Podiumsdiskussion

Bauernleben – Existenz zwischen allen Fronten

Gesellschaft
Bettina Hanfstingl
am Montag, 16.12.2019 - 08:22

Wie es sich so anfühlt, zwischen EU-Verordnungen und Alltag als Landwirt zu arbeiten – das wollte die Evangelische Akademie Tutzing in einer Veranstaltung näher beleuchten. Heraus kam ein politischer Schlagabtausch.

Unter dem Titel „BauernLeben – Existenz zwischen allen Fronten?“ diskutierten die Bäuerinnen Christine Singer (1. stellv. Landesbäuerin im BBV) und Gertraud Anger­pointner (Vorsitzende der AbL Bayern), Pfarrer Walter Engeler (Leiter der Landwirtschaftlichen Familienberatung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern am Evangelischen Bildungszentrum Hesselberg) und Stefan Meitinger (BBV-Referent für Agrarpolitik).

Wie die Stimmung in der Landwirtschaft denn sei, fragte Moderator Pfarrer Udo Hahn, der Direktor der Akademie, zu Beginn die Bäuerinnen. Christine Singer erklärte, dass den Landwirten die Wertschätzung fehle. Die Gesellschaft wisse nicht mehr, wie die Arbeit auf den Höfen aussähe. Gertraud Angerpointner betonte,  dass man es als Landwirt nicht persönlich nehmen solle, wenn über eine zukünftig „andere“ Landwirtschaft nachgedacht wird. Sie selbst sei noch nie direkt angegriffen worden. 

Landwirte von Vorwürfen getroffen

Pfarrer Walter Engeler berichtete von seinen Erfahrungen in der Familienberatung. Landwirte fühlten sich durchaus von den Vorwürfen getroffen und sähen sich als Sündenbock. Es brauche mehr Dialog und Wissenschaft, mehr Bewusstsein für Zielkonflikte und weniger Schwarz­weißmalerei.

Stefan Meitinger nannte als Beispiel die Schweinehaltung auf Stroh. Diese sei bei vielen Menschen positiv belegt, aber zugleich schlechter für das Klima als andere Haltungsformen.

Pfarrer Engeler wies darauf hin,  dass auch Themen wie Glyphosat eine differenzierte Betrachtung erforderten. Das umstrittene Pflanzenschutzmittel sei in manchen Regionen wichtig im Ackerbau, um Erosionen zu vermeiden. 

Hohe Standards nicht nur fordern, auch kaufen

Eine schlicht „anständige“ Landwirtschaft forderte Angerpointner. Betriebe mit viel Fläche, wie beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern, sollten weniger Fördergelder erhalten, da sie keine soziale Komponente hätten. Generell sollten die Subventionen umfassend umgestaltet und an Dinge wie Schlaggröße oder Fruchtfolge gekoppelt werden.

Singer bezweifelte, dass die Zahlungen nach einem solchen System fairer verteilt werden könnten. Meitinger erklärte,  dass die ersten Hektare eines Betriebes schon jetzt gesondert gefördert würden, was den kleinen Höfen zugute komme. Man müsse zudem bedenken, dass diese Regelungen europaweit passen müssten.

Die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft seien in den einzelnen Ländern teils sehr verschieden, die Produkte lägen dann aber nebeneinander hier in den Regalen, beschrieb Singer die Situation. Hier sieht sie die Gesellschaft in der Pflicht, die öffentlich eingeforderten hohen Standards der heimischen Landwirte beim Einkauf dann auch zu honorieren. Das gelte auch für den Biomarkt.

Für Angerpointner führt der Weg zu mehr Bioanteil im Lebensmittelhandel über den vermehrten Einsatz in Schulen oder auch Krankenhäusern. Dort solle auch wieder selbst gekocht werden, dann würden die Leute schneller gesund.

Ohne Bauernhöfeveröden die Dörfer

Gemeinsam zu kochen und dieses Können an Kinder weiterzugeben, hat auch für Christine Singer einen hohen Stellenwert, denn es sei ein soziales Erlebnis. Dies könne ein Weg sein, wieder mehr Bewusstsein dafür zu wecken, wo Lebensmittel herkommen. Pfarrer Engeler rief dazu auf, die Landwirtschaft immer im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Werten zu sehen. Verwaiste Dörfer könne niemand wollen, und diese zu verhindern, sei Aufgabe der Politik. Er sah allerdings jeden Einzelnen in der Verantwortung, seinen Teil beizutragen. Lebensmittel könnten nicht immer noch billiger werden. 

Angerpointner berichtete, dass ihre Kunden sich bei ihren Erzeugnissen am Hof auch für die Hintergründe interessierten. Man müsse zu seinem Produkt eine Geschichte erzählen, das werde dann auch preislich honoriert. Singer entgegnete, man könne nicht zu jedem Verbraucher in die Stadt fahren, um das zu tun. Sie habe den Eindruck, als dürfe sich die Landwirtschaft in den Augen der Verbraucher nicht modernisieren, alles solle so bleiben wie früher. 

Schlepper-Demos, damit alles bleibt wie es ist?

Moderator Pfarrer Hahn nahm Bezug auf den Bericht einer großen Münchner Tageszeitung zu den Schlepperdemos und fragte, ob nicht eher die Landwirte dafür demonstrierten, dass alles so bleiben solle, wie es ist. Er stellte zur Diskussion, ob die Branche nicht besser mehr Geld für Umwelt- und Tierschutzleistungen fordern sollte. Meitinger stimmte dem im weitesten Sinn zu, aber es müsse eben auch in die Realität umsetzbar sein, was von allen Fronten gefordert werde. Pfarrer Engeler sah die Kirche hier wie auch bei den Meinungsverschiedenheiten der Landwirte untereinander als möglichen Vermittler.

Was in der Landwirtschaft vielleicht schon bald durch Digitalisierung möglich ist, erlebten Podiumsteilnehmer und Zuhörer vor der Diskussion in der BR-Reportage „Die Zukunft der Landwirtschaft“. Der halbstündige Film ist in der BR-Media­thek online abrufbar. Er wird am 6. Januar ab 20.15 Uhr auf BR alpha nochmals ausgestrahlt, im Anschluss folgt um 20.45 Uhr eine Aufzeichnung der Podiumsdiskussion von Tutzing.