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Erntedankfest

Essen für Körper und Seele

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Anja Kersten
am Freitag, 30.09.2022 - 11:00

Das Erntedankfest erinnert auch daran, dass Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhält. Sich rund ums Jahr mit regionalen Lebensmitteln der Saison zu ernähren, trägt zum Wohlbefinden bei. Denn unser tägliches Essen kann mehr als satt machen. Alles, was wir gerne essen und gesund ist, hebt die Stimmung. Ein Interview über Ernährung und Psyche.

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Sandra Kenull aus Fürth arbeitete in den Medien, im Marketing und führte das kaufmännische Unternehmen ihres Vaters bis in ihr – wie sie sagt – die Stimme ihrer verstorbenen Urgroßmutter Rosina immer lauter wurde. Diese war vor gut 100 Jahren Wirtschafterin in einem großbürgerlichen Haushalt und bewirtschaftete mit ihrem Mann einen großen Zier- und Nutzgarten mit Hühnern und Hasen. Ihre Fähigkeiten und Kenntnisse gepaart mit den Erträgen ihres Hausgartens ließen die Familie ohne Not und Einbußen die beiden Weltkriege nahezu unbeschadet überstehen. Aus der Erkenntnis, dass sie selbst zwar beruflich vieles kann, aber damit in Krisenzeiten die Existenz ihrer Familie nicht sichern könnte, machte Sandra Kenull eine Weiterbildung zur Gartenbäuerin und Kräuterpädagogin sowie eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin. In ihrer Meisterarbeit beschäftigt sich Sandra Kenull nun mit dem Einfluss der Ernährung auf das psychische Wohlbefinden und gibt als Teil ihrer Meisterarbeit zur Zeit Kochkurse zu diesem Thema, am Bildungszentrum der Stadt Nürnberg.

Dass ein Stück Schokolade in manchen Situationen trösten und glücklich machen kann, haben die meisten von uns schon erfahren. Doch die wenigsten wissen, warum. Sie beschäftigen sich in Ihrer Meisterarbeit mit dem Thema „Ernährung und Psyche“. Wie kamen Sie auf das Thema?

In meinem familiären Umfeld wurde bei jemanden eine chronische Krankheit diagnostiziert. Durch eine konsequente Ernährungsumstellung haben die Symptome nachgelassen und sich die Blutwerte normalisiert, sodass keine Medikamente mehr nötig waren. Ich war fasziniert, dass die Ernährung so eine große Wirkung auf den Organismus hat und befasste mich näher damit. Dabei stieß ich auf Studien, die den positiven Einfluss von bestimmten Nährstoffen in Nahrungsmitteln auf unsere Psyche dokumentieren und belegen. Bei Depressionen ist die Ernährung beispielsweise ein wichtiger Teil der Therapie. Die derzeitige Studienlage weist sogar auf eine entscheidende Wirkung einer geeigneten Ernährung als unterstützende Therapie bei Depressionen hin. Dieses Wissen können wir im Alltag nutzen und zwar relativ einfach.

Also macht nicht nur Schokolade glücklich?

Wir verbinden gesundes Essen in den meisten Fällen mit Verzicht, Askese, weniger mit Wohlbehagen, guter Laune oder Glücksgefühlen. Doch genau das können bestimmte Lebensmittel oder Speisen. Sie rufen aufgrund ihrer Inhaltsstoffe eine bestimmte positive Wirkung auf die Psyche hervor. Im Englischen nennt man sie Mood Food, übersetzt Essen für die Stimmung oder Wohlfühlessen.

chilli-schokolade-essen-glücklich: Schokoladentafeln gestapelt mit Chilischoten.

Haben Sie selbst diese Erfahrung gemacht?

Ja, ich hatte vor einiger Zeit Probleme, einzuschlafen und auch durchzuschlafen, weil ich viel Stress hatte. Ich habe meinen Speiseplan umgestellt, am Abend nur leicht Verdauliches gegessen, wie frisch gekochte Gemüsesuppen und die mit den entsprechenden Kräutern und Gewürzen verfeinert und zum Entspannen ein paar Nüsse genascht statt Gummibärchen. Nach kurzer Zeit bin ich wirklich schneller eingeschlafen und habe überhaupt tiefer geschlafen. Das ist natürlich nur meine ganz persönliche Erfahrung und ich kann das nicht anhand von Laborwerten belegen. Was bei mir funktioniert, muss auch nicht bei jedem funktionieren, denn jeder Körper ist anders. Was ich aber damit sagen will, ist, dass der sensible Umgang mit einem selbst, das Hinhören, was einem an Lebensmitteln und Speisen guttut, und vor allem das Wissen über Ernährung, wie unser Körper und vor allem die Verdauung funktioniert, durchaus bei bestimmten gesundheitlichen Problemen helfen können.

Eine heiße Suppe, wenn es einem kalt war, ein Stück selbstgebackener Kuchen, das Lieblingsessen, wenn es einem nicht so gut ging – ahnten nicht schon Generationen vor uns, dass Essen und Psyche zusammenhängen, ohne die Zusammenhänge oder den Begriff Mood Food zu kennen?

Ganz bestimmt, aber vieles von dem ist uns gar nicht mehr bewusst. Nehmen wir das Beispiel mit der Suppe. Eine Suppe aus der Tüte wird in uns kaum diese Gefühle auslösen. Und warum nicht? Weil ich für die selbstgekochten Suppe frische Zutaten, Kräuter und Gewürze verwende, die reich an stimmungsaufhellenden Nährstoffen sind, und unser Körper dann darauf reagiert. Deshalb ist es auch so wichtig, regionale und saisonale Lebensmittel zu verwenden. Denn dann haben Obst und Gemüse die volle Reife und damit auch die volle Kraft der Nährstoffe. Genau diese Nährstoffe braucht unser Körper in dieser Jahreszeit.

Aber reichen die saisonalen Lebensmittel aus unserer Region, vor allem in den Wintermonaten?

Er braucht keine Erdbeeren im Januar. Eine abwechslungsreiche Ernährung im Rhythmus der Natur tut unserem Organismus gut. Wichtig ist die Qualität der Lebensmittel, auch und besonders bei zugekauften, verarbeiteten Produkten wie Gewürzen und getrockneten Kräutern. Neben dem Wissen über Ernährung und unseren Körper braucht es aber auch die hauswirtschaftlichen Fertigkeiten, damit man die Suppe zubereiten oder die Ernte aus dem Garten haltbar machen kann.

Können Sie ein bisschen genauer erklären, welche Vorgänge sich im Körper abspielen?

Das Entscheidende ist, dass Darm und Gehirn kommunizieren. Über Nervenverbindungen, aber auch hormonähnliche Stoffe wie Serotonin werden dem Gehirn Informationen geschickt, welche „Befindlichkeit“ der Darm gerade hat. Sogar zwischen den Bakterien im Darm, dem sogenannten Mikrobiom, und dem Gehirn gibt es eine Verbindung. Dabei laufen 90 Prozent der Kommunikation vom Darm in das Gehirn. Schon daran sieht man, welchen Stellenwert der Darm für unser Wohlbefinden hat. Um es auf einen einfachen Nenner zu bringen: Wenn es dem Darm gut geht, dann geht es auch uns gut. Jeder von uns hat diesen Einfluss schon erlebt. Wenn man aufgeregt ist, ist einem schlecht oder man hat sogar Durchfall, ohne etwas Falsches gegessen zu haben. Nicht umsonst gibt es die Redensart: Das schlägt mir auf den Magen. Im Alltag aber wird die Funktion des Darmes und des Mikrobioms unterschätzt. Die Bakterien im Darm tragen dazu bei, dass das Immunsystem schnell auf Krankheitserreger reagieren kann. Sie produzieren eine Vielzahl von Substanzen, die über die Darmwand in den Blutkreislauf gelangen, darunter auch Serotonin und den Neurotransmitter Dopamin. Diese werden auch als „Glückshormone“ bezeichnet, weil sie stimmungsaufhellend wirken. Die Vorstufe von Serotonin ist Tryptophan, das vom Körper nicht selbst gebildet werden kann und mit der Nahrung zugeführt werden muss. Das wiederum ist beispielsweise in Rind- und Hühnerfleisch, fettem Fisch und Eiern oder auch in Bananen, Feigen, Datteln, Cashewkernen, Kakao und dunkler Schokolade enthalten.

Man kann also diese wissenschaftlichen Erkenntnisse auch praktisch nutzen?

Ja, das ist es auch, was mich so begeistert. Wer abwechslungsreich, mit saisonalen, regionalen Lebensmitteln kocht, hochwertige Öle, Kräuter und Gewürze verwendet, der tut seinem Darm, im speziellen seiner Darmflora, etwas Gutes. Nur damit man eine Vorstellung hat: Die Bakterien in unserem Darm wiegen durchschnittlich etwa zwei Kilo. Das ist mehr, als unser Gehirn wiegt. Vereinfacht könnte man sagen: Wer vielfältig isst, der schafft damit eine vielfältige und große Darmflora, die dann auch dementsprechend viele Aufgaben wahrnehmen kann. Forscher haben festgestellt, dass sich die Zusammensetzung der Darmbakterien je nach Ernährung verändert und sich das Mikrobiom von Person zu Person unterscheidet.

Und wie können wir unser Mikrobiom unterstützen?

Zu diesem Thema wird weltweit geforscht und verschiedene Studien dokumentieren, dass eine Ernährungsweise mit wenig Ballaststoffen und viel tierischen Fetten die Vielfalt der Darmkeime verringern könnte. Darüber hinaus gibt es Substanzen, auf die der Körper schnell reagiert. Chili ist dafür ein gutes Beispiel. Wenn man etwas Scharfes mit Chili isst, entsteht im Gehirn ein Schmerzreiz. Um diesen Schmerz zu lindern, schüttet das Gehirn Endorphine aus und diese wiederum fördern das Wohlbefinden und machen auf längere Sicht gute Laune.

Kochen-Lebensfreude-Ernährung-Psyche: Eine Oma kocht mit einem kleinen Mädchen.

Wir neigen dazu, es uns möglichst einfach zu machen, nach dem Motto: „Ich esse jetzt ein Gericht mit Chili und dann bin ich fröhlicher.“ Wo liegen die Grenzen von Mood Food?

Auch bei Mood Food sollte ich meinen gesunden Menschenverstand benutzen. Ich werde damit keine akute Erkrankung heilen oder von einen auf den anderen Tag glücklich, weil ich Chili esse oder ganz extrem auf meine Fertiggerichte ein bisschen Leinöl gebe, das entzündungshemmend ist. Aber ich kann bestimmte Lebensmittel gezielt nutzen, um mich zu stärken und vorzubeugen. Jetzt, wenn die dunkle Jahreszeit beginnt, kann ich Gerichte mit diesen Lebensmitteln zubereiten oder als kleinen Snack abends auf dem Sofa Popcorn mit ein wenig hochwertigem bayerischen Pflanzenöl, einer kleinen Prise Salz und Rosmarin zubereiten. Denn Rosmarin ist gut für die Psyche und wirkt beruhigend auf das Nervensystem.

Welche Rolle spielt die Achtsamkeit bei diesem Thema?

Für mich ist Achtsamkeit ein wichtiger Faktor für das ganzheitliche Wohlbefinden. So wie ich gegenüber meinem Körper aufmerksam bin, bin ich achtsam mit Lebensmitteln. Dazu gehört auch, dass ich bewusst esse. Ich bin dankbar dafür, dass mir Lebensmittel zur Verfügung stehen, dass es Landwirte und Landwirtinnen gibt, die für eine Ernte sorgen, und sehe das nicht als selbstverständlich an. Deshalb ist Erntedank ein bedeutendes Fest. Denn die Kraft der Natur, der Einsatz von Landwirten und Landwirtinnen sowie die Fertigkeiten, die wir in der Hauswirtschaft lernen, sichern dauerhaft und nachhaltig unsere Ernährungsgrundlagen – jetzt und für zukünftige Generationen.

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