Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Porträt

Bauer und Buchautor: Fritz Stiegler veröffentlicht zweiten Roman

Maria Burkhardt
Maria Burkhardt
am Donnerstag, 30.12.2021 - 12:59

Landwirt Fritz Stiegler hat nach seinem Erfolgsroman Valentina erneut ein Buch geschrieben. In „Heiner“ erzählt er eine bäuerliche Lebensgeschichte aus der Nachbarschaft und bewahrt ein Stück dörfliches Leben vor dem Vergessen.

Fritz-Stiegler-Bauer-Buchautor: Der Mann mit schon leicht grauem Haar sitzt im T-Shirt auf einem Stuhl im Garten und blättert durch ein Buch auf seinem Schoß.

Bücher schreiben zählt nicht unbedingt zum Alltagsgeschäft eines Landwirts. Und doch nimmt sich Fritz Stiegler immer wieder Zeit dafür. Tagsüber hat der 59-Jährige auf seinem Betrieb mit Haselnussanbau, Hühnern und Pensionspferden viel zu tun. Doch wenn die Erntezeit vorbei ist, setzt er sich abends und an den Sonntagen gern noch zum Schreiben hin. „Es muss die Muße da sein“, gesteht er, „sonst brauche ich gar nicht anfangen“.

Doch wenn er eine Geschichte einmal begonnen hat, dann lässt sie ihn so schnell nicht mehr los. Aus Erinnerungsfetzen interessante Geschichten zu schreiben, ist seine Leidenschaft geworden. Nachforschen gehört dazu, im Dorf, in den Gemeindearchiven und beim Kreisheimatpfleger. Denn Stiegler will erzählen, wie die Leute auf den Dörfern lebten, was sie bewegte, und wie große Ereignisse der Zeitgeschichte auch auf kleine Ortschaften ihre Schatten warfen.

So ist ihm bereits der Roman „Valentina“ gelungen, über das Schicksal einer ukrainischen Zwangsarbeiterin. Und so sind auch mehrere Textbücher für Musicals für die Cadolzburger Burgfestspiele entstanden, die großen Anklang fanden (siehe unten).

Die Geschichten werden ihm meistens zugetragen

Doch wie kommt er zu seinen Geschichten? In seinem neuen Roman „Heiner“ war es ein Bündel alter Briefe, die bei Umbauarbeiten des Nachbarhofs vor fünf Jahren zum Vorschein kamen. Feinsäuberlich in Sütterlinschrift verfasst, konnte die Nachbarin sie noch lesen und brachte sie ihm. Ein Arbeitsbuch aus der Zeit als Knecht lag ebenfalls mit dabei.

Schnell war klar, dass daraus eine Geschichte werden könnte. Denn Fritz Stiegler erinnerte sich sofort an den Bauern in der Nachbarschaft, der bis zu seinem Tod in den 1980er Jahren im Dorf ein Original war. Ein bisschen verschroben, aber an allem interessiert, unterhielt er sich häufig mit seiner Mutter und seiner Großmutter über den Gartenzaun. Unvergessen auch, wie Heiner sonntags mit seiner Frau im Gogomobil nach Nürnberg in die Kirche fuhr.

Aus den Briefen erfuhr Fritz Stiegler nun, wie sich der Nachbar in jungen Jahren auf Brautschau begab. Eine Frau mit Hof sollte es sein, um endlich selber Bauer zu sein und nicht länger Knecht. Dafür war er bereit, seine Liebe zu Anna aufzugeben, die genauso arm war wie er.

„Die Knechte und Mägde hatten ja gar keine Rechte. Sie konnten ohne die Zustimmung des Bauern nicht heiraten und hatten außer der Kerwa und Roggenstube kaum Gelegenheit sich zu treffen“, erzählt Stiegler. All das beschreibt er in diesem Roman. Heiner heiratete nach mehreren Absagen schließlich Tina, die als Mitgift das Geld für einen kleinen Hof mitbrachte. Auch den Brief von Anna, die ihrer Enttäuschung darüber Luft machte, hat Heiner aufbewahrt.

Heiners Ehe stand unter keinem guten Stern

Die Ehe von Heiner und Tina bleibt glück- und kinderlos. Beide durchleben die NS-Zeit, den Zweiten Weltkrieg und die Jahre des Wiederaufbaus Seite an Seite, aber nicht wirklich miteinander als Paar. Seine hochgesteckten Träume gab der kleinwüchsige Bauer aber nie auf. Mehr wird nicht verraten.

„Das Buch ist nach und nach gereift“, sagt Fritz Stiegler. Zuerst lud die Nachbarin alle Verwandten zum Kaffee ein. Auch seine Eltern wussten einige Anekdoten zu erzählen. Denn Heiner ähnelte nicht nur äußerlich Karl Valentin, er hatte auch einen hintersinnigen Humor. Die Erinnerungen an den Krieg kamen nur tröpfchenweise. Der ehemalige Heimatvereinsvorsitzende konnte viel beisteuern, was Heiners Generation alles erlebte und verloren geht, wenn es nicht niedergeschrieben wird.

So fließen, wie bei seinem Vorgänger-Roman, auch andere Schicksale mit ein. „Ich hatte das Manuskript schon fertig, da hat mich der Landrat zu einer Begehung des Jüdischen Friedhofs in Wilhermsdorf eingeladen“, erzählt Fritz Stiegler weiter. In dem nur wenige Kilometer entfernten Marktflecken verwüsteten am 19. Oktober 1938 von den Nazis angestachelte Bürger die Synagoge und vertrieben die letzten Mitglieder der jüdischen Gemeinde. „Das hat Heiner bestimmt mitbekommen“, ist Stiegler überzeugt. Daraufhin habe er die Geschichte noch einmal umgekrempelt, damit das Thema Antisemitismus auf dem Land nicht ausgespart wird.

Der Roman liefert die Grundlage für ein Musical

Fertig war der Roman auch dann noch nicht. Erst suchte er sich eine Lektorin, weil es ohne noch schwieriger ist, einen Verlag zu finden. Eine zweite Überarbeitung folgte, bis sich alles rund und flüssig las. Fritz Stiegler ergänzte und trennte sich von Überflüssigem. Künstlerische Freiheit war auch gefragt. „Da kann man von Profis viel lernen. Sie haben ein sicheres Gespür, was die Geschichte am Laufen hält“, gesteht der Landwirt. Danach fiel es ihm nicht mehr schwer, auch gleich das Textbuch für ein Musical zu verfassen. Es ist für 2022 geplant, und Fritz Stiegler freut sich schon darauf.

Deshalb hat er auch mit knapp 60 Jahren fest vor, in Übung zu bleiben. Der Rückhalt seiner Frau und Familie bestärkt ihn darin. Irgendwann wird er auch seine eigene Lebensgeschichte und den Werdegang seines landwirtschaftlichen Betriebes zwischen Buchdeckeln festhalten, sagt Fritz Stiegler lachend. Mit dem Aufschreiben hat er schon mal angefangen. Eilig hat er es aber nicht. Denn wie jede seiner Geschichten brauche auch die eigene vor allem Zeit und Muße.

Die Werke von Fritz Stiegler: Vom Roman bis hin zum Musical

Fritz-Stiegler-Roman-Heiner: Cover des Buches auf dunkelblauem Hintergrund.

Fritz Stiegler, geboren 1962 in Fürth, lebt als „Haselnussbauer“ im mittelfränkischen Gonnersdorf. In der Region ist er bekannt als Mundartautor und weit darüber hinaus als Autor des Bestsellers „Valentina“. Der Roman kam 2012 heraus und erschien auch als Fortsetzungsroman im Wochenblatt.

2015 sorgte das Musical Mademoiselle Marie bei den Cadolzburger Burgfestspielen für großes Aufsehen. Eine Liebesgeschichte, in der ein schweres Kriegsverbrechen der Waffen-SS zur Sprache kommt, das Massaker von Oradour am 10. Juni 1944, bei dem 642 Dorfbewohner in Kirchen und Scheunen verbrannten. Fritz Stiegler schrieb das Textbuch. Komponist Matthias Lang, Regisseur Jan Burdinski und Choreografin Kathleen Bengs brachten das Stück mit 150 Mitwirkenden auf die Bühne und nahmen als eingespieltes Team auch die Einladung nach Frankreich an.

Das Musical unweit der Ruinen aufzuführen, war eine große Herausforderung und Ehre. „Mit dem ersten Lied auf Französisch konnte man spüren, wie die eisige Stimmung im Publikum schmolz“, erinnert sich Fritz Stiegler. Zwei Jahre später, in der Trauerrede für EU-Ratspräsidentin Simone Veil, nannte Präsident Emmanuel Macron das Stück als Beitrag zur Völkerverständigung zwischen Deutschland und Frankreich.

Auch das Cadolzburger Musical Nisha von 2018 stammte aus der Feder von Fritz Stiegler. Zum Roman Heiner ist ebenfalls bereits ein Musical in Vorbereitung. Die Premiere ist am 23. Juni 2022 geplant.

Der Roman „Heiner“ ist im Verlag Michael Volk in München erschienen, 336 Seiten stark, mit Hardcover zum Preis von 22 € im Buchhandel erhältlich.