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Denkmalpflege

In den Dörfern schlummern Schätze

Umbau Möglhof vorher
Claudia Bockholt
Claudia Bockholt
am Dienstag, 18.10.2022 - 10:40

Wirtshäuser, Pfarrhäuser, Bauernhöfe: 18 Prozent der Denkmäler in Bayern sind landwirtschaftliche Gebäude. Was passiert damit in den Dörfern?

Simone_Hartmann-Denkmalpflege: Portrait

Frau Hartmann, ich komme aus der Oberpfalz, wo in fast jedem Dorf alte Bauernhäuser, Ställe oder Scheunen verfallen. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie übers Land fahren?

Wir sehen das leider in ganz Bayern. Und natürlich wünschen wir uns, dass das nicht passiert. Ein großes Thema für uns aus denkmalpflegerischer Sicht sind neben den bäuerlichen Anwesen auch die Wirtshäuser. Was macht denn die Dörfer aus? Es ist doch meist der Vierklang aus Kirche, Wirtshaus , vielleicht einem Pfarrhaus – und dann kommen schon die Gehöfte. 

Wie viele landwirtschaftliche Anwesen stehen eigentlich in Bayern unter Denkmalschutz? 

Das ist schon eine bedeutsame Anzahl. Die – übrigens für jedermann auch online einsehbare – die Denkmalliste umfasst derzeit rund 110 000 Baudenkmäler. Das müssen nicht immer Gebäude sein, sondern das kann zum Beispiel auch einmal eine einzelne bedeutsame Brückenfigur sein, aber auch ein komplettes bauliches Ensemble, z. B. aus Bauernhaus, Stall, Scheune, Austragshaus und Backhäuschen, die eine Hofstelle und somit auch ein Denkmal bilden. Baudenkmal ist also ein weiter Begriff. Rund 20 000, also etwa 18 Prozent, dieser aufgelisteten Denkmäler sind landwirtschaftliche Gebäude – mal ein Stall, mal eine Zehent­scheune. Sucht man den Begriff Bauernhof in der Bayerischen Denkmalliste, ergeben sich 5800 Treffer. Der landwirtschaftliche ist also städtebaulich ein sehr wichtiger Denkmalbestand. 

Immer mehr Landwirte geben auf, die Tierhaltung geht zurück. Was bedeutet das für die Dörfer? 

Es bedeutet ein fortschreitendes Aussterben der Ortskerne, dem wir begegnen müssen. Das heißt, wir brauchen eine Umnutzung der zuvor landwirtschaftlichen Gebäude. Die Idealvorstellung ist immer, dass die ursprüngliche Nutzung erhalten bleibt. Dass also ein Bauernhaus auch weiterhin bewohnt wird, dass in Ställen weiterhin Tiere stehen. Ein schönes Beispiel dafür ist das Kloster Scheyern. Im Prielhof, der nach langem Leerstand instandgesetzt ist, werden von den Mönchen heute Ziegen gehalten und Käse gemacht. Ähnlich wie früher. Aber so etwas ist nicht immer und überall möglich, da braucht es ein gemeinsames Nachdenken.

Der Möglhof in Rimsting ist so ein Beispiel für eine Nachfolgenutzung, die den Erhalt von denkmalgeschütztem Stall und Tenne sichert...

Genau. Und so eine Folgenutzung als Reha-Zentrum ist sicher wichtig und nützlich für die Menschen vor Ort. Ein anderes Beispiel ist etwa der Schnitzerstadel in Bernbeuren, der abgerissen werden sollte, der nun aber erhalten bleibt und in den der Supermarkt einzieht, den die Bernbeurer sich gewünscht hatten. Der Fantasie sind eigentlich keine Grenzen gesetzt. Denken Sie etwa auch an die vielen fehlenden Kita- und Hortplätze. 

Früher galt der Denkmalschutz potenziellen Bauherren häufig als der Erzfeind, der alles verzögert und verteuert und zusätzlich Nerven kostet.

Ja (lacht), das war wohl so. Aber in der Behördenkultur insgesamt hat sich ein Wandel vollzogen. Wir verstehen uns als Dienstleister. Wir als Landesfachbehörde und ebenso die Unteren Denkmalschutzbehörden an den Landratsämtern wollen beraten und informieren. Wir haben doch ein gemeinsames Ziel: Der Leerstand ist unser größter Feind. Mit dem Angebot des Kommunalen Denkmalkonzepts zum Beispiel wollen wir die Städte und Dörfer kooperativ unterstützen.

Das heißt, der Denkmalschutz ist heute offener für Kompromisse?

Wer ein altes Gebäude saniert, muss nicht wie im Mittelalter leben. Im Denkmal ist modernes Wohnen möglich. Man findet Kompromisse, die eine neue Nutzung ermöglichen, aber so viel Substanz wie möglich erhalten, sodass die Vergangenheit des Hauses trotzdem nachvollziehbar bleibt. Und das nicht erst seit heute. Nur so kann es gelingen, unsere Denkmäler zu bewahren. Beispielsweise liegt die Schauseite meist zur Straße und Hofseite hin, aber im rückwärtigen Teil einer Scheune oder eines Stalls, da kann man mehr Öffnung einer alten Fassade zulassen, da kann man mit großen Glasfenstern Licht hineinholen.

Wegen Pandemie und Homeoffice leben wieder mehr junge Leute auf den Dörfern. Sind die heutzutage eher bereit, das Alte zu bewahren? Früher hieß es schnell „Weg mit dem oidn Graffl“.

Tatsächlich spielt uns meiner Meinung nach der Zeitgeist da in die Hände. Der Trend zu Nachhaltigkeit, zu mehr Klimaschutz und weniger Flächenfraß. Jedes Gebäude, das seit 300 Jahren steht, ist gebundenes CO2. 

Auf der anderen Seite steigen gerade die Baukosten immens. 

Ja, das betrifft Neubauten und Bestandssanierungen gleichermaßen. Aber die wesentliche Frage ist und bleibt unverändert: Wie wollen wir leben? Und da ist ein Gesinnungswandel zu spüren. Ich kenne einen Fall in Franken, da übernimmt eine Enkelin eine stillgelegte Mühle. Die Großeltern, die  nebenan leben, haben die Mühle täglich gelüftet und somit minimalen Bauunterhalt für den Fortbestand geleistet, hatten aber keinen eigentlichen Nutzen dafür. Und die beiden freuen sich sehr, dass dort wieder Leben einzieht. Die Großmutter hat zu mir gesagt, für sie schließt sich jetzt ein Kreis. 

Nicht wenige Eigentümer haben Sorge, dass sie, wenn der Denkmalschutz einmal im Boot ist, nicht mehr Herr ihrer Entscheidungen sind.

Diese Angst möchten wir nehmen. Grundsätzlich kann sich auch einmal ein Abbruch als unumgänglich herausstellen. Aber unser gemeinsames Ziel sollte das Erhalten und Weiterentwickeln sein. Wer Sorge hat, den möchte ich ermuntern, sich zunächst niedrigschwellig zu informieren. Zum Beispiel einen Kreisheimatpfleger anzusprechen  oder einen anderen Denkmaleigentümer. Mit guten Beispielen kann man am besten überzeugen. Dann sehen die Menschen mit eigenen Augen, welche Schätze da gehoben werden können. 

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