Handarbeit

Christbaumkugeln: Aus Franken in die Welt

Marie Müller-Blech, steht zwischen vielen bunten Ornamenten. In der Hand zeigt sie eine Christbaumkugel, die exakt so aussieht wie eine Essiggurke.
Anna Knon
Anna Knon
am Samstag, 26.12.2020 - 08:20

Mundgeblasen und von Hand bemalt – solche Christbaumkugeln muss man mittlerweile suchen. In Oberfranken gibt es noch eine Firma, die solche Raritäten macht: Inge’s Christmas Decor in Neustadt bei Coburg.

Ein Christbaumornament in Form eines silbernen Zapfens.

Marie Müller-Blech ist der jüngste Sproß des seit vielen Generationen im Glashandwerk tätigen Familienbetriebs. Sie erklärt die zunächst gar nicht bodenständig klingende Firmenbezeichnung: „Mein Großvater kommt aus der Lauscha, ist aber in den 1950er Jahren aus Thüringen weg und hat hier in Neustadt mit der Glasbläserei Müller-Blech neu angefangen. In den 1980er Jahren nahm mein Vater dann den amerikanischen Markt ins Visier und benannte das Unternehmen deshalb um in „Inge-Glas“, nach dem Vornamen meiner Großmutter. Heute heißt die Firma Inge’s Christmas Decor; wir sind weltweit tätig.“ Amerika ist wichtiger Exportmarkt, ebenso Russland und Asien sowie ganz Europa.

Ein Christbaumornament in Form eines Fliegenpilz.

Das Unternehmen ist in den letzten 30 Jahren enorm gewachsen. Derzeit sind 120 Arbeitskräfte angestellt – nicht nur zur Saison. Bei Inge’s Christmas Decor läuft die Produktion das ganze Jahr. „Ja, wir haben immer Weihnachten“, lacht Marie Müller-Blech. Bereits im Januar muss sie auf die Fachmesse nach Atlanta in Amerika. Auch die Leitmessen für Europa sind Anfang des Jahres, die Hauptmesse „Christmasworld“ findet ebenfalls bereits Ende Januar in Frankfurt statt. Trends für das nächste Weihnachten werden vorgestellt und den Händlern neue Produkte präsentiert.

Ein Christbaumornament in Form einer Eichel.

Sämtliche Stücke aus dem Betriebszweig „Manufaktur“ werden in Neustadt hergestellt. Das sind immerhin rund 2000 Serien verschiedener Kugeln und Ornamente, so der Fachausdruck für nicht-kugelige Formen und Figuren. Zunächst wird aus einem Glaskolben die Grundform geblasen. Dann werden die Rohlinge von innen mit Silber beschichtet, anschließend die Oberfläche in ein Farbbad getaucht, dann geht es ans Bemalen und Verzieren. Schließlich wird jedes dieser Einzelstücke kontrolliert, mit einem Anhänger versehen und sorgfältig verpackt.

Handarbeit hat seinen Preis

Ein Christbaumornament in Form einer halben Orangenscheibe.

Bis zu 30 Handgriffe sind für manche Stücke allein beim Bemalen notwendig. Das hat natürlich seinen Preis. Bis zu 40 € kosten Figuren; Kugeln beginnen ab 2,50 € das Stück. Das will oder kann sich nicht jeder leisten. Daher gibt es bei Inge’s Christmas Decor einen zweiten Betriebszweig. Das ist der Vertrieb von Zukaufsware, deren Design und Farbgebung im Stammhaus in Oberfranken gesteuert wird. Die Herstellung dieser Massenware erfolgt aber in China, ebenso verschiedenster weihnachtlicher Accessoires wie Teelichtern und Tischdecken.

Ein Christbaumornament in Form eines Maiskolbens.

Diese Zweigleisigkeit von handwerklich hergestellten Einzelstücken und Handelsware aus Massenproduktion wird aber dem Kunden deutlich gemacht: Jedes Stück aus der Manufaktur in Oberfranken ist auf einen Blick erkennbar am „Sternenkrönchen“ (siehe Foto Maiskolben). Marie Müller-Blech erklärt weitere Details, an denen man mundgeblasenen Christbaumschmuck generell erkennen kann: „Der Hals ist deutlich dünner als bei Maschinenware, außerdem haben mundgeblasene Stücke immer einen kleinen Zapfen an der der Aufhängung gegenüberliegenden Seite.“

Eine goldene Christbaumkugel mit Glitzer-Verzierung.

Ehrensache, dass bei Familie Müller-Blech die handgefertigten Stücke am Christbaum hängen. „Nicht in einer Trend- oder Lieblingsfarbe, sondern eigentlich immer ein interessantes Sammelsurium und sehr persönlich gehalten“, so die Junior-Chefin. Dieses Jahr wird zum Beispiel die neu kreierte Absolventenhut-Figur am Baum hängen, weil die junge Frau ihr Studium der Wirtschaftspsychologie abgeschlossen hat. So eine Exklusivität hat natürlich nicht jeder, aber immerhin gibt es immer wieder (Groß-)Kunden, die eine eigene Serie anfertigen lassen. Exklusiv sind die Manufaktur-Stücke in jedem Fall.

Ein Christbaumornament in Form eines Feuerwehrautos.

Marie Müller-Blech stellt fest, dass besondere Einzelstücke auch beim Endkunden wieder mehr gefragt sind und geschätzt werden: „Ins Geschäft in Neustadt kommt jedes Jahr eine Familie mit zwei Kindern, die sich ein Stück aussuchen dürfen, das dann am Christbaum hängt.“ So sät man Erinnerungen an Weihnachten in der Kindheit, die ein Leben lang aufblitzen, wenn man vor dem Christbaum steht. 

Von klassisch bis kurios: Museum in der Fabrik

Familie Müller-Blech beschäftigt sich das ganze Jahr mit Weihnachten – nicht nur mit neuen Trends, sondern auch mit der Tradition des Christbaums. Daraus hat sich eine Sammelleidenschaft entwickelt, die Platz brauchte: Die interessantesten Stücke wurden in einem Museum arrangiert, das den Verkaufsräumen angegliedert ist.

In Neustadt sind ein Teil der rund 15 000 Model für figürlichen Christbaumschmuck sowie unzählige Kugeln und Anhänger aus 100 Jahren zu sehen sowie Kerzenhalter und anderes Zubehör. Echte Raritäten sind die ausgestellen Christbaumständer.

Anhand der Ausstellungsstücke kann man nachvollziehen, wie Weihnachten bzw. der Christbaum immer auch Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse war: Bomben als Christbaumschmuck während des ersten Weltkriegs, ein Zeppelin als Symbol für technischen Fortschritt der 1920er Jahre, nationalsozialistisch verbrämte Christbaumanhänger. Auch die deutsch-deutsche Geschichte spielt in dem Museum, das so nahe an der ehemaligen Zonengrenze liegt, eine Rolle.

Nicht vergessen wurde auch die Mühsal notleidender Familien, die sich im 19. Jahrhundert mit handgemachten Christbaumschmuck ein Zubrot verdienten – in Heimarbeit, teils mit gesundheitsschädlichen Materialien, Kinderarbeit eingeschlossen.

Christbaumkugeln aus Glas: So werden sie hergestellt

Gussformen für die Figuren.
Figur blasen
Vertiefungen in die Kugeln einstempeln
Herzförmige Kugeln mit Silberbeschichtung innen.
Kugel Rohlinge werden in roten Lack getaucht.
Die Ornamente werden von Hand bemalt.
Detailaufnahme wie eine Figur mit einem feinen Pinsel bemalt wird.
An einem grünen Glasvogel werden Schwanzfedern aus Glasfäden eingesetzt.
Eine echte Pfauenfeder wird an einem Glasvogel angebracht.
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