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Ratgeber

Endlich selbstsicher auftreten als Frau

Frauen-Selbstbewusst-auftreten: Ein Mann und zwei Frauen sitzen auf der Bühne. Die Frau in der Mitte scheint die Moderation mit viel Spaß zu führen.
Anja Kersten
am Montag, 04.04.2022 - 16:25

Reden will gelernt sein: Selbstbewusstsein ist nicht jedem in die Wiege gelegt, gerade Frauen wünschen sich oft, sicherer aufzutreten, vor Publikum, im persönlichen Gespräch, wenn es um Kritik geht. Wie gut, dass jeder daran feilen kann. Unsere Tipps im Interview.

Julia-Strauhal-BBV: Ein Porträt einer Frau mit braunen lockigen Haaren. Sie lächelt leicht und trägt ein weiße Bluse, darüber eine gelbe, senffarbene Jacke.

Wie wirken wir bei Gesprächen oder am Rednerpult auf andere? Wie kommt das, was wir sagen, beim Gegenüber an? Das beschäftigt jeden, der in einem Ehrenamt aktiv ist. Aber auch im privaten Bereich tut es gut, selbstsicher für sich einzustehen. Wir sprachen mit Kommunikationstrainerin Julia Strauhal, die in Seminaren und Workshops vermittelt, worauf es bei einer klaren und wertschätzenden Kommunikation und einem rhetorisch überzeugenden und selbstbewussten Auftritt ankommt. Seit vielen Jahren ist sie auch für den Bayerischen Bauernverband tätig.

Wochenblatt: Ob in Verbänden, beim Gemeinderat oder in öffentlichen Diskussionen, Frauen sind oft gut vorbereitet, haben gute Argumente und haben doch das Gefühl, sie werden weniger als Männer gehört. Woran liegt das?

Julia Strauhal: Damit wir gehört werden, brauchen wir mehr als nur gute Argumente. Denn das Gegenüber hört nicht nur, was wir sagen, sondern vor allem, wie wir es sagen. Untersuchungen zufolge machen Worte und Inhalt nur einen Anteil von sieben Prozent aus, Stimme und Körpersprache dagegen über 90 Prozent.

Julia-Strauhal-Kommunikationstrainerin-Zitat-1: „Damit wir gehört werden, brauchen wir mehr als nur gute Argumente. Denn das Gegenüber hört nicht nur, was wir sagen, sondern vor allem wie wir es sagen.“

Wochenblatt: An seiner Stimme kann man aber doch nichts ändern?

Strauhal: Ob meine Stimme hoch oder tief klingt, daran nicht. Aber ob meine Stimme verkrampft oder schrill ist, daran kann ich durchaus was ändern. Um gehört zu werden, brauche ich eine Stimme, die schwingt. Klingt eine Stimme verkrampft, schalten unsere Ohren sofort auf Durchzug. Für mich ist die Stimme deshalb das wichtigste Verhandlungsinstrument.

Wochenblatt: Und wie schaffe ich es, dass meine Stimme schwingt?

Strauhal: Wer unter Stress oder Spannung steht, hält automatisch den Atem an und verkrampft. Deshalb hilft es, auszuatmen. Das Ausatmen ist für unser Gehirn das Signal: Ich muss mich nicht mehr fürchten. Die Gefahr ist vorbei. Mit dem Ausatmen nehmen wir die Anspannung und den Druck nicht nur aus unserem Körper, sondern auch aus unserer Stimme heraus. Ausatmen hilft auch, wenn wir in Diskussionen überfahren werden, zum Beispiel: „Jetzt sagen Sie doch auch mal was dazu“. Dann sollte man nicht dem Impuls folgen, sofort zu antworten, sondern sich vier Sekunden Zeit nehmen, ausatmen, um dann mit fester Stimme antworten zu können etwa: „Dazu sage ich sehr gern etwas.“ Das wirkt souverän. Genauso verfährt man, wenn kritisiert oder verbal angegriffen wird. Ruhig bleiben, sich nicht rechtfertigen, nicht fragen, „was meinst du?“, sondern ausatmen und entspannen.

Julia-Strauhal-Kommunikationstrainerin-Zitat-2: „Mit dem Ausatmen nehmen wir  die Anspannung und den Druck  nicht nur aus unserem Körper, sondern auch aus unserer Stimme heraus.“

Wochenblatt: Und wie reagiert man dann auf die Kritik?

Strauhal: Indem man den Angriff in eine Frage umleitet. Nehmen wir an, jemand greift uns an mit den Worten: „So kann man das einfach nicht machen.“ Dann sollte man sich nicht rechtfertigen, sondern fragen: „Kannst du mir sagen, auf welchen Vorgang du das konkret beziehst?“ oder „Können Sie sagen, woran Sie das festmachen?“. Mit dieser Frage kommt man von der emotionalen Ebene auf die Sachebene. Und nur so hat man eine Chance, ins Gespräch zu kommen, Dinge besser zu machen und zu verändern. Kritik ist kein Bremsklotz, sondern Dünger.

Wochenblatt: Kritik anzunehmen ist schwierig, den anderen zu kritisieren, fällt da schon leichter. Wie kommt man gerade in Verbänden und Vereinen zu einer Kultur der Kritik, bei der man ehrenamtliche Helfer nicht verprellt, Probleme aber auch deutlich ansprechen kann?

Strauhal: Zunächst einmal: Konstruktive Kritik heißt nicht, seinem Ärger Luft zu machen, dem anderen die Schuld zuzuweisen und ihn persönlich zu beschuldigen. Konstruktive Kritik heißt, die Probleme zu benennen und zu lösen. Das verwechseln viele. Wer den anderen abwertet und persönlich wird, erzeugt Widerstand mit der Folge, dass der andere ihn nicht hören will, ihn gar nicht anhört. So gut die Argumente auch sind, sie sind in diesem Fall gar nicht mehr wichtig, weil der andere bereits eine Abwehrhaltung einnimmt.

Julia-Strauhal-Kommunikationstrainerin-Zitat-3: „Konstruktive Kritik heißt nicht, seinem Ärger Luft zu machen, dem anderen die Schuld zuzuweisen und  ihn persönlich zu beschuldigen.“

Wochenblatt: Und wie setzt man das in der Praxis am besten um?

Strauhal: Man sollte sich in der Vorbereitung auf ein Gespräch nicht dauernd vorsagen, wie unfähig der andere ist, dass er überhaupt nichts richtig machen kann und sich immer weiter hineinsteigern, sondern genau das Gegenteil. Man sollte sich überlegen, was man an dem anderen schätzt. Da reicht schon eine einzige Sache. Wenn man den anderen komplett abwertet, dann bekommt man von ihm auch nichts zurück. Für Kritik sollte man sich Zeit nehmen, eine entspannte Atmosphäre wählen, nicht zwischen Tür und Angel und möglichst nicht im Beisein Unbeteiligter. Hilfreich finde ich es, zu überlegen, welche kritischen Worte würde ich selbst annehmen oder was würde mich verletzen?

Wochenblatt: Wie wird man dann konkret?

Strauhal: Auf jeden Fall vermeiden sollte man Verallgemeinerungen wie „das ist ja so was von Quatsch“, „das weiß doch jeder“, „man muss…“ oder Anklagen in Form von Du-Botschaften wie „Du hast mal wieder…“. Stattdessen spricht man in der Ich-Form: „Für mich stellt sich das so dar…“ Aus meiner Perspektive sieht das so aus...“. Bei Du-Botschaften nimmt das Gegenüber sofort eine Abwehrposition ein. Ich-Botschaften sind dagegen objektiv, weil ich von mir und meinen Gefühlen spreche. Oft ist dem Gegenüber gar nicht bewusst, was es mit seiner Aussage oder seiner Handlung ausgelöst hat. Das kann ich ihm mit „Ich habe mich geärgert, dass….“ mitteilen. Das gilt übrigens nicht nur für die Vereins- und Verbandsarbeit, sondern auch in der Partnerschaft und Familie. Wenn ich den anderen nicht abwerte, wird sie/er auch eher bereit sein, sich zu ändern. Klar sollte darüber hinaus sein, dass ich nicht persönlich werde, sondern mich auf die Sache beziehe.

karina-fischer-eggenthal: Eine Frau führt das Gespräch selbstbewusst an einem Tisch mit drei Männern

Wochenblatt: Nehmen wir mal an, man ärgert sich über die Unzuverlässigkeit oder Unpünktlichkeit im Verband oder Verein. Wie kann man dieses Problem ansprechen?

Strauhal: Die meisten von uns würden wohl sagen: „Nie kommst du pünktlich“ oder „auf dich kann ich mich einfach nicht verlassen.“ Der andere würde darauf antworten: „Das ist nicht wahr, beim letzten Treffen war ich doch pünktlich.“ Und schon ist man mitten in der Diskussion. Der eine greift an, der andere wehrt ab und man kommt zu keiner Lösung. Pauschalisierungen rufen fast automatisch Widerspruch nach dem Motto „das stimmt doch gar nicht“ hervor. Deshalb ist es besser, konkret zu werden und Tatsachen und Fakten zu benennen: „Letzte Woche am Mittwoch habe ich 15 Minuten auf dich gewartet und heute warte ich schon zehn Minuten.“ Statt „Du bist so was von unzuverlässig“ kann man sagen: „Ich habe dich jetzt dreimal eingeladen, du hast gesagt, du kommst und jedes Mal hast du zehn Minuten vorher abgesagt. Ich möchte mit dir klären, was der Grund dafür ist.“

Wochenblatt: Nach dem „Warum“ sollte man nicht fragen?

Strauhal: „Warum“ klingt schnell nach Vorwurf und führt dazu, dass sich das Gegenüber rechtfertigt und verteidigt. Damit wird aber nichts geklärt. Wenn, dann sollte die „Warum-Frage“ mit Bedacht angewandt werden, zum Beispiel „Warum ist dir das wichtig? Welche Gründe hast du für diese Entscheidung?“

Wochenblatt: Ist es ratsam, erst zu loben und dann zu kritisieren?

Strauhal: Lob ist erstmals eine gute Sache, aber in vielen Fällen folgt dann ein „aber“: „Du hast deine Sache gut gemacht, aber...“ Dieses „aber“ entwertet das vorangegangene Lob und die Anerkennung. Deshalb sollte man stattdessen einfach „und“ sagen und schon hört sich der Satz komplett anders an. „Du hast deine Sache gut gemacht und ich würde mit dir gern einige Veränderungen besprechen“ oder „wärst du bereit, dass wir uns das mal genauer anschauen?“ Auch ein „wir“ statt „du“ kann in vielen Fällen hilfreich sein. Damit zeigt man, dass man an Lösungen interessiert ist und nicht daran, den anderen zu beschuldigen.

Wochenblatt: Wichtiger als Argumente sind Stimme, Gestik und Mimik, haben Sie zu Anfang gesagt. Über die Stimme haben wir schon gesprochen. Haben Sie noch einen Tipp für die Gestik?

Strauhal: Selbst mit winzigen Gesten können wir unserem Gegenüber Selbstbewusstsein zeigen, zum Beispiel, wie wir uns bei Veranstaltungen zu Wort melden. Anstatt nur zaghaft die Fingerspitzen in die Höhe zu halten, sollte man die Hand ausgestreckt in die Höhe halten. Damit nimmt man Raum ein, wird wahrgenommen und signalisiert seine Überzeugung von dem, was man sagen will. Wer dagegen zaghaft seine Hand auf halbe Höhe hebt, wirkt zögerlich und unsicher, vor allem dann, wenn sie/er seinen Satz noch mit „Entschuldigung, dazu möchte ich was sagen“ beginnt. Stattdessen sagt man: „Das Thema ist mir wichtig. Dazu möchte ich was sagen.“ Und dann bringt man seine Argumente vor.

Wochenblatt: Eine überzeugende Argumentation fällt aber nicht allen leicht. Wie geht man dabei am besten vor?

Strauhal: Dafür eignet sich das „Drei-Satz-Konzept“. „Ich bin der Meinung, dass 1. Argument, 2. Argument, 3. Argument. Deshalb ist es wichtig, dass….“ Hier steht dann ein Appell. Bei der Argumentation sollten Füllwörter wie „eigentlich“, „irgendwie“, „manchmal“, „ein bisschen“ unbedingt vermieden werden, denn sie schwächen die eigene Argumentation ab. Damit die Argumente überzeugend ankommen, sollte spätestens nach dem zweiten bis dritten Satz die Stimme am Satzende nach unten gehen. Danach bewusst „Punkt Pause“, denken, um die Wirkung noch zu verbessern und der Aussage mehr Gewicht zu geben.

Wochenblatt: Selbstsicher aufzutreten, gehört zu werden, das wünscht sich wahrscheinlich jeder. Doch mit der Selbstsicherheit ist es schnell vorbei, wenn man dann bei einer Veranstaltung etwas sagen soll und aufgeregt ist. Was kann einem dabei helfen?

Strauhal: Man kann seine Körperhaltung dazu einsetzen, sein Stresslevel zu verringern. Wer in Brezenhaltung, sprich mit gesenktem Kopf, Blickrichtung nach unten und möglichst wenig Raum einnehmend, verharrt, fühlt sich weniger selbstsicher als jemand, der die Hände in die Hüfte stemmt, aufrecht steht und die Schultern nach hinten zieht. Das klingt einfach, funktioniert aber, wie die Hirnforschung zeigt und auch unsere eigene Erfahrung. Sind wir niedergeschlagen oder traurig, sacken wir buchstäblich in uns zusammen. Diese Körperhaltung speichert unser Gehirn und verknüpft es mit diesen Gefühlen. Stehen wir dagegen aufrecht in einer Power-Pose, sinkt der Spiegel am Stresshormon Cortisol und der Testosteron-Spiegel steigt. Das führt dazu, dass wir uns selbstsicherer fühlen. Damit können wir unser Gehirn überlisten. Gehen Sie vor Veranstaltungen zwei Minuten auf die Toilette und stellen Sie sich in eine Power-Pose.

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