Brauchtum

Einfach treiben lassen

Narrensprung
Wolfgang Wirt
am Freitag, 21.02.2020 - 09:39

Fasching gehört zu unserer Kultur. Seinen Wert hat er darin, dass dieser alte Brauch Menschen verbindet. So sieht das die Unesco.

Viele Bräuche, die vom Aussterben bedroht waren, hat die Unesco in den letzten Jahren unter Schutz gestellt. Für die schwäbisch-alemannische Fastnacht gilt das nicht. Vielmehr war es die zunehmende Kommerzialisierung, die Vermarktung des Festes und eine drohende Ausweitung über die Fastnachtszeit hinaus­, die die Hüter kulturellen Erbes dazu bewegte, den Narrenzünften beizustehen.

Die Fastnacht im deutschen Südwesten ist mit der Auszeichnung „Weltkulturerbe“ offiziell als Kultur anerkannt – gleichgestellt mit Oper oder klassischem Konzert, mit Film und Theater aller Couleur. Kein Narr braucht sich jetzt mehr zu verstecken, weil er am kulturellen Wert der Fastnacht Zweifel hat.

In der Region zwischen Neckar und Bodensee – dort wo die Fasnacht daheim ist – dürfen sich jetzt rund 70 Mitglieder der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte (VSAN) mit dem Gütesiegel schmücken. Darüber freuen sich alle, die beim närrischen Treiben dabei sind: Die „Hansele“ auf der schwäbischen Alb und am Bodensee, die „Hemdglonker“ an Hochrhein und Bodensee, die Hexen und Teufel im Schwarzwald und Oberschwaben, die „Narronen“ in Laufenburg oder die „Ahlande“ in Rottenburg sowie auch einige Schweizer Fastnachtsvereine.

Vertrautes verbindet sich mit Neuem

Beim immateriellen Kultur­erbe geht es nicht um die Konservierung von Bräuchen, sondern um die Evolution der Fastnacht, sagt der an der Universität Freiburg lehrende Kulturwissenschaftler Werner Mez­ger. „Es ist jedes Mal dasselbe und eben doch nicht das Gleiche. Vertrautes verbindet sich mit Neuem, Erwartetes mit Unerwartetem“. Und in genau dieser fein dosierten Mixtur aus Bekanntem und Überraschendem, aus Wiederholung und Innovation, aus Ritual und Spontaneität sieht er den Reiz.

Die Fastnacht, das hat die Unesco mit ihrem Gütesiegel klar gemacht, ist nicht deshalb kulturell besonders wertvoll, weil sie möglichst viele Zuschauer begeistert, sondern weil sie entscheidend dazu beiträgt, selbst kleinste Gemeinschaften in ihrer Identität zu stärken. Originalität oder Authentizität, mit denen sich manche Zunft gern schmückt, sind für die Hüter der Kultur zweitrangig. Für sie ist entscheidend, ob ein Brauch dazu beiträgt, den sozialen Zusammenhalt in einem Dorf, einer Stadt oder Region zu stärken.

Image der Narren verbessern

Fasching

Eine besondere Rolle kommt den Medien zu. Sie sind aufgerufen, heißt es bei der Unesco, „mit ihrer Arbeit zur Förderung des sozialen Zusammenhalts, der nachhaltigen Brauchentwicklung und der Konfliktprävention beizutragen“. Ästhetische oder Unterhaltungsaspekte sollten dabei keine Rolle spielen – ein Fingerzeig Richtung Fernsehen, das die Einschaltquote zur alleinigen Richtschnur närrischer Übertragungen gemacht hat. Vielleicht, so hofft die VSAN, hilft die Auszeichnung auch, das Image der Narren zu verbessern. Alkohol­exzesse oder Raufereien haben teilweise den Ruf beschädigt.

Größten Wert legt der Dachverband der schwäbisch-alemannischen Fasnacht auf die Förderung und Stärkung der Fastnacht in den Ortschaften. Ihrer Schwächung, etwa durch häufige Auswärtsbesuche müsse entschieden entgegengewirkt werden. Das ist eine Absage an all die neu gegründeten närrischen Gruppierungen, die inzwischen fast das ganze Jahr über vom einen zum anderen Umzug reisen, vom einen Event zum nächsten. Sie haben die Fastnacht zum ewigen Maskenball gemacht. Sie ignorieren die Endlichkeit des Festes, die mit der Beerdigung der Fastnacht in der Nacht zum Aschermittwoch von jeher sichtbar gemacht wurde.

Am wichtigsten aber ist der VSAN, dass wieder mehr Maskenträger unterwegs sind außerhalb von Umzügen und Narrensprüngen. Organisiert übrigens müssen die nicht sein. Gerade die „freien“ oder „wilden“ Fastnächtler sind fester Bestandteil des Brauchtums im deutschen Südwesten.

Gelebte, sich stets wandelnde Tradition

Ängste, mit dem neuen Gütesiegel könnte man eine Art Käseglocke über die Fastnacht gestülpt haben, sieht der VSAN nicht. „Unsere Fasnet“, so VSAN-Chef Roland Wehrle, „versteht sich weiterhin als lebendige Kultur“. Also, wie er sagt, als ein Stück gelebter und damit permanentem Wandel unterworfener Tradition.

Mit der Annahme des Titels „immaterielles Kulturerbe“ haben sich die Zünfte verpflichtet, das Bewusstsein für den Brauch zu fördern. Dazu gehören intensive Medienarbeit, aber vor allem die Bildung. Bücher, CDs und andere Materialien sollen Lehrkräfte unterstützen und unter den Schülern Wissen über die Fastnacht vermitteln. Museumsausstellungen, Volkshochschulkurse, Foto- und Videowettbewerbe, Tage der Offenen Tür in den Zunfthäusern und weitere Aktionen könnten das Bewusstsein für das kulturelle Erbe schärfen.

Denn, so wichtig Traditionen auch sind, sie müssen von Menschen gelebt werden – und die sind nicht mehr die Bildungsbürger des 19. Jahrhunderts, die einst die Fastnacht gründlichst reformiert und aus einer eher derben Volksfastnacht ein romantisch geprägtes Rollenspiel gemacht hatten. Heute gestaltet eine Generation das Fest, die gelernt hat, dass Toleranz und kulturelle Vielfalt erst eine lebendige Gemeinschaft ausmachen. „Im gemeinsam geübten Brauch“, so formuliert es Fastnachtsforscher Werner Mezger, „gespeist von dem Glauben, so sei es schon immer gewesen, entsteht ein Gefühl der Beheimatung.“

 

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Traditionelle Figuren der Fasnacht

Das Besondere der schwäbisch-­alemannischen Fasnacht sind die Figuren. Während sich im Rest der Republik die Faschingsanhänger jedes Jahr eine neue Verkleidung ausdenken, tun das die Narren in Südwesten Deutschlands nicht. Ganz im Gegenteil: Manche Masken und Kostüme (Häs) sind seit Jahrhunderten gleich geblieben und werden über Generationen vererbt.

Die Zahl schwäbisch-alemannischer Fastnachtsfiguren ist groß. Bei Umzügen treten sie gruppenweise auf, die sich gegenseitig treiben. Traditionelle Figuren sind Teufelsgestalten. Zu ihnen gehört der Federe-Hannes in Rottweil. Die Figur der Narren ist ähnlich alt, dazu gehören der Narro in Villingen und die Hansel in Donaueschingen, Hüfingen, Immendingen und Bräunlingen.

Eine weitere Narrengruppe sind die „wilden Leute“, die in ein Kostüm aus Heu oder Stroh gekleidet sind – früher vor allem bei den Bauern beliebt, weil das Material günstig war. Die Nussschalen-Hansele sind ein weiterer Typus des wilden Mannes; ihr Häs ist mit 3000 Nuss­schalenhälften versehen. Viele nach dem Krieg entstandenen Fastnachtsfiguren gehören ebenfalls zu den „wilden Leuten“. Oft handelt es sich dabei um Sagengestalten, die auf örtliche Geschichten anspielen, z.B. der Immendinger Donaugeist, der der Sage nach seine Opfer in die Tiefen der Donau zieht.

Auf einer Mischung aus Märchengestalt und mittelalterlicher Hexe beruht die Figur der „Hexe“, die sich zu den zahlenmäßig stärksten Häs-Trägern entwickelt hat.

Lange Zeit fand das närrische Treiben fast ausschließlich im eigenen Wohnort statt. Anfang des 20. Jahrhunderts begannen die Narrenzünfte, sich in Narrenvereinigungen zu organisieren. 1924 wurde die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) gegründet. Ihre Hauptaufgabe sehen sie in der Pflege und Bewahrung des Brauchs. Überregionale Bekanntheit bekamen die Treffen der VSAN und die schwäbisch-alemannische Fasnacht seit Fernsehsender in den 1990er Jahren mit Übertragungen des bunten Treibens und der Umzüge begannen.

 

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