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Landleben

Digitales Dorf: Am Puls der Zeit

Sieben Frauen stehen auf einem Podest und halten veschiedene Symbole nach oben.
Anna Knon
Anna Knon
am Freitag, 29.11.2019 - 13:33

Digitale Dörfer, Bezahlen ohne Bargeld und Digitalisierung im Gesundheitswesen – die Landfrauen packen auch die schweren Themen an. Dieses Mal schaute der Landesausschuss auf die Zukunft am Land.

Digitales Dorf – was soll denn das sein? Kein virtuelles Dorf ohne Menschen, sondern ein richtiges Dorf, in dem digitale Technik den Einwohnern das Leben erleichtert und verhindert, dass sie von den Metropolregionen „abgehängt“ werden. Es geht darum, gleichwertige Lebensverhältnisse im ländlichen Raum zu ermöglichen.

 

Testdörfer im Bayerischen Wald

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Wie das gehen kann, erforschen Wissenschaftler am Technologie Campus Grafenau (Ndb.), einem Ableger der Technischen Hochschule Deggendorf. Deggendorf liegt am Fuß des Bayerischen Waldes, Grafenau liegt mitten im Bayerischen Wald und die digitalen Testdörfer Spiegelau und Frauenau, noch tiefer drin, nämlich an der Grenze zu Tschechien. Wunderschön gelegen, aber man muss – anders als in Ballungsgebieten – auf der Hut sein, nicht „abgehängt“ zu werden: ausgedünnter Personennahverkehr, eingeschränkte Einkaufsmöglichkeiten, weite Wege zu Schulen und Arbeitsplätzen, Abwanderung junger Leute, mäßige medizinische Versorgung... Kurzum das perfekte Gebiet für Forschung mit Praxisbezug. Noch dazu stammt ein Teil der Wissenschaftler aus der Region. So wie Lisa-Marie Hanninger, die beim Landesausschuss der Landfrauen referierte.

Sie berichtete von ihrer Arbeit im Forschungsteam „Smart Region“ und „Digitales Dorf“ unter der Leitung von Prof. Dr. Diane Ahrens. Hanninger machte deutlich, dass es nicht darum gehe, möglichst viel digitale Technik anzuwenden. Vielmehr müsse man fragen, wo es in einem Dorf hakt, und dann überlegen, ob und wie digitale Technik Abhilfe schaffen kann: „Digitalisierung ist Unterstützung und Hilfe zur Selbsthilfe.“

 

Videosprechstunden, Online-Bücherei, Live-Gottesdienst

„Digitalisierung ist ein wichtiges Zukunftsthema, das schon heute unseren Alltag prägt und für die Attraktivität des ländlichen Raumes ein bedeutender Faktor ist.“ Landesbäuerin Anneliese Göller

Keinesfalls dürfe Digitalisierung Selbstzweck sein oder in Gängelung und Kontrolle ausarten. Die Wissenschaftlerin kennt die Vorbehalte gegenüber der Digitalisierung, um so wichtiger sei es, zusammen mit den Bürgern Probleme zu besprechen und anzugehen. „Gerade niederschwellige Lösungen bieten oft sofortigen Nutzen und erfahren dadurch breite Akzeptanz bei den Bürgern, wie zum Beispiel Videosprechstunden, online-Büchereien oder die Echtzeitübertragung des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche“, so Hanninger.

Wichtig ist aus ihrer Sicht auch, die Lebensbereiche nicht nur digital, sondern auch physisch zu verknüpfen. Als Beispiel nannte Hanninger ein Gemeindehaus, das Anlaufstelle im Dorf der Zukunft sein und folgende Aufgaben erfüllen könnte:

  • Lern- und Betreuungshaus mit Hausaufgabenbetreuung, Kinderbetreuung und Tagespflege. Denkbar wären auch Angebote für distance learning, also Lernen per Fernunterricht bzw. Fernschule.
  • Servicehaus: Anlieferung, Lagerung und Abholung von Einkäufen. Mobilitätsknotenpunkt, Mitfahrzentrale, gemeinsames Essen auf Rädern.
  • Arbeitshaus: Gemeinschaftsbüro mit optimierter digitaler Ausstattung als home-office-Alternative oder co-working-space.
  • Medizinhaus als Stützpunkt für eine digital unterstützte Gemeindeschwester, Räumlichkeiten für die rollende Praxis des Landarztes bzw. Zuschaltmöglichkeiten zu Fachärzten und Kliniken (E-Health).

 

Jedes Dorf funktioniert anders

„Es wird viel zu viel unsinnig digitalisiert, nur um der Digitalisierung willen.“ „Mit Digitalisierung alleine lösen wir nicht alle Probleme.“ Lisa-Marie Hanninger, Forschungsteam „smart region“

Solche Gemeindehäuser könnten also Vernetzungszentrum der Menschen im Dorf sein und gleichzeitig der Umnutzung leerstehender Gebäude dienen. Doch was in einem Dorf gut funktioniert, kann in einem anderen am Bedarf vorbeigehen.

„Den einen ländlichen Raum gibt es nicht“, sagte Hanninger. Das sehen die Wissenschaftler am Campus Grafenau an den südbayerischen Modellkommunen, die sie im Auftrag der bayerischen Staatsregierung als „living labs“, also real existierende Versuchseinrichtungen, betreuen: Spiegelau/Frauenau im Bayerischen Wald, das digitale Alpendorf Waginger See/Rupertiwinkel und die digitalen Hörnerdörfer Allgäu.

 

Infrastruktur muss verbessert werden

Doch neue Technik und Akzeptanz bei den Bürgern nützt nichts, wenn es an der Infrastruktur hapert. Hanninger: „Die Politik muss die Grundvoraussetzungen schaffen, unter anderem für den Breitband- und Mobilfunkausbau.“ In strukturschwachen Kommunen müsse zudem die Aus- und Weiterbildung im Bereich IT Kompetenz gefördert werden und zentrale Lösungen angeboten werden wie etwa die Bayern Cloud für mittelständische Unternehmen. Mit einem Schmunzeln beobachteten Hanninger und ihre Kollegen, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier voriges Jahr bei einem Besuch in Grafenau nicht mit seinem Handy telefonieren konnte, weil er keinen Empfang hatte. 

 

Mobil bezahlen – einen Überblick über digitale Bezahlsysteme

„Bargeld ist auf dem Rückzug, ob wir das wollen oder nicht.“ „Kryptowährungen werden nicht die Zukunft sein.“ Jochen Weisser, Jurist beim Verbraucherservice Bayern

Jochen Weisser vom Verbraucherservice Bayern fasst die Möglichkeiten der digitalen Bezahlsysteme zusammen:

  • Beim Einkauf im Einzelhandel ist das NFC-Verfahren bereits üblich mittels Karte oder Smartphone.
  • RFiD dagegen ist ein Bezahlsystem, das ideal für Parkhäuser und -plätze ist: Beim Ausfahren muss keine entwertete Parkkarte mehr eingeführt werden, die Schranke öffnet sich automatisch bei Annäherung in einigen Metern Entfernung.
  • QR-Codes werden mit dem Handy abgewickelt und haben eine Reichweite von ca. 50 cm. Darüberhinaus gibt es spezielle Bezahlsysteme einzelner Anbieter, z. B. für den Gebrauch von Elektrorollern.

„Das klassische Bargeld ist auf dem Rückzug, ob wir das wollen oder nicht. Viele mobile Bezahlsysteme stehen im Wettbewerb zueinander. Wer das Rennen macht, ist offen“, so das Fazit von Weisser. Viele Lösungen seien sehr effizient, das größte ungelöste Problem sieht der Jurist im Datenschutz. Bargeld als Zahlungsmittel biete die nach wie vor die größte Sicherheit, weil der Zahlungsvorgang völlig anonym abläuft.

 

Digitalisierung im Gesundheitsbereich

„Es bleibt mehr Zeit für den Patienten, wenn Digitalisierung die Ärzte und Pflegekräfte von Routinen und bürokratischen Abläufen entlastet.“ „Medizin wird durch Digitalisierung gerechter, weil es dann unerheblich ist, ob der Patient nahe einer Uni-Klinik wohnt oder genug Geld hat, um eine Koryphäe aus den USA zu konsultieren.“ Dr. Thomas Huber, Leiter Abteilung Zukunftsfragen im Bayerischen Gesundheitsministerium

Die Digitalisierung im Gesundheitsbereich war anschließend Thema von Dr. Thomas Huber, Leiter der Abteilung „Zukunftsfragen, Innovation, Landesprüfungsamt für Sozialversicherung“ im Bayerischen Gesundheitsministerium. „Die Versorgung von Patienten und Pflegebedürftigen wird durch die Digitalisierung anders und besser: Gesundheitsrisiken können früher erkannt werden, Patienten erhalten eine bessere Therapie, ältere und pflegebedürftige Menschen können länger und selbstbestimmt zuhause wohnen“, so Huber. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit ein digitales Zuhause einem Pflegeheim vorziehe.

Vorteile sieht Huber auch bei der elektronischen Patientenakte, die die Krankenkassen ab Januar 2021 jedem Versicherten anbieten müssen. Medikamentenplan, Impfpass, Bonusheft können dort hinterlegt werden und Doppeluntersuchungen verhindert. In Notfällen sind wichtige Patienteneigenschaften wie Allergien sofort einsehbar. Huber betonte aber auch, dass Digitalisierung nicht dazu führen dürfe, dass Medizin und Pflege ihre Menschlichkeit verlieren. Der Mensch müsse immer im Mittelpunkt stehen.

 

Smart Home als Energiesparer

„Smart Home ist mehr als Lifestyle und Umsatzbringer. Durch digitale Lösungen können CO2 und Energie eingespart werden.“ „Facebook ist das Gegenteil von Datenschutz.“ Rudi Seibt, Elektroingenieur und Energieberater

Was Digitalisierung im Wohnhaus (smart home) möglich macht, zeigte Elektroingenieur Rudi Seibt auf. Rund ein Drittel des Energieverbrauchs in Deutschland gehe auf das Konto der privaten Haushalte. Mit künstlicher Intelligenz könne viel Energie eingespart und damit der CO2-Ausstoß spürbar gesenkt werden. Rolläden, Heizung, Haushaltsgeräte, Lampen, Alarmanlagen etc. lassen sich smart, also intelligent, steuern.

 

Das Projekt im Detail

Alles Informationen zum Projekt "Digitales Dorf" in Bayern gibt es hier: digitales-dorf.bayern