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Familieninterview

Von der Begeisterung für Landwirtschaft angesteckt

Neun Mitglieder der Familie Würtenberger sitzen an einem langen Holztisch im Grünen.
Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Freitag, 21.05.2021 - 10:13

Annette und Claus Würtenberger haben an drei ihrer vier Kinder die Leidenschaft für die Landwirtschaft weitergegeben. Wir haben die Familie nach ihrem Rezept dafür befragt.

Wochenblatt: Annette, Claus – warum seid ihr gerne Landwirte?

Annette: Ich finde es schön in und mit der Natur zu arbeiten. Besonders am Herzen liegen mir meine Kälber, die Pferde und die Kleintiere. In diesem Beruf kann man den Tag meistens so gestalten, wie man will. Und er ist vielseitig: Wenn das Wetter gut ist, ist man den ganzen Tag draußen, wenn nicht, ist man mehr drinnen im Büro.

Claus: Mir macht der Umgang mit den Tieren besonders Spaß. Motivierend finde ich, dass man als Landwirt nicht für ein Unternehmen, sondern für sich selbst und für die Familie arbeitet.

 

Wochenblatt: Habt ihr euren Kindern eure Begeisterung für die Landwirtschaft aktiv vorgelebt?

Annette: Wir haben immer versucht, ihnen unsere Begeisterung für die Arbeit positiv vorzuleben. Wir wollten die Kinder motivieren, aber ohne Druck. Ihrem Alter entsprechend haben sie mit der Zeit ihre täglichen Aufgaben bekommen, egal ob im Haus oder draußen mit den Hasen oder Pferden …

Claus: … aber Konzept hatten wir keines. Ein Stück weit hat sich das von selbst so entwickelt. Die Kinder waren immer mit dabei und fanden spannend, was wir Eltern tun. Sie haben Interesse entwickelt und wir haben nie zu ihnen gesagt „Ihr könnt das nicht, geht weg.“…

Annette: …oder „Es dauert zu lange, wie ihr das macht.“ Man muss sich selbst halt sagen, dass es seine Zeit dauert, wenn Kinder diese Aufgaben übernehmen. Aber so lernen sie es.

 

Wochenblatt: Wie habt ihr Kinder das wahrgenommen?

Alexander: Es hat damit angefangen, dass uns die Eltern im Alltag kleine Arbeiten übertragen, uns einbezogen und Verantwortung übergeben haben. Das motiviert einen selbst natürlich, wenn man sieht, dass man eine Aufgabe gut übernehmen kann. An dieser Verantwortung wächst man. Man denkt sich: „Jetzt habe ich diese Aufgabe geschafft, was kann ich als nächstes schaffen?“ Irgendwann fragt man sogar selbst nach, was man noch übernehmen kann.

Lukas: Unsere Eltern waren gute Vorbilder. Sie haben uns früh Dinge machen lassen, die Spaß gemacht haben, wie zum Beispiel mal selbst mit den Maschinen zu fahren. Wenn doch mal was kaputt gegangen ist, hat uns Papa nicht gleich geschimpft. Er hat uns beigebracht, dass eine Situation nie total negativ ist, sondern dass wir daraus was lernen können. Das habe ich mit auf den Weg bekommen.

 

Wochenblatt: War für euch drei Kinder völlig klar, dass ihr Landwirtschaft lernen wollt?

Alexander: Schon in der Kindheit habe ich gesehen, wie die Eltern sich für diesen Beruf begeistern. Ich habe mich von der Motivation und der Energie anstecken lassen. Zur Sicherheit habe ich trotzdem Praktika in einer Käserei und als Landmaschinenmechaniker gemacht. Das war interessant, aber zu spezialisiert. In der Landwirtschaft kann ich täglich Lebensmittel selbst produzierten, ich bin verantwortlich für höchste Qualitätsansprüche und habe eine abwechslungsreiche Arbeit. Meine Leidenschaft liegt bei den Kühen und ich kann jeden Tag mit ihnen arbeiten. Gleichzeitig kann ich mit Maschinen, mit Technik arbeiten. Wenn ich was kaputt mache, kann ich es auch selbst wieder reparieren (schmunzelt).

Lukas: Ich habe auch andere Praktika gemacht, mich aber doch für die Landwirtschaft entschieden. Ich bin jetzt auf dem elterlichen Betrieb angestellt und habe nebenbei ein Kleingewerbe mit mobiler Säge. Das finde ich schön, dadurch habe ich einen Ausgleich zur Landwirtschaft. Ich kann mich darin ausprobieren, komplett selbstständig zu sein und Verantwortung zu übernehmen. An der Landwirtschaft reizt mich, dass man unabhängig ist und sich selbst entwickeln kann. Mir liegt dabei die Arbeit mit den Maschinen besonders. Wenn etwas mit der Maschine nicht funktioniert, macht es mir Spaß zu improvisieren und selbst daran herumzubasteln.

 

Die junge Frau arbeitet am Pferd. Sie befestigt gerade das Halfter am Kopf.

Wochenblatt: Wie war das bei dir Larissa, als viertes Kind?

Larissa: Mir war relativ früh klar, dass ich später was mit Tieren machen will. Es hat aber lange gedauert, bis ich mir sicher war, dass es die Ausbildung zur Landwirtin wird. Ich dachte, wir haben mit meinen Brüdern ja schon zwei Landwirte in der Familie. Deshalb habe ich viele Praktika gemacht, aber da war nichts für mich dabei. Deshalb habe ich mich als letzte der vier Geschwister trotzdem für diese Ausbildung entschieden. Landwirtschaft ist einfach das, was mir am meisten Spaß macht.

 

Wochenblatt: Wie haben eure Eltern vor euch über die Landwirtschaft gesprochen?

Alexander: Sie haben nie schlecht über ihren Beruf geredet, aber trotzdem kritische Punkte offen angesprochen. Aus meinem Freundeskreis habe ich immer wieder gehört, dass die Eltern gesagt haben: „Lern erstmal was gescheids, bevor du Landwirtschaft lernst.“ Diesen Satz habe ich nie von meinen Eltern gehört. Sie haben immer gesagt: „Wenn ihr Landwirtschaft lernen wollt, gerne. Wenn nicht, macht das, was euch Spaß macht.“

Anika: Ja, sie haben uns immer in unseren Entscheidungen unterstützt. Ich bin ja die einzige, die etwas komplett anderes macht. Ich habe mir immer wieder angeschaut, was Mama und Papa an ihrer Arbeit begeistert und habe gesehen, dass meine Geschwister diesen Weg einschlagen. Aber meine Richtung war schon immer das Gestalterische, das Kreative. Das habe ich von Mama. Schlussendlich wird es jetzt bei mir die Ausbildung als Medientechnologin Siebdruck.

Annette: Und auch das können wir sicher irgendwo gut brauchen!

Anika: Wenn daheim irgendwas ansteht, helfe ich natürlich trotzdem immer mit und habe meine Aufgaben auf dem Hof. Die übernehme ich auch gerne.

 

Wochenblatt: Habt ihr euch in der Entscheidung, ob ihr Landwirtschaft lernen wollt, je unter Druck gesetzt gefühlt?

Larissa: Wir waren immer frei in unserer Entscheidung. Ich sicher besonders, weil wir schon zwei Landwirte haben und Anika das Abi macht. Aber ich hatte immer das Gefühl „Es passt, egal was ich mache“.Ich habe nie Druck verspürt.

Lukas: Die Eltern haben immer gesagt, wenn wir weiter auf die Schule gehen wollen oder nochmal eine Ausbildung machen wollen, werden wir von ihnen nie ein Nein hören. Sie unterstützen uns bei jeder Entscheidung, wir sollen machen, was uns Spaß macht. Wir wurden nie gebremst, sondern immer gefördert und wir wussten, dass sie beide hinter uns stehen.

 

Wochenblatt: Habt ihr eure Kinder in große Entscheidungen mit einbezogen und über schwierige Phasen offen mit ihnen gesprochen?

Claus: Wenn mal wirklich was nicht gut gelaufen ist, haben wir das früher nicht vor oder mit den Kindern besprochen. Dafür waren sie einfach zu jung. Aber in die grobe Linie haben wir sie auf jeden Fall mit einbezogen. Gerade beim Stallbau haben wir schon gefragt: „Sollen wir oder nicht? Was wollt ihr?“ So ist das bei uns mit allen Entscheidungen, auch wenn man zum Beispiel einen Traktor kauft. Wenn man die Kinder fragt …

Annette: (scherzt) … welchen Traktor sie gerne hätten oder welche Farbe …

Claus: … fühlen sie sich eingebunden und ernst genommen. Wir haben die Kinder auch immer gefragt, ob wir Fläche pachten sollen oder nicht, wenn uns welche angeboten wurde. Und sie haben immer gesagt: „Ja, das machen wir, wir helfen mit.“ Dann darf man sie natürlich nicht bremsen!

 

Zwei junge Männer arbeiten an einer Säge. Sie sägen einen großen Baumstamm.

Wochenblatt: Wie kam das bei euch Kindern an?

Alexander: In den Phasen, in denen der Betrieb gewachsen ist, haben wir zusammen geholfen. Man kann ja nicht von den Eltern verlangen, dass sie alles für einen aufbauen und viel arbeiten, nur damit man den Betrieb dann irgendwann übernehmen kann. Ich habe zum Beispiel meine Technikerschule verschoben und daheim mitgeholfen, bis Lukas mit der Lehre fertig war und daheim einsteigen und helfen konnte.

Lukas: Es ist auch wichtig, die Eltern zu entlasten. Es macht keinen Spaß den ganzen Tag Vollgas zu arbeiten, das geht irgendwann an die Substanz. Das ist auch einer der Gründe, warum ich am elterlichen Betrieb angestellt bin. Damit die Eltern am Wochenende auch mal frei haben oder sogar wieder in den Urlaub fahren können, wenn es denn möglich ist. Mir ist es wichtig, ihnen diese Zeit zu geben, weil sie haben mehr als genug für uns gemacht und einiges geopfert.

 

Wochenblatt: Was macht euch als Familie aus?

Annette: Ich finde, wir halten super zusammen. Wir organisieren die Arbeit so, dass jeder mal frei hat, für Freizeit oder für ein Hobby.

Lukas: Wir sind auch immer ehrlich miteinander, wir können über alles reden. Wenn ein Problem auftaucht, finden wir zusammen eine Lösung. Auch innerhalb der Geschwister halten wir zusammen. Selbst wenn man mal eine andere Meinung hat, streiten wir nicht gleich, sondern wir reden drüber und finden eine Lösung oder einen Kompromiss.

Alexander: Innerhalb der Familie reden wir natürlich viel über Landwirtschaft, aber wir haben auch alle Hobbys außerhalb der Landwirtschaft. Ich finde das ganz wichtig für uns Landwirte. Einerseits wird man so nicht betriebsblind und zum anderen redet man auch mit Leuten außerhalb der Landwirtschaft über andere Dinge.

Larissa: Ich finde uns macht als Familie aus, dass wir zusammenhelfen. Wenn Arbeiten anstehen wie Silieren, sind alle da, ohne dass die Eltern darum bitten müssen. Das ist für uns selbstverständlich und jeder trägt so seinen Teil bei.

Lukas: (scherzt) Wir diskutieren eher darüber, wer welchen Traktor zu den gerade anfallenden Arbeiten bekommt und wer denn jetzt die Arbeit machen darf.

 

Wochenblatt: Ist es für euch Eltern wichtig, dass eines eurer Kinder den Betrieb übernimmt?

Claus: Wir haben ja drei Kinder, die in diese Richtung gehen. Aber wir sind auch noch verhältnismäßig jung. Wir wollen uns das gerade noch offen halten und abwarten, was die Zukunft bringt. Momentan finden wir es gut, dass Alex am Spitalhof in Kempten arbeitet und Lukas sich mit seiner Säge selbstständig gemacht hat.

Annette: Ich finde solche Entscheidungen kann man schlecht langfristig planen. Wir stehen hinter dem, was unsere Kinder machen und sie dürfen auch erst mal schauen, wie sie sich weiterentwickeln wollen. Ich habe keine Zukunftsängste, es geht immer irgendwie weiter. Ich bin da voll optimistisch...

Claus: ... und das bin ich auch!

 

Video-Reportage von Familie Würtenberger

Wir hatten beim Interview die Kamera dabei. Im Video bekommt man nochmal leibhaftig den Eindruck, wie stark der Familienzusammenhalt bei den Würtenbergers ist und dass die Landwirtschaft mehr eine Berufung als ein Beruf ist. 

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