichtig die Kommunikation über die einzelnen Aufgaben ist, zeigte die anschließende Diskussion: Viele Frauen betonten, dass es möglich sein müsse, dass sich Aufgabenbereiche ändern. Sie schlugen vor, dass man als Paar spielerisch ausprobieren könne, welche Aufgaben wirklich zu einem passen, ohne sich zu stark von traditionellen Rollenbildern beeinflussen zu lassen.

 

„Wir dürfen Unterstützung einfordern“

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Charlotte Landes, Landwirtin aus Waldtann, Baden-Württemberg:

„Mein Mann und ich haben beide einen eigenen Betrieb und sind dort Betriebsleiter. Trotzdem haben wir die Aufgaben, als die Kinder kamen, sehr traditionell verteilt: Ich habe mir die Hausarbeit vorwiegend mit meiner Mutter geteilt. Bestimmt auch, weil mein Mann zusätzlich außerhalb der Landwirtschaft arbeitet. Aber auch, weil ich ihm bestimmte Aufgaben nicht zugetraut habe oder mir dachte, dass ich sie selbst schneller erledige. Sofern man sich mit dieser Rollenverteilung wohlfühlt, finde ich das in Ordnung. Wenn man aber das Gefühl hat, dass der Partner die Arbeit, die man im Haus leistet, nicht sieht oder wertschätzt, muss man das sagen und darf auch Unterstützung einfordern! Dann sollte man aber akzeptieren können, dass der andere die Arbeit anders macht als man selbst. An andere Frauen möchte ich weitergeben, dass es uns guttut, im Leben Bereiche zu finden, die einen erfüllen: Das kann ein Hobby sein, ein Ehrenamt oder die Pflege von sozialen Kontakten.“

 

Frauen fördern als Hofnachfolgerinnen

Traditionelle Rollenbilder in der Landwirtschaft zeigen sich auch stark bei der Frage, ob der Sohn oder die Tochter den Hof übernimmt. Dazu hat Alicia Läpple von der Universität Hohenheim geforscht und neun Landwirtinnen aus Baden-Württemberg zwischen 25 und 53 Jahren befragt. Die Datenlage zeigt, dass 63 % der Betriebe in Deutschland im Jahr 2020 ohne gesicherte Hofnachfolge waren, dass zudem die Anzahl der Betriebe stark zurückgeht. Im Jahr 2016 waren 90 % der Betriebsleiter männlich, nur 10 % weiblich.

Würden also mehr Frauen Betriebsleiterinnen, könnte dies laut Läpple eine Chance für den Fortbestand der Familienbetriebe sein. Frauen zögern jedoch häufig, diesen Schritt zu gehen. Der Hauptgrund für sie – das wurde in der Befragung deutlich – ist, dass ihnen ihre Familie, Verwandte und Geschäftspartner die Rolle der Betriebsleiterin nicht zutrauen.

Die Handlungsempfehlung der Wissenschaftlerin war eindeutig: Eltern dürfen ihren Töchtern bei der Frage der Hofübernahme Vertrauen und Mut zusprechen und ihnen Rückhalt bei dieser Entscheidung geben. Auch Beratungsangebote für Frauen in dieser Situation sollten überprüft und überarbeitet werden. Ein weiterer Faktor, der jungen Frauen bei dieser Entscheidung helfen kann, wurde in der Diskussion deutlich: Der Erfahrungsaustausch mit anderen jungen Frauen, die diesen Schritt bereits gegangen sind.

 

„Wir erhöhen den Frauenanteil“

Birgit-Bratengeyer-Beraterin

Birgit Bratengeyer, Projektleiterin beim Fortbildungsinstitut der Landwirtschaftskammer Österreich:

„Die Zahlen zeigen uns, dass Frauen in der Agrarpolitik unterrepräsentiert sind. Das ist problematisch, weil Frauen – genauso wie Männer – wertvolle Perspektiven einbringen. Die Landwirtschaftskammer soll schließlich die Interessen von Bäuerinnen und Bauern vertreten. Genauso brauchen wir junge Leute, Landwirte mit Bio- und mit konventionellen Betrieben, mit großen und kleinen Betrieben. Die Vielfalt soll abgebildet werden. In Österreich haben wir die Charta für partnerschaftliche Interessensvertretung. Bei diesem Manifest verpflichten sich Organisationen, den Frauenanteil nach und nach auf 30 Prozent zu erhöhen. Damit haben wir schon viel bewegt. Die Landwirtschaftskammern und agrarische Organisationen sind inzwischen sehr bemüht, Frauen für die bäuerliche Interessenvertretung anzuwerben. Mit dem Projekt „ZAMm unterwegs“ bieten wir Fortbildungen für Frauen etwa für die „Professionelle Vertretungsarbeit im ländlichen Raum“. Hierbei motivieren wir Frauen und geben ihnen das Rüstzeug, dass sie sich ja sagen trauen, wenn sie gefragt werden, ob sie sich für ein Gremium zur Verfügung stellen. Frauen in der Agrarpolitik brauchen ein Netzwerk und Mitstreiterinnen, um sich gegenseitig zu stärken.“

 

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Die Tagung „Frauen in der Landwirtschaft“ wurde organisiert von Inforama, einem Bildungs-, Beratungs- und Tagungszentrum für Land- und Hauswirtschaft der Fachhochschule und Universität Bern sowie der landwirtschaftlichen Beratungszentrale Agridea.

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