Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Nachgefragt

Bauer und Bäuerin: Nicht gleich, aber gleichberechtigt

bäuerin-bauer-kuhstall_b
Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Donnerstag, 05.05.2022 - 14:40

Geschlechtergerechtigkeit in der Landwirtschaft: Vier Fragen zur Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Landwirtschaft an die Schweizer Agrarsoziologin Sandra Contzen.

Sandra-Contzen-Agrarsoziologin: Porträt einer Frau im blauen Oberteil, vor einer hellen Holzwand.

Die Schweizer Agrarsoziologin Sandra Contzen forscht an der Berner Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften zu den Menschen in der Landwirtschaft, zu den Produzentinnen und Produzenten, den Bauernfamilien. Aber auch zu den Schnittstellen landwirtschaftlicher und nicht-landwirtschaftlicher Bevölkerung.

Wochenblatt: Was bedeutet Geschlechtergerechtigkeit?

Contzen: Das bedeutet, dass Frauen und Männer, einfach jede Person unabhängig ihres Geschlechts, dieselben Rechte und Möglichkeiten im privaten und öffentlichen Leben haben. Dass sie Anerkennung für ihre Arbeit und für ihren Beitrag für die Familie oder Gesellschaft erfahren.

Wochenblatt: Wie sieht es mit der Geschlechtergerechtigkeit in der Landwirtschaft aus?

Contzen: Die Geschlechtergerechtigkeit ist grundsätzlich in der Gesellschaft noch nicht voll umgesetzt. In der Landwirtschaft – in der Schweiz und auch in anderen Ländern – existieren noch einige Strukturen, die dazu führen, dass die Geschlechtergerechtigkeit noch weniger umgesetzt wird als im Rest der Bevölkerung. Diese Strukturen zementieren die typischen Rollen von Frauen und Männern. In der Landwirtschaft ist dieser Prozess unter anderem deshalb noch nicht so weit fortgeschritten, weil sie traditioneller geprägt ist. Ein Beispiel ist, dass Frauen erst nach und nach beginnen, diesen Männerberuf zu lernen oder dass Scheidungen in der Landwirtschaft erst jetzt vermehrt Thema werden. Auch bei den Themen Haus- und Pflegearbeit ist die Geschlechtergerechtigkeit nicht gegeben.

Wochenblatt: Frauen sind ja nicht per se besser in der Hausarbeit oder Pflege als Männer. Woran liegt es, dass solche Aufgaben traditionell Frauen zugeordnet werden?

Contzen: Als Hintergrund ist dazu interessant: Mit dem Aufstieg des Bürgertums im 18. Jahrhundert wurde die Arbeit in zwei Bereiche geteilt: in die reproduktive Arbeit, das ist die Haus- und Familienarbeit, und in die produktive Arbeit, das ist die Erwerbsarbeit. Der Frau wurde die reproduktive Arbeit zugeteilt, dem Mann die produktive Arbeit. Im früheren Eherecht der Schweiz, das bis Ende 1987 gegolten hat, war festschrieben: Der Mann ist der Ernährer, die Frau ist für den Haushalt zuständig. Punkt. Die Frau musste den Mann um Erlaubnis bitten, um arbeiten gehen zu dürfen. Trotzdem hatte der Mann die Hand auf das Vermögen der Frau. In Deutschland sah das entsprechende Gesetz bis 1977 ähnlich aus.

Wochenblatt: Wie finden die Gesellschaft, aber auch bäuerliche Familien einen Weg, mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit umzugehen?

Contzen: Ich glaube, im Moment braucht es viele Diskussionen über das Thema und sicher auch einen sensiblen Umgang damit. Es braucht Mut seitens der Frauen, den eigenen Weg zu gehen und für sich selbst einzustehen. Ich kann zu den Frauen nur sagen: Ihr seid nicht alleine, es gibt ganz viele andere Frauen, die ähnliches erleben, die ähnliches wollen. Wir müssen uns zusammentun!