Gedanken zum Gedenken

Die Essenz des Lebens

Mutter pflegt Mutter, Mutter sitzt mit Kind am Lagerfeuer, Kind sitzt bei krankem Vater auf dem Bett und lacht
Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Freitag, 29.10.2021 - 10:35

Was ist am Ende des Lebens wirklich wichtig? Wie behalten uns geliebte Menschen bis über unseren Tod hinaus in guter Erinnerung? Trauerredner Carl Achleitner berichtet von seinen Erfahrungen.

Wer ist Carl Achleitner?

Carl-Achleitner Porträt

Carl Achleitner, geboren 1963 in Grieskirchen in Oberösterreich, lebt in Wien und ist seit zehn Jahren als Trauerredner tätig. In dieser Tätigkeit hat er bereits 2900 Begräbnisse begleitet. Seine beruflichen Wurzeln hat der Österreicher in der Schauspielerei. In über 100 Film und TV Produktionen stand er vor der Kamera, auch in den Rosenheim Cops oder im Münchener Tatort. Am Beruf des Trauerredners schätzt er besonders, dass er die Menschen mit seinen Reden sehr tief und nachhaltig berühren kann. „Mir ist es in meinen Reden wichtig, auf das Schicksal der Menschen, die gestorben sind, einzugehen und herauszufinden, was die Hinterbliebenen brauchen, um nach dem Abschied ein wenig getröstet zurück in ihr Leben zu gehen“, sagt Achleitner.

 

Wochenblatt: Sie kommen als Trauerredner mit vielen Trauernden und den Biografien der Verstorbenen in Kontakt. Gibt es eine Quintessenz Ihrer Erfahrung, was am Ende des Lebens wirklich wichtig ist?

Carl Achleitner: Wenn ein Leben zu Ende geht, dann steht immer eine Frage im Raum, egal ob ausgesprochen oder nicht: Was war das für ein Leben, das dieser Mensch gelebt hat? War es ein gutes Leben und wenn ja, was genau hat es zu einem guten Leben gemacht? Darauf gibt es viele individuelle Antworten. Spannend ist es, die Frage umzudrehen und zu fragen, was gefehlt hat, wenn es kein gutes Leben war. Es mag banal klingen, aber: Es läuft sich immer auf die Liebe hinaus.

 

Wochenblatt: Können Sie uns das erklären?

Achleitner: Es gibt viele Formen von Liebe. Von einer Form, die häufig unterschätzt wird, erzählen mir wirklich viele Hinterbliebene: von Geborgenheit, die sie erfahren durften. Bei diesem Wort ploppen bei uns allen individuelle Bilder im Kopf auf, das können Kleinigkeiten sein: Die Schublade von Oma, wo das Naschzeug drin war, oder die Zeit als kleines Kind, wenn man zu den Eltern ins Bett kriechen und kuscheln durfte. Wir kommen alle schutzlos als Babys auf die Welt und sind auf Geborgenheit, auf Liebe und Schutz angewiesen. Wenn wir als Kinder und Jugendliche um uns Menschen haben, bei denen wir uns sicher und geborgen fühlen dürfen, haben wir eine gute Basis für das gesamte weitere Leben. Deshalb können wir Erwachsene nur versuchen, dieses Gefühl weiterzugeben: An unsere Partner und vor allem an die Kinder, die das am meisten brauchen!

 

Wochenblatt: Wir haben es also selbst in der Hand, ob wir anderen in guter Erinnerung bleiben?

Achleitner: Ich möchte hier gerne die Parabel von den zwei Wölfen zitieren. In ihrer Kurzfassung geht sie so: In jedem Menschen sind zwei Pole vorhanden, der gute und der böse Wolf. Die Waffen des guten Wolfs sind Liebe, Freude, Hoffnung, Mitgefühl, die des bösen Wolfs Hass, Neid, Arroganz, Lüge. Die beiden Wölfe kämpfen gegeneinander. Und wer gewinnt diesen Kampf? Der Wolf, den man selbst füttert. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir jeden Tag erneut die Möglichkeit haben, uns zu entscheiden, welchen der beiden Wölfe in uns wir füttern wollen. Wie wir jeden Tag handeln, wie wir alltäglich anderen Menschen begegnen, hinterlässt Spuren. Wir können selbst entscheiden, ob wir bei anderen Menschen Verletzungen, Kränkungen und Schmerz hinterlassen oder ob wir Spuren der Liebe hinterlassen wollen.

 

Wochenblatt: Manchmal ist dieser böse Wolf aber in Menschen auch sehr groß geworden, weil sie selbst im Leben keine guten Erfahrungen gemacht haben.

Achleitner: Die Voraussetzung für gutes Handeln ist natürlich, dass man sich selbst lieben kann, dass man mit sich selbst im Reinen ist. Es heißt nicht umsonst in der Bibel: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das ist deutlich leichter, wenn man auch im eigenen Leben Liebe bekommen hat.

 

Wochenblatt: Gibt es ein Thema, mit dem viele Hinterbliebene hadern?

Achleitner: Einmal habe ich ein Paar begleitet, beide waren so um die 40, und ich habe die Frau schon vom Parkplatz des Friedhofs aus bitterlich weinen gehört. Es war so: Die Mutter der Frau ist überraschend mit Mitte 60 gestorben und die beiden hatten seit zehn Jahren kein Wort miteinander gesprochen. Wenn der Tod bei solchen ungelösten Konflikten den Schlussstrich zieht, dann ist das für viele Menschen besonders bitter.

 

Wochenblatt: Haben Sie einen Rat, damit man gar nicht erst in eine solche Situation kommt?

Achleitner: Konflikte gehören zum Zusammenleben mit anderen Menschen dazu. Doch manchmal gebraucht man in Streit Worte, die einem – kaum sind sie ausgesprochen – leidtun. Worte können sehr verletzend sein und man kann sie nicht zurücknehmen. Deshalb kann man durchaus lernen, abzuwägen was man zu anderen sagt. Aber wenn doch einmal ein Konflikt entsteht, ist es wichtig, den zu Lebzeiten wieder aus der Welt zu schaffen. Offene Baustellen tun am Ende eines Lebens wirklich weh, deshalb lohnt es sich, Mut zu fassen und um Verzeihung zu bitten.

Wochenblatt: Und zu hoffen, dass einem verziehen wird.

Achleitner: Ja, denn genauso wichtig ist es, zu verzeihen! Wir sind alle darauf angewiesen, Verzeihung zu erlangen, denn keiner von uns ist perfekt. Es gibt dazu ein sehr treffendes und eingehendes Buddha-Zitat: Nicht zu verzeihen ist, wie Gift zu trinken und zu warten, dass der andere daran stirbt.

 

Wochenblatt: Wenn Vergebung nicht mehr möglich scheint, weil der andere Mensch gestorben ist – kann man trotzdem mit Konflikten abschließen?

Achleitner: Vergebung ist auch möglich, wenn ein Mensch nicht mehr lebt. Ich kann dazu aus meinem eigenen Leben erzählen: Mein Vater hat mich als Kind häufig und heftig geschlagen. Heute ist es verboten, Kindern so etwas anzutun. Das hat eine seelische Wunde bei mir verursacht, die mein Leben lang immer da war. Ich hatte nie den Mut, meinen Vater darauf anzusprechen, er auch nicht. Er ist mit fast 90 Jahren verstorben und erst da ist mir klar geworden, dass ich etwas versäumt habe. Ich bereue das noch heute. Obwohl mein Vater tot ist, kann ich aber für mich weiter mit ihm sprechen. Ich glaube nicht, dass er in einer Parallelwelt existiert und mich hört. Aber ich kann mir vorstellen, ihm das zu sagen, was ich zu seinen Lebzeiten nicht geschafft habe. Das kann dabei helfen, Konflikte aufzulösen, zu vergeben und Frieden zu finden. Aber das ist meiner Erfahrung nach der suboptimale Weg. Besser wäre es, das zu Lebzeiten zu tun!

 

Wochenblatt: Was hilft Hinterbliebenen bei der Bewältigung ihrer Trauer?

Achleitner: Menschen gehen meiner Erfahrung nach sehr unterschiedlich mit Trauer um. Es gibt Menschen, die am Schmerz zerbrechen, wenn zum Beispiel das eigene Kind gestorben ist. In diesem Fall empfehle ich eine professionelle Trauerbegleitung, die eine große Unterstützung sein kann. In meinen Reden versuche ich, den Hinterbliebenen Mut zum Weiterleben zu machen. Ich sage ihnen, dass ich nicht weiß, wie es möglich ist, solchen Schmerz auszuhalten und zu verarbeiten. Aber es gibt Menschen, die das bereits geschafft haben und deshalb ist es möglich. Auch wenn sie sich das im Moment nicht vorstellen können.

 

Wochenblatt: Es gilt also in einer solchen Situation, Trauer als Prozess anzunehmen?

Achleitner: Ich glaube, generell kann es uns helfen, zu akzeptieren, dass der Tod der eine Faktor in unserem Leben ist, an dem wir nicht rütteln können. Trotzdem dürfen Schmerz und Trauer da sein und sie brauchen ihre Zeit, ihren Raum und Respekt. Aber im Laufe der Zeit können sie sich umwandeln in eine Freude, den verstorbenen Menschen gehabt zu haben. Wenn ein Abschied nicht wehtun würde, dann sagt uns das doch, dass es keine Liebe gab. Wenn wir geliebt haben, dann ist der Schmerz beim Abschied so etwas wie der Preis für die Liebe, die wir zu Lebzeiten erfahren durften. Was mir aber auch noch wichtig ist: Ein oft unterschätzter Aspekt bei der Bewältigung von Schmerz und Trauer ist der Humor.

 

Wochenblatt: Das müssen Sie genauer erklären!

Achleitner: In Erinnerung ist mir zum Beispiel der Fall, dass die Oma mit Mitte 80 verstorben ist. Der jüngste Enkelsohn hat sie irrsinnig geliebt und viel um sie geweint. Er hat sogar eine Rede für das Begräbnis geschrieben, in der vorkam, dass die Oma die beste Köchin der Welt war, insbesondere von Kaiserschmarrn. Nach seiner Rede habe ich ihm gesagt, dass er den Kaiserschmarrn der Oma nie vergessen wird und ob er ihn vielleicht mal mit der Mama nachkochen will. Darauf der Junge laut schluchzend: „Aber die Mama kann gar nicht kochen!“ Das gab einen Riesenlacher in der ganzen Trauergemeinde und auch die Mutter hat mitgelacht. Wenn es angemessen ist, versuche ich auch selbst, den Menschen ein Schmunzeln zu entlocken.

 

Wochenblatt: Und das finden die Angehörigen in Ordnung?

Achleitner: Viele Angehörige erzählen mir sogar aus eigenem Impuls witzige Anekdoten aus dem Leben der Verstorbenen. Humor hat in Trauerfeiern Platz, denn er ermöglicht den Menschen, beim Abschiednehmen zu lächeln. Und das Schönste, was ein Mensch hinterlassen kann, ist doch ein Lächeln auf den Gesichtern derjenigen, die an ihn denken.

 

Buch zum Thema: Was am Ende eines Lebens wichtig ist

Buchcover-Carl-Achleitner-Geheimnis-eines-guten-Lebens

Der als Schauspieler bekannte Carl Achleitner hat bereits mehr als 2900 Trauerreden gehalten. Er hat sich dafür mit dem Lebensweg der Verstorbenen befasst und mit ihren Angehörigen gesprochen. In diesem Buch nähert sich der Mann mit der sanften Stimme und dem schwarzen Anzug mit Leichtigkeit und Heiterkeit dem einen großen Geheimnis an: Was es ist, das am Ende zählt und uns unvergesslich macht.

Das Geheimnis eines guten Lebens – Erkenntnisse eines Trauerredners von Carl Achleitner, erschienen 2020 im Verlag edition a, gebundene Ausgabe mit 224 Seiten, ISBN: 978-3-99001-437-0, 22 €.